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Die Stadt des Films #

Das Jüdische Museum Wien erinnert in einer Ausstellung, wie jüdisch die Filmmetropole Hollywood eigentlich ist. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 5. Jänner 2012)

Von

Michael Kraßnitzer


Vom „jüdischen“ Nichtjuden Charly Chaplin (li.) bis zu Woody Allen (ga. re. Mitte) reicht das jüdische Flair von Filmmetropole und -industrie. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine Hommage zum 100-Jahr-Jubiläum des Stadtteils von Los Angeles., © Foto: Photofest (9)
Vom „jüdischen“ Nichtjuden Charly Chaplin (li.) bis zu Woody Allen (ga. re. Mitte) reicht das jüdische Flair von Filmmetropole und -industrie. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine Hommage zum 100-Jahr-Jubiläum des Stadtteils von Los Angeles.
© Foto: Photofest (9)

Hollywood war und ist fest in jüdischer Hand. Das ist kein Zitat aus einer antisemitischen Schrift, sondern die zentrale Botschaft der Ausstellung „Bigger Than Life. 100 Jahre Hollywood“ im Jüdischen Museum Wien. Wohl aus Angst vor Antisemitismus wurde die jüdische Prägung Hollywoods in früheren Zeiten gern heruntergespielt und mit allerlei Mitteln kaschiert. Heute freilich geht die jüdische Community mit diesem Faktum offensiv um. So schrieb der Journalist Joel Stein: „Als stolzer Jude möchte ich Amerika über unsere Leistungen informieren: Ja, wir kontrollieren Hollywood.“

Konvertitin Marilyn Monroe#

Auch die Schau im Jüdischen Museum ist Ausdruck dieses neuen, selbstbewussten Geistes. Die erste große Ausstellung im frisch umgebauten Haus erzählt also die Geschichte der amerikanischen Traumfabrik als jüdische Geschichte. Sogar Marilyn Monroe, die das Ausstellungsplakat und das Cover des (ausgezeichneten) Katalogs ziert, wird eingemeindet. Denn anlässlich ihrer Heirat mit Arthur Miller konvertierte die Sexbombe zum Judentum.

© Foto: Photofest (9)
© Foto: Photofest (9)

Alle großen Studiobosse der goldenen Zeit Hollywoods waren jüdische Immigranten aus Mittel- und Osteuropa: Carl Laemmle (Universal), Adolph Zukor (Paramount), Wilhelm Fuchs (Fox), Samuel Goldwyn und Louis B. Mayer (MGM), die Brüder Harry, Albert, Sam und Jack Warner (Warner Bros.) sowie Harry Cohn (Columbia). Es waren diese Pioniere, die ab 1907 aus der kleinen Gemeinde in der Nähe von Los Angeles die amerikanische Traumfabrik machten. Ursprünglich war New York die Filmmetropole der USA, doch Kalifornien bot einige Vorteile, zum Beispiel eine abwechslungsreiche Landschaft und zahlreiche Sonnentage. Vor allem aber waren die Schlägertrupps des Edison Trusts weit weg. Der Erfinder Thomas Alva Edison versuchte damals über Patentrechte an Kameras und Projektoren die Filmindustrie zu kontrollieren; wer sich dem Monopol durch Verwendung ausländischer Kameras zu entziehen suchte, wurde mit allen legalen und illegalen Mitteln bekämpft.

Auch jüdische Schauspieler wirkten in Hollywood, doch diese Identität blieb hinter-amerikanisch klingenden Künstlernamen verborgen. Der Stummfilmstar Theda Bara, der erste Vamp der Filmgeschichte, hieß in Wahrheit Theodosia Goodman und war die Tochter eines polnischen Schneiders. Auch Issur Demsky oder Betty Perske kennt kaum jemand, sehr wohl aber deren Künstlernamen Kirk Douglas und Lauren Bacall (Die Verwendung anglisierter Künstlernamen, die erst ab den 70er-Jahren langsam aus der Mode kam, betraf freilich nicht nur Juden, sondern alle Schauspieler mit nicht-angelsächsischen Namen).

Der erste jüdische Superstar des amerikanischen Kinos war kurioserweise kein Jude: Charles Chaplin wurde von den meisten Kinobesuchern in den USA und im Rest der Welt für einen Juden gehalten und legte Wert darauf, den Irrtum nicht zu korrigieren.

© Foto: Photofest (9)
© Foto: Photofest (9)

Ohne den Beitrag aus Europa geflohener Juden als Regisseure, Komponisten, Drehbuchautoren oder Kameramänner würde Hollywood, so wie wir es kennen, ebenfalls nicht existieren. Der NS-Terror in Deutschland und Österreich brachte der Traumfabrik herausragende Köpfe, etwa die Regisseure Billy Wilder und Otto Preminger, die Filmmusikkomponisten Max Steiner („Casablanca“, „Vom Winde verweht“) und Erich Wolfgang Korngold („Robin Hood“) um nur einige aus Österreich Stammende zu nennen. Dennoch setzte Hollywood nur sehr zögerlich auf Stoffe, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten. Erst mit Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg begannen sich Nazi-Bösewichte im US-Kino zu tummeln.

Jüdische Identität im Film#

In der Frühzeit Hollywoods waren Filme, die sich mit jüdischer Identität und Kultur auseinandersetzten, eine Seltenheit. Ausgerechnet ein Meilenstein der Filmgeschichte jedoch erzählt eine durch und durch jüdische Geschichte: „The Jazz Singer“ (1927), der allererste Tonfilm der Filmgeschichte, ist eher durch die heute als unpassend empfundene Praxis bekannt, dass ein Weißer als Afroamerikaner verkleidet auftritt („Blackface“). Tatsächlich aber handelt der Film vom Sohn eines jüdischen Kantors, der zerrissen ist zwischen den Traditionen seines Elternhauses und seinem Wunsch, am Broadway auf der Bühne zu stehen. Beginnend mit Woody Allens „Stadtneurotiker“ (1977) jedoch wurden jüdische Themen im Hollywood-Film zur Selbstverständlichkeit. In kaum einem in den heutigen USA spielenden Film gibt es nicht zumindest eine kleine jüdische Nebenfigur.

Faszinierend ist, dass es das jüdische Hollywood war, das den US-amerikanischen Mythos schlechthin ins Leben rief: den Western. Der Wilde Westen als neue Welt, in der nationale Herkunft nicht zählte und in der man sich aus dem Nichts eine neue Identität schaffen konnte – das entsprach ziemlich genau der Erfahrung, welche die Gründer von Hollywood selbst als jüdische Immigranten durchlebt hatten. Konsequenterweise war auch der allererste Westernstar Hollywoods ein Jude: Bekannt war er unter dem Namen Gilbert M. Anderson – in Wahrheit aber hieß er Max Aronson und war eines von sieben Kinder einer jüdischen Familie.

DIE FURCHE, 5. Jänner 2012