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Die Eiserne Krone der Lombardei#

von Peter Diem

Buchtext S. 180f.

Die sogenannte „Eiserne Krone" der Lombardei wird in der Kathedrale S. Giovanni Battista von Monza aufbewahrt. Es handelt sich dabei um eine zierliche Krone aus sechs Goldplatten von je 8 Zentimetern Länge, die miteinander einen Reif von rund 15 Zentimeter Durchmesser bilden. Die lombardische Krone hat ihren Beinamen von einem schmalen, gehämmerten Eisenring, der im Inneren des Goldreifs verläuft und im Rufe steht, ein Nagel vom Kreuze Christi zu sein.

--> Magda von Barany-Oberschall, Die Eiserne Krone der Lombardei. Wien 1966

Bild 'Eiserne_Krone_500h'

Die Eiserne Krone, Foto:James Steakley Aus: Wikicommons unter CC
Die Eiserne Krone
Foto:James Steakley Aus: Wikicommons unter CC

Die sechs Hauptfelder des bügel- und zackenlosen Kronreifs tragen je vier getriebene siebenblättrige Goldrosetten, die einen Edelstein in Kreuzform umgeben.

Die Zwischenfelder zeigen je drei Edelsteine übereinander - abwechselnd Rubin, Saphir und Amethyst -, wobei zwei derartige Felder ohne Hauptplatte aneinanderstoßen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Krone ursprünglich aus acht Platten bestand. Mit 64 Zentimetern Umfang bzw. 20 Zentimetern Durchmesser wäre sie damit als königlicher Stirnreif im Gegensatz zur bestehenden Krone ausreichend dimensioniert gewesen.

Insgesamt enthält die Eiserne Krone 22 Edelsteine. Der Ursprung des lombardischen Staatssymbols ist umstritten. Nach einer Theorie stammt die Krone aus dem 5. Jahrhundert: der oströmische Kaiser Anastasias habe sie dem Ostgotenkönig Theoderich verliehen, nachdem er zwei wichtige Platten entfernt hatte, um der Krone die Achtzahl und das Stirnjuwel und damit ihre protokollarische Bedeutung für Byzanz zu nehmen.

Nach anderer Ansicht verweisen die Zellschmelzarbeiten in den Winkeln der Rosettenkreuze auf das 10. Jahrhundert. In jedem Fall vereinigt die „Eiserne Krone" - ähnlich wie ihre Gegenstücke im Norden Mitteleuropas - mehrere Stilrichtungen in sich: spätrömische und westgotische Motive mischen sich mit frühromanischer kosmologischer Symbolik. Fasst man ihre Dimensionen als Originalmaß auf, könnte das Insigne ursprünglich eine Frauenkrone oder auch ein Armreif an einem weiten Gewand (Armilla) gewesen sein.

Durch die Krönung von Konrad III. (1093-1152) im Jahre 1128 war Monza zur norditalienischen Krönungsstadt geworden. Zunächst existierte die Eiserne Krone der Langobarden nur als Legende. Dann aber ließ Heinrich VII. (Kaiser 1298-1308) eine für Krönungen tatsächlich verwendbare eiserne Krone herstellen. Im 15. Jahrhundert bildete sich die „Dreikrönungslegende" heraus: Der Römische Kaiser habe drei Kronen zu empfangen: mit einer goldenen Krone würde er in Rom zum Kaiser gekrönt, mit einer silbernen in Aachen zum deutschen König und mit einer eisernen in Mailand zum italienischen König. Die dreifache Krönung sollte den Kaiser dem mit der Tiara, der dreifachen Krone, ausgestatteten Papst ebenbürtig machen. Erst 1530 wurde Karl V. durch Papst Klemens VII. in Bologna mit jenem Reif gekrönt, den wir heute die „Eiserne Krone der Lombardei" nennen. Er sollte der erste und letzte Römische Kaiser sein, der mit der lombardischen Krone gekrönt wurde.

Der nächste Herrscher, der sich für die Eiserne Krone interessierte, war Napoleon I. (1769-1821). Am Höhepunkt seiner Macht hatte sich der Korse am 2. Dezember 1804 in Notre Dame zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Am 26. Mai 1805 machte er sich im Dom von Mailand zum italienischen König, indem er sich die Eiserne Krone der Lombardei aufs Haupt setzte.

Zum dritten und letzten Mal wurde die Krone von Monza als Krönungsinsigne verwendet, als man Ferdinand I. 1793-1875 am 6. September 1838 in Mailand zum König des nach dem Wiener Kongress entstandenen lombardo-venezianischen Königreichs krönte. Ein Aquarell in der Wiener Schatzkammer zeigt die österreichische Lösung des Problems der für Herrscherköpfe zu kleinen lombardischen Krone: Während man den Reif für Napoleon vermutlich hinten geöffnet und mit einem Band erweitert hatte, wurde für Ferdinand I., den Gütigen, ein „tragender Untersatz" entworfen. Die kleine lombardische Krone ruhte wie die Laterne einer Kuppel auf der blauen Samthaube einer größeren Lilienkrone, wobei sie offenbar von vier durch sie hindurchragenden und in einem Kreuz endenden Bügeln gehalten wurde.

Nach dem Abzug der Österreicher gelangte die Krone 1859 in die Wiener Schatzkammer, wurde aber 1866 dem neugegründeten italienischen Königreich ausgefolgt. Der eigens angefertigte dunkelblaue Krönungsmantel ist in der Wiener Schatzkammer verblieben. Er ist mit goldenen Palmblättern und Lorbeer bestreut (im Beitrag über den Orden der Eisernen Krone wird auf die für Österreich seltene Farbkombination Dunkelblau-Gold näher eingegangen).

Neben ihrer nur dreimaligen Verwendung als Krönungsinsigne stellt die Eiserne Krone eine legendenumwobene Reliquie dar, die nicht zu Unrecht in einem Tabernakel im Dom zu Monza ruht. Nach historisch nicht voll verbürgten Berichten habe die hl. Helena ihrem Sohn, Kaiser Konstantin, zwei aus Nägeln vom Kreuz Christi verfertigte Gegenstände überbringen lassen: ein edelsteingeschmücktes Diadem und einen Pferdezaum. Papst Gregor der Große habe das Diadem von Kaiser Tiberias Augustus in Byzanz als Geschenk erhalten und es an Theodolinde, die Königin der Langobarden, weitergegeben.

--> Die aus Regensburg stammende Theodolinde war eine der großen Frauengestalten des frühen Mittelalters. Sie bekehrte nicht nur ihren zweiten Gatten, Graf Agilulf von Turin, zum Christentum, sondern missionierte die arianischen Langobarden insgesamt während ihrer rund 35 Jahre währenden Herrschaft. Theodolinde gilt als Stifterin der 595 eingeweihten Kathedrale von Monza, wo sie mit ihrem Gatten in einem einfachen Sarkophag begraben liegt.

Wappen von Monza
Wappen von Monza
Theodolindes Krone (Abbildung) ist erhalten geblieben und befindet sich in der archäologischen Staatssammlung in München . Es ist ein die spätrömische und westgotische Formensprache vereinigender, in strenger Form gehaltener und reich mit Steinen besetzter goldener Kronreif von 5 Zentimetern Höhe bei einem Durchmesser von 19 Zentimetern. Er dürfte auf das 7. Jahrhundert zurückgehen und ist daher unter Umständen älter als die Eiserne Krone.
Seit 1311 wurden die italienischen Könige mit der Eisernen Krone gekrönt. Mitte des 15. Jahrhunderts setzte Aeneas Sylvius Piccolomini, der spätere Papst Pius II., in seiner Vita Friedrichs III. die Eiserne Krone der Legende mit dem Insigne von Monza gleich. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde schließlich die noch aus der karolingischen Zeit stammende Sage von einer eisernen Krone der Langobarden mit dem real existierenden Goldschmuck von Monza und der Erzählung vom Diadem Konstantins zur Deckung gebracht. Damit war der Weg zur Reliquienverehrung vorgezeichnet, die im Jahre 1717 auch von der römischen Ritenkongregation sanktioniert wurde. Demgemäß wird alljährlich am ersten Septembersonntag die „Eiserne Krone" von Monza in feierlicher Prozession durch die Stadt geführt. Links das Wappen der Stadt.