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DER ATELIERRAUM#

Der Verein "Gedenkstätte Gustav Klimt" erhielt den Preis der Europäischen Union für das Kulturerbe / Europa Nostra Preis 2014.
160 Projekte aus 30 Ländern waren nominiert, die Jury wählte 27 Preisträger. Der Klimt-Verein erhielt die Auszeichnung in der Kategorie 3 - "Engagierter Einsatz über einen langen Zeitraum" für sein Projekt "Gustav Klimt Atelier Feldmühlgasse 1911-1918".

MORITZ NÄHRS WERKSTATTFOTO
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Dies ist das einzig erhaltene Atelier von Gustav Klimt, in dem der Einblick in sein Werk auch heute noch authentisch möglich ist. Das Foto von Klimts Freund, dem bekannten Fotografen Moritz Nähr, entstand um 1917/18 und zeigt das verlassene Atelier.[1]

Auf den Staffeleien befinden sich die Gemälde „Die Braut“ und „Dame mit Fächer“. Weitere Werke lehnen rechts an der Wand hinter dem Sofa, das vermutlich mit einem schwarz-weiss gestreiften Seidenstoff überzogen war. Auf dem Sofa sind einige Textilien und eine Tageszeitung zu erkennen. Am Boden links unter dem Fenster liegen einige jener Zeichnungen, wie Klimt sie zu tausenden geschaffen hat. Gleich daneben, auf einem Fell, stehen zwei kleine afrikanische Hocker, links davon eine Sitzstaffelei, ein Maltisch mit seiner Palette und Pinseln, zwei Arbeitshocker und ein Kasten mit Malutensilien. Der Boden dürfte mit grauem Filz ausgelegt gewesen sein.

Eine nordseitig geschlossene Fensterfront, mit zwei verschiedenen Arten von Vorhängen, schließt das Atelier ab, das man nur über zwei angrenzende Räume betreten kann. Hinter der am Foto sichtbaren Tür befindet sich jener Raum, den der japanische Maler Kijiro Ohta beschreibt, als er Klimt im Frühling 1913 besucht: „Im Nebenzimmer des Ateliers befanden sich in einem Schrank mit Glastür viele alte japanische und chinesische Gewänder. Ich vermute, dass Klimt die eigenartigen Muster in seinen Bildern diesen Gewandmustern entnommen hat. Klimt nahm einige der Gewänder heraus und bemerkte dazu: `Das ist eine gute Zusammenstellung´.“


Atelierraum
Morizt Nähr, Atelier Feldmühlgasse, 1917/18, Bildarchiv ÖNB, Foto: Österreichsiches Nationalbibliothek, Bidrarchiv Wien, Klick zum Vergrößeren


Gustav Klimt, Die Braut - Studien und Skizzen, 1917, Bleistift, Privatbesitz Gustav Klimt, Die Braut, 1917/18 (unvollendet), Öl auf Leinwand, 166 x 190 cm, Österreichi- sche Galerie Belvedere, Wien (Dauerleihgabe, Privatbesitz)

Im gegenüberliegenden, am Foto nicht sichtbaren Raum, müssen sich die Modelle aufgehalten haben, „von denen täglich mehrere bereitstanden“ wie der Künstler Carl Moll berichtet.

DIE BRAUT#


Das linke Staffeleibild „Die Braut“ blieb unvollendet. Alice Strobl bezeichnet das Gemälde als eines der „expressivsten Hauptwerke Klimts aus der späten Schaffensperiode, mit außerordentlicher farblicher Wirkung. (...) Das Entstehen neuen Lebens, ein wichtiger Teilaspekt einer Lebensphilosophie Klimts, die in seinem Werk während des ganzen Schaffens eine große Rolle spielt, gelangt auch hier zur Darstellung. Gleichzeitig werden aber auch Bereiche des Unterbewussten angesprochen und geheime Träume offengelegt.“

Auf der linken Seite des Gemäldes ist eine große Form aus mehreren Figuren zu sehen, in der u. a. ein Baby dargestellt ist [2+3]. Klimt verselbständigt das Motiv auch in einem quadratischen Gemälde gleichen Titels.

Auf der rechten Seite ist ein Halbakt zu sehen. Die Vorstellung des Tanzes als Lebenssymbol ist hier in einer besonders gesteigerten Form ekstatischer Bewegtheit verwirklicht. Sie drückt sich in Spiralen und Zickzackbändern der Ornamentik des Rockes aus, die in der Nähe des rechten Oberschenkels durch ein andersartiges Muster durchbrochen wird. Dieses lässt erst im ausgeführten Gemälde einen roten Drachen erkennen, der im Gegensatz zur europäischen Mythologie kein bösartiges Tier ist, sondern das Sinnbild der männlichen zeugenden Naturkraft (Yang). Die bisherige Forschung hat diese Komponente im Schaffen Klimts sehr allgemein angedeutet. Von Gebilden ist die Rede, die über das Ornamentale hinaus mit einer alarmierenden, expressiven Kraft geladen seien; diese stamme aus dunklen, unterschwelligen Bereichen, aus jener seelischen Innen- und Umwelt, die Sigmund Freud (1856-1939) zu erforschen beginnt. Wie aus seinen Studien und Skizzen hervorgeht, beschäftigt sich Klimt mit dieser ekstatischen Gestalt am Eingehendsten.[6+7]

In der Mitte ist eine Verbindungsfigur. Es ist das junge Mädchen, die Braut, das ihrer ersehnten Erfüllung entgegenträumt (...). Klimt verändert den Gesichtstypus, indem er vom Naturvorbild Abstand nimmt und der Braut das Gesicht einer japanischen No-Maske eines jungen Mädchens gibt. Die Verwendung derartiger Masken kam Klimts Streben, nicht das Einzelschicksal darzustellen, sondern das Allgemeingültige in den Mittelpunkt zu rücken, in besonderer Weise entgegen. [4+5]


DAME MIT FÄCHER#


Das Gemälde auf der Staffelei rechts im Bild, „Dame mit Fächer“ (1917/18), steht für eines der zahlreichen Damenbildnisse, die Klimt geschaffen hat.



Klimt - Braut
Kat. Nr. 3031, 56,7 x 37 cm

Klimt - Braut
Kat. Nr. 3044, 57,1 x 37,5 cm

Klimt - Braut
Kat.Nr.3055,56x37cm

Klimt - Braut
Kat. Nr. 3091, Skizzenbuch, 16,2 x 10 cm

Klimt - Braut
Kat. Nr. 3054, 57 x 37,4 cm

Klimt - Braut
Kat. Nr. 3096, Skizzenbuch, 16,2 x 10 cm

KLIMTS ARBEITSWEISE#


Zeichnerische Einfälle werden von Klimt grundsätzlich kleinformatig skizziert [2-8]. Ausgenommen bei den Fakultätsbildern und beim Stoclet-Fries sind von Klimt keine Kompositionsentwürfe im großen Format bekannt.

Für das Werk „Die Braut“ entstehen insgesamt 140 Studien und Skizzen [2-7]. Sie zeugen von der Arbeitsintensität des Künstlers. In Klimts Skizzenbuch von 1917, es ist als eines der wenigen erhalten geblieben und später wieder aufgefunden worden, finden sich alleine vierzig Vorstudien zu diesem Gemälde.


Gustav Klimt, Dame mit Fächer - 2 Kompositionsskizzen, 1917, Bleistift, Privatbesitz „Dame mit Fächer“, 1917/18, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm, Privatbesitz
Klimt - Fächerdame
Kat. Nr. 2852, Skizzenbuch, 16,2 x 10 cm
[#1] Verein Gedenkstätte Gustav Klimt (Hrsg.), Kijiro OHTA. Ein Besuch bei Gustav Klimt, Großwolfgers 2005