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Einleitung#

Nach dem Buch "Heimische Orchideen in Wort und Bild", Leopold Stocker Verlag © Nobert Novak

Bild 'Systematik_Orchideen'

Die Pflanzenfamilie der Orchideen (Orchidaceae) ist weltweit verbreitet. Mit rund 20.000 Arten bildet sie neben den Korblütlern (Compositae) die größte Familie im Pflanzenreich. Orchideen können sehr unterschiedliche Lebensräume besiedeln. So reicht die Palette von Aufwuchspflanzen auf tropischen Bäumen bis zu Bewohnern alpiner Extremstandorte in 2.800 Metern Seehöhe. Die Familie der Orchideen wird wiederum in sogenannte Tribus unterteilt, deren Systematik die Grundlage für den Aufbau dieses Buches bildet. Innerhalb der Tribus erfolgt die Einteilung in Gattungen, welche Arten mit hohem Verwandtschaftsgrad zusammenfassen. Landläufige Pflanzennamen wie beispielsweise Gänseblümchen, Edelweiß oder Kuckucksblume betiteln eine Art (Spezies), die in der Wissenschaft als Fortpflanzungsgemeinschaft definiert ist. Geringfügige Unterschiede innerhalb einer Art führen häufig zur Ausweisung von Unterarten (Subspezies). Gerade bei den heimischen Orchideen existiert eine Reihe von Unterarten, deren sichere Zuordnung jedoch nur dem spezialisierten Wissenschaftler vorbehalten ist.


Allgemeine Merkmale, Anatomie und Biologie#

Bild 'Anatomie_Arten0'

Bild 'Anatomie_Arten1'


Jede Pflanzenfamilie weist charakteristische Merkmale auf, die schließlich auch die Definition einer Familie ausmachen. So besitzen alle Orchideen ganz bestimmte Kennzeichen, die nachfolgend kurz beschrieben werden. Namensgebend für die Orchideen sind die hodenförmigen Wurzelknollen (griech. Orchis = Hoden), die fast bei allen Arten zu finden sind. Die Gliederung der Pflanze in Wurzelbereich, Stängel mit wechselständigen Laubblättern und dem Blütenstand ist nebenstehender Zeichnung zu entnehmen. Es ist allerdings gerade bei den Orchideen auf Ausnahmen wie den blattlosen Widerbart oder die Nestwurz hinzuweisen, wo Laubblätter völlig fehlen. Die Einzelblüte ist prinzipiell aus drei äußeren Hüllblättern (Sepalen) und drei inneren Hüllblättern (Petalen) aufgebaut, wobei das mittlere die sehr stark variierende Lippe ausbildet. Form und Farbe dieser Hüllblätter können stark differieren. Die Staubblätter (männliche Organe der Blüte) sind mit dem Griffel (Teil der weiblichen Organe) verwachsen und bilden die sogenannte Säule (Gynostemium). Die Pollen sind zu keulenförmigen Paketen (Pollinien) verklebt, die häufig eine Klebdrüse (Rostellum) als Haftorgan besitzen. Der Fruchtknoten ist stets unterständig, d.h. er ist zur Gänze mit dem Blütenboden verwachsen. Die Samen sind bei Orchideen äußerst klein (ca. 0,2–1,5 mm), besitzen weder Nährgewebe noch einen entwickelten Keimling. Zur Keimung sind die Samen daher auf symbiontische Pilze angewiesen. Diese (anfängliche) Lebensgemeinschaft zwischen Pflanzen und Pilzen in den Wurzeln wird Mykorrhiza genannt. Treibt die Orchidee ihre ersten grünen Laubblätter aus und beginnt mittels Photosynthese mit der „Energiegewinnung“, ist die Pflanze nicht mehr auf den Kontakt mit Pilzen angewiesen. Lediglich bei gänzlich chlorophyllosen Arten wie beispielsweise dem Widerbart oder Dingel bleibt das Verhältnis zu den meist ubiquitären Wurzelpilzen lebenslang aufrecht. Die Bestäubung erfolgt bei den mehrjährigen Orchideen auf die mannigfaltigsten Weisen. In kaum einer anderen Pflanzenfamilie sind derartig skurrile und ausgetüftelte Strategien zur Sicherstellung der Fortpflanzung zu finden. Dies reicht von Kesselfallenblumen (Frauenschuh), Nektarblumen (z.B. Violette Ständelwurz), Nektartäuschblumen (Gattung Dactylorhiza und Orchis) bis hin zu den trügerischen Sexualtäuschblumen (Ragwurzen). Bisweilen hat sich auch die Selbstbestäubung (Autogamie) sehr etabliert, die bei einigen Orchideenarten sogar obligatorisch erfolgt (Müller-Ständelwurz, Bienen-Ragwurz, Erzherzog-Johann-Kohlröschen).

Gefährdung und Schutz#

Die Pflanzenfamilie der Orchideen ist in Österreich zur Gänze geschützt. Trotz dieses gesetzlichen Schutzes ist besonders in den letzten Jahrzehnten ein deutlicher Rückgang heimischer Orchideenarten zu verzeichnen. Die Hauptursache dafür liegt in der Zerstörung bzw. nachhaltigen Veränderung der natürlichen Lebensräume durch den Menschen. Intensive Land- und Forstwirtschaft mit begleitenden Maßnahmen, wie Trockenlegungen von Feuchtbiotopen, Überdüngung, Intensiv-Grünlandwirtschaft oder Rodungen, sind maßgeblich am Rückgang vieler Arten beteiligt. Ebenso führt der wachsende Flächenbedarf für Hoch- und Tiefbauten, wie etwa Straßen, Siedlungen, Schipisten, Sport- und Industrieanlagen, zur Zerstörung existenter oder potentieller Orchideenstandorte. Der Schutz heimischer Orchideen bedeutet also in erster Linie den Schutz ihrer Lebensräume. In diesem Sinne bedarf es auch eines richtigen Managements der entsprechenden Biotopflächen wie etwa durch Entbuschung, gelegentliche Mahd und vor allem der Aufrechterhaltung des natürlichen Wasserhaushalts. Nur eine Rücksichtnahme auf die Lebensvoraussetzungen der heimischen Orchideenflora kann zur Erhaltung dieser Pflanzenfamilie beitragen, so dass sich auch noch künftige Generationen an diesen teils außergewöhnlichen Juwelen der Pflanzenwelt erfreuen können.