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Ab 21. Oktober 2011
Technisches Museum

"In Arbeit" #

Stechuhr, um 1920 © TMW-Archiv

Die große Ausstellung auf der Galerie in Ebene 3 umfasst zwei große Teile: Kulturhistorisches und Technisches auf 800 m² und eine Mitmachausstellung für Kinder auf 500 m².

Der erste Blick in die Arbeitswelt fällt ins Paradies. Das Panoramafenster provoziert das Spannungsfeld zwischen Darstellungen (Originale im Kunsthistorichen Museum), einem Hochofen als Objekt im Erdgeschoss, einem Schriftband mit Börsenkursen, Hörstationen und sechs LED-Bildschirmen in Form von bewegten Animationen (Künstler: Manfred Rainer) zu den sechs Kapiteln der Ausstellung:

1. hand.zeug

(Hand-)Werkzeug verschiedenster Berufsgruppen ist das Thema des ersten Kapitels. Hinter den banalsten Bewegungsführungen steckt ein vielfältiges Zusammenspiel von Greifen, Halten, Drücken, Tasten, Sägen, Greifen, Schwingen, Führen und Berühren. Jedes Werkzeug ist so gestaltet, dass es auf geeignete Weise zwischen Hand und Werkstoff vermittelt: Handbuch, Handy, Säge, Kassa … Am Beispiel des Messers in seinen zahlreichen Ausformungen wird das kulturelle Umfeld in Beziehung zum Werkzeug gesetzt.

2. werk.raum

Modell Wiener Molkerei, um 1907 © TMW

Das zweite Kapitel ist ein Spaziergang durch die Geschichte von „Werkräumen“ und Arbeitsumgebungen. Modelle veranschaulichen die Entwicklung. Keimzelle der Fabrik war die Manufaktur. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte allmählich der Übergang zur industriellen Produktion. Seit dem Beginn der Industrialisierung wurde die Fabrik zum epochemachenden Ort für die Entwicklung neuartiger Konzepte des Arbeitsplatzes und für das Verständnis von Arbeit überhaupt. Mit der Ausweitung des Handels, zunehmend differenzierter Güterproduktion und als Antwort auf die Bedürfnisse des modernen Staatswesens entstand das Büro. Es war sowohl konkreter Arbeitsraum als auch Synonym für Organisation und Kontrolle. Im 20. Jahrhundert vervielfachte sich in den Industriestaaten die Zahl der Arbeitsplätze in Büros. Zum Vergleich: 1869 arbeiteten 53,8 % der österreichischen Bevölkerung in der Landwirtschaft, 23,6 % in Bergbau, Industrie und Gewerbe und 22,6 % in Dienstleistungsberufen. 1934 hatte sich das Verhältnis auf 37,1 % - 32,1 % und 30,8 % verschoben. 2009 lag die Agrarquote nur noch bei 5,5 %, die Produktion bei 24,7 und der Dienstleistungssektor bei 69,8 %.

3. menschen.maß

Gildschmiedetisch, 19. Jahrhundert © TMW

Im dritten Kapitel erfolgt ein Blick auf den menschlichen Körper im Arbeitsprozess vor und seit der Industrialisierung. Geräte und Maschinen geben Bewegungen und Körperhaltungen vor und strukturieren die jeweilige Tätigkeit. Seit dem Einsetzen der Industrialisierung wurden Arbeitsabläufe zunehmend beobachtet und untersucht. Daraus resultierten Maßnahmen technischer, ökonomischer und organisatorischer Natur, um größere Produktionszahlen bei höherer Effizienz zu erzielen. Diese Schritte zur Rationalisierung haben nicht nur den Charakter und die Bewertung von Arbeit grundlegend verändert, sondern auch die dabei stattfindenden körperlichen Tätigkeiten und psychischen Leistungen. Neben dem Aspekt der Rationalisierung wird unter anderem ein Goldschmiedetisch gezeigt, der sich in seiner Negativform an den arbeitenden Körper anpasst, ferner ein Jacquardwebstuhl, der nach dem Lochkartenprinzip arbeitete.

4. rang.ordnung

Tischtelefon, 1943 © TMW

Im vierten Kapitel geht es um Rang und Ordnung als soziale Faktoren im Arbeitsleben. Wo Menschen zusammenarbeiten, wird der Arbeitsablauf strukturiert, indem jeder und jede eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hat. Dabei wird auch festgelegt, wer wem unterstellt ist. Organisiert wird der Arbeitsablauf entweder durch Anweisungen von oben nach unten für jeden Arbeitsschritt, oder indem die Mitarbeiter selbstständig mit größerer Eigenverantwortung ihre Aufgaben erledigen. Manche Aufgaben gelten als mehr, andere als weniger wichtig. Aus dieser Ungleichheit ergeben sich Rangordnungen der Arbeitenden. Sie drücken sich auf viele Arten aus, zum Beispiel durch Unterschiede in der Kleidung, und zeigen zugleich den jeweiligen Rangplatz in der Gesellschaft an. Die Themen „Rang“ und „Ordnung“ werden mittels Fabrikordnungen und Kontrolluhr, „Amtskappeln“ und Chefschreibtisch sichtbar gemacht.

5. schweiß.perle

Glasgießerei, um 1920 © TMW-Archiv

Das fünfte Kapitel präsentiert Arbeit zwischen Pflicht und Leidenschaft. „Ohne Schweiß kein Preis“ heißt ein bekanntes Sprichwort. Arbeit, als Erwerb ebenso wie auch unbezahlt, ist häufig mit Mühsal verbunden. Die Sichtweise, ob Arbeit Freude oder Pflicht ist, wird durch die persönliche Lebenssituation ebenso bestimmt wie durch Freiwilligkeit bzw. Zwang. Fragestellungen wie „Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Arbeiten müssen oder arbeiten dürfen?“ tauchen in diesem Kapitel auf. Die schweißtreibende Arbeit in der Glashütte, ein Wäscheberg als Symbol für die Mühsal der nie endenden unbezahlten ,,Reproduktionsarbeit“, Arbeit als Sport und Spiel oder auch als symbolischer Akt, die verschwimmenden Grenzen von Arbeit und Feierabend, das Nicht-Arbeiten – also Freizeit – sowie das Thema Erwerbslosigkeit zeigen Schweiß und Perlen des Arbeitslebens.

6. not.verband

Schutzbrillen, um 1900 © TMW

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit Gefahren, die bei der Arbeit entstehen, und den Schutzmaßnahmen. Standen früher körperliche Verletzungen im Vordergrund, so beschäftigen uns heute mehr die psychischen Gefahren: „Burnout“ und „Mobbing“ sind als Thema in den Medien ständig präsent. Der mehrdeutige Begriff „not.verband“ ermöglicht darüber hinaus gedankliche Assoziationen mit historischen und aktuellen Protestkundgebungen sowie mit sozialen Bewegungen, die im Zusammenhang mit Arbeit entstanden sind. Not verbindet, zumindest manchmal. In diesem Abschnitt verdeutlichen ein historischer Sanitätskasten, das Modell einer Schießpulverstampfe sowie eine Schautafel mit Kieferknochen, die durch Phosphornekrose zerstört wurden, die Breite des Gefahrenspektrums. Ein Telefonvermittlungsschrank vom Beginn des 20. Jahrhunderts dient als Zeuge für den gestressten Alltag der Telefonistinnen. Der Nachbau einer Figur des Schutzheiligen „San Precario“ zeugt vom Einfallsreichtum moderner Protestbewegungen, die sich gegen bestehende Arbeitsverhältnisse zur Wehr setzen.

In Arbeit #

Mitmachausstellung #

© Nadia Budde

Der Bereich für Kinder und Jugendliche ist als große Spielfläche gestaltet, die an das Gesellschaftsspiel "DKT" erinnert. Kinder werden früh mit Arbeit konfrontiert, aber sie nehmen diese anders wahr als Erwachsene. Für junge Menschen ist der Übergang in die Arbeitswelt oft von Unsicherheit begleitet. Mit Witz und Phantasie haben die Kuratoren diesen interaktiven Teil der Ausstellung gestaltet und versucht, Arbeit mit den Augen der Kinder zu sehen. Stationen sind 1. Baustelle - 2. Teddybärenfabrik - 3. Arbeitszimmer - 4. Schatzkammer - 5. Schutzhütte und 6. Traumhaus.

Ein Begleitheft, eine digitale QR-Rätselrallye beziehen sich besonders auf diesen Ausstellungsteil. Außerdem gibt es einen informativen illustrierten Katalog und ein reiches Rahmenprogramm.