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Bis 13. Februar 2011
Österreichisches Museum für Volkskunde

Heilige in Europa. Kult & Politik#

Hl. Brigitta, © ÖMV

In Europa gibt es (zumindest) 173 Nationalheilige. Ein Land unter Schutz und Schirm eines bestimmten Heiligen zu stellen, hat lange Tradition. Schon um 500 wurde Sankt Martin (+ 399) zum Schutzpatron des merowingischen Frankenreichs erwählt. Seit 1964 ist der hl. Benedikt (+ 547), bekannt als Vater des abendländischen Mönchtums, der Patron Europas. Seit 1980 stehen ihm in dieser Funktion die Slawenapostel Kyrill (+ 869) und Method (+ 855), zur Seite. 1999 ernannte der Papst auch drei Frauen als Europaheilige: die Kirchenlehrerin Katharina von Siena (+ 1380) , die Mystikerin Brigitta vom Schweden (+ 1373) und die Philosophin und Märtyrerin der NS-Zeit Edith Stein (+ 1942).

Holzskulpturen und großformatige Ölbilder dieser drei Männer und drei Frauen, die in unterschiedlichen Epochen zur Ehre der Altäre gelangten, begrüßen die Besucher der aktuellen Ausstellung "Heilige in Europa" im Österreichischen Museum für Volkskunde. Ihr Untertitel "Kult und Politik" vermittelt einen kritischen Ansatz. Damit beleuchtet die Schau, die 440 Objekte aus Museumsbeständen und von internationalen Leihgebern umfasst, "einen Aspekt jenseits des wohlbeackerten Feldes ethnographischer Frömmigkeitsforschung", wie Direktorin Margot Schindler in ihrer Eröffnungrede feststellte.

Ulrichskreuz © ÖMV

Bei der Kombination "Heilige" und "Volkskunde" denkt man üblicherweise an die so genannte Volksfrömmigkeit, Forschungen zur populären Religiosität, traditionelle Gestalten, Votivbilder, Klosterarbeiten und ähnliches. Objekte dieser Art sind auch in der Ausstellung zu sehen, unikale Exponate - wie Urkunden zur Heiligsprechung des Markgrafen Leopold - ebenso wie die Massenware der kleinen Andachtsbilder. Aber, so Kurator Herbert Nikitsch, "Es geht hier nicht um Religion als subjektives Erlebnis einzelner Menschen, sondern um den profanen Einsatz von Religion zu nichtreligiösen Zwecken." Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Märtyrerpriester Johannes Nepomuk, der 1393 Opfer eines politischen Mordes und mehr als 330 Jahre später (1729) kanonisiert wurde. Unzählig (und in einer Auswahl präsentiert) sind die Nachbildungen der "Nepomukszunge", die 1719 angeblich unverwest gefunden wurde und künstlerische Darstellungen der Beichte der Königin. Der Patron des Beichtgeheimnisses war jedoch nie offizieller Beichtvater der Königin, sondern er widersetzte sich der Einmischung König Wenzel IV. in kirchliche Angelegenheiten. Der frühere Direktor des Volkskundemuseums, Leopold Schmidt, hatte schon 1971 geschrieben: "Nach der völligen Wiedergewinnung Böhmens für Habsburg wurde die Erhebung eines böhmischen Landespatrons zu einer religiös-politischen Notwendigkeit … Mitunter sind auch die persönlichen Beziehungen des Adels zu erkennen, der die Einführung des böhmischen Heiligen als neuen Patron direkt auf sich nimmt." Die Heiligsprechung 1729 feierte man mit größtem Pomp, nicht nur am kaiserlichen Hof, sondern auch mit Gottesdiensten, Predigten, Flugblattdrucken und Devotionalien in Stadt und Land. Der Kult wurde mit aller Kraft forciert. Seither stehen die Figuren des populären Wasser- und Wegeheiligen "an jedem Steg, an jeder Bruck". Seit neuestem ist er auch Patron der Wiener U-Bahn. Im kommunistischen Osteuropa galt Johannes Nepomuk als Symbolgestalt des Widerstands gegen die Einmischung der Staatsgewalt in kirchliche Belange. 1973 ließ die tschechoslowakische Regierung die "Zunge" untersuchen, die Expertenkommission kam zu dem Schluss, dass es sich dabei um Gehirnsubstanz handle.

© ÖMV

"Vom Sakralen in der Politik" übertitelt die Kuratorin Kathrin Pallestrang ihren Beitrag im Katalog. Hier spielen nicht nur Heilige und Feste eine Rolle, die propagandistisch "gegen Türken und Protestanten" eingesetzt wurden. Auch die französische Revolution und ihre Folgen, die einen eigenen Kalender, ganz ohne Heilige, kreierte und kirchliche Reaktionen auf das "Arbeiterproblem" des 19. Jahrhunderts. Die Verehrung Josef des Arbeiters und der Magd Notburga wurden nun gezielt gefördert. Katalogbeitrag und Artikel gehen bis in die Gegenwart. In der Schau ist es das Kapitel "Innovation". In dieses fallen die 482 Heilig- und 1338 Seligsprechungen durch Papst Johannes Paul II. (1978-2005), welche die Zahl der bis dahin durchgeführten Kanonisationen (302 Heilig- und rund 980 Seligsprechungen zwischen 1594 und 1978) weit überschreitet. Das Seligsprechungsverfahren für den Papst selbst läuft seit 2005. Es begann, völlig unüblich, schon kurz nach seinem Tod. Dem Recht, der Geschichte und den Intentionen der Kanonisation widmet sich ein eigener Raum. Im Katalog erklärt Andreas Lotz, der Vizekanzler des Wiener Ordinariates, das Verfahren. Der erste förmlich Heiliggesprochene der römisch-katholischen Kirche war Bischof Ulrich von Augsburg (+ 973, kan. 993). Er spielte eine wichtige Rolle in der Abwehr der damals noch nicht christianisierten Ungarn. "Ulrichskreuze", Devotionalien mit Segensformeln und Abbildungen der Schlacht auf dem Lechfeld (955), waren besonders im 17. Jahrhundert beliebte Schutzzeichen gegen Unwetter, Krankheit und Rattenplagen. Einige Exemplare sind hier ebenso zu sehen, wie ein gotisches Glasfenster, das den Heiligen mit seinem Attribut, einem Fisch, zeigt. Eindrucksvolle Holzskulpturen des hl. Martin von Tours und des Apostels Petrus bilden weitere Blickpunkte dieser Abteilung.

Hl. Franziskus, © ÖMV

Das dritte große Kapitel nennt sich "Tradition". Bis heute markieren bestimmte Heiligenfeste den Jahreslauf, dargestellt durch historische Kalender. Die Vorbildwirkung der Heiligen für den Alltag der Gläubigen illustrieren Gemälde wie der "Himmels- und Höllenweg" oder "Das jüngste Gericht". Hier kommt auch die protestantische Volksfrömmigkeit - mit Terrakottabüsten des Reformators Martin Luther ( + 1546) und des Verfassers des Augsburgischen Bekenntnisses, Philipp Melanchton ( + 1560) zu Wort. "Invocatio", die Anrufung der Heiligen, ist durch Votivbilder illustriert, "Veneratio", die ehrende Erinnerung, mit Statuen, Devotionalien und Reliquaren. Unter "Patronate alt - neu" finden sich traditonelle - wie Christophorus, Antonius oder Sebastian - und virtuelle Heilige, wie Prekarius oder Prekaria als "Schutzheilige aller in ungesicherten Verhältnissen" Lebenden.

"Transformation" beschäftigt sich mit der wechselseitigen Beeinflussung von sakralen und religiösen Vorstellungen. Starkult und Politiker-Idole sind hier zu finden, aber auch die Totenmaske des ermordeten Kanzlers Engelbert Dollfuß ( + 1934) und ein Kästchen mit Erde von seinem Grab, das an ein Reliquiar von einem Märtyrergrab erinnert.

Den Abschluss bilden die Heiligen der rund 50 Länder innerhalb der geographischen Grenzen Europas, von Albanien - u.a. die Selige Mutter Teresa - bis Zypern mit Barnabas und Lazarus. Hier findet man viele und vieles, was hierzulande meist unbekannt sein dürfte. So lernt man, dass die durch ihren internationalen Flughafen bekannte Stadt Larnaka nach dem biblischen Lazarus von Bethanien benannt wurde, der nach seiner Erweckung von den Toten hier Bischof gewesen sein soll.