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E. K. Winter - Mitschöpfer der Zweiten Republik#

von ALFRED M. MISSONG

Der Mann, dem diese Zeilen gewidmet sind, ist, so scheint es, von unserer Gesellschaft bereits kurz nach seinem Tode im Jahre 1959 dem Schicksal der Vergessenheit überantwortet worden: Er hat dieser Gesellschaft mutiger und gründlicher widerstanden als jene, denen lobendes Angedenken zuteil wird.

Winter repräsentierte in seiner physischen und moralischen Existenz einen eigenen philosophischen Kosmos. Er hatte seine Überzeugungen und Erkenntnisse nicht nur intellektuell sich erkämpft, sondern bis zur letzten Konsequenz gelebt. Philosophischer Idealist und tiefgläubiger Katholik, verwirklichte er im persönlichen Bereich die Einheit von Wert und Wirklichkeit menschlichen Seins.

Ernst Karl Winter war - 1895 geboren - ein Kind des vergangenen Jahrhunderts, dessen geistige Kräfte nicht bloß seine Jugend, sondern sein ganzes Leben bestimmten. Noch als reifer Mann bekannte er sich zur österreichischen Romantik, deren Positionen er wissenschaftlich weiterentwickelte und politisch verteidigte.

Als begeisterter Monarchist und Großösterreicher erlebte Winter im Waffenrock der k. u. k. Armee den Untergang der alten Heimat. Als Einjährig-Freiwilliger rückte er im Oktober 1914 zum Landesschützenregiment Nr. II in Bozen ein. Er hatte Nord- und Südtirol schon als Gymnasiast kreuz und quer durchwandert und fühlte sich diesem Land als Wahlheimat besonders verbunden. Er konnte sich "keinen idealeren Kriegsdienst vorstellen als die Verteidigung Südtirols gegen den erwarteten Angriff Italiens".1)

In diesem Regiment lernte er den um drei Jahre älteren Engelbert Dollfuß kennen. Sie waren beinahe die einzigen, die aus Wien bzw. Niederösterreich stammten; der größte Teil der Einjährigen waren Lehrer aus den Alpen- und sudetendeutschen Gebieten. In Diskussionen mit diesen Kriegskameraden kamen Winter und Dollfuß einander nahe: sie standen gemeinsam gegen die vorherrschende Meinung "der durchaus artechten österreichischen Halbintellektuellen mit deutschnationalem Komplex" 2), die auf den Sieg der Deutschen in Frankreich und die Niederlage der Österreicher in Galizien gerichtet war; sie verteidigten dem-gegenüber die Waffenehre der Österreicher. Dollfuß imponierte Winter durch seine geschickte Argumentation und sein Bekenntnis zu Österreich.

Winters Einstellung gegen den deutschnationalen, heidnischen Geist des aktiven österreichischen Offizierskorps, den Geist der Conrad, Bardolff und Glaise 3), führte schließlich zu einer provozierten "Ehrenaffaire". Winter weigerte sich als bewusster Duellgegner, eine Herausforderung anzunehmen und wurde mit Kasernenarrest bestraft. Die Befähigung für Beförderung zum Reserveoffizier wurde ihm aberkannt und seine Versetzung an die ostgalizische Dnjestr-Front verfügt. 4) Bis zum Ende des Krieges wurde ihm - trotz dem Duellverbot Kaiser Karls - die Offizierscharge verweigert.

Winters Eintreten für seine katholische Überzeugung imponierte Dollfuß. Die freundschaftlichen Gefühle, die Dollfuß und Winter zeitlebens füreinander hatten, stammten aus diesen Kampftagen am Isonzo. Die beiden sollten später ganz verschiedene politische Wege gehen, sie wurden zu Repräsentanten der zwei dem österreichischen Konservativismus innewohnenden Tendenzen: der autoritär-faschistischen und der demokratischen.

Der Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde für Winter das große Trauma seines Lebens. Seine Tragik war es, dass er jeweils auf der "falschen Seite" kämpfte, jeweils bei den Verlierern war, 1918, 1934, 1938. Dass sich seine politischen Voraussagen, nicht der Intuition, sondern wissenschaftlicher Forschung entstammend, regelmäßig erfüllten - mit klarem Blick sah er die Katastrophen des Bürgerkriegs wie der deutschen Besetzung kommen - mag diese Tragik gemildert haben. Winter, der persönlich immer scheiterte, behielt gegenüber all seinen erfolgreichen Gegnern schließlich recht.

BINDESTRICH STATT KAISER#

Als Winter 1918 von der Front in das darbende, von der Revolution geschüttelte Wien zurückkehrte, lehnte er die Republik Deutschösterreich aus tiefster Seele ab. Diesen Staat, den niemand wollte, dessen erste offizielle Lebensäußerung die Selbstaufgabe an Deutschland war, verleugnete auch er, wenngleich nicht als Großdeutscher, sondern - mit verbissener Hartnäckigkeit - als Großösterreicher.

Ihn erschütterte die Leichtfertigkeit, mit welcher der Klerus und vor allem "die Mehrheit im österreichischen CV den neuen Verhältnissen auf der ganzen Linie Rechnung trug, den Doppeladler aus den Wappen der Verbindungen löschte und den Kaiser im Wahlspruch durch einen Bindestrich ersetzte". 5)

Das Erlebnis des Anschlußwahns unter den österreichischen Katholiken führte Winter zu scharfsinnigen Analysen der erkenntniskritischen Grundlagen des politischen Katholizismus. Seine weitere politische Tätigkeit ist ohne Kenntnis dieser wissenschaftlichen Arbeiten schwer verständlich. Die Rolle dieses Mannes in der Ersten Republik, seine Bedeutung als ideologischer Wegbereiter der Zweiten Republik begreift man erst vor dem Hintergrund seiner soziologischen Weltanschauung und ihrer metaphysischen Verwurzelung. Ansatzpunkt für Winters soziologisches Denken ist die Lehre von den zwei Ständen der Gesellschaft, dem Stand der Laien - Fürsten und Väter - und dem Stand der Priester, die beide im Sakramentalen - Ordo und Ehe - begründet sind. In Weiterentwicklung der barock-romantischen Soziologie, die von Sir Robert Filmer über Wilhelm Schröder, Philipp Wilhelm Hörnigk, Carl Ludwig von Haller, Adam Müller, Kart von Vogelsang zu Anton Orel führt, ist auch Winters Lehre von der Gesellschaft paternal, personal und familial.

Sowohl dem Stand der Fürsten und Väter als auch dem Stand der Priester gibt Winter für deren jeweils eigenen Bereich volle Souveränität. Der Dualismus, der hier integral vertreten wird, ist keiner von Natur und Übernatur, von Causa prima und Causa secunda, wie in der Scholastik, sondern vielmehr "ein solcher von totaler Kultur, welche Religion und Ethik einschließt, und geoffenbarter, positiver Religion, welche nicht Kultur, sondern Seelenheil und Rettung fürs Jenseits bezweckt, daher nur die heilsnotwendige Religion und Ethik (Moral) in sich schließt". 6) Durch die katholische Lehre vom Sakrament der Ehe, das sich die Gatten selbst spenden, ist für Winter die prinzipielle Eigengesetzlichkeit der auf Ehe, Familientum und Vatertum aufgebauten Kultur in ihrem Kern sichergestellt.

MIT PLATON GEGEN THOMAS#

Der Lehre von den zwei Ständen entspricht erkenntnistheoretisch Winters Theorie des Methodendualismus. 7)

Das Objekt seiner ideologiekritischen Untersuchungen, an welchen er diesen Methodendualismus von Theologie und Soziologie entwickelte, war der Schulenstreit im modernen Katholizismus: auf der einen Seite der Romantiker Karl Vogelsang, konservativer Sozialpolitiker, auf der anderen Seite der nationalökonomische Theoretiker der Gesellschaft Jesu, Heinrich Pesch. In seinem ersten wissenschaftlichen Werk, über die Sozialmetaphysik der Scholastik 8), bezeichnete Winter den politischen und sozialen Katholizismus als von der Scholastik bestimmt. Dieser innerkatholischen Geistesrichtung stellte er in einem zweiten wissenschaftlichen Werk, über das Soziologische bei Platon 9), die platonisch-augustinische Tradition gegenüber.

Während die scholastische Methode für den kirchlich-religiösen Bereich nach dem Urteil der ihre eigene Sphäre souverän verwaltenden Kirche ihre Berechtigung habe, scheide sie für den nicht minder souveränen Bereich der weltlichen Kultur und Wissenschaft aus. 10) Die unzulässige "naive Verquickung von Religion und Wissenschaft" behindere das Vorwärtsschreiten beider.

Im innerkatholischen Schulenstreit sieht Winter die Wiederkehr des die ganze abendländische Geistesgeschichte von der Antike her durchwaltenden Gegensatzes von "Platonismus" und "Aristotelismus", von "Augustinismus" und "Thomismus", von "Romantik" und "Scholastik". Jeder kritische Denker müsse sich methodologisch-erkenntnistheoretisch für eine dieser beiden philosophischen Schulen entscheiden. Winter traf diese Entscheidung zugunsten Platons, den er in der österreichischen Sozial-romantik wiederentdeckte.

"Wer Wissenschaft treibt, hat sich zu fragen, für welche Zwecke analytisches und synthetisches Denken, in welchen systematischen, erkenntniskritischen Gegensatz die genannten Philosophie- und soziologiegeschichtlichen Gegensätze einschließbar sind, eigentlich verwendbar ist. Er wird finden, dass ersteres für das Nachformen eines gegebenen Systems, das 'erläutert' werden will, dient, letzteres für die schöpferische Erzeugung einer Methode, deren Befähigung in Bewältigung von Wirklichkeit und Erfahrung 'erweitert' werden soll." 11) Der Zweck der Kirche, den theologisch-dogmatischen Grundgehalt einer positiven Religion aus apologetischen und pastoralen Gründen sicherzustellen, legt die analytische, somit scholastische Methode nahe. Die wissenschaftliche Methode im kritischen Sinne - Winter bezeichnet sie als die synthetisch-konstruktive - stellt die bisherigen Ergebnisse stets aufs Neue in Frage und gelangt dadurch zu immer tieferen Erkenntnissen. Der eigentliche Sinn des kritischen Denkens, das wie das theologische Denken mit einer konstruktiven Grundsetzung beginnt, sei es, diese Hypothesis fortlaufend zu berichtigen.

Ist die scholastische Methode im kirchlichen, durch die Offenbarungshütung begrenzten Bereich berechtigt, so ist ihre Anwendung in den außerkirchlichen Domänen von weltlicher Kultur und Wissenschaft schon deshalb unstatthaft, weil sie den "Lebensnerv wissenschaftlichen Verfahrens, den ewigen Stachel, der Wissenschaft vorantreibt, unterbindet, verkehrt und in eine bloße Beweisführung für vorher gegebene religiöse Dogmen verwandelt". Leider verleite die scholastische Methode, deren sich die Kirche bedient, nur allzu oft zum Übergriff auf die weltliche Sphäre der Wissenschaft, der sie die entscheidenden philosophischen Direktiven leihen will. Immer aber werde sie, bewusst oder unbewusst, wie viele Fachgebiete sie sich auch zu unterwerfen vermag, zum Dogma zurückkehren. 12)

Winters erkenntniskritische Spekulation entzündete sich am katholischen Schulenstreit zwischen Dominikanern, Franziskanern und den das suarezianische Kompromiss vertretenden Jesuiten. In ihrer Bedeutung überschreitet sie jedoch den innerkatholischen Rahmen und führt in den Bereich wissenschaftlicher Methodologie überhaupt. Dies wird in der Frage der "Reinen Tatsachenforschung" klar, die das Postulat einer im Grunde unkritischen Wissenschaft darstellt. Winter, der sich hier als echter Neukantianer erweist, kritisiert die naive - "scholastische" - Vorstellung, dass "man unvoreingenommen die Tatsachen selbst sprechen lassen soll". Tatsachen können nur erhoben werden, wenn ein gedankliches System als heuristisches und klassifikatorisches Prinzip vorhanden ist. Eine von allen historischen "Werturteilen" losgelöste Tatsachenforschung sei schon deshalb gedanklich nicht vollziehbar, weil jede historische Analyse ohne vorausgegangene historische Synthese unmöglich ist.

In einer großen Zahl von historischen Studien hat Winter seine "synthetisch-konstruktive" Methode ganz bewusst angewandt, d.h. die geistigen Voraussetzungen seiner Schlussfolgerungen jeweils einbekannt. Die Ehrlichkeit, mit der er das Ziel und den Sinn seiner Forschung stets nannte, trug ihm die Missgunst vieler Historiker ein. Sie vermuteten, auf wenig selbstkritische Weise, dort mangelnde Wissenschaftlichkeit, wo in Wahrheit "Voraussetzungsbewusstsein" vorlag.

Von Adler bis Kelsen#

Die wissenschaftlichen Positionen Winters, seine Versuche, die Soziologie als eigene Wissenschaft mit eigener Methodik im Geiste Platons und Kants grundzulegen, wurden wesentlich durch Max Adler bestimmt, der die Brücke vom Marxismus zum Neukantianismus geschlagen hatte, ferner durch Othmar Spann und Hans Kelsen. Spanns metaphysische Ganzheitslehre, die sich formal als Spätprodukt konservativen Denkens ausgab, faktisch aber dem Faschismus den Weg bereitete, lehnte Winter als ihm wissenschaftlich und politisch wesensfremd ab. Die Reine Rechtslehre der Wiener Schule Kelsens hat Winter hingegen voll in sein eigenes System rezipiert und dadurch zugleich ein gutes Stück weitergedacht.

Das Kernstück der Reinen Rechtslehre ist die Lehre von der Grundnorm als hypothetischem oder fiktivem 13) Geltungsgrund allen Rechts. Kelsens entscheidende Erkenntnis, dass Rechtswissenschaft keine Sozialwissenschaft sei und daher der formalen Logik bedürfe, wurde von Winter voll anerkannt. Als eigene Wissenschaft müsse neben der Reinen Rechtslehre die Reine Soziologie entstehen.

Winters Gedankengang wird an der Naturrechtsmetaphysik klar. Diese will das positive Recht durch Unterwerfung unter ein Recht höherer Ordnung, das Naturrecht, vor asozialen Exzessen bewahren. Das Naturrecht führe jedoch, wie Winter im Sinne Kelsens erklärt 14), nicht zur Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Rechtsordnung, sondern zur Legalisierung der jeweils bestehenden Sozialordnung und zur Legitimierung des positiven Rechtes. Gerade diese naturrechtliche Beglaubigung einer konkreten Rechtsordnung dränge einen Staat zur Übersteigerung seiner Kompetenzen, im Gegensatz zur nüchternen positivistischen Selbstbescheidung, die den Doppelgänger und das Schattenbild des Naturrechts im Hintergrund nicht nötig habe.

Die Aufgabe, die Gesellschaft vor asozialen Exzessen in der Rechtsordnung zu bewahren, könne von der Naturrechtslehre, kraft innerer Logik, mit ihren gänzlich untauglichen Mitteln nicht vollbracht werden, desgleichen nicht von der Reinen Rechtslehre, welche damit schon per definitionem nichts zu tun hat. Winter wollte diese Aufgabe durch seine "transzendentale Sozialtheorie" zur Geltung bringen. Diese Theorie geht von der "kategorialen Grundgestalt" 15) des Sozialen und von der Idee des Staates aus.

Winters philosophisch-theologisches Bekenntnis bestimmte nicht nur seine wissenschaftliche Tätigkeit, sondern auch seine politische Funktion in Österreich. Er wollte nie Stubengelehrter und weltflüchtiger Wissenschaftler sein; seine Philosophie drängte ihn in die politische Arena, verpflichtete ihn zum Kampf für seine Idee in einer Gesellschaft und in einer historischen Situation, die vom Untergang in der nazideutschen Barbarei bedroht war.

Im Kampf um seine österreichische Heimat, den er auf verloren scheinendem Posten führte, verbündete sich der katholisch-romantische Konservative mit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Nicht zuletzt auf Grund seiner philosophisch-soziologischen Überzeugung erkannte Winter diese Arbeiterschaft als politisch konstruktive Kraft.

Verband Winter mit Dollfuß, dessen Politik er häufig und, nach dem Staatsstreich, sehr vehement kritisierte, eine echte Freundschaft, so war seine Einstellung zum Priester-Staatsmann Seipel, dessen Geist das christlichsoziale Lager der Ersten Republik bestimmte, eindeutig ablehnend. In Seipel sah Winter die Personifizierung der katholischen Scholastik, die Politik mit Seelsorge verquicke.

CONTRA SEIPEL#

Seipel hatte viele und unbedingte Gegner in der Sozialdemokratie, voran Otto Bauer, der mit ihm in brillanten parlamentarischen Rededuellen kämpfte. Selbst Otto Bauers Reden verblassen jedoch neben Winters tiefschürfender Analyse des Priesterpolitikers. 16) Winter verstand Seipels religiöse Welt, zu der Bauer keinen Zugang hatte. Seine Kritik erfloss aus dem Methodendualismus: Seipel habe Politik um der Seelsorge willen getrieben, d. h. im Grunde Politik ohne politische Prinzipien zur Wahrung kirchlicher Interessen. Seipel habe sich an die jeweilige Situation unter Preisgabe staatspolitischer Grundsätze um des "Seelenheils" willen angepasst. Er habe das aus aristotelischem Geiste stammende thomistische Prinzip der "Akkomodation" in der Sphäre der Politik angewandt.

Tatsächlich war Seipel Monarchist, solange es die Monarchie gab, sodann - wie Winter wohl richtig vermutet - Mitverfasser der Verzichtserklärung Kaiser Karls vom 11. November 1918, auf deren meisterhaft unklaren Wortlaut Republikaner wie Monarchisten sich mit gleichem Recht berufen konnten. Nach Ausrufung der Republik wurde Seipel zum feurigen Republikaner. Aus alledem schließt Winter, dass dieser Mann der Kirche, zutiefst verhaftet in scholastischen Schemata, dem Staat und der Gesellschaft jeglichen eigenen Wert absprach.

"Ich gestehe für meine Person, dass gerade dieses erschütterndste Erlebnis meiner Jugend, dieses Schwachwerden der mit dem Hause Österreich seit Jahrhunderten aufs engste verbundenen, ihm alles verdankenden österreichischen Kirche, diese Kapitulation des österreichischen Katholizismus vor den Modeströmungen des Jahres 1918, die den verstorbenen Kaiser Karl einmal zu dem Ausruf veranlasste: ,O wie feig sind die Katholiken oft', meine ganze geistige Entwicklung wie nichts anderes bestimmt hat... alles dies entsprang in meiner geistigen Entwicklung im Grunde der schweren Enttäuschung über die Wendigkeit, um nicht zu sagen: Charakterlosigkeit katholischer Menschen in den politischen Ereignissen der letzten zwei Jahrzehnte. 17) In einigen Frühschriften, wie "Nibelungentreue - Nibelungenehre" (1921) und "Austria erit in orbe ultima" (1922), gab sich Winter als echter Orelianer betont antidemokratisch und antirepublikanisch. Sodann trat er, nach seinen wissenschaftlichen Lehrjahren, erst im Jahre 1927, in der "Österreichischen Aktion" 18), politisch wieder an die Öffentlichkeit. Die Verfasser des Sammelbandes mit diesem Titel waren A.M.Knoll, A.Missong, W.Schmid,E.K. Winter und H. K. Zessner-Spitzenberg. Sie bekannten sich zur "katholisch-soziologischen Tradition, wie sie in Österreich zuletzt Karl v. Vogelsang verkörperte".

Die Autoren wählten den Titel des Bandes in bewusster Anlehnung an die von Charles Maurras in Frankreich gegründete "Action francaise", welche die französische Republik bekämpfte und das Legitimitätsprinzip, verkörpert im französischen Königstum, verfocht. Ernst Nolte hat in seinem Werk "Der Faschismus in seiner Epoche" 19) sich um den Nachweis bemüht, dass die "Action francaise" den italienischen Faschismus wie den deutschen Nazismus wesentlich inspiriert habe. Es sei deshalb festgestellt, dass der unleugbare Einfluss, den Maurras auf Winter und seine Freunde hatte, sich auf das Bekenntnis zum politischen Prinzip des Konservativismus beschränkte; es war ein Konservativismus, der zum Faschismus in unversöhnlichen Gegensatz trat.

AUSTRIA SACRA#

1926, ein Jahr vor der "Österreichischen Aktion", veröffentlichte Winter "Die Heilige Straße"20), ein Büchlein, das als religions- und kulturgeschichtlicher Führer entlang der Pilgerstraße von Wien nach Mariazeil gedacht war. Nach Inhalt wie Entstehungsgeschichte ist dieses Werk ein Dokument für Winters tiefe katholische Frömmigkeit. Winter, damals schon Vater mehrerer Kinder, verfügte als freischaffender Schriftsteller über kein regelmäßiges und sicheres Einkommen. Die Sorge um das tägliche Brot war drückend. Man bewohnte im 18. Wiener Gemeindebezirk eine viel zu enge Mieterschutzwohnung, träumte von einem Schrebergarten am Stadtrand. Eine bescheidene Erbschaft, die in dieser Zeit anfiel, hätte es der Familie ermöglicht, diesen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Im Familienkonsilium, in dem auch die Kinder Sitz und Stimme hatten, wurde nun beraten, ob das geerbte Geld für den Ankauf eines Schrebergartens samt kleinem Haus auf dem Schafberg verwendet werden sollte oder aber für einen höheren Zweck, für die Herausgabe jenes Werkes, das "der katholischen Jugend und dem katholischen Volk in Österreich" gewidmet sein sollte. Man entschied sich für dieses und verband damit das Gelübde, das Reinerträgnis der Publikation den Marienheiligtümern von Mariazell und Maria Gugging zugehen zu lassen.

Die "Heilige Straße" war viel mehr als eine beschauliche Darstellung der historischen und religiösen Denkmäler für fromme Wallfahrer; sie war auch ein politisches Manifest, das im Grunde eine ganze katholische Weltanschauung in sich begriff: "Ein Lebensbuch für katholische Österreicher, enthaltend eine Geschichte Österreichs in Grundzügen vom Standpunkt Maria Zells und der Heiligen Straße zum Beweis dafür, dass in erster Linie Religion, Autorität und Ehe die Völkerschicksale bestimmen."

Die "Heilige Straße" sollte mithelfen, das österreichische Problem zu lösen, das Interesse für die "Verwurzelung aller Politik in der Mystik" zu wecken. Ohne solche Verwurzelung können weder Staat noch Familie gedeihen. Aus der Kenntnis der österreichischen Geschichte sollte nach Winters Wunsch ein soziales Aufbauprogramm erfließen, das mit Hilfe der Engel und Österreichs Heiligen die Zukunft retten sollte.21)

Das in der "Heiligen Straße" bereits formulierte Österreich-Bekenntnis Winters wurde in der "Österreichischen Aktion" programmatisch weiter ausgearbeitet. Wer heute den sachlich und historisch in Wahrheit bereits entschiedenen Streit um die österreichische Nation verfolgt, wird mit Interesse zur Kenntnis nehmen, dass die Begründer der "Österreichischen Aktion" als erste die nationale und kulturelle Eigenständigkeit Österreichs betonten. In der Tat sahen sie ihre Hauptaufgabe in der wissenschaftlichen Untermauerung der These von der nationalen Selbständigkeit Österreichs. Lange vor dem braunen Terror in Deutschland und zu einer Zeit, da der blinde Anschlusswahn in Österreich zum guten Ton gehörte, haben diese Männer die Staatsideologie des neuen Österreichs begründet. H. K. Zessner-Spitzenberg hat dafür als einer der ersten Österreicher bereits 1938 in Dachau mit dem Leben bezahlen müssen.

Auch Winter - und darin vollzog sich in seiner Person das "österreichische Schicksal" - bezahlte für die "Österreichische Aktion"; die Professur an der Universität Wien wurde ihm durch den großdeutsch eingestellten Othmar Spann verweigert. Der Alma mater Rudolphina gereicht es auch nicht zur Ehre, dass sie ihm nahezu 25 Jahre später aus formalen Gründen den bloßen Professorentitel verweigerte.

Das Motto der "Österreichischen Aktion" wurde später geradezu ein geflügeltes Wort: "Rechts stehen und links denken!" Auf diese prägnante Formel lässt sich in der Tat Winters Konservativismus bringen. Er sagt von diesem, dass er "in der Tradition wurzle und doch den Bedürfnissen und Forderungen der Zeit, so links sie scheinbar sind, im Namen der Tradition Rechnung trägt". 22) Dass Konservativismus begrifflich nicht Verschwörung mit dunklen Mächten der Vergangenheit zur Hintanhaltung gesellschaftlichen Fortschritts bedeutet, macht Winter an einer anderen Stelle klar, wo er seine Haltung "als Ausdruck einer wissenschaftlichen Grundauffassung betrachtet, in der die Legalität unter allen Umständen mehr gilt als die Revolution, die politische Revolution auf alle Fälle verworfen wird, gerade wegen der ausschließlich in einem stabilen Staatswesen möglichen 'sozialen Revolution', das heißt die Rechtskontinuität des Staates gerade um der sozialen Emanzipation des Proletariats willen bejaht wird". 23) Für Winter war somit jeder gegebene Staat besser als der erst kommende, utopische, durch die Revolution erzeugte. Dass man durch politische auch soziale Revolutionen vorantreiben könne, sei ein verhängnisvoller Irrglaube der Sozialdemokratie. Es habe sich vielmehr erwiesen, dass politische Umstürze auf längere Sicht die größte Gefährdung der sozialen Errungenschaften bewirkten: "Je eingelebter und verpflichtender eine Rechtsordnung ist, um so eher ist die notwendige Umwälzung der Besitzverhältnisse zu erreichen ..." 24)

Der scharfe ideologische Gegensatz, der trotz aller persönlichen Zuneigung zwischen Winter und Otto Bauer bestand, wird nicht an den sozialen und ökonomischen Forderungen, die beide gleichermaßen anmeldeten, sichtbar, sondern an dieser Frage der sozialen Revolution. 25) Winters Idee des Staates ist vom Rechtspositivismus Kelsens charakterisiert, während Bauer den Marx'schen Irrtum übernimmt, eine bestimmte historische Funktion des Staates - den Schutz der kapitalistischen Ausbeutung- mit dem Wesen des Staates schlechthin gleichzusetzen. 26)

Winter erblickt im Staat den notwendigen organischen Ausgleich der Interessen verschiedener Gesellschaftsgruppen; keine für sich allein, sondern erst ihre Gesamtheit mache den wirklichen Staat aus. Die Demokratie, vor allem die parlamentarische Demokratie der Republik Österreich, sei nur von der Idee des Proportionalismus her zu begreifen, die sich in der politischen Wirklichkeit als Technik des Kompromisses ausweise. 27)

Nicht zu Unrecht hielt Winter Seipel entgegen, dass in Österreich nicht etwa der Parlamentarismus versagt habe, sondern dass in Wahrheit ein Widerspruch bestand "zwischen der Staatsmitbegründung und der späteren Verneinung dieser Tatsache durch den politischen Katholizismus. Seipel und die Seinen haben sich selbst seinerzeit freiwillig auf den Boden der Grundidee der österreichischen Verfassung, des Proportionalismus, gestellt, in dem die selbstverständliche Führung des Staates durch die Mehrheit aufgewogen wird durch ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht der Minderheit." 28)

Seipel hatte als Mitbegründer der Verfassung den Proportionalismus anerkannt. In seiner politischen Praxis wollte er jedoch auf die einseitige Durchsetzung seiner spezifischen Mehrheitsideen nicht verzichten. Nicht die Demokratie, sondern die Mehrheit hat in Österreich versagt. Gegenüber dieser von Winter festgestellten historischen Schuld der Mehrheit trat das kleinliche Interesse der Opposition ganz in den Hintergrund, welche an den Minderheitsvorteilen der Verfassung partizipieren wollte, ohne auch die Verantwortung einer qualifizierten Minderheit vor allem bei der Regierungsbildung tragen zu wollen. Die Ereignisse der Jahre 1933 und 1934 begriff Winter daher als logische Konsequenzen eines geistig längst antizipierten Verfassungsbruches.

CONTRA DOLLFUSS#

Winter hatte in seinen Jugendjahren den Verrat am Kaiser, den für ihn die Rechte wie die Linke 1918 gleichermaßen begangen hatte, aus tiefster Überzeugung abgelehnt, der neuerstandenen Republik nur Hohn und Verachtung entgegengebracht: "Wir verneinen diesen freiwilligen Kadaverstaat, der kein geschichtlicher, kein sittlicher Organismus ist", schrieb er noch 1922. 29) Dennoch war er einer der wenigen nichtsozialistischen Intellektuellen, der die "Selbstausschaltung des Parlaments" durch Dollfuß am 15. März 1933 als das bezeichnete, was sie war: als nackten Verfassungsbruch, als Staatsstreich, "der vom Standpunkt der geschriebenen Verfassung ein Verbrechen" 30) ist.

Trotz aller historischen Unterschiede sah Winter in den Vorgängen der Jahre 1918 und 1933 als wesentliche Parallele "das gleichartige Verhalten des politischen Katholizismus in beiden Fällen ... wie rasch beide Male die führenden Köpfe des politischen Katholizismus bereit waren, die bisherigen Rechtsgrundlagen, die sie doch beschworen hatten, preiszugeben, um ihr Interesse wahrzunehmen". 31)

Die ideologischen Wurzeln dieses Verhaltens hatte Winter in seinen kritischen Untersuchungen bereits vor Jahren bloßgelegt.

In den entscheidenden Tagen des Jahres 1933 erblickte Winter seine Aufgabe nicht mehr in wissenschaftlicher Arbeit, sondern im persönlichen, unmittelbaren Dienst für den Staat, der zu zerbrechen drohte. In zwei offenen Briefen an Bundespräsident Miklas, vom 10. März und vom 1. April 1933 32), beschwor er das Staatsoberhaupt, am Staatsstreich nicht mitschuldig zu werden. In diesen Briefen, die Winter sogleich in weiten Kreisen der Arbeiterschaft bekannt machten, verteidigte er den Anspruch der Sozialdemokratischen Partei, vom Volk ebenso wie vom Bundespräsidenten als Staatspartei anerkannt zu werden. Vor dem kommenden Bürgerkrieg warnend, schrieb er: "Als katholischer Österreicher muß ich sagen: ich würde das österreichische Proletariat verachten, wenn es die Position im Staate, die es selbst geschaffen hat, nicht auch mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, verteidigen würde ... Wenn ich als bekanntermaßen konservativer Schriftsteller in dieser Frage mich auf die Seite des Sozialismus stelle, so aus einem tiefen Gerechtigkeitsgefühl, das die letzte Wurzel des konservativen Denkens ausmacht."

Die Abwehr des Staatsstreiches gehe in diesem Falle, so schreibt Winter weiter an Miklas, bis zur vollen Entfaltung des Widerstandsrechtes. Winters Appell an den Bundespräsidenten blieb wirkungslos. Miklas ließ ihn durch seinen Kabinettsdirektor wissen, dass er seine Briefe "mit Aufmerksamkeit einer eingehenden Durchsicht unterzogen" habe. Am faktischen Verlauf der tragischen Ereignisse vermochte dies nichts zu ändern. Winters historisches Verdienst liegt darin, dass er das katholisch-konservative Österreich vor dem pauschalen Vorwurf einer kollektiven Mitschuld am Austrofaschismus bewahrte.

NATION ÖSTERREICH#

Winter lebte weiterhin in bedrückender wirtschaftlicher Enge und führte einen zermürbenden Kampf um die physische Existenz seiner auf acht Köpfe angewachsenen Familie. Als Mitarbeiter an schweizerischen Zeitschriften und an den von Friedrich Wilhelm Förster in Deutschland herausgebrachten Publikationen verfügte er über das Notwendigste. Die erwähnte bescheidene Erbschaft gestattete 1933 die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, der "Wiener Politischen Blätter". Winter folgte hier wieder dem Ruf seines politischen Gewissens und schuf sich ein publizistisches Organ, das den Kampf mit dem autoritären Regime aufnahm.

Die "Wiener Politischen Blätter", die im wesentlichen von Winter allein geschrieben wurden und bis zum behördlichen Verbot im Herbst 1936 in freier Folge erschienen, sind ein Denkmal, an dem keiner, dem Österreichs jüngste Vergangenheit am Herzen liegt, achtlos vorbeigehen sollte.

Winter erhielt von keiner Seite für seine Zeitschrift finanzielle Unterstützung. An diesem Experiment, das ihm und seiner Familie nur finanzielle Lasten und persönliche Feindschaften eintrug, bewies er jenen heroischen Idealismus, dem auch seine schärfsten Gegner und Kritiker die gebührende Achtung nicht versagen konnten.

Nach dem Willen Winters sollten die "Wiener Politischen Blätter" ein "Organ für die wissenschaftliche Klarstellung politischer Fragen" sein, welches sich nicht an eine politische Partei, sondern an drei politische Gruppen wandte: an den am Staat orientierten Konservativismus, an den an der Kirche orientierten politischen Katholizismus und an den Marxismus. In diesen drei Gruppen sah Winter die Bauelemente des österreichischen Staates, dessen Grundlage die Ablehnung des Anschlusses an Deutschland und füglich die Anerkennung der österreichischen Nation sein müsse. "Österreich wird diese geschichtliche Aufgabe, die es Europa und Deutschland gegenüber bindet, am besten lösen, wenn es in der europäischen Blockbildung ein neutraler Staat bleibt..." 33) Winters Ziel war, das religiöse, das konservative und das sozialistische Element in einem gemeinsamen nationalen Bewusstsein zu vereinen, um Österreich vor dem inneren Zerfall und dem Zugriff des nationalsozialistischen deutschen Imperialismus zu bewahren.

"Nur das Bewusstsein, einer der wenigen unabhängigen Menschen zu sein, die sich keinem Terror beugen, gab die Kraft, diesen Weg zu beschreiten. Auch wer ihn heute noch als überflüssig erkennen möchte, wird sehr bald vielleicht schon einsehen, dass es nicht ohne tiefere Bedeutung ist, wenn in diesen Tagen ein überzeugter Katholik und Konservativer sich offen für eine gerechte und staatskluge Bewertung auch des Marxismus einsetzt. Selbst wer hier nicht mitkommt, sollte nicht bestreiten, dass man auch aus tiefer und echter Überzeugung so handeln kann, vor allem aber, dass der Staat, der das Erbe der Väter ist, das wir nach bestem Gewissen zu verwalten haben, und der den Konservativismus, den politischen Katholizismus und den Marxismus einschließt, eine geistige Plattform über diesen Gruppen, die ihnen dennoch allen gerecht wird, in allerletzter Stunde nötig hat." 34)

Schriften konfisziert#

Nur die völlige Verblendung, in der sich Dollfuß befand, macht es verständlich, dass diese Ermahnungen zur Eintracht vom Zensor beanstandet wurden. Bereits die erste Nummer der "Wiener Politischen Blätter" wurde am Tag vor ihrem Erscheinen konfisziert.

Winters persönliche Tragik, im Scheitern jeweils recht zu behalten, übertrug sich auf seine Werke. Seine philosophischen Studien wurden kaum beachtet, seine historischen Werke bald vergessen. Seine politischen Aufsätze wie auch die Bücher verfielen häufig der Acht irgendeines kleinlichen Polizeibürokraten, dem die Macht verliehen war, darüber zu befinden, was für den Staat gefährlich sei.

Nach dem Februar 1934 war der eine Partner des österreichischen Dialogs zwischen Rechts und Links, den Winter vorbereiten wollte, von der politischen Bühne verbannt. Die Führer der Arbeiterschaft, soweit ihnen nicht die Flucht ins Ausland gelang, saßen hinter Gefängnismauern. Winter hielt Dollfuß immerhin den ehrlichen Glauben zugute, dass die soziale Frage auf berufsständische Weise lösbar sei. Überdies gab es für Winter immer noch den österreichischen Staat, der von außen tödlich bedroht war und für den sich weiterer Dienst lohnte.

Nachdem der Bürgerkrieg eine restitutio in integrum der linken Kräfte im Staat unmöglich gemacht hatte, wollte Winter eine neue Arbeiterbewegung auf dem Boden der vom Staat geschaffenen Gewerkschaftsorganisation schaffen und die Arbeiterschaft solcherart allmählich wieder an der politischen Gestaltung des Staates teilnehmen lassen. Bereits wenige Wochen nach dem 12. Februar 1934 verfsste Winter im "Arbeitersonntag" jene Leitartikel, die der Ausgangspunkt der "Aktion Winter" wurden.

Am 6. April 1934 übernahm er, von Dollfuß beauftragt, die Funktion eines dritten Vizebürgermeisters in Wien, um mit offizieller Legitimation die Verständigung von rechts nach links einzuleiten.

In den Volksbildungshäusern Ottakring und Margareten hielt der neue Vizebürgermeister eine große Zahl von Vorträgen, die sich größter Beliebtheit bei den Arbeitern erfreuten. Die Loyalität des Vortragenden stand außer Zweifel. Bei ihm handelte es sich um keine Marionette der Regierung Dollfuß, sondern um einen aufrechten Einzelgänger, der den Geschlagenen einen neuen Zugang zum neuen Staat eröffnen wollte.

Wer noch Schlimmeres - nämlich die Erscheinung des Antichrist - verhindern wolle, habe die Verpflichtung, am Staat auch nach 1934 mitzuarbeiten! Letztlich hänge es von der Arbeiterschaft selbst ab, wie dieser neue Staat aussehen werde! So lauteten die Thesen, die Winter vor den geschlagenen Arbeitern Wiens verkündete.

Linke Konservative und rechte Sozialisten verbanden sich in der "Aktion Winter", um die zerstörte Arbeiterpartei zu vertreten. Die "Aktion" verkündete statt der "Vaterländischen Front" die "Österreichische Front" von rechts bis links gegen die gemeinsame nationalsozialistische Gefahr und veröffentlichte im September 1934 ein zehn Punkte umfassendes Programm. 35)

"Für ein freies, unabhängiges Österreich" lautete der erste Punkt, dem sich die Forderung nach Gleichberechtigung der Arbeiterschaft und Schaffung einer einheitlichen Arbeiterbewegung anschloss. Das Programm verlangte u. a. auch die "planwirtschaftliche Organisation der gesamten Volkswirtschaft" (Punkt 8) und bekannte sich damit offen zu sozialistischen Grundsätzen, wie sie mit solcher Eindeutigkeit heute von der Sozialistischen Partei Österreichs wohl gar nicht mehr vertreten werden. Als Vizebürgermeister versuchte Winter zu helfen, wo immer es ihm möglich war. Täglich wurde er aus Arbeiterkreisen mit Bitten überhäuft. Nach der Zerschlagung des sozialistischen Parteiapparates und der Eliminierung der Sozialisten aus dem Wiener Rathaus war Winter die einzige legale Stelle, an die sich viele Hilfesuchende wenden konnten.

Der völlig harmlose ehemalige Schutzbündler Josef Gerl wurde 1934 nach dem Sprengstoffgesetz wegen bloßen Besitzes von Sprengstoff zum Tode verurteilt. Winter versuchte verzweifelt, durch persönliche Interventionen bei Dollfuß die Exekution Gerls zu verhindern. Dollfuß ließ Winter im Bundeskanzleramt so lange warten, bis die Exekution durchgeführt war. Auf Winters schwere Vorwürfe entgegnete Dollfuß unter Berufung auf staatspolitische Notwendigkeiten wörtlich: "Wir können Gott danken, dass es ein Roter, kein Nazi, war, gegen den wir das neue Gesetz zuerst anwenden mußten." 36)

So geschehen am 24. Juli 1934. Tags darauf fiel Dollfuß der Kugel eines Nazimörders zum Opfer. "Der Nationalsozialismus, den er im Sinne des Seipel'schen Antimarxismus dem 'Bolschewismus' vorzog, meuchelte ihn." 37)

Die Angst vor dem sozialistischen Klassengegner ließ Dollfuß die echten Gefahren nicht erkennen. Sein Versuch, das deutsche Beispiel mit österreichischen Mitteln zu kopieren, erwies sich als ein historisches Intermezzo, das kraft innerer Logik mit Hitlers Einmarsch abschloß. Österreich ging am "deutschen Macht- und Gewaltstaatsgedanken in der spezifisch neudeutschen Methodik von Blut und Eisen" 38) zugrunde.

Winters Bemühungen um Verständigung zwischen Arbeitern und Regierung mussten solcherart aussichtslos bleiben. Schuschnigg schränkte Winters Freiheit weiter ein. Seine Versammlungen wurden immer häufiger aufgelöst, seine Aufsätze in der "Aktion" wurden oft konfisziert, so dass er die Konsequenzen ziehen musste und seine Tätigkeit in der "Aktion" im Juni 1935 einstellte.

Die "Aktion", ihres geistigen Führers beraubt, wurde unmittelbar darauf polizeilich verboten.

Winter, dem nun jede unmittelbare Einflussmöglichkeit auf den Lauf der Dinge in Österreich genommen war, zog sich auf seine schriftstellerische Arbeit in den "Wiener Politischen Blättern" zurück. Eine Fülle brillanter Aufsätze und Studien über ideologische und aktuell-politische Fragen entstammen dieser Zeit. Heute, dreißig Jahre später, hat sich deren Wert kaum verringert. Was Winter damals über "Christentum und Sozialismus", die "Judenfrage", den "Anschluss" und den "Neoliberalismus" schrieb, würde einen Ehrenplatz im vaterländischen Stammbuch der jungen Generation Österreichs verdienen.

FINIS AUSTRIAE#

Die Kehrtwendung in Schuschniggs außenpolitischer Orientierung durch das Abkommen mit Deutschland vom 11. Juli 1936 war für Winter das letzte Signal zum Kampf für die Unabhängigkeit Österreichs.

"Nach unserer Auffassung ist der 11. Juli 1936, falls es bei ihm bleibt, der entscheidendste Tag der österreichischen Geschichte seit dem 12. November 1918 ... Das österreichische Volk wird aus der politischen Apathie, in die es versunken ist, in den nächsten Monaten überraschend erwachen. Die politischen Kräfte in diesem Land rüsten sich zum letzten Absprung... entweder finis Austriae, der Untergang Österreichs im Dritten Reich, oder eine nova creatura, eine Neuschöpfung Österreichs, durch die wir der Mittelpunkt des Weltkampfes gegen das Dritte Reich werden. Tertium non datur!"39)

Nach Winters Auffassung trug eine bestimmte Spielart des österreichischen Katholizismus - der deutschnationale - die historische Hauptschuld daran, dass die Widerstandskräfte gegen den Anschluss erlahmten. Diese Katholiken hätten einen bestimmten Ausschnitt aus der österreichischen Geschichte - die Situation der karolingischen Ostmark - zu einer eigenen Ostmarkideologie hypostasiert, welche sich mit einer "Reichsmystik kombiniert, die aus einem missverstandenen Mittelalter das ewige Recht der ,Deutschen' auf das ,Reich' ableitet und an ein katholisches Imperium mit der Achse Köln-München-Wien denkt".40)

Durchaus folgerichtig stellt Winter fest, dass, wer Österreich als "deutschen Staat" betrachtet und vom "deutschen Volk in Österreich" spricht, früher oder später auch den österreichischen Staat negieren muss.

Schuschnigg selbst war ein Beispiel für diesen deutsch-nationalen Katholizismus. "Neben dem gefühlsmäßigen Österreichertum ist es die nationale Ideologie, die Schuschnigg, den Sohn eines Tiroler Offiziers aus slowenischer Sippe, immer am stärksten bestimmte, die Ostmarkideologie, die ihn an die ,Deutschheit' Adolf Hitlers glauben läßt." 41) Für Seipel, Dollfuß und Schuschnigg war die Zwangsvorstellung des Antimarxismus, als Mittel zur Abwehr der "Weltgefahr des Bolschewismus", gleichermaßen entscheidend. Was Seipel mit der verhängnisvollen Formel "Nichts ohne Deutschland" begonnen hatte, fand mit dem Juliabkommen 1936 seinen vorläufigen Abschluss: das österreichische Volk in deutscher Vasallität als künftiges Kanonenfutter imperialer Aspirationen Hitlers. Das letzte Kapitel der Psychopathologie der Ersten Republik hatte mit dem Juliabkommen begonnen, das für Winter ideologisch in die kompromißbereite Staatsphilosophie des "si má no" gehörte. Als Antwort auf diese Herausforderung Schuschniggs spielte Winter "die letzte Karte" aus: die "Österreichische Volksfront", die unter der Parole einer "Volksmonarchischen Aktion" so weit gefasst werden sollte, dass sie von allen Gruppen, die gegen den Nationalsozialismus kämpften, unbeschadet deren ideologischer Bekenntnisse, hätte bejaht werden können.

Die von Winter formulierten Volksfrontparolen "Für die Unabhängigkeit Österreichs - Für die Freiheit der menschlichen Person - Für die Kooperation der Nachfolgestaaten im Donauraum - Gegen die Vorherrschaft Deutschlands in Südosteuropa" gingen von der Erkenntnis aus, dass es für den österreichischen Sozialismus nach dem Juliabkommen nur mehr zwei Möglichkeiten gab: "entweder die Katastrophentheorie, die vermessenerweise von dem zweiten Weltkrieg den Anbruch des Sozialismus erwartet, den Nationalsozialismus als unvermeidlich ansieht, ihm sogar eine historische Funktion (Kampf gegen Pfaffen und Juden) zumisst, oder aber die bewusste und planmäßige Mitarbeit an der Aufrichtung einer Volksfront gegen den Nationalsozialismus, die, wie die Dinge in Österreich konkret liegen, nur auf monarchisch-legitimistischer Basis möglich ist". 42)

Die Restauration der Monarchie war für Winter kein Selbstzweck, sondern das einzige Mittel, die Volksfront aller antinationalsozialistischen Kräfte für den Kampf gegen Hitler zu mobilisieren. Vor dem Juliabkommen dachte Winter nicht an eine Rückberufung der Habsburger, sondern appellierte an die Sozialisten, im Staat nach 1934 neue Positionen zu erringen. Otto Bauer hatte dergleichen Ansinnen in der Brünner Emigration abgelehnt und die Wiedereinsetzung der Sozialdemokratischen Partei in ihre alten Rechte verlangt.

Die "Volksmonarchische Einheitsfront" wies Otto Bauer im "Kampf", September 1936, mit folgenden Worten zurück: "Wir lehnen die legitimistische Front Ernst Karl Winters unbedingt ab ... Was braucht die Arbeiterklasse zunächst und am allerdringendsten, um ihre Interessen wirksam verteidigen zu können? Sie braucht ein gewisses Mindestmaß an Freiheit - an Organisationsfreiheit und an Gesinnungsfreiheit. Was wir zunächst fordern und erkämpfen müssen ... das ist nicht einmal die Legalisierung der sozialistischen Parteien; eine vom Faschismus konzessionierte sozialistische Partei könnte die sozialistische Idee nur kompromittieren. Das Dringendste, Unentbehrlichste, das zunächst erkämpft werden muß, ist vielmehr: dass die Arbeiter ihre Vertrauensmänner in den Betrieben wieder wählen können; dass sie ihre Gewerkschaften frei verwalten, die Gewerkschaftsfunktionäre frei wählen, die Gewerkschaften frei nach ihren Bedürfnissen einrichten können..."

Bitter kommentierte Winter: "Im Grunde fordert Bauer heute das, was wir vor drei Jahren gefordert haben; vielleicht werden, wenn nicht er selbst, so seine Freunde in drei Jahren fordern, was wir heute fordern!"

Es mag heute müßig erscheinen, sich Spekulationen darüber hinzugeben, was geschehen wäre, wenn Winters Vorschläge Verwirklichung gefunden hätten. Eines aber ist außer Streit: dass sich Winters Analysen der Gegenwart und seine Perspektiven der Zukunft im katastrophalen Lauf der Ereignisse bewahrheitet haben. Einer österreichischen Politik, die sich selbst im fortgeschrittenen Stadium des Jahres 1936 an Winters Ideen orientiert hätte, wäre zumindest der unwürdige Untergang erspart geblieben.

ERNTE IN DER EMIGRATION#

Als die deutschen Truppen im März 1938 in Österreich einzogen, war Winter noch in Österreich. Als Wallfahrer suchte er sich dem Zugriff der Nazi zu entziehen. Er verabschiedete sich von seiner österreichischen Heimat, indem er ihren Heiligen die Reverenz erwies. Auf seiner Fahrt westwärts in die Schweiz besuchte er zuerst die Reliquien seines Schutzpatrons, St. Ernestus, in der Salzburger Dreifaltigkeitskirche, dann die Stätten jener Heiligen, die ihm persönlich besonders nahestanden; St. Erentrud auf dem Nonnberg, St. Nothburga in Eben am Achensee, St. Pirmin in der Innsbrucker Jesuitenkirche, St. Fidelis von Sigmaringen, dessen Haupt die Kapuziner in Feldkirch hüten.

Nach 17-jähriger Emigration aus Amerika nach Österreich zurückgekehrt, legte Winter diese Wallfahrt in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück.

Die Jahre in der amerikanischen Emigration, wo er, was ihm in Österreich nie gelang, als Universitätsprofessor für Soziologie und Sozialphilosophie wirken konnte, waren besonders reich an geistigem Wachstum und an Produktion. Er selbst bezeichnete diesen Lebensabschnitt als die Erntezeit; religionsphilosophische und religionssoziologische Beschäftigung mit den beiden Testamenten, mit der Frühgeschichte der Kirche und der christlichen Theologie nahmen nun die erste Stelle ein. Ein noch ungehobener Schatz nichtveröffentlichter Studien über diese Fragen fand sich im Nachlass des Verstorbenen.

Winter vollzog in der Blüte seines Lebens im Zeichen von Platon, Augustinus und Kant die Wendung vom jugendlichen vorkritischen Integralismus und Legitimismus zum kritischen Denken. In seiner Gipfelperiode erfüllte er eine große historische Funktion zugunsten von Österreichs Staat und Kultur. Nun erfuhr dieses Leben seine Erfüllung in der wissenschaftlichen und spekulativen Rückkehr zu Gott und den Heiligen.

Der Austria sancta galten Winters letzte Jahre. In ihnen entstand sein letztes großes Werk, die umfassende Studie über den heiligen Severin 43), mit dem bezeichnenden Untertitel "Der Heilige zwischen Ost und West". Das Bild des heiligen Severin diente Winter als Kompas, "um in sicherer Fahrtrichtung durch das vergängliche Vaterland hindurch dem himmlischen entgegenzusteuern". 44) Winters Severinbuch ist keine der üblichen Heiligenlegenden mit etwas wissenschaftlichem Aufputz. Die Arbeit über den Heiligen, Diplomaten und Politiker aus Österreichs Frühgeschichte geht von der Hypothese aus, dass Severin im Wiener Raum lebte und in Heiligenstadt - Favianis? - begraben wurde, ist aber, neben einer Fülle historischer und archäologischer Erkenntnisse, in Wahrheit eine Kulturgeschichte Österreich. "St. Severin" enthält das geistige Modell, an dem der Religionssoziologe und Geschichtsphilosoph eine österreichische Geschichtsauffassung demonstriert, die in bewusstem Gegensatz zu herkömmlichen akademischen Axiomen Österreich nicht als eine germanische Provinz, sondern als eine national und kulturell eigenständige Größe versteht. Der Heilige wird als geistlicher Vater Österreichs vorgestellt, der in einer historischen Situation, die der unseren gleicht, den römischen Limes im Wiener Raum, die mittelländische Zivilisation, gegen den Einbruch der Barbaren mit spirituellen Mitteln schützte.

HEILIGER ZWISCHEN OST UND WEST#

Winter schlägt in großem geistigem Bogen die Brücke von Byzanz zur Gegenwart: "Das Ganze war nahezu dieselbe Situation in immer neuer Auflage, wie sie sich nicht anders aus dem Zusammenbruch einer tausend-jährigen Weltordnung für fast alle Völker der Welt in unserer Zivilisation ergeben hat, in dem daher unzulänglich Vorbereitete die alten Aufgaben übernehmen müssen. In den beiden Weltkriegen ist zuerst das östliche, deutsche, österreichische und russische Herrschaftssystem zusammengebrochen, nachher das westliche, französische, britische und amerikanische in seinen Voraussetzungen ganz wesentlich verändert worden (der russische Zarismus und der amerikanische Kapitalismus freilich nur, um in veränderter Form aufzuerstehen). Keinem Reich blieb das byzantinische Schicksal erspart; wenige haben es mit byzantinischer Weisheit durchgestanden." 45)

Die Hagiographie St. Severins ist Winters reifstes Werk. Es ist das geistige Vermächtnis, das der aus Amerika Zurückgekehrte seiner österreichischen Heimat noch knapp vor seinem Tode anvertraute; in ihm setzt sich der Verfasser zum letzten Mal mit den entscheidenden Fragen Österreichs auseinander, die er im Geiste des "Heiligen zwischen Ost und West" lösen will.

Winters globale Interpretation St. Severins enthält Darlegungen über die Idee der christlichen Zivilisation, über die Katastrophenmystik in der Geschichtsphilosophie, über den Mythos der germanischen Rasse und die Realität des christlichen Genius (dargestellt an einer Kritik des Tacitus und Eugippius), berührt auf ausführliche Weise auch Fragen des Wissenschaftsbetriebes unserer Hochschulen und die Problematik der Universitätsautonomie.

Winter plädiert in diesem Zusammenhang für die Idee der staatspolitischen Erziehung der Jugend auch durch die Wissenschaften auf akademischem Boden: "Wenn den Vertretern des österreichischen Staatsinteresses beider Parteien die Autonomie der Wissenschaft, die Automatik der Wirtschaft, die 'deutsche Kulturgemeinschaft', die 'Europäische Integration', die Atomenergie, die Weltraumschifffahrt wichtiger sind, als die österreichische Geschichte in Staat, Volk und Jugend - werden sie ernten, was sie nicht gesät haben." 46)

Die historische Aufgabe Österreichs zwischen den Weltfronten könne nur erfüllt werden, wenn der Staat auf einem festen politischen und geistigen Fundament ruhe. Die Zusammenordnung der beiden sozialen Hemisphären, der linken wie der rechten, sei eine Lebensnotwendigkeit für diesen Staat. Dies müsse sich besonders auch auf die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften beziehen. Um Konservativismus und Sozialismus als unzertrennliche Staatsideologien zusammenzubringen und zusammenzuhalten, sei eine "große Koalition" in der Regierung nicht ausreichend. Diese staatspolitische Aufgabe könne nur innerhalb der Wissenschaften wahrgenommen werden, die sich deshalb zuerst ihrer Verpflichtung dem konkreten Staat gegenüber bewusst werden müßten: "In dieser Situation ist die deutsche Geschichtsauffassung, kleindeutsch oder großdeutsch, gesamtdeutsch, christlich-deutsch oder europäisch-deutsch, jedenfalls im Sinne einer deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft ... noch immer die unmittelbarste Gefahr für Österreich, deren Auswirkungen bis in die entlegensten Bereiche der Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften hineinreichen ... Man wird nach anderen Mitteln Ausschau halten müssen, wenn man den Gefahren begegnen will, in deren Mitte der österreichische Staat heute steht: der russischen Gefahr, die massiv genug ist, dass sie alle sehen; der amerikanischen Gefahr, die subtil genug ist, dass sie nur wenige sehen; der deutschen Gefahr, auf deren Stechschritt man immer rechnen kann, so dass sie im Ernstfall alle sehen; weiters der europäischen Gefahr, die daher von den klügeren Deutschen vorgeschickt wird, damit sie niemand sehe; nicht zuletzt der österreichischen Gefahr selbst, die in der Entspiritualisierung, Entideologisierung, Entösterreicherung des österreichischen Volkes liegt." 47)

Der christlichen Zivilisation, der christlichen Ökumene und dem österreichischen Volk, in das er hineingeboren wurde, zu dienen, war Winters Lebensaufgabe. St. Severin führte ihn von Amerika über den Atlantik zurück nach Wien - St. Severin sollte seine letzte Mission sein. Nach den letzten Korrekturen an diesem Werk starb Winter am 4. Februar 1959. Ein schlichtes Holzkreuz auf dem Gersthofer Friedhof in Wien ist Symbol für sein Leben: "Ein einfaches Leben auch in großen Dingen - ein einfaches, natürliches, bescheidenes, gelassenes Leben gerade in der modernen Zivilisation, inmitten der Güterfülle unserer Zeit, die mehr denn jemals in ihrer Substanz aus Scheingütern besteht - ein 'mönchisches', 'asketisches', 'mystisches' Leben, nicht freilich im Sinne des Verzichtes auf die Welt und ihre Aufgaben, sondern im Sinne der geistigen Herrschaft über sie, der Gestaltung im Kleinen und der Erfüllung im Großen, der Verwurzelung in Gott und seinen Plänen auch in Ehe, Familie, Beruf, Wissenschaft, Staat und zivilisatorischer Leistung." 48)

--> Der österreichische Sozial- und Religionsphilosoph Ernst Karl Winter wäre am 1. September 1965 siebzig Jahre alt. Sein Werk tritt langsam, aber sicher wiederum in das Blickfeld des geistigen Österreich. Der Europa Verlag, Wien, beginnt noch in diesem Jahr mit einer umfassenden Neuausgabe, deren Editoren Ernst Florian Winter, der Sohn des Philosophen, und Alfred Maria Missong sind. Dr. A. M. Missong, geboren 1934, ist der Sohn des Weggenossen Winters sowie Mitbegründers der ÖVP, Alfred Missong. Ursprünglich außenpolitischer Korrespondent schwedischer und schweizerischer Zeitungen, steht Missong jun. seit 1958 im diplomatischen Dienst.

Fußnoten:

1) Ernst Karl Winter: Christentum und Zivilisation, Wien 1956, S. 373.
2) A. a. O., S. 372.
3) A. a. O., S. 376. 4) A. a. O., S. 374.
5) A. a. O., S. 378.
6) E. K. Winter: Die Sozialmetaphysik der Scholastik, Leipzig und Wien 1929, S. 168ff.
7) Der Begriff des Methodendualismus wurde zuerst von A. M. Knoll geprägt, der in seinem Werk "Der Zins in der Scholastik", Innsbruck 1933, die in diesem Begriff enthaltenen Grundgedanken religionssoziologisch herausarbeitete.
8) Vgl. Anm. 6.
9) E. K. Winter: Piaton. Das Soziologische in der Ideenlehre, Wien 1930.
10) Die Sozialmetaphysik der Scholastik, S. 49.
11) A. a. O., S. 3.
12) A. a. O., S. 49.
13) Entgegen seiner bisherigen Theorie vertritt Kelsen nunmehr die Auffassung, daß es sich bei der Grundnorm nicht um eine Hypothese, sondern um eine Fiktion handelt. Vgl. Hans Kelsen: Die Funktion der Verfassung, FORVM, Dezember 1964.
14) Die Sozialmetaphysik der Scholastik, S. 51 ff.
15) Piaton. Das Soziologische in der Ideenlehre, S. 67.
16) In Winters Nachlass fanden sich verschiedene Monographien über Seipel. Der Europa Verlag in Wien, der die Neuherausgabe sämtlicher Werke Winters vorbereitet, wird auch Winters große Seipel-Biographie veröffentlichen.
17) E. K. Winter: Legitimismus contra Nationalsozialismus, Beihefte zu den "Wiener Politischen Blättern", Nr. 1, S. 51.
18) "Die Österreichische Aktion", Programmatische Studien von August M. Knoll, Alfred Missong, Wilhelm Schmid, Ernst Karl Winter, H. K. Zessner-Spitzenberg, Wien 1927.
19) Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche, München 1963. - Vgl. den Vorabdruck im FORVM, Mai 1963.
20) Ernst Karl Winter: Die Heilige Straße, Wien 1926.
21) A.a.O., S. 5 ff.
22) Die österreichische Aktion, S. 9.
23) Ernst Karl Winter: Die Katastrophe des Austromarxismus, "Wiener Politische Blätter", 20. Mai 1934, S. 5.
24) Ernst Karl Winter: Arbeiterschaft und Staat, Wien 1934.
25) Otto Bauer vertrat im Gegensatz zu E. K. Winter die Theorie, dass die politische Revolution die Voraussetzung der sozialen Revolution bilde. Vgl. Otto Bauer: Der Weg zum Sozialismus, Wien 1919.
26) Ausführlich setzt sich damit Norbert Leser in seinen Essays "Begegnung und Auftrag", Europa Verlag, Wien 1963, S. 58 ff., auseinander.
27) Hans Kelsen weist in seiner Studie "Das Majoritätsprinzip" über zeugend nach, dass "das ganze parlamentarische Verfahren ... auf die Erzielung eines Kompromisses gerichtet ist" ("Vom Wesen und Wert der Demokratie", 2. Aufl. 1929, Neudruck Aalen 1963, S. 53ff.).
28) Ernst Karl Winter: Die Staatskrise in Österreich, "Wiener Politische Blätter", 19. April 1933, S. 23.
29) Ernst Karl Winter: Austria Erit In Orbe Ultimo, Wien 1922, S. 74.
30) Die Staatskrise in Österreich, S. 28.
31) A.a.O., S. 31.
32) Die zwei Briefe sind wertvolle zeitgeschichtliche Dokumente. Winter hatte sie verschiedenen Redaktionen rechts- und linksstehender Zeitungen übersandt, jedoch nur die "Arbeiter-Zeitung" vom 12. März und vom 2. April 1933 brachte Auszüge. Winter veröffentlichte sie schließlich voll inhaltlich in der ersten Nummer seiner "Wiener Politischen Blätter" vom 16. April 1933.
33) Ernst Karl Winter: Was wir wollen, "Wiener Politische Blätter", 16. April 1933, S. 8.
34) A. a. O., S. 10.
35) Die "Aktion Winter" hatte ein eigenes Organ, die "Aktion", die in Nr. 1 vom 14. September 1934 dieses Programm enthielt. Die "Aktion" wurde häufig konfisziert, obwohl ihr das autoritäre Regime oft die Freiheit gab, die sie sich selbst nahm. Nach der Ermordung Dollfuß' am 25. Juli 1934 setzte die "Aktion Winter" ihre Arbeit unter dem Namen "Österreichische Arbeiteraktion" fort.
36) Christentum und Zivilisation, S. 384.
37) Ernst Karl Winter, Monarchie und Arbeiterschaft, Beihefte zu den "Wiener Politischen Blättern" Nr. 1, 1. Oktober 1936, S. 11.
38) Ernst Karl Winter: Die österreichische Idee, "Wiener Politische Blätter", 27. August 1933, S. 109.
39) Monarchie und Arbeiterschaft, S. 4.
40) A. a. O., S. 5.
41) A. a. O., S. 10.
42) A. a. o., s. 14.
43) Ernst Karl Winter und Klemens Kramert: St. Severin, Klosterneuburg 1958.
44) A. a. O., S. 149.
45) A.a.O., S. 198.
46) A.a.O. 2. Band, S. 421.
47) A. a. O., S. 418f.
48) A. a. O., S. 385.

FORVM XII/137, Seiten 242-245
FORVM XII/138-139, Seiten 307-311

Redaktion und Hervorhebungen: P. Diem

Ernst Karl Winter - Bahnbrecher des Dialogs Ernst Karl Winter - Bahnbrecher des DialogsAusgewählt und eingeleitet von Alfred MissongBand 1Wien1969jetzt im Buch blättern


Als Kaiser Karls Restaurationsversuche in Ungarn scheiterten war definitv klar, dass die Habsburger damals niemand mehr wollte und dass da kein Weg mehr zurückführte, denn die hatten diesen Krieg und somit das unsägliche Leid der Bevölkerung verursacht, wobei die Rolle Zitas damals die Massen empörte, Ausscheiden aus dem Krieg hinter dem Rücken des Bundesgenossen wurde als Verrat empfunden und war es ja auch.

Die Habsburger hatten nicht einmal einen Waffenstillstand zusammengebracht, wodurch hunderttausende in italienische Kriegsgefangenschaft fielen, was kein Zufall war, denn man wollte die Kampftruppen, verbittert wie sie waren, nicht in Wien haben, weshalb man sie durch falsche Bekanntgabe des Waffenstillstandstermins dem Feind überließ, der Rückmarsch aller Kampfverbände von der Südfront nach Wien hätte eine enorme Katastrophe in vieler Hinsicht ausglöst.....

Kaiser Karl hatte Clemenceau in der Sixtus-Affäre der Lüge beschuldigt und wurde durch "le mirror", der die Sixtus-Brie veröffentlichte, überführt und international bloßgestellt, wer sollte denn dem noch vertrauen??? Der CV hat damals schon vollkommen richtig gehandelt, denn gerade di CVer durchschauten wie die Bevölkerung mehrheitlich den Betrug..Wenn Karl beaqbsichtigte, von Ungarn aus militärisch in Österreich einzugreifen, dann wollte das damals niemand mehr, auch die Siegermächte hätten sofort eingegrifffen..Gerade der CV hat damals vollkommen richtig gehandelt..

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 17. Februar 2015, 17:31


Zuerst hat schon Karl Verrat begangen, das hat die Forschung leicht nachweisen können, siehe die handschriftlichen Sixtusbriefe im Le Mirror: Mon cher Sixte usw.....

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 17. Februar 2015, 17:37


Der Staat, den niemand wollte klingt gut, es blieb aber nichts anderes übrig, als sich irgendwie zu organisieren...Mit Karl war das aber völlig unmöglich: Sixtusaffäre, Skandal beim Waffenstillstand, der konnte und wollte nicht einma richtig Schluß machen so wurde das damals gesehen..

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 17. Februar 2015, 17:43


Wien war 1918 nicht von der Revolution geschüttelt, die Kommunistenputsche am Gründonnerstag 1919 und am 15. Juli 1919 wurden an einem Tag jeweils sofort von der Volkswehr niedergeschlagen, was zu deren größten Leistungen zählt.

Auch bei der Republikgründung hatte die Volkswehr am 12. November 1918 die LAGE im Griff, die Fahne vor dem PARLAMENT wurde durch den aus der Irrenanstalt Olmütz geflüchteten Zugsführer Robert Lindner heruntergerissen, der sich selbst zum Kompaniekommandaten der Roten Garde ernannt hatte. (Quelle: Polizeiberichte Präsident Schober)

Vgl. dazu:

Glaubauf, Karl: Die Volkswehr und die Gründung der Republik, Wien 1993, erschienen anlässlich 75 Jahre Republikgründung.

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 17. Februar 2015, 18:01