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Vom "Rock des Kaisers" bis zum "Blauhelm" - die militärische Symbolik Österreichs#

von Peter Diem

Aus Platzgründen beschäftigt sich dieser Beitrag nicht mit dem Symbol „Uniform", obwohl es bis auf den heutigen Tag neben der Uniform des Soldaten und Polizisten jene des Postbeamten, Eisenbahners, Straßenbahners etc. gibt. Jedes dieser Dienstkleider hat historische Vorbilder, steht damit in einem direkten Bezug zur österreichischen Staatssymbolik und sollte daher unter den Symbolen Österreichs wenigstens genannt werden. Freilich sind die nicht-miltärischen Dienstuniformen heute meist nur mehr "angedeutet", so etwa durch einen entsprechenden Blazer oder ein Diensthemd.

Die Uniform hat eine lange Geschichte. Schon in der Römerzeit war das Militär einer der wichtigsten Träger staatlicher Symbolik - wir haben dies u. a. bei der Behandlung der Feldzeichen als Vorläufer der Fahnen gesehen. Was die militärische Symbolik Österreichs betrifft, müssen wir uns auf einige wesentliche Punkte beschränken. Insbesondere wollen wir dabei die Auswirkungen der Brüche und Übergänge von einem politischen System zum anderen untersuchen.

--> 1918-1968. Die Streitkräfte der Republik Österreich, Katalog zur Sonderausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum, Wien. 1968, Abb. 16 ;
--> Herbert von Patera, Unter Österreichs Fahnen. Graz 1960

Von der Monarchie zur Republik#

„Des Kaisers Rock" zu tragen, war nicht nur für den Offizier und den einfachen Soldaten des alten Österreich Ehre und Auszeichnung; auch der Staatsbeamte, der zusammen mit dem Militär das Rückgrat der Verwaltung der Doppelmonarchie bildete, fühlte sich durch seine Dienstkleidung, die er zu feierlichen Anlässen (z. B. anlässlich von Kaisers Geburtstag) anlegte, mit dem „Obersten Kriegsherrn", seinem oft lebenslangen Dienstgeber, verbunden. Welche Bedeutung einer Beamtenuniform in der Monarchie zukam, kann man ermessen, wenn man bei Joseph Roth den "Radetzkymarsch" an jener Stelle aufschlägt, an der sich der alte Bezirkshauptmann anschickt, nach Wien zu fahren, um den Kaiser um Gnade für seinen durch Spielschulden bedrängten Sohn zu bitten:

"Meine Gnädigste", sagte Herr von Trotta zu Fräulein Hirschwitz, "ich möchte meinen Koffer in einer halben Stunde gepackt sehen. Meine Uniform, mit Krappenhut und Degen, den Frack und die weiße Krawatte, bitte! In einer halben Stunde!" Er zog die Uhr, hörbar klappte der Deckel auf. Er setzte sich in den Lehnstuhl und schloß die Augen. Im Schrank hing seine Paradeuniform, an fünf Haken: Frack, Weste, Hose, Krappenhut und Degen. Stück für Stück trat die Uniform aus dem Kasten, wie selbständig, und von den vorsichtigen Händen der Hausdame nicht getragen, sondern nur begleitet. Der große Koffer des Bezirkshauptmanns in der Schutzhülle aus braunem Leinen öffnete seinen Schlund, ausgestattet tnit knisterndem Seidenpapier, und nahm Stück für Stück der Uniform auf. Der Degen ging gehorsam in sein ledernes Futteral. Die weiße Krawatte umhüllte sich mit einem zarten papierenen Schleier. Die weißen Handschuhe betteten sich in das Unterfutter der Weste. Dann schloß sich der Koffer. Und Fräulein Hirschwitz ging hin und meldete, dass alles bereit sei. Und also fuhr der Bezirkshauptmann nach Wien.

Der auf den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918 folgende Aufbau der österreichischen „Volkswehr" erfolgte in radikaler Abkehr von dem reichen, über die Jahrhunderte gewachsenen Zeichen- und Symbolvorrat der k. u. k. Armee. An die Stelle der farbenprächtigen Uniformen, der federverzierten Hüte, der goldenen Feldbinden und Portepees (Säbelquasten), der schwarz-gelben Rosetten mit dem „allerhöchsten Namenszug" und der Sterne auf den Kragenspiegeln (eine altösterreichische Erfindung) trat eine einheitliche graubraune Feldbluse. Die Unteroffiziersränge wurden durch blaue Winkel, die Offiziersränge durch blaue Streifen am Ärmel nachgewiesen. Die nach dem Vorbild der deutschen Reichswehr an die Stelle der österreichischen Feldkappe getretene Tellerkappe trug eine rot-weiß-rote Kokarde, darunter war das Wappen des Heimatbundeslandes angebracht. Die in der Folge eingeführten silbernen Doppellitzen am Kragenspiegel ließen die österreichische Volkswehr der deutschen Reichswehr äußerlich zum Verwechseln ähnlich werden, was sicherlich mit der offiziellen Anschlussideologie der frühen Ersten Republik zusammenhing. Symbolische Handlungen, wie etwa die in § 57 auf fünf Seiten des „Dienstreglements für das kaiserliche und königliche Heer" genau beschriebene Fahnenweihe, hatten keinen Platz in einem zumindest anfänglich „revolutionären" Heer. Vorbei war auch die Zeit hochwohlgeborener Regimentsinhaber. An die Stelle der mit dem Doppeladler als dem Zeichen der Dynastie geschmückten weißen und gelben Regimentsfahnen und der seit 1786 ununterbrochen verwendeten österreichischen Seeflagge mit dem gekrönten Bindenschild traten einfache rot-weiß-rote Truppenfahnen.

--> Johann Christoph Allmayer-Beck, Militärische Symbole des alten Österreich;
--> Erwin A. Schmidl, Militärische Symbolik in Österreich. In: Leser/Wagner (Hg.), Österreichs politische Symbole,

Nicht nur aus staatspolitischen Gründen, sondern offenbar auch einem Bedürfnis der Truppe folgend blieb es jedoch nicht sehr lange bei der egalitär-spartanischen Adjustierung. Die militärischen Reformen des christlichsozialen Parteiführers und langjährigen
Heeresministers der Ersten Republik, Carl Vaugoin (1873-1949), brachten eine intensive Wiederbesinnung auf die Symboltradition Österreichs. Der Rückgriff auf die Vergangenheit ging dabei so weit, daß Kavalleriestandarten und Ehrensignalhörner eingeführt wurden, die schon in der Monarchie kaum mehr eine Rolle gespielt hatten. Am Ende der Amtszeit Vaugoins (1933) wurde zur Betonung der österreichischen Eigenständigkeit das „reichsdeutsche" Uniformmodell durch eine Adjustierung ganz nach dem Vorbild der k. u. k. Armee ersetzt. Die Regierung Dollfuß entschloß sich überdies zur Einführung einer Beamtenuniform nach altösterreichischem Vorbild, die jedoch in Ansätzen stecken blieb. Jedenfalls wurde ab 1935 wieder unter dem Doppeladler marschiert, wobei der Stahlhelm mit grünen Tannenreisern oder Eichenblättern verziert wurde - nach A. E. Schmidl (a. a. O., 107)dem „österreichischsten" aller militärischenSymbole. Jägerhorn und Birkhahnstoß fanden sich wieder auf den Feldkappen.

Der Staatsvertrag von St. Germain vom 10. September 1919 hatte der jungen Republik Österreich ein Berufsheer bis zu 30.000 Mann, eine Donauflottille von drei (!) Aufklärungsbooten, jedoch keinerlei Luftstreitkräfte zugestanden. Noch vorhandenes Fluggerät - die Marineflieger mit ihrem rot-weiß-roten Seitenleitwerk, die Heeresflieger mit dem preußischen schwarz-weißen Tatzen- bzw. Balkenkreuz - waren den Alliierten zu übergeben.

Bild 'hoheitszeichen_100h'
Doch Mitte der dreißiger Jahre war nicht nur eine florierende österreichische Zivilluftfahrt entstanden, es gab auch wieder eine Fliegertruppe. Während beim Heer die (deutsche) Tellerkappe durch die (österreichische) Feldkappe ersetzt wurde, konnte sich die Fliegertruppe unter Berufung auf die altösterreichische Marine eine dunkelblaue Uniform mit elegantem doppelreihigem Rock und Tellerkappe sichern. 1934 entstand das auch heute wieder gültige Erkennungszeichen der österreichischen Militärflieger, das weiße Dreieck auf roter Scheibe. Ing. Paul Rosner, ein Techniker am Flughafen Graz-Thalerhof, hat es im Rahmen eines Wettbewerbes entworfen (Schmidl, a. a. O., 109). Es wurde auch auf den damaligen Tanks geführt.

Fliegertruppe 1936
Hoheitszeichen Fliegertruppe
Tank 1934
Tank 1934


Dem nach der Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß im Jahr 1935 geschaffenen Gardebataillon wurde die traditionsreiche Fahne der k. k. Trabantenleibgarde (gegründet 1767) verliehen. Sie zeigt den Doppeladler und das Muttergottesbild und wird heute noch bei feierlichen Anlässen geführt. Die Gardemusik pflegt bis heute die überaus reiche Tradition österreichischer Militärmusik, wenn auch ihre gegenwärtige Adjustierung durch die vielen Weißelemente eher unösterreichisch wirkt.

Korrekte Bundesdienstflagge
Korrekte Bundesdienstflagge - Foto: Miliz
Avers: Doppeladler - Foto P.Diem
Avers: Doppeladler - Foto P.Diem
Revers: Madonna - Foto P.Diem
Revers: Madonna - Foto P.Diem

Gardemusik
Gardemusik am Nationalfeiertag 2013
Foto P.Diem
Fahne der Garde (Revers)
Garde in neuer Uniform
Foto P.Diem



-> Erwin Steinböck, Die Feldzeichen der österreichischen Streitkräfte 1918-1938. In: Zeitschrift für Heereskunde. 12/1976,1

Das vierte Heer in vier Jahrzehnten: "Achtung!" statt "Habt acht!"#

1938 war es mit der österreichischen Kommandosprache und der traditionellen Militärsymbolik wieder vorbei. Über Nacht fand sich der deutsche Reichsadler auf Kappen, Blusen und Waffenröcken des österreichischen Bundesheeres, das umgehend auf Adolf Hitler vereidigt worden war. "Kamerad Schnürschuh" sollte durch „Knobelbecher" (kurzer Militärstiefel), Stechschritt und Schellenbaum (preußisches Rasselinstrument) „auf Zack" gebracht werden. Es gab in der deutschen Wehrmacht später einige Alibiaktionen zur Erinnerung an altösterreichische Traditionen, so etwa die Taufe des schweren Kreuzers „Prinz Eugen", zu welcher der ungarische Reichsverweser und ehemalige k.u.k Admiral Horthy von Hitler eingeladen wurde. Ursprünglich hätte das Schiff "Tegetthoff" heißen sollen, was aber aus Rücksicht auf den italienischen Bündnispartner unterlassen wurde. Die Schiffsglocke jedoch stammte von dem österreichischen Schlachtschiff der "Viribus-Unitis-Klasse" "Tegetthoff". Diese Glocke wurde 1973 von der deutschen Bundesregierung an Österreich ausgehändigt und befindet sich jetzt als Leihgabe des HGM in der Garnisonskirche in Graz.

Der schwere Kreuzer überstand den Krieg trotz einer Reihe von Treffern und Schäden, um schließlich von den Amerikanern im Bikini-Atoll zwei versuchsweise ausgelösten Atombombenexplosionen ausgesetzt zu werden. Ähnlich der "Viribus Unitis" ging das Schiff somit erst nach Kriegsende unter, und zwar kenterte es am 22.12.1946 an den Marshallinseln. Eine andere Geste der NS-Machthaber war die die Verwendung des Namens „Hoch- und Deutschmeister" für die in Stalingrad verblutete 44. Infanterie-Division.

Das heutige Bundesheer

Das Bundesheer der Zweiten Republik entstand aus der 1952 aufgestellten sogenannten „B-Gendarmerie", einer verkappten Vorbereitungstruppe für die Zeit nach dem Staatsvertrag. Anfänglich konnte es sich - vor allem aus personellen Gründen - nur
schwer vom Geist der deutschen Wehrmacht lösen. Das zeigte sich unter anderem in dem bei der Ausbildung verwendeten Liedgut („In Kreta bei Sturm und bei Regen . . . " , „In einem Polenstädtchen . . . " etc.). Als der Verfasser, der als Jahrgang 1937 dem ersten Einberufungsjahrgang der Zweiten Republik angehört, nach dem Studium 1962 seine Ausbildung zum Reserveoffizier der Tel-Truppe machte, war im Heer von der Wiedereinführung der „preußischen" Tellerkappe noch nicht die Rede. Bei der Fliegertruppe war diese jedoch schon 1959 erfolgt. Das Heer folgte nach heftiger Diskussion 1965, wohl auf Druck der Zeitsoldaten und Offiziere, die die österreichische Feldmütze als zu wenig attraktiv für die Ausgangsuniform empfanden. Mancher Patriot kann sich bis heute nicht damit anfreunden. Mit der Einführung des (britischen) Baretts in den siebziger Jahren hat sich dieser Disput freilich weitgehend erledigt; heute gibt in allen Armeen der Welt vor allem die US-amerikanische Militärmode den Ton an. Die lange Jahre gebräuchliche Bundesheeruniform mit den fünfeckigen („belgischen") Kragenspiegeln in den Waffenfarben wurde zuletzt durch den „Feldanzug 75" (ohne Waffenfarbe!) ersetzt, der bei Grundwehrdienern auch als Ausgangsuniform dient. Die Barettfarben finden sich hier.

Waffenfarben und Rangabzeichen #

Zweifellos sehr praktisch, läßt der olivgrüne Feldanzug 75 jedoch nicht die Nationalität des Soldaten erkennen, weswegen er im aktiven Grenzschutzeinsatz durch eine rot-weiß-rote Armbinde und durch ein am linken Ärmel aufgenähtes Bundeswappen ergänzt wurde. Dieses Abzeichen trugen von Anfang an die österreichischen „Blauhelme", die in Zypern und am Golan im UNO-Einsatz stehen; seit 1992 wird diese sogenannte „Nationalitätskennzeichnung" von allen Soldaten am Dienstanzug getragen. Dazu treten in letzter Zeit zahlreiche „Truppenkörper"- und „Verbandsabzeichen", die als Metallabzeichen an der Brusttasche (z. B. Militärakademie) bzw. als Stoffabzeichen am Ausgangsanzug (z. B. BMLV) getragen werden. Die west- und südösterreichischen Verbände des II. Korps tragen ein metallenes Edelweiß an der Kappe.

Die österreichischen Heereskraftfahrzeuge sind mit den jeweiligen Truppenzeichen und (warum jetzt nicht mehr?) mit rot-weiß-roten Flaggensymbolen an den Stoßstangen versehen. Sie führen ein Kfz-Kennzeichen mit Bundeswappen und den Buchstaben „BH".

Das Bundesheer besitzt seit einigen Jahren eine eigene Fahnen- und Flaggenordnung.

Insgesamt ist zu sagen, dass die Bedeutung der militärischen Symbolik in Österreich von Jahr zu Jahr abnimmt. Als Beispiele dafür mögen der (aus Sparsamkeitsgründen verständliche) Wegfall der großen Paraden, der Verzicht auf die Waffenfarben, die gelockerte
Habt-Acht-Stellung, das Ausgehen ohne Kopfbedeckung, vor allem aber die Abschaffung der täglichen Flaggenparade in den österreichischen Kasernen dienen. Selbst an der 1752 durch Maria Theresia gegründeten Militärakademie in Wiener
Neustadt, der ältesten Offiziersausbildungsstätte der Welt, kommt man mit einer im Innenhof abgehaltenen Flaggenparade pro Woche aus - nach außen hin werden die rot-weiß-roten Farben nicht gezeigt. Das große „AEIOU" am Giebel der St. Georgskathedrale und der stattliche Doppeladler über dem Westtor genügen offenbar als steinerne Zeugen Österreichs und seiner Wehrbereitschaft.


Die Volkswehr war auch lediglich in Bataillone gegliedert, um sie nach einem Anschluss rasch in die Reichswehr integrieren zu können. Wie schon der Name "Volks"- wehr besagt, war die gesamte Symbolik auf den neuen Souverän, der in einer demokratischen Republik eben das Volk ist, abgestimmt, die Staatsfarben ersetzten den Kaiseradler, da in einer Republik das Heer ja nicht mehr zu den Königsrechten gehören konnte. Dies war auch erforderlich, da die Volkswehr vielfach mit den alten Habsburger-Uniformen ausgerüstet war. Richtig wurde erkannt, dass das Heer einer demokratischen Republik sinnvollerweise keine monarchistische Tradition haben kann, da es um völlig andere politische Werte geht. Das Dienstabzeichen der Soldatenräte zeigt daher auch das erste Wappen der Republik und nicht etwa den "Kaiseradler" und gehört zu den aussagekräftigsten Symbolen dieses Freiwilligenheeres. (Gedruckt bei Glaubauf, Karl: Die Volkswehr 1918 -20 und die Gründung der Republik, Wien 1993.

Der Ständestaat, der ja keine demokratische Republik sein wollte, änderte konsequenterweise seine Uniformsymbolik.

Der Bedeutungsminimierung der nationalen österreichischen Symbolik auch bei der Exekutive ist eine eindeutige Konsequenz des EU - Beitritts. Es ist zu erwarten, dass die Verteidigungsangelegenheiten -wie die Umgestaltung der einzelnen nationalen Armeen zeigt- schon in absehbarer Zeit EU-Kompetenz sein werden, was der tiefere Hintergrund für die Abschaffung der Wehrpflicht und die weitgehende Minimierung der bisherigen Symbolik ist.

Der Grad der individuellen Identifizierung mit der EU geht nämlich sicher nicht soweit, dass deren Bürger bereit wären Gesundheit und Leben im Rahmen einer allgemeinen Wehrpflicht für die Europäische Union einzusetzen. Daher wird man auf eine Freiwilligen - Armee angewiesen sein, wie sie Österreich von 1918 - 20, allerdings unter ganz anderen politischen Prämissen, mit der über 50. 000 Mann starken Volkswehr schon einmal hatte.

-- Glaubauf Karl, Freitag, 18. März 2011, 10:20