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Judenplatz#

Der Judenplatz, Wien 1, bildete im Mittelalter unter dem Namen „Schulhof“ den Mittelpunkt der einstigen Judenstadt, die sich neben dem Herzogshof erstreckte. Sie war durch vier Tore von der übrigen Stadt abgeschlossen. Hier befanden sich Schule, Badestube, Synagoge und das Haus des Rabbiners. Die Schule war eine der bedeutendsten des deutschen Sprachraums. Die Gemeinde bestand ab etwa 1190 bis zur Wiener Geserah im Jahre 1421.

Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Jordanhaus, Nr. 2, trägt ein spätgotisches Relief mit der Darstellung der Taufe Jesu im Jordan. Dieses ist nicht nur eine Anspielung auf den Namen des Hausbesitzers, Jörg Jordan, sondern auch auf die Wiener Geserah, die der beigefügte Text gut heißt. Auf Initiative von Kardinal Christoph Schönborn stiftete die Erzdiözese Wien eine Gedenktafel, die Kardinal Franz König am 29. Oktober 1998 enthüllte. Ihr Text lautet: „Kiddusch HaSchem“ heißt „Heiligung Gottes“ Mit diesem Bewußtsein wählten Juden Wiens in der Synagoge hier am Judenplatz — dem Zentrum einer bedeutenden jüdischen Gemeinde — zur Zeit der Verfolgung 1420/21 den Freitod, um einer von ihnen befürchteten Zwangstaufe zu entgehen. Andere, etwa 200, wurden in Erdberg auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Christliche Prediger dieser Zeit verbreiteten abergläubische judenfeindliche Vorstellungen und hetzten somit gegen die Juden und ihren Glauben. So beeinflusst nahmen Christen in Wien dies widerstandslos hin, billigten es und wurden zu Tätern. Somit war die Auflösung der Wiener Judenstadt 1421 schon ein drohendes Vorzeichen für das, was europaweit in unserem Jahrhundert während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft geschah. Mittelalterliche Päpste wandten sich erfolglos gegen den judenfeindlichen Aberglauben, und einzelne Gläubige kämpften erfolglos gegen den Rassenhaß der Nationalsozialisten. Aber es waren derer zu wenige. Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen. „Heiligung Gottes“ kann heute für die Christen nur heißen: Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gottes Heil. 29. Oktober 1998

Schon 1910 bestand der Plan, dem Dichter der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der in seinem Stück „Nathan der Weise“hat Lessing der interkonfessionellen Toleranz ein literarisches Denkmal gesetzt hat, hier mit einem Standbild zu ehren. 1935 wurde eine Plastik von Siegfried Charoux enthüllt, doch schon vier Jahre später entfernt und 1940 für Rüstungszwecke eingeschmolzen. 1968 schuf der selbe Künstler wieder ein Lessing-Denkmal, das zunächst auf den Morzinplatz und 1981 an den ursprünglichen Aufstellungsort kam.

Seit 2000 ist der Platz ein einzigartiges Ensemble des Erinnerns mit dem Mahnmal von Rachel Whiteread für die 65.000 österreichischen Opfer der Schoa. 1995 wurden die Fundamente der 1420 zerstörten Synagoge ergraben, die nun mit Funden einen Teil der Außenstelle des Jüdischen Museums Wien ausmachen. Ein computeranimierter Spaziergang führt in eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, die Anfang des 15. Jahrhundert hier bestand. Ein weiterer Raum ist der Schoa-Dokumentation gewidmet.

hmw

Siehe auch: Symbolik des Hexagramms

Quellen:
Johannes Sachslehner: Schicksalsorte Österreichs. Wien, Graz, Klagenfurt 2009
Lessing-Denkmal     Jordanhaus

Mit Klick vergrößern: Judenplatz © P. Diem
Judenplatz
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Judenplatz
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Mit Klick vergrößern: Jordanhaus am Judenplatz © P. Diem
Jordanhaus
Mit Klick vergrößern: Lessing-Denkmal am Judenplatz © P. Diem
Lessing-Denkmal