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In der Sperrzone von Tschernobyl #

"Vor 25 Jahren ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl. Hat die Welt aus der nuklearen Katastrophe gelernt? Der GAU in Fukushima lässt das Gegenteil vermuten." #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (April 2011).

Von

Eva Maria Bachinger


Tschernobyl
Atomreaktor
© Foto: Anatoly Tkachuk

Die Stadt Pripyat in drei Kilometer Entfernung vom Atomkraftwerk Tschernobyl war einst eine Luxussiedlung. Seit 1986 ist es eine Geisterstadt. Reportage aus der Strahlenzone.#

Die Palmkätzchen blühen. Es ist totenstill. Die evakuierte Stadt Pripyat, nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt, ist eine Geisterstadt: überall Staub, Schutt, zerbrochene Fenster, Glasscherben, Möbelreste, alles ist dem Verfall preisgegeben. Was wertvoll war und von den Bewohnern in der Eile zurückgelassen wurde, haben Plünderer mitgenommen. „Nicht auf das Moos treten! Es ist sehr schmutzig“, warnt Führer Denis Sabarin vorsorglich. Der Geigerzähler gibt an, dass das Pflanzengewächs die 150-fache Radioaktivität ausstrahlt als normal. Manches wirkt 25 Jahre nach der Katastrophe schaurig inszeniert: Im früheren Kindergarten liegt eine Puppe neben einer Gasmaske, vor dem Spital rostet ein gynäkologischer Stuhl vor sich hin. „Die Gesundheit des Volkes ist der Reichtum des Landes“, steht in kyrillischer Schrift auf dem verfallenen Krankenhaus. Die Natur holt sich Meter für Meter zurück: Aus dem Steinboden eines Balkons im einst stattlichen Hotel „Polissia“ wächst eine Birke, viele Wege sind überwuchert. „Der Fahrstuhl ist leider außer Betrieb“, versucht Sabarin zu scherzen. Alte Stühle stehen auf dem Balkon so da, als ob man die Aussicht auf den Reaktor genießen wollte. Am sonnigen Morgen des 27. April 1986 ließ man Frauen mit ihren Kleinkindern noch am großen Platz herumflanieren, einen Tag später rollten mehr als 1.000 Busse an um die Menschen abzuholen. Man sagte ihnen, sie könnten bald wiederkommen. Die Menschen nahmen nur das Nötigste mit.

Tschernobyl
Die Stadt. In Pripyat wohnten die privilegierten Familien von Ingenieuren und der Sowjetnomenklatura. Im Mai 1986 sollte ein Vergüngungspark eröffnet werden. Zur Inbetriebnahme ist es nie gekommen.
© Foto: Alexander Kucera

Hohe Radioaktivität #

Der 68-jährige Valentin Podryadchikov sah erst 1996 seine zerstörte, geplünderte Wohnung wieder. Heute darf er nicht mehr hin: Das Hochhaus sei zu einsturzgefährdet und die Radioaktivität zu hoch. Er besuchte gerade einen Freund im Spital von Pripyat, als das Unglück passierte. „Wir konnten aus dem Fenster den Reaktor sehen, die hohe Rauchwolke, das Feuer.“ Die ersten sechs Feuerwehrleute eilten sofort hin zum Reaktor. Sie alle starben an akuter Strahlenkrankheit, einer nach dem anderen. „Ins Krankenhaus kam bald der erste Patient. Er saß auf einem Tisch, ohne Kleidung, überall hatte er dunkle Flecken. Er schrie vor Schmerzen. Und er sang, ein russisches Lied, 'Vogel, Glück, wähle mich morgen'. Am nächsten Tag musste ich ihn begraben.“

Eine Touristin mit Atemschutzmaske und Plastikschutz an den Schuhen geht beim Besucherzentrum vorbei. Aus dem Gebäude gleich neben dem zerstörten Reaktor von Tschernobyl treten mehrere Arbeiter und machen sich auf den Weg zur Kantine zum Mittagessen. Sie tragen keine Masken und keine Schutzkleidung. „Wir haben uns an die Radioaktivität gewöhnt“, sagt einer von ihnen. „Ich arbeite hier schon seit 13 Jahren. Was sollen wir tun? Wo gibt es sonst Arbeit?“ Etwa 4.000 Menschen, Forst- und Straßenarbeiter, Fahrer, Elektriker, arbeiten in einer Zwei-Wochen-Schicht in der verstrahlten 30-Kilometer-Sperrzone. Einmal im Jahr müssen sie zur Kontrolle in die Klinik. Derzeit sanieren sie die schnurgerade Straße nach Tschernobyl. In anderen Städten wird auf Digitalanzeigen der Feinstaubgehalt in der Luft angegeben, hier zeigen sie die aktuelle radioaktive Strahlung an. Die französische Firma Novarka bereitet die Baustelle für den zweiten Sarkophag, der auf den strahlenden Reaktor geschoben werden soll, vor. Reaktor 5 und 6 stehen unvollendet in der Nähe des zerstörten Reaktors 4. Tschernobyl hätte das größte Kernkraftwerk der Welt werden sollen.

Nun hofft die Ukraine auf viele Besucher in der Sperrzone, wenn nächstes Jahr die Europa- Fußballmeisterschaft stattfindet. Derzeit erhält man nur mit Genehmigung des Ministeriums und 100 Euro Eintritt Zugang bei den zahlreichen Checkpoints, wo missmutig dreinblickende Polizisten mit Pelzmützen Dienst tun. Das nun verwilderte Land mit einst 76 Dörfern und der aufstrebenden Stadt Pripyat mit rund 50.000 Einwohnern ist für Tausende Jahre unbewohnbar. Vor allem das schwere, hochgiftige, radioaktive Element Plutonium wurde bei der Explosion des Reaktors in die Umgebung geschleudert: Der „rote Wald“ in der Nähe hat traurige Berühmtheit erlangt.

Tschernobyl
Schatten der Vergangenheit. Die Kinder von Pripyat haben auf die Mauern des Krankenhauses Schattenbilder gezeichnet. Das war in den frühen 80er Jahren. Nach dem Reaktor unfall von Tschernobyl wurde die Stadt evakuiert. Doch die Bilder bleiben ihr eingebrannt.
© Foto: Anatoly Tkachuk

Baumsterben#

Viele Bäume starben aufgrund der starken radioaktiven Strahlung ab, die noch lange andauern wird: Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren. „Die Alt- Steinzeit endete vor 11.000 Jahren, die Pyramiden wurden vor etwa 4.000 Jahren gebaut. Das ganze Land hier ist für Tausende Jahre verloren“, gibt Atomexperte Reinhard Uhrig von der Umweltschutzorganisation „Global 2000“ zu bedenken. Traurig stehen die abgestorbenen Kiefern neben den jungen, nachwachsenden Bäumen. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe hat man auch das kontaminierte Dorf Kopacy mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht. Die Radioaktivität ist aber nicht schwächer geworden. In 30 Gräbern rund um den Reaktor verfallen Tausende verstrahlte Busse, Lkws, Bagger, die nach der Katastrophe im Einsatz waren. Man hat sie einfach verscharrt. Im Sommer kreisen nun zweimal täglich Hubschrauber über das gesperrte Land: Die Angst vor Feuer und Rauch, die die Radioaktivität wieder großflächig verteilen könnten, ist groß.

Im „Naturschutzgebiet“#

Im Besucherzentrum hängt eine Landkarte von der Sperrzone. Die dritte Zone wird als „Naturschutzgebiet“ bezeichnet, erklärt Führer Sabarin. Es gebe sogar Wölfe, sagt er den Besuchern, deshalb sollte die Gruppe zusammen bleiben. Mit großen Augen schauen sich die Gäste gegenseitig an. Die Natur scheint froh zu sein, die Menschen los zu sein: Es soll eine Überpopulation von Wildschweinen geben, auch Wildpferde leben auf den weiten Wiesen, die ganze Landschaft ist verwildert – Landwirtschaft ist nicht mehr möglich. In der Sperrzone leben trotzdem rund 360 registrierte Siedler, zumeist ältere Menschen. Inoffiziell sollen es mehr sein. Man erkennt die bewohnten Häuser sofort: An den Fenstern hängen weiße Spitzenvorhänge, vor dem Haus steht manchmal auch ein Auto, Wäsche flattert im Wind. Im Garten bauen sie Gemüse an. Die verlassenen Häuser hingegen sind im Dickicht oft kaum mehr auszumachen. „Die AKWs in Russland und in der Ukraine funktionieren gut. Wenn man nicht die Regeln verletzt, kann nichts passieren“, versichert Sabarin neben einem Miniaturmodell des Kernkraftwerkes Tschernobyl, das die massive Explosion im Innern zeigt. „Natürlich gibt es Ausnahmen“, ergänzt er. Beim großen Fenster, wo man direkt auf den Reaktor blickt, darf nicht fotografiert werden. Eine Digitalanzeige misst die Radioaktivität draußen: Die rot leuchtenden Ziffern ändern sich ständig.

DIE FURCHE, April 2011