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Jüdisches Museum Wien

Bis 4. Oktober 2015#

Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard

Palais Todesco
Nachdem Kaiser Franz Joseph 1857 den Abbruch der Stadtbefestigung beschlossen hatte, sollte an ihrer Stelle ein Prachtboulevard mit öffentlichen Repräsentationsgebäuden, Parks und palaisartigen Wohnhäusern entstehen. Finanzielle und unternehmerische Unterstützung kam von jüdischen Entrepreneurs. Sie waren die ersten, die Grundstücke an der neuen Ringstraße erwarben. Diese Adresse galt als Zeichen der lang ersehnten gesellschaftlichen Akzeptanz. Rund 44 Prozent der privaten Parzellenerwerber ware Juden. Die prächtigen Palais tragen noch ihre Namen - Todesco, Schey, Königswarter, Goldschmidt, Ephrussi, Lieben oder Auspitz. Sie engagierten prominente Architekten, die den unverwechselbaren "Ringstraßenstil" prägten. Einige, wie Max Fleischer oder Wilhelm Stiassny machten sich auch im Synagogenbau einen Namen.

Puppenstube im Stil eines Ringstraßensalons, 1893

Die Ringstraßenpalais mit ihren "Salons" wurden zu wichtigen Orten des Austausches für Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler. Jüdische Unternehmer und Bankiers trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit bei und traten als Kunstsammler und Mäzene in Erscheinung. Öffentliche Einrichtungen an der Ringstraße, wie die große Museen, der Musikverein oder das Künstlerhaus wurden mit ihren Beiträgen finanziert und erhielten Exponate gestiftet. Darüber hinaus fühlte sich die Elite verantwortlich, die vielen armen Juden zu unterstützen, die in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen aus allen Teilen der Monarchie in die k.u.k. Residenzhauptstadt Wien strömten. Die großbürgerliche Ringstraßengesellschaft mit ihrem Lebensstil, der das Wohnhaus als Gesamtkunstwerk verstand, ist ebenso Inhalt der Ausstellung, wie die sozialen Gegensätze und der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts.

Familie Lieben, um 1870

Auch die Entstehung der Psychoanalyse fällt in den Themenkreis der Ausstellung. "Aufgabe der Männer war es, sich dem Geschäft und der Politik zu widmen und die materielle Basis für den Salon zu schaffen", schreibt die Kuratorin Gabriele Kohlbauer-Fritz im Begleitbuch. "Die Aufgaben der Hausherrin blieben darauf beschränkt, ein Schmuckstück für ihren Mann und charmante Gastgeberin zu sein. … Die Flucht in die Hysterie war für viele großbürgerliche Frauen im 19. Jahrhundert die einzige Möglichkeit, ihrem Unbehagen im goldenen Käfig Ausdruck zu geben." Psychosomatische Störungen und erzwungene Sanatoriums-Aufenthalten waren die Folge. Anna von Lieben, geborene Todesco, ging als "Cäcilie M." in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Doch weder Sigmund Freud noch Josef Breuer konnten ihr helfen.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Schulklassen und einen zweisprachigen Katalog (Amalthea-Verlag, € 29,95)