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Die Farbe Blau#

von Peter Diem

Foto P.Diem
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Das Blau (Kobaltblau oder Ultramarinblau in der Heraldik) wird in schwarzweißer Form durch eine horizontale Schraffur dargestellt. Wie auch bei der Behandlung des senkrecht schraffierten Rot (s.d.) ausgeführt, bedeutet die waagrechte Linie als Ursymbol das weibliche Prinzip.

Zunächst gilt die liegende Strecke als Symbol für den Horizont und die Erdoberfläche, dann für den ruhigen, blauen Wasserspiegel. In der Zeichensprache des Fahrenden Volkes („Zinken") ist der waagrechte Strich die Aufforderung, sich zu ergeben, die Waffen niederzulegen, sich „weiblich" zu geben. Der vertikale Strich fordert hingegen zum „männlichen" Verhalten, zum Widerstand, zum Kampf auf. Durch seinen Bezug zum Himmel und zum Meer weist Blau auf das Unendliche, auf die Ewigkeit hin.

Der Farbe Blau wird aber auch Wahrheit und Festigkeit und damit Treue und Beständigkeit zugeschrieben. Treue signalisiert das Blau auch in mittelhochdeutschen Dichtungen, in der „Frau Staete", die Allegorie der Stetigkeit, einen blauen Überwurf trägt. Blau ist deshalb die Farbe des Sakraments der Ehe. Wir kennen Blau sowohl als die Farbe des Vergissmeinnichts - offenbar eine Ableitung aus dem bei Blau mitschwingenden Treuegedanken - als auch der Kornblume, der wir eine eigene Betrachtung widmen (s.d.).

Je lichter das Blau, umso mehr symbolisiert es Reinheit; daher auch der hellblaue Mantel Mariens. Ihre oftmalige Darstellung auf der Mondsichel läßt Blau ebenfalls als geeignete Farbe für Maria erscheinen. Für das Jesuskind bildet das Blau eine zärtliche, beruhigende, kühlende Umgebung. Dazu tritt das Silber der Mondsichel. Wie wir oben gesehen haben, ist Silber das „weibliche" der beiden Metalle und der Mond das „weibliche" der beiden Gestirne. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Farben Blau-Weiß auf den Abzeichen und Fahnen der Marianischen Kongregation finden. Blau findet sich auch in den Wappen von Maria Taferl, dem Wappen des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. (hier steht der Buchstabe M für Maria) und Maria Wörth:

Bild 'maria'

Die Farbkombination Gold-Blau wurde auch für das an viele Tausende Mütter verliehene Ehrenkreuz der deutschen Mutter gewählt: Sowohl das Kreuz als auch das Band waren in der Kombination Blau-Weiß gehalten.

Als Farbe des Universums kann Blau aber auch zur Farbe des Herrschergottes werden - so bei Wotan, der in der Edda, dem nordischen Heldenepos, einen blauen Mantel trägt. Blau wurde mit Jupiter assoziiert, und schon manche ägyptische Götter trugen blaue Bärte. Als die Himmelsfarbe ist Blau tiefenpsychologisch Symbol für seelische Gelöstheit und überlegene Lebensgestaltung.

Schwenkt die Konnotation ins Negative um, signalisiert Blau zunächst das Irreale, Phantastische - so in der „Blauen Blume" der Romantik, die bei Novalis („Heinrich von Ofterdingen") als Zeichen für eine unstillbare, in die Ferne gerichtete Sehnsucht und für die Romantik schlechthin steht. Vergleiche auch: „Fahrt ins Blaue", „ins Blaue hineinreden", „das Blaue von Himmel erzählen".

Die Farbe Blau gewährt Schutz und stößt Negatives (auch Insekten!) ab, sie gilt als apotropäisch, also Böses abweisend; vielleicht ist sie deshalb so populär als Signalfarbe der Rettungsfahrzeuge.

Im Mittelalter standen den guten Engeln (in Rot) schlechte Engel (in Blau) gegenüber. Auch im Islam ist Blau die Farbe der Verbrecher am jüngsten Tag. Als „Gegengift" werden daher im Orient noch heute blaue Amulette (Augen) als Mittel gegen den bösen Blick verwendet.

Blau war die Farbe der spanischen Falangisten und der irischen Faschisten: Im Gegensatz zum Schwarz der italienischen Faschisten entschied der spanische Falangistenführer Primo de Rivera anläßlich seiner Wahl zum „Caudillo" am 6. 10. 1934:

„Die Falange de las J. O. N. S. muss jetzt noch mehr als vorher eine geschlossene, feste und mannhafte Organisation sein. Für uns ist eine einfache, strenge und proletarische Hemdfarbe angebracht. Ich befehle hiermit, dass wir ein blaues Hemd tragen."

In Irland wurde 1931 eine „Nationalgarde" ins Leben gerufen, die blau uniformiert war und den faschistischen Gruß verwendete. Aus ihr ging die „United Ireland Party" hervor, deren „Jugendliga" in Anlehnung an das Festland ebenfalls faschistische Formen pflegte.


Foto: P.Diem
Foto: P.Diem

Die „blaue Kluft" der Arbeitswelt (vgl. "blue collar workers") übte offenbar einen starken Einfluß auf die Symbolstrategie „proletarischer" Organisationen aus. Das blaue Hemd ist bis auf den heutigen Tag Symbol der kommunistischen - zum Teil auch jungsozialistischen - Jugendorganisationen geblieben. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Blau im nunmehr obsoleten kommunistischen Machtbereich als universelle „Friedensfarbe" verwendet. Ein helles Blau diente als Grundfarbe bei zahlreichen „Weltfriedenskongressen" und anderen Werbeveranstaltungen der Kommunisten. Begleitet war es von der zumeist weiß dargestellten „Friedenstaube", die auf antike Vorbilder zurückgeht.

In der Gegenwart hat Blau eine wichtige Funktion im internationalen Bereich: als Farbe der Vereinten Nationen signalisiert sie deren friedensstiftende und friedenserhaltende Funktion. „Blauhelme" - auch aus Österreich - stehen an vielen Waffenstillstandslinien in drei Kontinenten. Aber auch die Symbolik der europäischen Einigung beruht auf der Farbe Blau, in dunklerer Schattierung als die UNO-Farbe (vgl. hiezu die Beiträge über die UNO- und die Europa-Symbolik.

Seit etwa 1850 führt das Passagierschiff, das die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit bei der Atlantiküberquerung zuwege bringt, das „Blaue Band". Der Ursprung dieser Trophäe ist unbekannt. (Formell hat die „United States" diese Auszeichnung 1952 zum letzten Mal erobert, obwohl dasselbe Schiff im August 1968 mit einem Schnitt von 42 Seemeilen/Stunde seinen eigenen Rekord noch einmal übertraf.) Berühmte Schiffe wie die „Lusitania", die „Bremen", die „Normandie" und die „Queen Mary" haben ebenfalls das Blaue Band geführt.

In Österreich war die Bedeutung der Farbe Blau in Heraldik und Staatssymbolik immer schon überraschend gering:

das blutvolle Rot-Weiß-Rot im Banner eines typisch in sich selbst gekehrten Binnenlandes („... liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich...") verträgt sich offenbar nicht mit einem in die Weite orientierten Blau, wie es die Flaggen der großen seefahrenden Nationen Europas charakterisiert: Von Norwegen und Schweden über die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bis nach Griechenland - sie alle haben zumindest einen Drittelanteil Blau in ihren Nationalflaggen.

Heraldiker werden eine andere Erklärung wissen: die Farbkombinationen Österreichs gehen auf frühe mittelalterliche Vorbilder zurück, die sich immer wieder an den „Herrscherfarben" Gold, Silber und Rot orientiert haben. Damit aber steht aber auch etwas anderes fest:
„Liberale" Farbelemente (blau, grün) gibt es in der gesamten österreichischen Staatssymbolik so gut wie keine - ähnlich wie es auch praktisch keine „demokratischen" Symbole (Sterne und Rautenmuster) gibt.

Foto: BMI
Foto: BMI
Das dunkle Marineblau war selbstverständlich die Uniformfarbe der k. u. k. Kriegsmarine. Da Österreich aber längst keinen Zugang zum Meer und fast keine Binnenschiffahrt mehr hat, ist das Marineblau als Symbolfarbe kaum mehr relevant. Am ehesten erinnern noch die Pilotenuniformen der AUA daran.

Aber auch der „Rock des Kaisers", die altösterreichische Offiziers- und Beamtenuniform, war blau. Diese Farbe war für Jahrzehnte aus dem gesamten Bereich der Exekutive verschwunden gewesen. Weder bei der Gendarmerie noch bei der Polizei noch beim Bundesheer spielte Blau bis in die jüngste Zeit eine Rolle, auch nicht bei der Fliegertruppe. Das Uniformblau Altösterreichs überlebte nur mehr in den Matrosenanzügen der Wiener Sängerknaben, den friedlichen Botschaftern unseres Landes.Erst die zusammengelegte Exekutive, die unter dem Innenminster Ernst Strasser aus Gendarmerie und städtischer Polizei gebildete "neue" Polizei war im Jahre 2005 dunkelblau eingekleidet worden (Photogalerie der Polizei).

Bild 'noe'

Blau findet sich in einem einzigen Länderwappen: im uralten Fünfadlerwappen Niederösterreichs und in der Europaflagge.

Europaflagge








Kornblume - Foto: P. Diem
Kornblume - Foto: P. Diem

Blau ist an der „blauen" Donau die Parteifarbe der Freiheitlichen; Lichtblau wurde vom Liberalen Forum gewählt. Diese Farben leiten sich, wie im entsprechenden Beitrag genau geschildert wird, von der Kornblume der frühen Deutschnationalen ab.









Blau dominiert verständlicherweise das Symbol der österreichischen Wasserrettung:

Symbol der Wasserrettung









Literatur:

  • Michel Pastoureau, „Blau, die Geschichte einer Farbe“

Einige Anmerkungen aus der Wochenzeitung "Die Zeit"

  • Bis ca 1000 n. Chr. blieb Blau in Europa unbeachtet. Im Frühmittelalter galt der Himmel als weiß, rot oder golden.
  • Im 12. Jahrhundert fand sich Blau nur in fünf Prozent der europäischen Wappen. 200 Jahre später nutzen 30 Prozent diese Farbe.
  • Im 17. Jahrhundert wird Färberwaidblau durch aus Ostasien importiertes Indigo-Blau verdrängt.
  • Schon 1737 ist „blau“ als Synonym für „betrunken“ belegt. In einem Gedicht von Picander, Bachs Textdichter liest man von „Zweyen, die sich braun und blau in kleinen Stübgen satt gesoffen.“
  • Im 18. Jahrhundert wurde Blau zur Lieblings- und Sehnsuchtsfarbe der Romantik. Novalis erfand die Blaue Blume; der englische Spätromantiker Lord Byron dichtete: „Roll on, thou deep and dark blue ocean....“
  • 1878 gelang dem Chemiker Adolf von Baeyer die synthetische Herstellung von Indigo. 20 Jahre später stellte die BASF künstliches Indigo her. Blau wurde zur Farbe des Militärs und der Arbeit (Blauzeug).
  • Seit 1920 heißt die einst braune Nietenhose Blue Jeans. Jeans leitet sich vom Namen der Stadt Genua ab. Dort wurde der Stoff verkauft, der seit 1600 in Nîmes gewebt wird („Denim“).