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"Deutsch-Österreich, du herrliches Land..."
- die erste der Hymnen der Ersten Republik#

von Peter Diem

Die aufgrund des „Völkermanifests" Kaiser Karls vom 16. Oktober 1918 konstituierte „Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich" wurde während ihrer Sitzungen immer wieder mit Demonstranten konfrontiert, die durch das Absingen bestimmter
Lieder ihre politischen Präferenzen ausdrückten. So erklang - man kann es sich heute kaum mehr vorstellen - am 30. Oktober 1918 in der Wiener Herrengasse die „Wacht am Rhein". Die erste Strophe des von Maximilian Schnekenburger bereits 1840 gedichteten und besonders 1870/71 populär gewordenen Liedes, komponiert von Karl Wilhelm 1854, lautet:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein:
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

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Das Lied blieb ein Nationalgesang der Deutschen bis 1945. Auf Dauer festgehalten sind Text und Melodie durch den Humphrey-Bogart-Film „Casablanca" (1942), in welchem deutsche Offiziere Franzosen und Emigranten mit „Donnerhall" niederzusingen versuchen (was ihnen nicht gelingt; es siegt die Marseillaise).

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"Deutsch-Österreich, du herrliches Land"#

Schon knapp nach der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 langten bei der Staatskanzlei Entwürfe für eine neue Hymne ein. Obwohl die Österreicher beileibe andere Sorgen hatten und sich der neu entstandene Staat überhaupt nicht als eigenständige Nation, sondern als Bestandteil des Deutschen Reichs verstand, verfassten Literaten Texte und Komponisten Melodien, unter ihnen auch Carl Michael Ziehrer, der ein „Lied der Deutschen" als „Nationalhymne" vorlegte. Wahrscheinlich wurde Staatskanzler Karl Renner (1870—1950) dadurch angeregt, selbst zur Feder zu greifen. Renner erwähnt in seinen Aufzeichnungen, dass insbesondere das kleine Heer der Republik nach einer Hymne verlangt habe. Der Staatskanzler suchte daher den ihm bekannten Komponisten der Oper „Der Evangelimann", Wilhelm Kienzl (1857-1941), auf und bat ihn, ein von ihm mitgebrachtes Gedicht zu vertonen. Kienzl akzeptierte nur widerwillig, da er sich darüber im klaren war, dass es sehr schwer sein würde, die „im tiefsten Herzen jedes Österreichers wurzelnde, in ihrer erhabenen Volkstümlichkeit unerreichbare, unsterbliche Melodie Haydns" durch eine Neukomposition zu ersetzen. Am 10. Mai 1920 fertiggestellt, wurde die Melodie bis 1. Juli gesetzt und gedruckt. Am 15. Juli 1920 wurde sie am Wiener Heldenplatz zur Vereidigung der neuen Wehrmacht uraufgeführt.

Historisches Notenblatt - Foto: P. Diem
Historisches Notenblatt - Foto: P. Diem

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Interessant ist, dass Renner in der ersten Textversion (Mai 1920) den Begriff „Deutsch-Österreich" vermied, der ja mit der Annahme des Friedensvertrages durch die Nationalversammlung am 10. September 1919 nicht mehr geführt werden durfte und durch die Bezeichnung „Republik Österreich" ersetzt wurde. In der zweiten Fassung (ebenfalls Mai 1920) und in der endgültigen, dritten Textversion ist der Begriff „Deutsch-Österreich" aber eindeutiges Leitmotiv. Offenbar handelt es sich hier um eine Art „Trotzreaktion" des aus Mähren gebürtigen Staatsmannes Renner und des aus dem oberösterreichischen Hausruckviertel stammenden Komponisten Kienzl gegen das Diktat der Siegermächte; ein weiterer Beweis für die bis 1938 andauernde Anschlussgesinnung Renners.

Originalhandschrift - Copyright Renner-Museum Gloggnitz
Originalhandschrift - Copyright Renner-Museum Gloggnitz
Wilhelm Kienzl, österreichischer Komponist und Schriftsteller. Photographie. 1924. © IMAGNO
Wilhelm Kienzl Foto: Brandstetter





















Text und Melodie wurden unterschiedlich aufgenommen. In einem langen Feuilleton in der Grazer Tagespost vom 1. August 1920, gezeichnet mit „e. d.", wurde der Unterschied zum „Gott erhalte" genau analysiert. Haydn habe eine „erste Zusammenfassung der österreichischen Seele" vollbracht, „den österreichischen Volkscharakter in eine Melodie gesammelt", sein Lied stelle „mit Prinz Eugen und dem Donauwalzer Österreich in der Volksmusik" dar. Dagegen sei Kienzls Melodie „ein Marschlied für Massen", das erst in der Schlussphrase „merksam und einladend" würde. Während Haschka „Treuegefühl durch eine Hymne zu erzeugen hatte", seien Renners Worte weniger eine poetische als eine diplomatische Leistung. Bei näherer Betrachtung des Textes müssen wir dieser Auffassung wohl zustimmen. Die Reime sind von einfacher, beinahe kindlicher Art, zu viele Wörter („treusinnig", „Duldervolk", „Bergländerbund", „Ostalpenbund") sind politisch-sprachliche Konstrukte, wie sie gerne in Staatskanzleien entstehen.
Der spätere Vizekanzler und Heeresminister Carl Vaugoin sollte den Text Renners einmal als „Gelegenheitsgedicht" bezeichnen.

So meinte denn auch ein Kritiker:

„Man sieht die Anstrengung am Werk, merkt nicht naiven Feuers fraglosen Brand wie bei Rouget de l'Isle und allen, denen die Vaterlandslyrik aus dem Herzen schwoll, von Körner bis Liliencron. Ein kluger Politiker fühlt, dass Österreich heute nicht reif für eine Hymne sei. Und deshalb schuf er sie . . . Gewöhnlich folgt die Wirkung der Ursache - in unserem Fall kommt die Hymne vor dem Staat." (Grasberger, Die Hymnen Österreichs, 1968, 106)

Musikalisch ist die Hymne als der Versuch zu qualifizieren, die Verherrlichung der Heimat durch einen festen Marschrhythmus, eine lange Melodie mit häufigen Punktierungen und durch einen relativ großen Tonumfang (a-d") auszudrücken. Auf eine staatliche Dekretierung der Hymne wurde verzichtet, und so erschien sie erst 1924 in einem Schulliederbuch. Bis dahin fanden sich allerlei patriotische Lieder nebeneinander, darunter immer wieder das Deutschlandlied (!).

--> Ernst Rüdiger Starhemberg, Memoiren. Wien 1971, 145
--> Grasberger, Die Hymnen Österreichs, 1968, 102
--> Johannes Steinbauer, „Markig und feierlich" Eine Geschichte der Bundeshymnen der Republik Österreich. Diplomarbeit, Graz 1993, 26
--> Eckart Früh, Gott erhalte? Gott bewahre! Zur Geschichte der österreichischen Hymnen und des Nationalbewusstseins zwischen 1918 und 1938, in: Geschichte und Literatur, 5/1988

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