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Der Adler #

von Peter Diem

"Der mächtigste König im Luftrevier ist des Sturmes gewaltiger Aar. Die Vöglein erzittern, vernehmen sie sein rauschendes Flügelpaar. Wenn der Löwe in der Wüste brüllt, so erzittert das tierische Heer ... "

-->Buchtext S. 43 ff.
--> Zum Turul, dem ungarisch-türkischen Wundervogel vgl. hier

Adler am Heldenplatz - Foto: P. Diem
Adler am Heldenplatz - Foto: P. Diem
Mit diesen Versen besingt ein Volkslied aus dem 20. Jahrhundert den "König der Vögel". Gleichzeitig bestätigt es die alte Ansicht, dass der König der Tiere zu Lande der Löwe sei. Adler und Löwe sind die beiden wichtigsten Wappentiere Europas. Beginnen wir mit den Bedeutungen, die dem Symbol des Adlers, als des "Königs der Lüfte", seit alters her beigemessen werden. Heute eine vom Aussterben bedrohte Art (Aquila Möhr), zählt der Adler zu den am weitesten verbreiteten und weit in die Geschichte zurückgehenden politischen und religiösen Symbolen. An dieser Stelle soll freilich noch nicht auf seine genaue heraldische Beschreibung eingegangen werden, die ja gerade für Österreich, dessen uraltes Wappentier der Adler ist, große Bedeutung hat. Hier soll vielmehr versucht werden, einige der Assoziationen, einige der "archetypischen" Konnotationen aufzuzeigen, die mit diesem majestätischen Tier verbunden wurden und - gemäß der Theorie vom Fortwirken mythologischer Bestände im kollektiven Unbewussten - vermutlich noch verbunden werden.

Seinem Biotop gemäß gilt der Adler zunächst als Symbol für den Himmel, die Sonne und die göttliche Herrschaft. Seine Kraft, seine Ausdauer, sein scharfer Blick, mit dem er aus größter Höhe seine Beute erspäht, machen ihn zum Symbol des Herrschens und Besiegens. Im weiteren steht er aber auch für das geistige Prinzip, für Befreiung aus der Knechtschaft, für Stolz und königliche Würde.

Der Adler, von dem Aristoteles annahm, er sei imstande, bis an die Sonne zu fliegen und diese mit unverwandtem Blick ins Auge zu fassen, um geradezu mit ihr zu verschmelzen, galt weiters als Symbol der Kontemplation, der spirituellen Erkenntnis, des intellektuellen Höhenflugs. Den Kampf mit erdgebundenen Tieren gewinnt in der Regel der Adler, er stellt so den Sieg des Geistes über die Materie dar. Durch den siegreichen Kampf des Adlers mit der Schlange oder das Festhalten derselben in seinen Fängen (schon im ostasiastischen Garuda-Symbol und später bei Homer) wird der Sieg des Guten/Himmlischen über das Böse/Irdische symbolisiert. Zusammen stellen beide Tiersymbole das Weltganze, die Einheit von Geist und Materie dar. Sehr deutlich findet sich diese Symbolik im Wappen von Mexiko: Nach der Erlangung der Unabhängigkeit von Spanien im Jahr 1821 wurde der auf einem Kaktus sitzende und eine grüne Schlange verschlingende braune Adler 1831 in das Staatswappen aufgenommen. Eine alte Legende hatte schon die Azteken geheißen, sich dort niederzulassen, wo sie einen mit einer Schlange kämpfenden Adler vorfinden würden.

Die ältesten Adlerdarstellungen stammen aus dem Iran und aus Mesopotamien, wo der Adler schon doppelköpfig auf Rollsiegeln vorkommt. Bereits im vierten vorchristlichen Jahrhundert findet sich der Adler auf römischen Münzen.

Garruda - Foto: P. Diem
Garruda - Foto: P. Diem
In der griechisch-römischen Antike gilt der Adler als Begleiter und Symboltier für den Göttervater Zeus/Jupiter. Vielleicht stammt daher die Deutung C. G. Jungs als Vatersymbol (vgl. die links abgebildete griechische Schale aus dem 6. Jh.v.Chr.).Auch als Symbol der Unsterblichkeit war der Adler im Altertum verbreitet. In seinem Flug stieg nach dem damaligen Glauben die Seele des verstorbenen Kaisers zum Himmel. Seit Marius (104 v. Chr.) ist der Adler das alleinige Feldzeichen der römischen Legionen, sein Bild wird zum Inbegriff römischer Weltmacht. Der heilige Adler des Jupiter Capitolinus, des Schutzgottes der Stadt Rom, wird zum "Stammvater aller späteren Wappenadler" (Andreas Kusternig, Adler und Rot-Weiß-Rot, Symbole aus Niederösterreich. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge Nr. 174, Wien 1986, 29). In allen großen Religionen stellt der Adler die Sonne bzw. die Verbindung von Himmel und Erde dar. Im Hinduismus trägt der adlerköpfige Wundervogel Garuda den ordnenden und erhaltenden Gott Vishnu durch die Welten. Im Christentum tritt zum  Gedanken des gottesnahen Tieres der Gedanke der Erlösung hinzu: der zur Sonne fliegende Adler verbrennt sein Federkleid, fällt hinab in das Meer und taucht erneuert wieder auf (Symbol für Taufe und Auferstehung). Der Adler als Symbol für die Inspiration durch die Evangelien und die Majestät des göttlichen Wortes wird als Schmuck für die Kanzel verwendet ("Adlerpult"); er ist das Symboltier des Evangelisten Johannes. Im aus dem Jahr 1680 stammenden Kirchenlied "Lobe den Herren" lautet die zweite Strophe:

Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt, hast du nicht dieses verspüret?

Der auffliegende Adler symbolisiert im Mittelalter das Gebet und die Himmelfahrt Christi. Der frühchristliche "Physiologus" - eine auf Alexandrien zurückgehende naturkundlich-theologische Sammlung - setzt den Adler mit dem Phönix gleich: wieder ein Symbol der Auferstehung Christi; daher auch seine Abbildung auf Sarkophagen und bis heute auf Taufbecken. In negativer Konnotation wird der Charakter des Adlers als Raubvogel (im Griechischen bedeutet „aetos" sowohl Adler als auch Geier - vgl. "Pleitegeier"!) hervorgehoben, daher symbolisiert er gelegentlich auch den die Seele raubenden Teufel. Unter den sieben Todsünden steht der Adler für den Hochmut. Zusammenfassend ist zu sagen:

  • Der ein- oder doppelköpfige Adler ist im weltlichen Bereich das Ursymbol für einen Völker- und Sprachgrenzen übergreifenden, also "königlichen" bzw. "kaiserlichen" Herrschaftsanspruch.
  • Zu seiner uralten weltlichen Symbolbedeutung tritt eine - damit oft in Verbindung stehende - religiöse Funktion: der Adler gilt als der engste Begleiter des Göttervaters. Im Christentum symbolisiert er Christus und die Erlösung.
  • Als weltliches und sakrales "Supersymbol" hatte der Adler somit von vornherein die größten Chancen, zum Zeichen des "Heiligen Römischen Reiches" zu werden, dessen Kaiser sich zumindest anfänglich vom Papst krönen ließen.
  • Und auch die Herrscher und Diktatoren, die sich direkt oder indirekt in die Nachfolge des Römischen Reiches stellten oder stellen wollten - von Napoleon und Franz I. bis Mussolini und Hitler -, bedienten sich des Adlers als eines zentralen, immer auch die Nähe zur Führerperson suchenden und diese symbolisierenden Zeichens. Das gilt übrigens auch für demokratisch gewählte Staatsoberhäupter oder Regierungschefs wie etwa den Präsidenten der USA.

Der römische Adler#

Bild 'legionsadler'
Eine kurze Behandlung des römischen Adlers lohnt sich, weil er nicht zuletzt Vorbild für alle jene Adlerformen war, die sich in der an wechselnden Staatssymbolen nicht gerade armen österreichischen Geschichte entfalteten.Die Römer übernahmen den Adler von den Etruskern und gaben ihn wie die Griechen dem obersten Gott, in ihrem Fall Jupiter, bei; daher auch die Verbindung mit dem Donnerkeil oder den Blitzen, die man ihm in die Fänge legte. Den römischen Legionen wurde der Adler gold- oder silberfarbig auf langen Lanzen vorangetragen. Der Aquila (lateinisch für „Adler“) war das wichtigste Feldzeichen einer Legion der römischen Armee und wurde auf einem Stab von dem Aquilifer („Adlerträger“) vor der Legion hergetragen. Er genoss göttliche Verehrung. Die 1. Kohorte, der er anvertraut war, verfügte über doppelt so viele Männer wie die restlichen Kohorten der Legion. Der Aquila als Symbol für eine Legion wurde 106 v. Chr. von Gaius Marius eingeführt, als er das römische Militärwesen reformierte und zu einer stehenden professionellen Armee machte. Der Adler wurde in der Folge zu einem im gesamten damaligen Machtbereich der Römer bekannten, respektgebietenden Symbol. Schon hier drängt sich die Vorbildfunktion des römischen Adlers für die imperialen und imperialistischen Bestrebungen Napoleons, des italienischen Faschismus und des Nationalsozialismus auf.

Der Adler des Heiligen Römischen Reiches#

Die deutschen Könige des Mittelalters, die nach Italien zogen, um sich dort krönen und so ihren imperialen Machtanspruch auch kirchlich verbriefen zu lassen, übernahmen als Sinnbild der Kaiserwürde in der Nachfolge des römischen Weltreiches auch den römischen Adler. Schon Karl der Große ließ einen vermutlich vergoldeten metallenen Adler an seinem Königspalast in Aachen anbringen, als weithin sichtbares Herrschaftssymbol. Als König Lothar von Frankreich die Kaiserpfalz eroberte, ließ er den Adler zum Zeichen der Inbesitznahme umdrehen. Um die Jahrtausendwende erscheint das Adlerzepter auf den Siegeln der römisch-deutschen Kaiser. Adler und Panther waren auch Wappentiere der Babenberger, die Herzöge von Österreich und Steiermark waren. Erstmals bildlich nachgewiesen ist der österreichische Adler auf einem Siegel im Zusammenhang mit der Erhebung Österreichs zum Herzogtum im Jahre 1156.

Das "Privilegium Minus" - Ursprung des Adlerwappens#

Bild 'roemreich_200h'
Der Reichsadler als Amtssymbol der Herzöge geht auf die Erhebung Österreichs zum Herzogtum am 8. September 1156 auf den Barbinger Wiesen zwei Meilen östlich von Regensburg zurück. Der diesbezügliche „Staatsakt" fand im Zeltlager von Heinrich II. Jasomirgott statt, da dieser für die Abtrennung Österreichs von Bayern auf die bayerische Herzogswürde verzichtete und daher nicht in die Herzogsstadt einzog. Als Symbol des Verzichts übergab er sieben Fahnenlanzen an Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der sie an den Welfen Heinrich den Löwen weiterreichte. Dieser gab darauf zwei von ihnen an den Kaiser zurück, die Barbarossa nun seinerseits Heinrich Jasomirgott überreichte.Damit galt die Markgrafschaft als aus dem Einflussbereich Bayerns herausgelöst; Österreich war nun reichsunmittelbares, erbliches Herzogtum geworden. Der Inhalt dieser rechtsbildenden Zeremonie wurde am 17. September 1156 im sogenannten "Privilegium Minus", der "Magna Charta des deutschen Territorialstaates", mit allen durch sie übertragenen Privilegien festgeschrieben.Ab 1192 scheint der einköpfige Adler als Herrschaftssymbol auch auf der Fahne der österreichischen Herzöge auf. Als Anfang des 12. Jahrhunderts die Heraldik entstand, wurde der Adler zum Wappentier des Heiligen Römischen Reiches - seit Friedrich II. (1210-1250) nicht mehr gold auf schwarz sondern schwarz auf gold. Noch unter Friedrich II. wurde dieses Symbol im ganzen Reich verbreitet. Der Adler war einköpfig, aber bereits nimbiert (der Kopf mit einem Heiligenschein umgeben). Die älteste Abbildung davon findet sich auf den vor 1220 in Palermo entstandenen Handschuhen des Krönungsornates Friedrichs II. in der Wiener Schatzkammer. Sie sind ca. 27 cm lang, aus rotem Samt gefertigt und versehen mit Goldstickerei, Goldapplikationen mit Zellenschmelz, Perlen, Rubinen, Saphiren, Amethysten, Granaten, Spinellen, Korunden Das Adlerwappen wurde mit dem jeweiligen Familienwappen verbunden. 1322 zogen die Gegenkönige Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne von Habsburg bei Mühlbach am Inn unter dem gleichen Symbol in die Schlacht, die der Bayer für sich entscheiden konnte. Zum 14. Jahrhundert hin wurde der Doppeladler zum kaiserlichen, der einfache Adler zum königlichen Symbol. Endgültig und offiziell wurde der Doppeladler von Kaiser Sigismund (1410-1437) als Herrschaftsymbol des Kaisers eingeführt und blieb als solches bis 1806 bestehen. Die Reichsfürsten - von Brandenburg und Preußen über Schlesien und Mähren bis Tirol - nahmen den Adler in jeweils abgewandelter Form ebenfalls an.

Im Rückgriff auf römische Symbole - wie später Mussolini - führte Napoleon anstelle des traditionellen Lilienbanners den antiken imperialen Adler ein, den er dem „ruhenden Löwen", der ihm 1804 vorgeschlagen worden war, vorzog. So entstand der auffliegende goldene Adler auf blauem Grund mit dem Donnerkeil in den Fängen - ein Attribut des Zeus. Der Adler wurde an die Spitzen aller Regimentsfahnen gesetzt. Napoleon setzte übrigens eine komplette Neuordnung des gesamten französischen Wappenwesens durch, die aber ihren Schöpfer nicht überlebte. Die Bourbonen führten nach ihrer Rückkehr 1814/15 wieder die alte französische Lilie ein, während Napoleon III. auf den Adler seines Onkels zurückgriff.

--> Beachte: die beiden Adler an der Einfahrt zum Schloss Schönbrunn gehen NICHT auf Napoleon zurück, sondern waren schon im ersten Entwurf Fischer von Erlachs aus dem Jahr 1721 vorgesehen:

Bild 'entwurf_schoenbrunn'

Der Reichsadler lebt als deutscher Adler weiter#

Bild 'weimar_220h'

Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches (1806) wurde von den deutschen Staaten weiterhin der alte Reichsadler „behelfsmäßig" (A. Rabbow) verwendet. Der Deutsche Bund (1815) führte ihn neben den Wappen der Bundesstaaten. Kaiser Wilhelm I. verfügte 1871 die Einführung des rot bewehrten schwarzen Adlers als Reichswappen, der nach einer Idee des preußischen Kronprinzen Friedrich mit dem hohenzollernschen Wappenschild belegt wurde. Um den Schild wurde die Kette des preußischen Schwarzen Adlerordens gelegt. Die Zeichnung des Reichsadlers stammte von Ferdinand Graf Harrach. Das Deutsche Reich hatte somit auf den von Österreich-Ungarn weiter geführten doppelköpfigen Adler verzichtet. Später wurde der deutsche Reichsadler noch zweimal verändert, bis er mit der Einführung der Weimarer Republik - die sich übrigens weiter „Deutsches Reich" nannte, 1918 erneut modifiziert wurde. Durch ein vereinfachtes, „statisches" Aussehen sollte der imperiale Anspruch abgelegt, die Tradition des Adlers aber fortgesetzt werden. Der Adler wurde seiner monarchischen Insignien und des preußisch- hohenzollernschen Wappenschildes entkleidet - eine mit der österreichischen fast identische Vorgangsweise, die die Kontinuität des Staatsgedankens bei Wechsel der Staatsform zum Ausdruck bringen sollte. Allerdings ging die graphische „Vereinfachung" in Österreich nicht so weit wie bei den radikaleren "Preußen". Der nun sehr „abgeschlankte" deutsche Adler wurde in konservativen Zirkeln als „Pleitegeier" verspottet.

Der faschistische Adler#

Bild 'salo'
Der italienische Faschismus griff massiv auf römische Symbole zurück, so vor allem im Liktorenbündel und in dem - vermutlich den Statuen des Augustus abgeschauten - Gruß mit der (zur Sonne) ausgestreckten rechten Hand (vgl. hiezu den Beitrag über den Faschismus). Der römische Adler wurde zwar zunächst nicht als offizielles  Staatssymbol angenommen, doch wurde er in sehr schwungvoller Form zur Bekräftigung des Anspruches auf das mare nostrum und auf Ostafrika herausgestellt. Die faschistischen Jugendorganisationen ("Ballila") waren nach dem Vorbild römischer Truppen organisiert und führten deshalb auch Imitationen der Legionsadler. Benito Mussolini gab auch nach seiner Gefangennahme und Befreiung durch deutsche Truppen im Jahre 1943 den Anspruch auf das imperiale Adlersymbol nicht auf und ließ den Adler in die italienische Trikolore setzen, um seiner kurzlebigen "sozialen Republik" von Salo ein Staatssymbol zu geben.

Der nationalsozialistische Adler#

Die NSDAP führte nach ihrer Machtergreifung mit folgender „Verordnung des Führers und Reichkanzlers über das Hoheitszeichen des Reiches" vom 5. 11. 1935 ihr auf römische Vorbilder zurückgehendes Parteisymbol als Staatssymbol ein:
"Um der Einheit von Partei und Staat auch in ihren Sinnbildern Ausdruck zu verleihen, bestimme ich: Das Reich führt als Sinnbild seiner Hoheit das Hoheitszeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei."

Der nationalsozialistische Parteiadler, der 1938 auch für die ins Reich einverleibte „Ostmark" Geltung erlangte, unterscheidet sich wesentlich vom „statischen" Adler der Weimarer Republik: Die Schwingen sind machtvoll ausgebreitet, der Kopf auf gedrungenen Schultern hat ein drohendes Aussehen. Silber oder Gold - häufige Farbgebungen - erinnern an römische Vorbilder. In seinen Fängen hält das neue Symbol das von einem Kranz aus Eichenlaub (ein germanisches Ursymbol!) umrandete Hakenkreuz. Adolf Hitler soll durch ein antisemitisches Lexikon auf das Adlersymbol gekommen sein, in dem der Adler als „Arier der Tierwelt" bezeichnet wurde. Ähnlich wie Napoleon und Lenin behielt er sich die letzte Entscheidung über die Form des Adlers vor: entgegen dem Entwurf des Goldschmiedes Gahr wählte er einen auffliegenden Adler, um die Standarte als „aufwärts weisendes" Zeichen zu gestalten. Der NS-Adler wurde 1923 in den Kopf des Parteiblattes „Völkischer Beobachter" aufgenommen, 1928 erschien er auf dem Koppelschloss, ab 1930 bildete er den Dienststempel der NSDAP.

Koppelschloss
Bild 'beide_adler'


Seit der oben erwähnten Einführung des Parteiadlers als Reichsadler ist eine interessante heraldische Beobachtung zu machen: der Parteiadler blickt nach links - gewissermaßen nach Osten -, der von der gesamten Exekutive und vom Heer geführte Reichsadler nach rechts, also gewissermaßen nach Westen. Alois Friedel erklärt, dass ein nach heraldisch links blickender Adler als „Bastard" an und für sich nur für illegitime Linien von Geschlechtern vorgesehen ist. Als Joseph Goebbels einmal auf die Blickrichtung des NSDAP-Adlers angesprochen wurde, war er sichtlich verlegen und antwortete schließlich, der Adler schaue deswegen nach links, weil die Aufgabe der Partei im Osten liege (Alois Friedel, Deutsche Staatssymbole. Frankfurt/Main 1968, 38)

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem
Bild 'aufmarsch'
Dem totalitären Machtanspruch und der „durchgestylten" Propagandamaschinerie der NSDAP entsprechend, beherrschte der Reichsadler bis zum Zusammenbruch 1945 das gesamte öffentliche Leben. Über 25.000 Standartenadler marschierten auf manchen Reichsparteitagen ein. Auf jedem Dokument, auf jeder Uniform, auf jeder Münze prangte dieses NS-Symbol. Auch in Österreich machte sich der römisch-germanische Vogel unmittelbar nach dem „Anschluss" offiziell breit. Der NS-Adler überlebte das Kriegsende in Einzelfällen sogar noch um mehr als ein halbes Jahrzehnt  - vgl. hiezu das Beispiel eines "Arbeitsbuches" mit Eintragungen aus 1952.





Der Adler der Bundesrepublik Deutschland#

Bild 'wappen_brd'
Bild 'de_pres'

Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches" 1945 war der deutsche Nachfolgestaat im Westen, die Bundesrepublik Deutschland, zunächst mehr als vier Jahre ohne Wappen. Am 20. 1. 1950 wurde der 1928 von Tobias Schwab gestaltete "Deutsche Reichsadler" in unveränderter Form wieder eingeführt. In der Folge bürgerte sich immer mehr die Bezeichnung "Bundesadler" ein, woraus man schließen kann, dass die deutschen Großmachtpläne auch im Bewusstsein des Volkes endgültig der Vergangenheit angehören.

Der deutsche Bundespräsident führt eine quadratische Flagge mit einer etwas anderen Form des Adlers. In beiden Fällen handelt es sich um eine streng nach den Gesetzen der Heraldik gestaltete "reine" Adlerform.




Der Adler im österreichischen Bundeswappen#

Nach Jahrhunderten immer neuer Modifizierungen (siehe die Beiträge zur Geschichte von Rot-Weiß-Rot und zum Bundeswappen) wurde der Adler in der Darstellung von 1945 auch in der Republik Österreich heimisch (zum Vergrößern anklicken!):

Bild '1945_sw_gross'

Bild 'Dienstflagge_gross'

Bild 'Bundeswappen_black_gross'



--> Beachte: Der Autor distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Absicht, das Gedankengut autoritärer, faschistischer, nationalsozialistischer und anderer antidemokratischer oder unmenschlicher Systeme zu verherrlichen oder zu propagieren. Die Aufnahme diesbezüglicher Texte oder Bilder in das Austria-Forum dient einzig und allein wissenschaftlichen und aufklärererischen Zielen und einem tieferen Verständnis der österreichischen Zeitgeschichte.


Das Symbollexikon ist eine schöne Sache! Ich habe viel dadurch gelernt. Ihr Max Bruch

--Bruch Max, Freitag, 4. Dezember 2009, 15:58 --> Danke für die Blumen! pd


Ich schließe mich dem Kommentar an: das Symbollexikon ist wirklich eine Bereicherung des Austria-Forums!

--Maurer Hermann, Freitag, 19. März 2010, 12:05



Kommentar aus Aachen#

gefällt mir

-- Herz Walter, Mittwoch, 23. September 2015, 21:14