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Bis 6. Juli 2014#

Möbelmuseum
Böse Dinge

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Der Titel trügt. Dinge können nicht "böse" sein, nur das Verhalten der Produzenten oder Konsumenten. Genau so wenig ist "gutes" Design zu definieren. Der deutsche Kunstgeschichteprofessor und Museumsdirektor Gustav E. Pazaurek (1865-1935) hat es um die Jahrhundertwende trotzdem versucht. Als Kind seiner Zeit, in der sich Bewegungen wie Arts and Craft in England, der Werkbund in Deutschland oder der Schweizer Heimatschutz als Geschmackserzieher engagierten, verfasste er eine Enzyklopädie des Ungeschmacks. Dabei ließ er es nicht bei martialischen Formulierungen bewenden. 1909 eröffnete er im von ihm geleiteten Stuttgarter Landesgewerbemuseum eine "Abteilung der Geschmacksverirrungen". Eine seine Leitlinien war: "Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen." An Exponaten hatte das "furchtbare Extrakabinett" keinen Mangel. Die von ihm so genannten "Schundwaren" und "Hausgreuel" entstammten der im 19. Jahrhundert massiv einsetzenden industriellen Produktion. "Mit der Entwicklung der Technik und den enormen Fortschritten der chemischen Industrie konnten billige Ersatzstoffe an die Stelle kostbarer, echter Materialien und Massenanfertigungen an die Stelle exklusiver, aber auch einfacher handwerklich gefertigter Dinge treten. Gleichzeitig hatte die neue Gegenstandskultur noch keine eigene Formensprache gefunden", schreibt Imke Volkers in der Publikation "Böse Dinge".

Die "Stuttgarter Folterkammer" war reich bestückt, sie wurde nach einem Vierteljahrhundert, ein Jahr nach der Pensionierung Gustav Pazaureks, geschlossen. 600 Objekte haben in den Museumsdepots überlebt. 50 sind jetzt in Wien zu sehen, dazu weitere passende Exponate. Die Ausstellung des Berliner Werkbundarchivs entstand in Kooperation mit dem Wiener Hofmobiliendepot. Zuerst war sie im Werkbundarchiv - Museum der Dinge, Berlin, im Gewerbemuseum Winterthur, Schweiz, und im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen. Ergänzt wird sie durch gegenwärtige Schaustücke und heutige Perspektiven auf die Fehlersystematik. Der Kunsthistoriker sammelte und polemisierte nicht nur, er verfasste auch einen Kriterienkatalog der "Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe". Die Ausstellungsgestalter haben ihn zusammengefasst und mit Beispielen illustriert.

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Zunächst geht es um "Materialfehler". Dazu zählt "schlechtes und verdorbenes" ebenso wie "wunderliches" Material, "Materialpimpeleien" (langwierige Freizeit-Bastelarbeiten aus minderwertigen Stoffen, die den Eindruck eines kunstgewerblichen Erzeugnisses machen, z.B. Arbeiten aus Zündhölzern), "Material-Vergewaltigungen" (kuriose Virtuosenstücke aus ungeeignetem Material, z.B. Möbel aus Porzellan), "Protzereien" (z.B. auf Seide gedruckte Kupferstiche), "Material-Übergriffe" (z.B. Gusseisen in Holzformen), Attrappen (z.B. elektrische Kerzen), Surrogate (z.B. Elfenbeinimitationen aus Zelluloid) und "umgekehrte Surrogate" (Der Ersatzstoff ist teurer als das Originalmaterial, z.B. geflochtenes Bronzekörbchen).

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Die zweite Gruppe umfasst "Konstruktionsfehler" (auch: Zweckform und Technik). "Relieftranspositionen" nennt der Kritiker die Übertragung von Bildern ins Dreidimsionale. "Ungünstige Gewichtsverteilung" ist z. B.bei zu schweren Besteck-Griffen oder zu leichten Blumenvasen gegeben. "Unzweckmäßige Objekte" sind solche, bei denen die Verzierung auf Kosten der Gebrauchsfähigkeit geht, oder die dem "Kampf gegen den Staub" widerstehen. "Zweckkollisionen" entstehen bei Gegenständen, die mehrere Funktionen erfüllen sollen, wodurch ihr Gebrauchswert leidet (z.B. "Messer, Ohrlöffel, Zahnstocher und Riechdöschen"). "Funktionelle Lügen" spiegeln falsche Tatsachen vor, z. B. scheinbar verschlungene Säulen. In die Kategorie "Konstruktionsattrappen und Künstlerscherze" fallen Gestaltungen, die mit dem Zweck des Gegenstandes keinen Zusammenhang haben, z.B. Trinkgefäße in Tierform. "Technikpimpeleien" sind zeitraubende technische Absonderlichkeiten, z.B. Automatenspielereien. "Technik-Surrogate" ahmen aufwändige Handwerkstechniken nach, z. B. Pressglas statt Kristallschliff. "Patenthumor" zeichnet unnütze Erfindungen aus, z. B. ein leuchtender Hut. "Billige Originalität" steht für grobe Fälschungen und Plagiate.

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Zahlreich präsentieren sich die "Dekorfehler" (auch: Kunstform und Schmuck). "Abnorme Formen" sind z.B. Proportionsverzerrungen auf Kosten der Klarheit und Funktionalität, z. B "stelzfüßige Stühle". "Ornamentwut und Schmuckverschwendung" kennzeichnen geradezu historistische Möbel und Alltagsgegenstände. "Schmuck an falscher Stelle und in falscher Richtung" sieht man z.B. bei einer Emailkuh "mit goldenen Rokokoschnörkeln auf dem Körper, dazwischen bunte Genrebilder". Bei den "Dekor-Brutalitäten" überlagern und verdrängen sich die Dekorationen gegenseitig, z. B. Möbelbeschläge auf Intarsien. "Dekor-Surrogate" (z. B. gemalte Mosaiken) und "Dekor-Übergriffe" (z. B. marmoriertes Holz) widersprechen der Materialehrlichkeit. Einfallslose Muster gehören zu den "Dekor-Primitivitäten". Als "Hausknechtswesen" oder "Hemsdärmelkultur" brandmarkt der Museumsdirektor unangebrachte Derbheit, wie Rekurse auf bäuerliche Volkskunst. Zufallsmusterungen ("Zufall und Rezept") missfallen ihm so wie "unpassende Schmuckmotive" oder "zeit- und landfremder Schmuck", z. B. "gotische Dampfmaschinen". "Übertriebene Oberflächenbehandlung" (z. B. Irisierung, Perlmuttglanz) passt ebenfalls in dieses Kapitel.

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All das kulminiert in der Kategorie "Kitsch" (auch Nippes, Galanteriewaren). Als Definition findet sich in der Ausstellungspublikation: "Billige, unkünstlerische Massenware ohne Rücksicht auf angemessene Materialverwendung, Formensprache und Dekoration, die sich auch um ethische Forderungen nicht kümmert und mit der möglichst hoher Profit erzielt werden soll. Die Minderwertigkeit dieser Produkte wird daher oftmals geschickt mit patriotischen und religiösen Motiven kaschiert." Die Unterkategorien sprechen für sich: "Hurrakitsch" (besonders Weltkriegsgreuel), "Devotionalienkitsch", "Geschenkkitsch" (besonders Hochzeitsgeschenke), "Fremdenartikelkitsch" (z. B. Postkarten, Souvenirs), "Reklamekitsch", "Aktualitätskitsch".

Nach mehr als einem Jahrhundert wirkt Pazaureks Fehlersystematik "manchmal faszinierend bizarr, manchmal befremdlich und irritierend … dabei aber bis heute auch sachlich und treffend", schreibt Kuratorin Imke Völkers. Befremdlich und irritierend wirkt die Auswahl alter und neuer Objekte in der Ausstellung, die auch Stücke aus Nymphenburger oder Meissner Porzellan oder heutiger Designer (Firma Allessi, nordisches Design) beinhaltet. Völkers verweist darauf, dass es in der Postmoderne den "einen" Geschmack nicht gibt. Im Zeitalter des Stilpluralismus würden Diversität und Abwechslung befürwortet und die Subkategorie Kitsch liebevoll reflektiert - bis hin zum "guten schlechten Geschmack". Dafür sind neue Kategorien für "böse Dinge" dazugekommen, wie "Förderung von Gewaltakzeptanz", "Jugendgefährdendes Spielzeug", "Kinderarbeit", "Ressourcenverschwendung", "Umweltverschmutzung", "Kadaver-Chic" (Dinge, die die unbedingte Macht des Menschen über die Tierwelt inszenieren, z. B. Trophäen), "Artenschutzverbrechen", "Sexistische Gestaltung", "Rassistische Gestaltung", "Überzogenes Exklusivitätsgehabe" und "Geplante Obsoleszenz" (Verkürzte Lebensdauer von Produkten, um künstlich Bedarf zu erzeugen).

Die Ausstellung bringt eine Reihe von Denkanstößen, mehr noch die Publikation (weil nachhaltig und immer wieder ). Sie ist der dritte Band der Reihe "Schaukasten" des Werkbundarchiv- Museum der Dinge. Kuratorin Imke Volkers stellt Pazaureks vergessene Sammlung mit ihren Hintergründen und das Ausstellungskonzept vor. Die leitende Kuratorin des Werkbundarchivs, Renate Flagmeier, beschäftigt sich mit der problematischen Begrifflichkeit in Pazaureks Schriften. Der Mediziner, Jurist und Publizist Rainer Erlinger referiert über das Verhältnis von Design und Ethik. Von Katharina Küster-Heise vom Landesmuseum Württemberg stammt das Kernstück der Publikation: Eine Zusammenfassung der Fehlersystematik mit Objektbeispielen, deren Übertragung auf die heutige Produktkultur und die Erweiterung um zeitgenössische Fehlerkategorien. Im Anschluss daran beleuchtet sie drei Gegenstände aus der Originalsammlung. Schließlich werden Ausschnitte aus Pazaureks Streitschriften und Pressekritiken seiner Sammlung wiedergegeben, wie: "Die eigenartige Sammlung ist zunächst bestimmt, den schlechtesten Geschmack des Publikums zu bekämpfen. Damit allein hat sie schon ihre Existenzberechtigung bewiesen, ob sie den schlechten Geschmack auch besiegen wird, ist eine spätere Frage."

Buchtipp:
Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks nach Gustav E. Pazaurek. Hg. Werkbundarchiv - Museum der Dinge Berlin 2013. € 15,- erhältlich im Möbel-Museum