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Bis 26. April 2011
Liechtenstein Museum

Das Prunkservice des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen#

Kandelaber, Porzellan und vergoldete Bronze, um 1790 ©  Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein Vaduz-Wien

Extravagante Speiseservice aus Gold oder Silber spielten bei den Festen und Banketten der höfischen Gesellschaft im Europa des 18. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle. In der Habsburger Monarchie wurden die meisten dieser Service jedoch schon bald nach ihrer Herstellung eingeschmolzen, um Kriege, vor allem gegen Napoleon Buonaparte, zu finanzieren.

Eines der wenigen erhaltenen Ensembles dieser Art ließen Herzog Albert Casimir von Sachsen-Teschen (1738–1822) und seine Gemahlin, Erzherzogin Marie Christine von Österreich (1742–1798), eine Tochter Maria Theresias, zwischen 1779 und 1782 anfertigen. Das Service wurde vom Wiener Hofgoldschmied Ignaz Joseph Würth (1742–1792) hergestellt und besteht aus mehr als 350 Teilen, darunter Weinkühler, Terrinen, Speiseglocken, Saucenschüsseln, Kandelaber und Leuchter sowie 24 Dutzend Silberteller und Besteck aus Silber und Gold mit Porzellanelementen. In seiner herausragenden Qualität stellt es den Inbegriff des Wiener Klassizismus dar.

Für die Ausstellung im Liechtenstein Museum wurde eine Tafel für 24 Personen rekonstruiert. Die Schau zeigt außerdem französische Silbergegenstände aus der Zeit des Klassizismus und weitere Ignaz Joseph Würth zugeschriebene Werke. Spektakulär sind vier kürzlich restaurierte 3 m hohe Kandelaber, wobei der Hofgoldschmied vergoldete Bronzefassungen von Porzellanen ostasiatischen Ursprungs - wahrscheinlich für Fürst Franz Joseph I. von Liechtenstein (1726/1772–1781) - schuf. Zwei Vasen aus Versailles, ebenfalls von Würth montiert, und eine hochkarätige Terrine dieser Epoche aus Pariser Privatbesitz, die noch nie öffentlich gezeigt worden ist, geben ein eindrucksvolles Bild von der Prachtentfaltung kurz vor der französischen Revolution.

Zeremonien, Feste, Kostüme #

'Amerika', um 1750 ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Maria Theresia (1717-1780) regierte 40 Jahre lang. Zwischen 1740 und 1780 vollzog sich der Wandel vom ausgehenden Barock über das Rokoko bis zur beginnenden Aufklärung. Die Kleinplastiken, die in der maria-theresianischen Epoche in der kaiserlichen Porzellanmanufaktur entstanden, spiegeln diese Entwicklung. Sie dienten zur Dekoration von Räumlichkeiten und Festtafeln sowie dem Amüsement der Gastgeber und Gäste. Abgesehen vom künstlerischen Aspekt lassen sie auch Schlüsse auf die höfische und Alltagskultur zu, zeigen Mode, Feste, Jagd und andere Vergnügungen der Oberschichten wie des "gemeinen Volks".

Die früheste europäische Porzellanerzeugung orientierte sich an asiatischen Vorbildern. Chinesische Porzellanfiguren wurden um 1700 in großer Zahl nach Europa exportiert, um 1750 aber auch schon von der Wiener Manufaktur imitiert. Damals waren Allegorien der Erdteile Europa, Asien, Afrika und Amerika beliebte Sujets. Die Darstellungen zeigen weibliche Figuren - wie die Amerika, die als "schöne Wilde“ auf einem Krokodil sitzt und einen Kakadu hält. Sie trägt das Federkleid der amerikanischen Ureinwohner, eine Federkrone und exotisch reichen Schmuck aus Gold mit bunten Edelsteinen.

'Knabe mit Maultrommel', L. Lücke, um 1750  ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Der Dresdener Hofbildhauer Johann Christoph Ludwig Lücke (um 1703-1780) gilt als außergewöhnlichster Modellmeister der Kaiserlichen Porzellanfabrik zur Zeit Maria Theresias. Hoch gebildet, unterschied er sich von seinen Wiener Kollegen durch seinen Abenteuergeist und Experimentierwillen, die ihn in die Nähe du Paquiers rückt, dem Gründer der Wiener Porzellanmanufaktur. Es war Lückes Aufgabe, das künstlerische Niveau des Warenangebots - Figuren und Gebrauchsgegenstände - anzuheben, was ihm hervorragend gelang. So schuf er eine Allegorie der Jahreszeiten mit Kindern. Ein Knabe, der Maultrommel spielt - ein in südlichen Gegenden beliebtes Hirteninstrument- symbolisiert den Sommer, während ein Bub mit Weintrauben für den Herbst steht. Sein mit 1000 bis 1500 Gulden bemessenes Jahressalär war nur mit dem des Manufakturgründers oder des Fabriksadministrators vergleichbar. Kurz nach dem Tod du Paquiers, verliess Lücke Wien.

'Merkur', um 1750  ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Drei Jahre nach der Übernahme der Manufaktur durch die Kaiserliche Hofkammer, die die Porzellanfabrik ab diesem Zeitpunkt finanzierte, kam eine neue Unternehmensphilosophie zum Tragen. Sie sollte sich nicht nur in einer quantitativen Steigerung der Produktion niederschlagen – man produzierte nun vor allem Figurenserien –, sondern auch in einer qualitativ-künstlerisch begründeten Neuausrichtung. Von der Kaiserlichen Hofakademie berief man Johann Joseph Niedermayer (1710–1784) als Modellmeister. Er vertrat einen eleganten, klassizierenden Stil, wie beispielsweise bei der umfangreichen Serie von mythologischen Figuren mit antikisch-statuarischer Wirkung. Der Götterbote Merkur - charakterisiert durch Stab und Flügelhelm - zählt zu den späteren Vertretern der mythologischen Serie.

'Hundedressur', um 1750  ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Die Darstellungen von Gesellschaftsszenen und Kostümfiguren sind heute wertvolle historische Dokumente zur höfischen Kleidung. Sie bestand um 1750 aus einem geschnürten Mieder und dem Reifrock samt Oberkleid. Unter den Ärmeln trugen man Manschetten aus mehreren Reihen Brüsseler Spitzen. Die modisch geschnittene Jacke der Dame mit Glockenärmeln ist in den bevorzugten Farben der Zeit gehalten. Darüber hinaus geben die Figuren Auskunft über höfische Lebenskultur und Lustbarkeiten. Das Vorführen dressierter, menschlich verkleideter Tiere zählte zu den beliebten Vergnügungen der Rokokozeit in Wien. Die Dame ist als Gegenstück zu einem Kavalier mit dressiertem Hündchen konzipiert, wobei die Tiere als Spiegelbild ihrer jeweiligen Besitzer verkleidet sind.

'Brezelverkäufer', um 1755  ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Die Kaufruf-Figuren aus den ersten Jahren der Kaiserlichen Manufaktur sind meist realitätsbezogene Darstellungen von Bauern, Wanderhändlern oder Handwerkern. Eine bekannte Vorlage war das Kupferstichwerk "Der Kaufruf in Wien" von Johann Christian Brand, Professor an der Hofakademie. Sie dienten auch als Vorbild für Kostümfeste des Adels, wobei wie bei der Verkleidung als Bauern, Schäfer, Bettler oder Bedienstete verschwenderischer Luxus zur Schau gestellt wurde: absichtlich zerrissene Spitzenhemden und prächtige Kleider, die mit Flicken besetzt waren, durchlöcherte Strümpfe, aufgeschnittene Schuhe, zerrissene Spitzenhemden und zerzauste Haare waren bei höfischen Maskeraden üblich. Der Brezelverkäufer entspricht hingegen dem Vorbild im Brand'schen Kaufruf. Er trägt die typischen Attribute: eine mit Stoff ausgeschlagene Butte, in der sich die Backwaren befanden, einen Stab, auf dem die Brezeln zum Verkauf feilgeboten wurden, eine Schürze, und eine kleine Flöte, mit der er auf sich und seine Ware aufmerksam machte.

'Kindergruppe mit Äffchen', um 1765  ©  Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen Wien

Im Rahmen der Exotismus-Mode waren Affen um die Mitte des 18. Jahrhunderts in adeligen Haushalten beliebte Tiere. Sie finden sich auch in Darstellungen häuslicher Szenerien in Porzellan. Bei dieser Gruppe musizieren zwei Knaben mit gepuderten Perücken - wohl bei einem Kostümfest - mit einem als Hanswurst verkleideten, dressierten Affen.

Zu den beiden aktuellen Ausstellungen sind zwei reich illustrierte Kataloge (je € 29,-)erschienen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm erwartet Kinder und Erwachsene im Liechtensteinmuseum.