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Einleitung#

von Peter Diem

Die Texte über die Symbole Österreichs - verfasst 1995 und für das Internet überarbeitet 2008 - beschäftigen sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Symbolkultur Österreichs. Unter "Symbolkultur" wird die Gesamtheit aller im weitesten Sinne öffentlichen und politischen Zeichen, ihr Gebrauch, Nichtgebrauch und Missbrauch verstanden. Im Besonderen geht es um die Einstellung des Österreichers zu seinen nationalen bzw. regionalen Symbolen (Flagge, Fahne, Wappen, Hymne, National- und Landesfeiertage). Der Klärung des Begriffes "Symbol" ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit dem Begriff der "Symbolpublizistik" oder "Symbolpolitik" soll ausgedrückt werden, dass die verschiedensten Symbole (vom Parteiabzeichen bis zum politischen Kampflied, vom Gemeindewappen bis zum Staatssiegel, von der Nationalflagge bis zum UNO-Emblem) auf allen gesellschaftlichen, politischen, staatlichen und internationalen Ebenen und von den verschiedensten Organisationen bis hin zum Staat und der Staatengemeinschaft verwendet werden, um für ihre Ziele, ihre Identität, Souveränität oder auch Superiorität zu wirken. Dabei ist immer auf eine doppelte Funktion zu achten:

--> auf die Wirksamkeit eines politischen Symbols nach innen - zur Erzeugung von Zusammenhalt, Vaterlandsliebe, Corpsgeist etc., und
-->auf die Wirksamkeit eines politischen Symbols nach außen - Gewinnung neuer Anhänger, Bekämpfung von Gegnern, Nachweis der Identität unter anderen Gruppen oder Nationen.

Selbst bei übernationalen politischen Symbolen - denken wir nur an die Flagge des Roten Kreuzes oder die UNO-Flagge - sind beide Aspekte gegeben, stellt man den tatsächlichen persönlichen Einsatz der UNO-Soldaten oder der Rotkreuzhelfer in Kriegs-, Krisen- oder Katastrophengebieten in Rechnung. Ausgangspunkt des Buches ist die Beobachtung, dass Österreich zwar ein überaus reiches Erbe an Symbolen besitzt, dass das Verhältnis des Staatsbürgers zu den geltenden Staatssymbolen aber äußerst ambivalent ist. Der Grund dafür ist zunächst im häufigen Wechsel der politischen Systeme Österreichs, vor allem im 20. Jahrhundert, zu suchen: Monarchie, Erste Republik, Ständestaat, Nationalsozialismus, Besatzungszeit, Zweite Republik - die Österreicher und Österreicherinnen erlebten im Durchschnitt alle fünfzehn Jahre ein neues Regime mit neuen Loyalitäten und neuen Symbolen. Erst in der freien Zweiten Republik, ab 1955, ist ein hohes Maß an Beständigkeit eingetreten; ein halbes Jahrhundert ist seit dem Staatsvertrag vom Belvedere (1955) vergangen, und Österreich darf sich freuen, in dieser Zeitspanne ein wohlhabendes, stabiles Land geworden zu sein. In dieser Zeit hat sich übrigens auch zum ersten Mal seit den Tagen der Monarchie - ja, vielleicht überhaupt zum ersten Mal - so etwas wie ein organischer, unverkrampfter österreichischer Patriotismus, ein unprätentiöses Nationalbewusstsein, d. h. kein taktisches oder der Bevölkerung aufgezwungenes, sondern ein reales Gefühl österreichischer Identität herausgebildet. Dies kann empirisch nachgewiesen werden:

Bild 'Nationalbewusstsein'


Der vom Historiker Ernst Bruckmüller gewählte interdisziplinäre Ansatz der Identitätsforschung ergänzt in idealer Weise unsere Ausführungen (1):
Wenn sich in der Gegenwart eine - allerdings vergleichsweise sanfte - Veränderung in den Loyalitätsbezügen und auch an neuer politischer Symbolik ankündigt (die Österreicher wurden ja durch den Beitritt zur Europäischen Union "Europäer" im engeren Sinn), so ist das eine Kleinigkeit gegenüber den weltanschaulichen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen und Veränderungen, von welchen die früheren "Umbrüche" in Österreich begleitet waren.
Bild 'Nationalstolz'


Der Wiener Kabarettist Rudolf Weys, Gründer des "Wiener Werkels" (1938), bemerkte in einem seiner Sketches (1940) treffend:

Seit zweitausend Jahr bin ich Wiener
und stimme seit jeher mit "Ja",
als ganz gehorsamster Diener
des Staates, der jeweils grad da.

Aus einer solchen "erlebten Geschichte", wie sie etwa ein heute neunzigjähriger Österreicher erlebte oder erleben musste, konnte sich kein krampfloses, natürliches Verhältnis des einzelnen zu den symbolischen Darstellungsformen der Gemeinschaft ergeben. Vielmehr musste aus dem oftmaligen Systemwechsel, aus dem wiederholten Zusammenbruch der herrschenden Staats- und Wirtschaftsordnung, aus dem Durchleiden zweier Weltkriege und eines Bürgerkrieges eine profunde Skepsis über die Gültigkeit von Symbolen, ja ein tiefer Zweifel an der Sinnhaftigkeit nationaler Symbole überhaupt entstehen.

Das schwerste diesbezügliche Trauma hat zweifellos die Flut an nationalsozialistischen Flaggen, Fahnen und Hakenkreuzsymbolen ausgelöst, von der der "Anschluss" Österreichs an das "Dritte Reich" begleitet war. Es scheint also durchaus gerechtfertigt, von einem neurotischen Verhältnis des Österreichers zu seinen nationalen Symbolen zu sprechen.(2)

Hier ein kurzer Text, der erahnen lässt, was sich unmittelbar nach dem "Anschluss" 1938 in Wien und in Österreich abgespielt hat:

Es ist der 9. April 1938. Und für diesen Tag nun wird Wien zum Zentrum des Reichs aufgewertet. Hitler ist hier, Goebbels ist hier. Stafetten des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps haben eine Sternfahrt aus allen Teilen Deutschlands nach Wien durchgeführt und treffen vor dem Rathaus ein. Sie bringen Botschaften, Bekenntnisse aus allen Gauen des Reichs zum Anschluss Österreichs an Deutschland. Die Urkunden werden Hitler feierlich übergeben. Der Großdeutsche Rundfunk ist mit allen seinen Sendern dabei.Und dann beginnt ein Ritual, in dessen Bann ganz Deutschland geschlagen wird. Hitler und Goebbels erscheinen auf dem Balkon des Wiener Rathauses. Goebbels tritt vor und verkündet die Geburtsstunde des Großdeutschen Reichs:

 "An das ganze deutsche Volk! Ich proklamiere hiermit den Tag des Großdeutschen Reiches. Heißt Flaggen!"

Die Worte werden vom Rundfunk übertragen und über Lautsprecher auf die Straßen und Plätze aller Städte und Dörfer Deutschlands übertragen. Auf das Kommando "Heißt Flaggen!" bleibt im ganzen Deutschen Reich der Verkehr stehen, und allüberall werden die Hakenkreuzfahnen gehisst. Das deutsche Volk aber hat, wo immer es gerade ist, still zu stehen und die Hand zum Hitlergruß zu erheben. Die Sirenen aller Fabriken heulen, alle Kirchenglocken läuten. Selbst die deutschen Handelsschiffe auf hoher See setzen in dieser Minute ihre Flaggen, und die Seeleute sind zum deutschen Gruß angetreten. Noch nie zuvor war ein ganzes Land, ein ganzes Volk in den Bann eines derartigen Rituals geschlagen. Und das trifft eine Generation, für die Fahnen, Ehrenbezeugungen, patriotische Worte noch sehr viel bedeuten, ja bei der diese sogar ganz bestimmte Reflexe auslösen. Nur wenigen dürfte aufgefallen sein, daß damit der Anschluss schon verkündet wurde, über den doch erst am nächsten Tag abgestimmt werden soll.

-->Hugo Portisch, Österrreich II, Kremayr&Scheriau, Wien, 1986, 170f.

Mit dem Ende der Donaumonarchie war 1918 nicht nur ein 50-Millionen-Reich zusammengebrochen, sondern auch die emotionale Stabilität eines über Jahrhunderte gewachsenen Symbolsystems. Der "alte Kaiser" war den Österreichern schon 1916 abhanden gekommen - nach 68jähriger Regierungszeit musste das schmerzen. 1918 verloren sie auch noch den schirmenden Doppeladler und das beschützende "Gott erhalte" (österreichische Staatssymbole, darauf werden wir in diesem Buch noch öfter zu sprechen kommen, hatten und haben immer einen defensiv-bewahrenden Charakter - ein deutlicher Unterschied zu den Symbolen anderer Nationen). Es soll an dieser Stelle jedoch keineswegs verschwiegen werden, dass die genannten Symbole der Kaiserzeit für verschiedene ethnische und soziale Gruppen eher Unterdrückungssymbole als Heilszeichen waren. Doch vom Standpunkt der deutschsprachigen Kernbevölkerung der Monarchie und damit aus der Sicht der Vorfahren der meisten heutigen Österreicher betrachtet, waren sie eher positiv besetzte Zeichen.

Österreich hatte 1918 in Wirklichkeit seine gesamte staatliche Identität verloren und suchte diese in der ersten Verzweiflung im Anschluss an das größere Deutschland. Dieser wurde von den Signatarmächten des Friedensvertrages von St. Germain zunächst verhindert, bis er 1938 dennoch - trotz der starken Asnchlussfreudigkeit weiter Kreise doch mehr durch Zwang als freiwillig -erfolgte. Und nach unter schweren Opfern errungenen Siegen an Donau und Alpen waren es wieder die alliierten Mächte, die die Selbständigkeit Österreichs herstellten, auch wenn es sich diesmal - anders als 1919 - nicht dagegen wehrte. So lebten die Österreicher fast ein halbes Jahrhundert lang unter staatlichen und politischen Systemen, die sie mehrheitlich nicht wollten, und unter Symbolen, mit denen sie sich vielfach nicht identifizieren konnten, weil diese Symbole entweder nicht Wurzel hatten fassen können oder weil sie der Bevölkerung überhaupt von einer fremden Macht oktroyiert worden waren: Der einköpfige Adler der Ersten Republik, der "gerupfte" Doppeladler und das plötzlich aus der Versenkung der Geschichte geholte Kruckenkreuz, der "kalte" nationalsozialistische Adler und das Hakenkreuz, der Sowjetstern und das Sternenbanner, ebenso wie auch die damit verbundenen Hymnen und politischen Lieder - keines dieser Symbole war durch einen breiten, durch alle Bevölkerungsgruppen gehenden Konsens gestützt.

Hofburg Wien - Foto P.Diem
Hofburg Wien - Foto P.Diem
Erst ab 1955, nach Staatsvertrag, Abzug der Besatzungstruppen und Neutralitätsgesetz, konnte sich mit der vollen Unabhängigkeit Österreichs so etwas wie eine "Symbol-Souveränität" herausbilden. Ein halbes Jahrhundert ist im Leben eines Volkes nicht sehr viel. Wenn es nicht dazu ausreichte, dass sich heute jedermann mit einer wiederum neuen Symbolkultur identifiziert, ist das nicht weiter verwunderlich. Dennoch: Österreich ist in den letzten Jahrzehnten zu einer Nation geworden - eine Entwicklung, die ihre Wurzeln letztlich in den Gestapo-Zellen und Konzentrationslagern des "Dritten Reiches" hatte und deren Realität heute empirisch nachgewiesen werden kann. Dabei stellt sich immer wieder die interessante und schwer zu beantwortende Frage, ob es zur vollen Entfaltung einer demokratischen Symbolkultur zunächst der Nationswerdung bedarf oder ob - umgekehrt - die Propagierung der Staatssymbole notwendig ist, um zu nationaler Identität zu finden. Wir neigen der Ansicht zu, dass es sich dabei um einen Konvergenzvorgang handelt, d. h. dass beide Faktoren wichtig sind und einander ergänzen. Ähnlich stellt sich die Problematik bei der heute häufig gestellten Frage, was man tun könne, um das Verständnis für das vereinte Europa bei seinen Völkern zu heben. Geht das ohne Symbole? Oder muss sich das Europabewusstsein zuerst festigen, bevor Symbole angenommen werden?

Von der Methode her beschränkt sich dieses Buch nicht auf die möglichst genaue Beschreibung dessen, was man als die "Moderne Österreichische Staatssymbolik " bezeichnen könnte. Vielmehr wird breiter und tiefer nachgeforscht: Zunächst muss eine Einführung in die Grundbegriffe der Heraldik (Wappenkunde) und der Vexillologie (Flaggenkunde) gegeben werden, vor allem auch deshalb, weil sonst gewisse Fachbegriffe immer wieder definiert werden müssten. Wenn auch beides heute eher "Hobby-Wissenschaften" sein mögen: zum Verständnis einer "Zeitgeschichte in Zeichen" sind sie sehr hilfreich. Zusammen mit einem kleinen kunstgeschichtlichen, semiotischen (zeichenkundlichen) und psychologischen Besteck lassen sich viele Zusammenhänge erkennen, manche Geheimnisse lüften und jede Menge Skurrilitäten entdecken. In der weit gefasstenDarstellungder Symbole Österreichs werden alle in diesem Buch behandelten Phänomene möglichst immer in einem Dreischritt analysiert. Es wird somit gefragt:

1. Was bedeutet der Gegenstand unter dem Aspekt der Ursymbolik, d. h. inwiefern enthält er weit in die Menschheitsgeschichte zurückreichende Bedeutungselemente, interkulturell ähnliche Eigenschaften - was wird ihm im Volksglauben, in der Religion, im Aberglauben oder durch die moderne Wissenschaft zugeschrieben? So ist es etwa selbstverständlich, sich der mythologischen Bedeutung des Adlers zu vergewissern, bevor man sich der Geschichte und Problematik unseres Bundeswappens widmet.

2. Was war/ist die allgemeine politische Bedeutung eines Symbols im europäischen Kulturraum, im deutschen Sprachraum, in den Nachbarstaaten Österreichs? Dies erweist sich insbesondere dann als wichtig, wenn es darum geht, in mehreren Ländern gleichzeitig auftretende Phänomene, wie etwa die spezielle Symbolik des Faschismus, zu untersuchen.

3. Was ist schließlich die besondere Bedeutung eines Symbols in und für Österreich? Gerade im Hinblick auf das politische Wechselspiel, dem Österreich im 20. Jahrhundert unterworfen war, soll herausgearbeitet werden, was der eigenständige österreichische Beitrag zu einem Symbol, die spezifisch österreichische Bedeutung eines Zeichens ist. So sind etwa Hakenkreuz und Judenstern nicht nur von außen auf Österreich eingestürzte Schreckenszeichen; beide gehen vielmehr auf in der österreichischen Geistesgeschichte wurzelnde Vorbilder zurück.

Wichtig scheint es auch, die eigene nationale Symbolik um die internationale ("entgrenzende") politische Symbolik zu ergänzen. Dies nicht nur, weil Österreich Mitglied verschiedener internationaler Organisationen (UNO, EU etc.) ist, sondern auch deshalb, weil richtig verstandener österreichischer Patriotismus seinem gesamten Wesen nach immer auf Völkerverbindung und nicht auf Völkertrennung angelegt war und ist. Es ist selbstverständlich, dass ein grundlegendes Werk über nationale Symbolik auch auf einschlägige Legenden, Mythen und Anekdoten eingehen muss, runden sie doch die Analyse der bewussten und unbewussten kollektiven Einstellungen eines Volkes zu seinen Symbolen ab.

Reitersiegel Ottokars II., Foto: Otakarus - aus: Wikicommons - Foto Otokarus unter CC
Reitersiegel Ottokars II.
Foto: Otakarus - aus: Wikicommons - Foto Otokarus unter CC

An der Symbolik der neun österreichischen Bundesländer wird das starke föderalistische Element deutlich, das Österreich seit jeher kennzeichnet, zumindest seit ein Reitersiegel König Przemysl Ottokars II. aus dem Jahre 1273 den österreichischen Bindenschild mit den Wappenbildern Steiermarks, Kärntens, Krains, Mährens und Böhmens verband. Dieses Lexikon enthält auch eine detaillierte Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Praxis und den zukünftigen Möglichkeiten einer spezifisch österreichischen Symbolkultur. So wie sich in vielen anderen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens eine "Europäisierung", d.h. Verwestlichung und Modernisierung Österreichs als notwendig erweist (und auch schon vor sich geht, wobei es unser Bestreben sein sollte, möglichst wenig von den Schattenseiten "westlicher" Einflüsse mit zu übernehmen), so sollte der Binnenstaat Österreich als gefestigte Demokratie und selbstbewusste Nation einen Mindeststandard an Symbolkultur erreichen. Dazu gehören vor allem der geziemende Respekt vor der Nationalflagge, aber auch ein Minimum an Kenntnissen über ihren praktischen Gebrauch so wie die Kenntnis zumindest der ersten Strophe der österreichischen Bundeshymne.

Aus diesem Grund enthält das Buch auch eine "Österreichische Fahnen- und Flaggenordnung" im Sinne einer Flaggenetikette, die der Autor in ihren Grundzügen bereits 1964 entworfen hat.

Bei all diesen Erwägungen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann sich ein Verständnis für Fahne, Flagge und die übrigen Staatssymbole herauskristallisieren, das auch der kritischen Sicht eines aufgeklärten, humanistischen Demokraten von heute gerecht wird, der die Auswüchse eines überspannten nationalstaatlichen Denkens ebenso ablehnt wie die quasireligiöse Verehrung weltlicher Symbole und Gegenstände? Wir glauben ja, doch muß dabei sorgfaltig und immer wieder selbstkritisch vorgegangen werden, handelt es sich doch ex definitione um ein Gebiet, das nicht der kognitiven Erkenntnis allein vorbehalten ist, sondern zuvorderst von Tradition, Usance und Gefühl beherrscht wird. Wer die Tradition nicht im Auge behält, droht leicht zu übersehen, wie tief manche Dinge im kollektiven Unterbewusstsein einer Gesellschaft verwurzelt sind. Es ist das klassische Muster, nach dem viele Reformer - man kann sagen, spätestens seit Joseph II. - scheitern, indem sie die elastische Urkraft des Überkommenen unterschätzen. Traditionen sind imstande, nach oft jahrzehntelanger Verbannung in den Untergrund strahlend wieder hervorzutreten. Dabei muss es sich keineswegs nur um positive Phänomene handeln. Es können genausogut Dinge, die in lauterer, aufklärerischer Absicht in Frage gestellt oder sogar zum Verschwinden gebracht wurden, unversehens wieder aus der Versenkung auftauchen, als hätte es die sie betreffende Reform oder Reformabsicht nie gegeben.

Ein kleines Beispiel: In den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in einer theologisch sehr ernsthaft geführten Diskussion die in Österreich übliche Fronleichnamsprozession in Frage gestellt. Aus dem Wesen der Einsetzungsworte (Matthäus 26,26; Lukas 22,19) und dem ursprünglichen Verständnis der Eucharistie schien der "umhergetragene Gott" eher aus heidnischem Flurzauber als aus christlicher Tradition hervorgegangen zu sein. Anna Coreth hat dargetan, dass die "Pietas Eucharistica" ein wesentliches Element der "Pietas Austriaca" der Habsburger war. Die intensive Verehrung des Altarsakraments, das in einer an die Sonne erinnernden strahlenden Goldmonstranz vorangetragen wird, hat ihr Urbild in der Haltung Rudolfs von Habsburg, von dem erzählt wird, er habe einem mit dem Allerheiligsten vorbeikommenden Priester sein Pferd überlassen und diesen zum Kranken begleitet. (3) Heute stellt niemand mehr derartige Erwägungen an. Traditionskatholiken und Spitzenpolitiker aller Couleurs schreiten mit ernster Miene wie bei einem Trauerzug hinter dem "Himmel" her, wenn sich der von Ordensrittern im feierlichen Ornat, Chargierten und Vertretern anderer katholischer Verbände begleitete Zug durch die Wiener Innenstadt bewegt, wo es zwar keine Feldfrüchte zu segnen gibt, wo aber höfische Tradition hochgehalten wird. Vorchristliche Ursymbolik und die traditionelle Frömmigkeit eines jahrhundertelang regierenden Herrscherhauses sind eben wirksamer als noch so kluge theologische Erwägungen über die zentrale Bedeutung eines christlichen Glaubenssymbols.

Wer andererseits aus Einfallslosigkeit oder mangelndem Mut nicht bereit ist, auch neue Wege zu gehen und Traditionen in Frage zu stellen, der begibt sich der Möglichkeit, Entwicklungen einzuleiten, die nach sorgfältiger Analyse des Bestehenden objektiv notwendig sind. Unter Beachtung beider Aspekte soll in diesem Buch daher eine für Österreich geeignete Zusammenfassung aller jener Grundsätze versucht werden, die ein demokratisches Verständnis und einen zeitgemäßen Gebrauch der Staatssymbole, insbesondere von Fahne und Flagge, gewährleisten können. Dabei geht es nicht zuletzt um so etwas wie "Etikette", das heißt um Regeln der Ästhetik und des Anstandes, die dem "flaggenungewohnten" heutigen Binnenland Österreich und der "symbolgeschädigten" Republik ein Mindestmaß an Europareife und Intemationalität auch im Hinblick auf die staatlichen Symbole verschaffen sollen.


Literatur:

(1)Ernst Bruckmüller, Österreichbewußtsein im Wandel. Schriftenreihe des Zentrums für angewandte Politikforschung, Band 4,Wien 1994:
(2) Vgl. hiezu: Erwin Ringel, Die österreichische Seele. Graz - Wien 1984
(3) Anna Coreth, Pietas Austriaca. Wien 1959, 17 f.