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Czernowitz - Eine Reise nach Alt-Österreich (Essay)#

Die Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte (GDS) unternahm während des Zeitraumes vom 26. August bis zum 5. September 2010 eine Kultur- und Bildungsfahrt nach Czernowitz. Der Name dieser Stadt mag historisch unbedarften Österreichern nichts mehr sagen. Selbst ein Verweis auf ihre Funktion als ehemalige Landeshauptstadt des Kronlandes Bukowina mag heute nur mehr ein unverständiges Lächeln hervorrufen. Vor mehr als 10 Jahren führte mich der leider schon verewigte stellvertretende Leiter der Kulturabteilung des Landes NÖ, HR DDr. Gottfried Stangler, in den Kreis der katholischen Alt-Czernowitzer Pennäler ein. Prof. Raimund Lang ist der Vorsitzende dieses Verbandes und unermüdlicher Herold dieser denkwürdigen Stadt. Die damalige Fahrt fand unter seiner Führung statt.

Eine Universitätsstadt im fernen Osten der Monarchie#

Universität
Die Universität - Foto: Alois Zehetner
Die ferne Stadt am Pruth wurde seit der im Jahr 1875 erfolgten Universitätsgründung das "Heidelberg des Ostens" genannt. Um diesen Satz in seiner Gesamtheit zu verstehen, muss ein kurzer Blick auf die Geschichte dieser Stadt geworfen werden. Czernowitz lag an einer uralten Handelsstraße, die von Galizien in die südliche Moldau führte. Im Jahr 1407 erfolgte die erstmalige urkundliche Erwähnung als Zollstätte. In den Jahren 1497, 1509, 1531 und 1537 kam es zu Kampfhandlungen zwischen den Polen und Moldauern, den Bewohnern der bukowinischen Moldau rumänischer Nationalität. In den Jahren 1709 und 1740 folgten weitere Zerstörungen durch Schweden und Kosaken. Nach einem russisch-türkischen Krieg erwarb Kaiser Josef II. diesen Landstrich. Nach dem im Jahr 1774 erfolgten Einmarsch österreichischer Truppen erfolgte im Jahr 1775 die Einverleibung der Bukowina, zu Deutsch des Buchenlandes, in den österreichischen Staatsverband. Im Jahre 1775 fand die österreichische Armee in Czernowitz lediglich 200 Holzhütten und eine morastige Straße vor. Daran lässt sich ermessen, welche umfassende Aufbauleistung Österreich in dieser östlichen Provinz vollbrachte. Kaiser Josef II. hatte am Erwerb der Bukowina strategisches Interesse. Durch den Erwerb dieser Provinz sollte die Landbrücke zwischen dem nördlich gelegenen Galizien und dem südlich der Karpaten befindlichen Siebenbürgen geschlossen werden.


Brückenfunktion#

Diese Brückenfunktion war jedoch nicht allein geografischer Natur. Es ging in der weiteren Entwicklung der Bukowina unter österreichischer Herrschaft darum, den nationalen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen herzustellen. Im nördlichen Galizien majorisierte die polnische Mehrheit die ukrainische Minderheit (ehedem Ruthenen genannt). Im südlichen Siebenbürgen majorisierte die ungarische Mehrheit die rumänischen und deutschen Minderheiten.

In Czernowitz sowie in der gesamten Bukowina war das Verhältnis der drei großen Volksgruppen, der deutschsprachigen Österreicher, der Ukrainer und der Rumänen, in etwa ausgeglichen. Die Revolution des Jahres 1848 brachte die Loslösung vom Königreich Galizien und die Gründung eines neuen Kronlandes, des Herzogtums Bukowina mit der Landeshauptstadt Czernowitz.

Nach dem Ausgleich des Jahres 1867 verblieb die Bukowina innerhalb der österreichischen Reichshälfte. Die 1875 erfolgte Universitätssründung erfolgte auf Initiative des Politikers und Rechtsgelehrten Dr. Constantin Tomaszczuk. Seine Herkunft steht für den multiethnischen Charakter dieser Landschaft. Sein Vater war ukrainischer, seine Mutter rumänischer Nationalität. Seit dem Jahr 1871 saß er als Abgeordneter der Deutschliberalen Partei im Wiener Reichsrat. Um den polnischen Universitäten Krakau und Lemberg entgegenzutreten, wurde durch seine Initiative hin die Universität Czernowitz als deutschsprachige Hochschule gegründet.

Zahlreiche Korporationen #

Die Universitätsgründung zog eine Reihe von Korporationsgründungen nach sich. Es entstanden deutschsprachige, jüdische, polnische, ukrainische und rumänische akademische wie pennale Studentenverbindungen. Burschenschaften und Corps, Sängerschaften und Turnvereine wurden gegründet.

Ebenso waren der CV und katholische Mittelschulverbindungen in Czernowitz vertreten. Im Gegensatz zu anderen Universitätsstädten des alten Österreichs, wie z. B. Prag oder auch Graz und Innsbruck, hielten sich in Czernowitz die nationalen Spannungen auf Hochschulboden in Grenzen. Es herrschte stets ein Geist des Miteinander und der Toleranz. Jeglicher Nationalitätenstreit hätte die noch heute beeindruckende Aufbauleistung dieses jüngsten Kronlandes gefährdet.

Es herrschte eine deutsche Leitkultur alt-österreichischer Prägung, in der den übrigen Nationen ausreichend Platz für ihre Selbstentfaltung geboten wurde. Dies änderte sich nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Die rumänische und die sowjetische Phase#

Während des Zeitraumes von 1918/1919 bis 1940 fiel das ehemalige Kronland Bukowina zur Gänze an Rumänien. Es begann eine umfassende Rumänisierung des gesamten Kultur- und Geisteslebens. Wer die rumänische Sprache nicht in Wort und Schrift vollständig beherrschte, musste seine akademische Anstellung, so auch im Universitätsbereich, niederlegen. Die deutsche Volksgruppe konnte sich nur eingeschränkt kulturell entfalten. Ihre Leitfunktion war dahin. Die Zeit der Toleranz war vorbei. Die Stunde der Nationalisten und Diktatoren schlug.

Der im Jahr 1940 abgeschlossene Hitler-Stalin-Pakt ermächtigte Sowjetrussland dazu, sich Czernowitz und die nördliche Bukowina einzuverleiben. Die deutsche Volksgruppe war zur Aussiedlung gezwungen. Die verbliebene deutschsprachige Restbevölkerung wurde nach 1945 von Stalin deportiert. Eine Normalisierung der Verhältnisse und eine Rückkehr in die alte Heimat waren erst in der Ära Chruschtschow möglich.

Die unabhängige Ukraine#

Die Wende der Jahre 1989/1990 brachte die Loslösung von Sowjetrussland. Die Ukraine wurde erstmals in jüngerer Geschichte ein unabhängiger Staat. Nach Jahrzehnten der Unterdrückun konnten sich die nationalen Minderheiten, so auch die deutsche Volksgruppe, wiederum organisieren und öffentlich auftreten. Es sind heute noch 250 Familien, die sich zur deutschen Volksgruppe bekennen.

Die Reise#

Stadttheater Czernowitz - Foto: Alois Zehetner
Das Stadttheater - Foto: Alois Zehetner
Den heutigen Czernowitzern, gleich welcher Nationalität, ist das gewaltige kulturelle Erbe bewusst, das das alte Österreich hinterließ. Die historische Bausubstanz überlebte beide Weltkriege, sodass unser Reisegruppe nach einer interessanten, aber anstrengenden Fahrt über Krakau und Lemberg am Abend des 29.8.2010 in Czernowitz eintraf. Es wurden mit unserem Reisebus pro Tag circa 300 km zurückgelegt. Wir wurden für die strapaziöse Fahrt großartig entschädigt. Der Einzug in Czernowitz am Abend des 29.08.2010 war jedenfalls beeindruckend. Wir sahen eine österreichische Provinzstadt mitten im Osten, deren Bahnhof und Rathaus an St. Pölten erinnerten. Das Stadttheater, das vom Architektenduo Helmer und Fellner errichtet wurde, könnte ebenso in Baden stehen. Es ist seinem äußeren Erscheinungsbild nach dem Stadttheater in Klagenfurt verwandt. Unzählige Historismus- und Jugendstilbauten erinnern an das Wien der Jahrhundertwende, an "Traum und Wirklichkeit" einer großen kulturellen Epoche. Das 1901 errichtete Sparkassengebäude ist ein wahres Jugendstiljuwel, das mit einem riesigen Mosaik die Aufnahme der Bukowina, in der allegorischen Darstellung eine jungen Mädchens, in die altösterreichische Völkerfamilie zeigt.

Daneben gibt es unzählige Verwaltungs- und sonstige Zweckbauten, die in jeder österreichischen Stadt stehen könnten. Am Stadtrand findet sich ein herrliches Villenviertel, sodass Czernowitz zu Recht "Klein Wien" genannt wurde. Die nachfolgende rumänische Epoche hinterließ nur wenige architektonische Spuren. Die sowjetrussische Ära hinterließ lediglich Zweckbauten. Diese Reise sollte jedoch kein wehmütiger Blick in eine unwiederbringliche Vergangenheit sein. Es gelang Prof. Raimund Lang, zahlreiche persönliche Kontakte zu den heutigen Czernowitzern zu schließen. Weiters konnten viele persönliche Freundschaften zu der nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Erlangen wiedergegründeten CV-Verbindung "Frankonia" geknüpft werden. Ebenso konnten die beiden Altherrenverbände der ehemals in Czernowitz ansässigen katholischen Mittelschulverbindungen "Borussia" und "Buchengau" reaktiviert werden.

In Czernowitz fand man in der Person von Dr. Sergij Osatschuk einen interessanten Gesprächspartner. Dr. Osatschuk ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bukowina-Institut der Czernowitzer Universität. Es gelang, innerhalb der ukrainischen Studentenschaft zwei dem EKV befreundete Korporationen ins Leben zu rufen, und zwar die bereits 1910 gegründete, 1940 suspendierte "Zaporoze" und die 1997 von ihr abgespaltene "Bukowina".

Studentisches Brauchtum#

Franz Joseph I.
Denkmal Franz Josephs I. - Foto: Alois Zehetner
Eine gemeinsame Festkneipe mit unseren ukrainischen Farbenbrüdern war einer der Höhepunkte unserer Reise. Prof. Raimund Lang überreichte Dr. Osatschuk und den übrigen ukrainischen Couleurträgern das "Signum Memoriae", eine Ehrenmedaille, die anlässlich des 95. Geburtstages unseres nunmehr verewigten Hohen Herrn, Dr. Otto Habsburg-Lothringen, ausgegeben wurde.

Es tat unendlich gut, tausende Kilometer von meiner Heimatstadt Amstetten entfernt Gesinnungsfreunde zu finden, die sich aus dem Bewusstsein einer großen gemeinsamen Geschichte in unserer konfessionellen, farbstudentischen Organisationsform engagieren. Wir alle konnten ein Stück "gelebten EKV" erfahren. Ein Besuch des "Deutschen Hauses" und ein Treffen mit Vertretern der buchenlanddeutschen Minderheit waren ebenso bemerkenswert wie ein ukrainischer Folkloreabend. Ein Besuch des jüdischen Friedhofes in Sadagora, das Zusammentreffen mit einem Rabbiner und dem Feldmann-Orchester, einer jüdischen Volksmusikgruppe, rundeten das Bild dieser beeindruckenden Stadt ab. Ein abgründiger hauch von Gustav Meyrinks "Golem" lag über diesen Stätten, obgleich dieser Roman in "Alt-Prag" angesiedelt war. Der Geist von Czernowitz brachte nicht nur eine architektonische, sondern auch eine literarische Hochblüte hervor. Die Schriftsteller und Literaten Paul Celan, Gregor von Rezzori und Georg Drozdowski, bildeten einen maßgeblichen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur. Ebenso besuchte der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu in Czernowitz die Schule und erfuhr hier seine stärkste Prägung. In der ehemaligen Herrengasse, in der sich das "Deutsche Haus" befindet, ist nunmehr ein Wiener Café sowie ein "Cafe Kärnten" anzutreffen. Auf Initiative von D. Alois Mock und des damaligen Kärntner Landeshauptmannes, Dr. Christof Zernatto, wurde Klagenfurt Partnerstadt von Czernowitz.

Der Czernowitzer Drozdowski verbrachte seine letzten Lebensjahre in Klagenfurt.

Das multiethnische Kärnten sollte unter Hinweis darauf eine Brücke in die multiethnische Bukowina schlagen. Die Bezeichnung "Cafe Kärnten" prangt nunmehr in zyrillischen Buchstaben auf der Häuserwand. Unser innerösterreichischer Ortstafelstreit wäre hier um eine Facette reicher!

An dieser Stelle sei angemerkt, dass ein derartiger Ortstafelstreit im benachbarten Rumänien nicht existiert. Sowohl in Siebenbürgen als auch im Banat wurden in gemischtsprachigen Gebieten mittlerweile dreisprachige Ortstafeln (mit rumänischer, ungarischer und deutscher Ortsbezeichnung), aufgestellt.

Religiöse Vielfalt#

Die jüngere und mittlere Generation im heutigen Czernowitz will weder mit der Sowjetunion noch mit Russland identifiziert werden. Die heutige Ukraine steht Deutschland und Österreich durchaus offen gegenüber. Czernowitz war in den vergangenen Jahren ein Zentrum der "orangen Revolution" der nachmaligen Regierungschefin, Julia Timoschenko. Ebenso ist das religiöse Leben vielfältig. Neben der römisch-katholischen Kirche, die großteils von der polnischen Minderheit getragen wird, existieren unterschiedliche orthodoxe Konfessionen. Gerade in der Westukraine ist die während der Sowjetherrschaft unterdrückte ukrainisch-katholische Kirche von großer Bedeutung. Diese Kirche gehört dem byzantinischen Ritus an, ist jedoch mit Rom uniert. Es ist in der ukrainisch-katholischen Kirche den Weltpriestern gestattet zu heiraten. Sowohl in Czernowitz als auch in Lemberg finden sich armenische Kirchen, die architektonisch besonders interessant sind. In Lemberg waren in den von meiner Reisegruppe besuchten Kirchen sämtliche Sonntagsgottesdienste sehr gut besucht.

Mangels historischer Eigenstaatlichkeit bestehen in der gesamten Ukraine Denkmäler bedeutender Nationaldichter wie z.B. Taras Schewtschenko und Olga Kobylanska. In Osteuropa trifft man ständig auf das Phänomen verschobener Grenzen, vertriebener Völker, unterdrückter Minderheiten, zerbrochener Reiche, fragiler Identitäten alter Völker, aber junger Nationen.

Krakau#

Im polnischen Krakau konnten wir im Wawel, der ehemaligen Residenz, das Phänomen eines alten Volkes, einer im 18. Jahrhundert verlorenen Eigenstaatlichkeit und einer transzendierten Staatsidee erleben. Man gewann den Eindruck, dass sich das polnische Selbstbewusstsein, über alle Parteigrenzen hinweg, in der Person unseres selig gesprochenen Papstes, Johannes Pauls II., am stärksten manifestierte. Der Kampfruf: "Noch ist Polen nicht verloren." - wirkt bis heute nach.

In der heutigen Ukraine ist man stets bemüht, zum übermächtigen Nachbarn Russland auf Distanz zu gehen. Die heutigen ukrainischen Städte Lemberg und Czernowitz sind ihrem Charakter nach westorientiert.

Der jüngere Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Xaver Mozart, wirkte im frühen 19. Jahrhundert in Lemberg als Kapellmeister. Ebenso wurde der österreichische Schriftsteller, Leopold Sacher-Masoch, in Lemberg geboren. Eine vor seinem Geburtshaus befindliche Bronzeplastik erinnert heute in Lemberg an ihn. Die ehemals polnische Bevölkerung Lembergs wurde, wie die deutsche Minderheit, im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes un der nachfolgenden Ereignisse des Zweiten Weltkrieges nach Westen vertrieben.

Prof. Raimund Lang besuchte noch mit einigen Interessierten das Dorf Brody, den Geburtsort von Joseph Roth, des berühmten Autors des mehrfach verfilmten Romans "Radetzkymarsch". Dieser Ort befindet sich einige Kilometer außerhalb von Lemberg und ist ein zutiefst österreichischer Kulturboden.

Auf meiner Rückreise musste ich feststellen, dass die ethnischen Wurzeln im heute rumänischen Siebenbürgen allzu gerne von den alten Römern hergeleitet werden. Dieses Geschichtsbild enthält eine Teilwahrheit, die jedoch nach mehr als 1500 Jahren in dieser Form nicht aufrecht zu erhalten ist. Siebenbürgen war stets ein Teil des ungarischen Herrschaftsbereiches. Die kapitolinische Wölfin in manchen siebenbürgischen Dörfern entspricht mehr einer künstlichen, von oben verordneten Latinität.

In Rumänien trifft man wiederum auf das Phänomen eines alten Volkes, auf das jahrhundertealte Fehlen jeglicher Eigenstaatlichkeit und einer daraus resultierenden jungen Nation mit all ihren Widersprüchen.

Die vorletzte Station unserer Reise bildete schließlich der Besuch des Schlosses Gödöllö. In der Kathedrale von Esztergom nahmen wir Abschied vom Land der Magyaren. Ungarn pflegt einen respektvollen Umgang mit seiner Geschichte. Die Renovierung von Schloss Gödöllö ist der beste Beweis dafür. Das Lieblinssschloss von Kaiserin Sisi erstrahlt jedenfalls in neuem Glanz. Ein Besuch am Grab von Kardinal Mindszenty in der Kathedrale von Esztergom bildet einen würdigen Abschluss vor der Rückkehr nach Wien. Eine Seligsprechung dieses tapferen Kirchenmannes steht derzeit noch aus. Kardinal Mindszenty war ein unbeugsamer Gegner des Kommunismus. Er fiel der vatikanischen Ostpolitik der 1970er-Jahre zum Opfer und musste nach seiner Flucht in die US-Botschaft in das österreichische Exil. Ungarn blickt heute auf eine kontinuierliche Geschichte mit ununterbrochener tausendjähriger Eigenstaatlichkeit zurück, die im 20. Jahrhundert durch die Sowjetdiktatur eine brutale Unterdrückung fand. Ein größeres Trauma als die Niederschlagung des im Jahr 1956 stattgefundenen antikommunistischen Aufstandes war und ist auch für das heutige Ungarn der Friedensschluss von Trianon. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes und musste sich von drei Millionen Landsleuten trennen. Verlorene Provinzen, unterdrückte Minderheiten, unerfüllte Ansprüche sowie der ungebrochene Stolz einer alten Nation ließen für die Besucher viele Fragen im Raum stehen, aber auch Respekt aufkommen.

Phänomen Mitteleuropa#

Die Reise war ein Versuch der Annäherung an das Phänomen Mitteleuropa. In den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns finden sich vielschichtig verschachtelte, komplexe und bis dato ungelöste Fragen nach Eigenstaatlichkeit, Kultur und Identität. Es gelang jedenfalls dem Traditionsverband, die kulturellen Bande zwischen Wien und Czernowitz zu erneuern. Ein Abschlussfoto vor dem in Czernowitz wiedererrichteten Kaiser Franz Joseph-Denkmal lässt Hoffnungen auf einen positiven Neubeginn aufkommen.

Über alle Stürme der Zeit triumphiert die Muse, einen Lorbeerkranz in Händen haltend, über dem Eingangsportal des Czernowitzer Stadttheaters. Das Reich des Guten, Wahren und Schönen kennt weder nationale noch konfessionelle Grenzen. Unwillkürlich kommt mir der von Josef Viktor von Scheffel anlässlich der Universitätsgründung 1875 gedichtete Liedtext in den Sinn:

"Heil Dir, gewaltig Österreich, heil Wissen dir im Osten, in Sprachen bunt, im Geiste gleich, ziehen wir am Pruth auf Posten. Nun blühe, jüngster Musensitz, Francisco-Josephina! Frau Muse lehrt in Czernowitz und schirmt die Bukowina!"

RA Dr. Alois Zehetner (Quelle: Ottonenpost Sommersemester 2012)