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Österreichischer Sozialismus#

In der Prager "Deutschen Revolution" (vom 21. Juni 1936) schreibt ein anonymer Autor, der sich den Namen des Bauernführers Stephan Fattinger beilegt, unter dem Titel "Ernst Karl Winter, ein österreichischer Sozialist":#

Die alte österreichische Arbeiterbewegung unterschied sich von der reichsdeutschen in vorteilhafter Weise durch ihre Beweglichkeit und Frische, ihre größere Buntheit und ihr höheres geistiges Niveau. Das war zum Teil dem österreichischen Wesen überhaupt, zum Teil dem Einfluss der jungen slawischen Völker und ihrer Sozialisten, nicht zuletzt aber der überragenden Persönlichkeit Viktor Adlers zu danken, in dem sich die geistreiche Skepsis des jüdischen Intellektuellen in glücklicher Weise mit der warmen Menschlichkeit des Österreichers vereinigte. In derselben Zeit, da August Bebel die deutsche Arbeiterbewegung mit der orthodoxen Meinung des Parteivorstandes gleichzuschalten begann - was sich hernach in einer erschreckenden Sterilität und in dem Überwiegen der Mittelmäßigkeiten rächte - begann sich unter Adlers Führung in der österreichischen Arbeiterbewegung junges Leben zu regen. Dass die alte österreichische Sozialdemokratie eine ganze Reihe der eigenartigsten Männer nicht nur zu vereinigen, sondern auch zur Geltung zu bringen wusste, den alten nationalen Demokraten Engelbert Pernerstorfer, neben dem Doktrinär und Fanatiker des Internationalismus Friedrich Adler, einen Karl Renner neben Otto Bauer, den gewiegten Parlamentarier und Redner Karl Seitz neben dem Sozialpolitiker Ferdinand Hanusch, einen Feuerkopf wie Karl Leuthner neben dem für Wagner schwärmenden Elektrifizierungsfachmann, Arzt und Schriftsteller Wilhelm Ellenbogen, den großartigen Journalisten, Polemiker und Pamphletisten Friedrich Austerlitz neben dem schmiegsamen Volksmann Franz Schuhmeier, das hat ihr die Kraft gegeben, über den Tod Adlers und die Erschütterungen der Kriegszeit hinaus lebendig zu bleiben und bis 1927 einer der stärksten Faktoren nicht nur des internationalen Marxismus, sondern auch der mitteleuropäischen Politik zu sein. So hat sie auch die Spaltung vermieden und bis 1930 ohne ernsten Bruch die gesammelte Kraft der Industriearbeiter und vieler Randschichten des Proletariats zum Kampf einsetzen können.

Einsichtige und Weiterblickende sahen allerdings seit Jahren und schon vor der verhängnisvollen Niederlage der Otto Bauer'schen Klassenkampf-Strategie am 15. Juli 1927 eine Katastrophe heranreifen. Eine doktrinäre Erstarrung, die nun gefährlicher war als die der SPD, kennzeichnet die Führung Otto Bauers. Dazu kommen die Verfallserscheinungen, die keiner Massenpartei erspart bleiben: Auseinanderklaffen von Tat und Phrase, von propagierter Moral und mannigfach korrupter Praxis, Intrigen der Günstlinge, Terror des Apparats gegen die regsamsten Mitglieder, Formalismus und Vereinsmeierei. Es fehlte an Nachwuchs. Die an Persönlichkeiten einst so reiche Partei hatte seit dem Führungsantritt Otto Bauers und seiner Freunde keinen Nachwuchs, der durch Qualität und Leistung aufgefallen wäre.

Was dann kam, die Katastrophe der Partei von 1934, hervorgerufen durch eine starre und mit allen Entscheidungen zu spät kommende politische, vollendet durch eine dilettantische und ihresgleichen an Unfähigkeit suchende militärische Führung, ist bekannt.

Auf die Niederlage folgte, wie es nicht anders sein konnte, im Kräftespiel des Landes ein Übergewicht jener Kreise, die eine selbständige und sozialistische Arbeiterbewegung nicht wollten, bei der sozialdemokratischen Arbeiterschaft eine Periode wilder Revanchegelüste ohne Maß für das Erreichbare und Notwendige. Der ermordete Kanzler Dollfuß aber fasste vom ersten Augenblick an den Aufbau einer neuen Arbeiterbewegung ins Auge und es ist einer der stärksten Beweise für seine staatsmännische, nicht im Taktischen steckengebliebene Begabung, dass er mit ihrer Organisation den jungen Wiener Soziologen Dr. Ernst Karl Winterbetraute, den er zugleich zum Vizebürgermeister von Wien ernannte.

Ist die "Aktion Winter" inzwischen auch in der Form, in der sie ursprünglich gedacht war, gescheitert - zum Teil an den Widerständen der Sozialdemokraten und der gehässig unverständigen Brünner Gegenagitation, die mit Verdächtigungen nicht kargte, zum Teil aber auch an den Schwierigkeiten, die innerhalb der herrschenden Partei nach dem Tode Dollfuß' entstanden - so ist E. K. Winter doch die stärkste Persönlichkeit geblieben, die heute in Österreich die sozialistische Idee und sozialistisches Wollen repräsentiert. Nur eine mechanistische, in den alten Kategorien denkende Politik wie die des Brünner Büros Bauer-Deutsch kann sich der Erscheinung Winters gegenüber auf die platte Formel zurückziehen, hinter ihm stehe niemand. Abgesehen davon, dass sich schwer beurteilen lässt, wie viele österreichische Sozialisten heute für Bauer, wie viele für Winter stimmen würden, lässt sich am allerwenigsten in unserer Zeit des Umbruchs die Stärke einer Idee und eines Mannes daran messen, wie viele Wähler und Parteimitglieder im Augenblick hinter ihm stehen. Weder Lenin, noch Mussolini, noch Hitler hatten von solchem Gesichtspunkt aus 1917, 1921 oder 1928 eine Erfolgschance.

Für die Verständigung von Katholizismus und Austromarxismus#

Ernst Karl Winter, dessen wissenschaftliche und weltanschauliche Grundansichten sich in seinen soziologisch-philosophischen Werken (Platon, Das Soziologische in der Ideenlehre; Die Sozialmetaphysik der Scholastik; Rudolph IV. von Österreich, 2 Bde.), dessen politisches Programm sich in den "Wiener Politischen Blättern" am deutlichsten spiegeln, stand der Tagespolitik lange Zeit fern. Er begnügte sich damit, in kleinem Kreis und in die Tiefe zu wirken. Frühzeitig rang er um einen Ausgleich zwischen der marxistischen Arbeiterbewegung und dem katholischen Christentum. Seiner religiösen Überzeugung nach Christ, dem Bekenntnis und der Kultur nach Katholik und bewusster Österreicher, in seinem Fühlen aber sozial und in der Methode aufs stärkste von Marx und der ökonomischen Geschichtsauffassung beeindruckt, sah sich Winter zwischen die kämpfenden Heere gestellt. Im Jahre 1933 empfand er angesichts der Drohungen Hitlers die Gefahr der Vernichtung der kulturellen Eigenwerte Österreichs und seiner Arbeiterbewegung als akut. Er redete der Verständigung von Katholizismus und Austromarxismus das Wort und wandte sich in einem vielbesprochenen Artikel gegen die Politik Dollfuß', die ihm den Konflikt mit der Sozialdemokratie zum Nachteil Österreichs zu verschärfen schien.

Nach den Februarkämpfen war Winter nicht nur seiner Funktion halber, sondern aus zweifelsfrei erweisbarer Überzeugung einer der leidenschaftlichsten Wortführer der Versöhnung von Siegern und Besiegten, die er im Interesse Österreichs für unerlälich hielt. Die Ereignisse des 25. Juli haben seine Befürchtungen in ungeahnt blutiger Weise bestätigt. Seither ringt Winter, durch den Tod Dollfuß' freilich des verständnisvollsten Freundes beraubt, um die Synthese aus Christentum und Sozialismus, Karl Marx und Karl Vogelsang (W. P. Bl. 1936/1), aber auch um den Aufbau einer neuen, christlichen und sozialistischen Bewegung der arbeitenden Menschen Österreichs. Es wäre sicher verfrüht, heute zu sagen, ob der österreichische Sozialismus unter der Führung Winters und nach den Ideen Winters siegen oder ob er eine andere Form und Führung finden wird. Sicher ist, dass es heute innerhalb Österreichs kaum eine zweite Persönlichkeit von der sozialistischen Zielklarheit und sittlichen Autorität Winters gibt; der Erfolg in Politik und Geschichte hängt freilich vom Willen und der Kraft zu handeln ab. Der alten sozialdemokratischen Führung ist Winter jedenfalls turmhoch überlegen durch seinen Blick für das Neue, Werdende, in dieser Zeit Notwendige. Steckt doch der Austromarxismus, wie Otto Bauers jüngst erschienenes Buch beweist, noch immer in den Illusionen und Formeln von gestern.

Soziologisch-historisch geht E. K. Winter von der Auffassung aus, dass Sozialismus und Kapitalismus nicht totale, aufeinanderfolgende Kategorien, sondern polare, nebeneinander und in jeder Zeit wirkende Prinzipien der sozialökonomischen Ordnung seien. So sieht er schon in dem Spiel zwischen Zins und Rente, Staat und Kirche des ausgehenden Mittelalters ein Ringen der zwei Prinzipien, das er in seinem "Rudolph IV." ausführlich darstellt. Es komme darum auch nicht darauf an, den Kapitalismus unserer Zeit durch einen totalen Sozialismus abzulösen, sondern die sozialistischen Wirtschaftssektoren zu stärken (Sonderheft Planwirtschaft der Wr. P. Bl. 1936/4). Für die Gegenwart und für Österreich fordert Winter Planwirtschaft vor allem in den Schlüsselindustrien (Elektroindustrie, Autoindustrie) und im Versicherungswesen. Daneben tritt er für große Siedlungsaktionen und genossenschaftliche Durchorganisierung der Landwirtschaft ein. In vielem berührt sich Winters Wirtschaftsprogramm mit dem Otto Strassers, wenn auch die Ausgangspunkte beider Männer verschieden, die Zielsetzung mindestens bei beiden anders formuliert ist. Den berufsständischen Aufbau bejaht Winter, allerdings nicht im Spann'schen oder Schacht-Ley'schen Sinne, sondern nach seiner These, dass berufsständischer Aufbau "Fortführung der modernen Sozialpolitik mit anderen Mitteln ... im Wirtschaftsraum der Krise" sei. In starker Anlehnung an das italienische Korporationensystem fordert Winter die "kontinuierliche Kooperation der beiden Interessengruppen des Arbeits- und Produktionsprozesses, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern... in organisierten Verbänden" wobei der Grundsatz der paritätischen Vertretung gewahrt werden soll. Daneben aber will Winter, und hier unterscheidet er sich vom italienischen Faschismus grundsätzlich und weitgehend, die "politischen Stände" der Arbeiter, Bauern und Bürger und neben der berufsständischen, die demokratisch-parlamentarische Vertretung (Heft 1936/3 W. P. Bl.).

Die soziale Monarchie#

Am heftigsten angefochten von marxistischer Seite wurde Winter wegen seiner grundsätzlichen Bejahung der Monarchie. Er sieht, mindestens für Österreich in der "sozialen Monarchie" (W. P. Bl. 1936/2) die gegebene, durch Geschichte und Kultur bedingte, zur Selbständigkeit des Landes und zur Garantie seiner Rechtsordnung nötige Staatsform. Das Bekenntnis zum Legitimismus kann vom Standpunkt des Sozialisten, der eine feste Staatsführung bejaht und Sinn für das historisch Gewordene wie für Kontinuität hat, unter Umständen bejaht werden, allerdings fragt es sich, ob er die richtige Auslese der Führung gewährleistet, zumal da er schon einmal geschichtlich gescheitert ist. Ausgesprochen albern ist natürlich der Einwand marxistischer Patentrepublikaner, es könne einer nicht zugleich Sozialist und Anhänger der Monarchie sein. Gerade Winters idealer Staat, der die polaren Spannungen des sozialistischen und kapitalistischen Wirtschaftsprinzips und die politischen Stände bestehen lässt, fordert als ausgleichenden Schiedsrichter und als Träger der Kontinuität die monarchische Spitze. Geht man in der wirtschaftlichen und sozialen Zielsetzung weiter (was die Sozialdemokratie weder mit ihrem reformistisch-liberalen noch mit ihrem stalinistisch-linken Programm tut, so dass gerade ihre Existenz nur in der Monarchie einigermaßen gesichert wäre), so mag man Winters legitimistische These anfechten. In dem letzten Heft der Blätter formuliert Winter seinen Standpunkt zur Judenfrage. Die Juden sind ihm keine anthropologische, sondern eine geistige Rasse, er ist weder philosemitisch noch antisemitisch, sondern wendet sich als Christ gegen das Prinzip des selbstsüchtigen, überheblichen Judaismus, den er interessanterweise im Hitlerismus am stärksten kopiert sieht.

Unsere positive Einstellung zu allen sozialistischen Strömungen, zu jeder europäischen Kulturgesinnung und zu jedem ehrlichen Wollen im Dienste des Volkes und der sittlichen, gottgewollten Ordnung des Völkerlebens, lässt uns auch Ernst Karl Winter als einen Kämpfer und Geist werten, mit dem wir auf jeden Fall ein Stück Weges gemeinsam gehen können, in dem sich uns der deutsche Mensch österreichischer Prägung offenbart und dessen Wirken wir mit jener Anteilnahme verfolgen, die wir den aufbauwilligen, wahrhaft revolutionären Kräften in allen europäischen Lagern, im marxistischen, wie im katholischen und nationalsozialistischen entgegenbringen.

Quelle: Wiener Politische Blätter, 4. Jahrgang 7/8 (5. Juli 1936) S. 280 ff.


Heißt der Bauernführer nicht Stephan Fadinger ?

-- Glaubauf Karl, Montag, 10. November 2014, 15:22