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Fahnen- und Flaggenkunde#

von Peter Diem

Fahnen bieten den meisten Stoff zum Nachdenken (anonym)

Buchtext S. 73ff.

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fahne und Flagge wird Vexillologie genannt. Dieser Begriff geht auf die römische Bannerfahne, das Vexillum, zurück, mit welchem wir uns weiter unten beschäftigen werden. Unter Fahne versteht man ein Stück Tuch, das an einem Stock befestigt ist. Durch seine Farbgebung und Zeichnung soll es eine bestimmte Aussage sichtbar machen und/oder als Symbol für eine bestimmte Sache oder eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen dienen. Das Wort „Fahne" geht auf gotisch „fana", althochdeutsch „fano" zurück und bedeutet „Tuch" oder „Zeug". Im weiteren Sinn bezeichnet der Begriff „Fahne" alle Arten von Feldzeichen, die bei Kriegshandlungen zu Lande im Laufe der Menschheitsgeschichte verwendet wurden. Im heutigen Sinn werden unter „Fahne" nur Symbole aus Tuch verstanden. Die Fahne wird in der Regel getragen oder aufgestellt. Im Gegensatz dazu wird die Flagge, die gleichartigen Zwecken dient, mittels einer Leine gehisst oder als Flaggentuch an einer Wand befestigt. Während die Flagge (das Flaggentuch) ersetzbares „Verbrauchsmaterial" ist, wird die Fahne (das Fahnenblatt) nicht erneuert, sondern in ihrer ursprünglichen Form so lange wie möglich aufbewahrt, da sie in ihrer Gesamtheit ein Symbol darstellt.

--> Für Details über die korrekte Verwendung von Fahne und Flagge siehe die Österreichische Fahnen- und Flaggenordnung.

Geschichte#

Die Geschichte der Fahne reicht weit zurück in die Vorzeit. Wahrscheinlich wurden zunächst Tierfelle an Stangen befestigt, um weithin sichtbare Zeichen zu geben. Whitney Smith, der führende amerikanische Vexillologe (Fahnen- und Flaggenexperte), weist darauf hin, welche Bedeutung schon allein dem Fahnenstock selbst zukommt. Die Stange ist ein Machtsymbol wie Keule, Speer und Schwert; tiefenpsychologisch gesehen ist sie ein Phallussymbol. In rein praktischer Hinsicht kann ein Zeichen am Stock im Kampf weithin sichtbar vorangetragen, neben einem Herrschersitz aufgepflanzt und in einem Tempel an zentraler Stelle aufbewahrt werden. Es erleichtert zerstreuten Kämpfern das Sammeln an einem Ort. Bis in die neueste Kriegsgeschichte war die Fahne immer wichtigstes Identitäts- und Orientierungszeichen des Soldaten.

Für Whitney Smith drückt die erhobene Fahne „die Sehnsucht des erdgebundenen Menschen nach dem Himmel aus, was zweifellos zu der weiten Verbreitung des Adlers als Stangenbekrönung beiträgt" 

--> Whitney Smith, Die Zeichen der Menschen und Völker, Mc Graw Hill, 1975, 36. 
--> vgl. hiezu auch z.B. die Verzierung der beiden Flaggenmasten vor dem Parlamentsgebäude mit dem Bundesadler. 

Schon die alten Kulturvölker Asiens verfügten über verschiedene Feldzeichen, die aus Holz, Metall, Leder oder anderen Materialien angefertigt wurden und die man heute Vexilloide (der römischen Kriegsfahne, dem weiter unten beschriebenen „Vexillum", ähnliche Zeichen) nennt. Sie symbolisierten die von ihren Trägern verehrten Gottheiten, die Schutz geben und Sieg verleihen sollten. Insoferne waren sie dem Totem sehr ähnlich. Sie konnten die Gestalt von Sonnenschirmen ebenso annehmen wie die von Fächern.

Die älteste erhaltene Fahne dürfte aus der Wende zum dritten vorchristlichen Jahrtausend datieren. Sie stammt aus der ostpersischen Stadt Khabis und zeigt zwei Löwen und eine Sonne auf ihrem kleinen Metallblatt. Löwe und Sonne bildeten das iranische Staatssymbol bis 1979, als die islamische Republik eingeführt wurde, die sich 1980 ein neues, aus vier Mondsicheln und einem Schwert bestehendes Wappen gab.

Im archäologischen Museum von Ankara finden sich einige metallene Scheiben, die als Standartenaufsätze identifiziert wurden. Ihre Entstehungszeit dürfte das dritte vorchristliche Jahrtausend, also die frühe Bronzezeit, sein. In der Bibel ist auf eher unbestimmte Weise von „Feldzeichen" die Rede, so Numeri 1,52 und 2,2 („Jeder hat seinen Platz unter dem Feldzeichen seiner Heeresabteilung und beim Zeichen seiner Sippe."). Kriegerische Auseinandersetzungen in Wüstengebieten erfordern aber aus der Natur der Sache weithin erkennbare Zeichen - was lag daher näher, als ein Stück Tuch im Winde flattern zu lassen? Psalm 20,6 („Dann wollen wir jubeln über deinen Sieg, im Namen unseres Gottes das Banner erheben") deutet ebenso darauf hin, dass die Juden mit dem Gebrauch von Fahne und Flagge vertraut waren wie Jesaja 30,17 („Von eurem stolzen Heer wird nichts übrigbleiben als eine leere Fahnenstange auf einem kahlen Hügel") oder Jeremias 4,21 („Wie lange noch muss ich die Kriegsfahne sehen ...?"). Die Übersetzungen sind freilich uneinheitlich und wechseln immer wieder zwischen den Begriffen „Feldzeichen", „Fahne", „Banner" - ja sogar der Begriff „Fahnenmast" wird bei Jesaja 30,17 verwendet. Es wäre interessant, darüber weitere linguistische Untersuchungen anzustellen.Die frühesten Fahnenformen waren Stangen, die an ihrer Spitze verschiedene Symbole trugen. Die bekanntesten davon sind die römischen „Signa", die nicht nur als militärische Orientierunghilfen dienten, sondern von den Legionären auch kultisch verehrt wurden. Für die oft Tausende Meilen von Rom entfernt stationierten Soldaten waren sie „tragbare Götter", sichtbares Bindeglied zum als Gottheit anerkannten Kaiser und somit Gegenstand heiliger Handlungen. Ursprünglich hatte jedes Manipel (120 bzw. 60 Soldaten) sein eigenes Feldzeichen, das der „Signifer" trug und womit er die Befehle seines Zenturios optisch weitergab. Daneben existierten die sogenannten „Palladien", Kultsymbole wie Adler, Minotaurus, Pferd, Eber und Wolf, die jeweils zwischen dem ersten und zweiten Treffen der Legion getragen und von besonderen Wachen geschützt wurden. Tacitus berichtet in seinen Annalen (1,39) über die Heiligkeit der römischen Feldzeichen, die teilweise auch Kaisermedaillons (imagines) trugen. Nicht selten kam es vor, dass ein römischer Befehlshaber das Feldzeichen seiner Einheit in die Reihen des Gegners schleudern ließ, um die eigenen Kämpfer dazu anzuspornen, es zurückzuerobern. Marius ordnete 104 v. Chr. an, dass neben den taktischen Feldzeichen der Manipeln und Kohorten die Legion den Adler (aquila) als alleiniges Palladium führen solle. Diese erste Truppenfahne diente also nicht mehr taktischen Zwecken, sondern war heiliges Zeichen der Legion. Der römische Adler wurde dabei stets in seiner charakteristischen, zum Flug bereiten Form dargestellt. Er war etwa taubengroß, aus Silber oder Bronze gefertigt und sollte seiner Legion als Glücksbringer „voranfliegen".

Bild 'legion'
Dem Legionsadler an der Stangenspitze wurde in der Folge ein Stück Tuch an einem horizontalen Balken hinzugefügt - das Vexillum (Banner), von dem die Flaggenkunde (Vexillologie) ihren Namen hat. Das Legionszeichen wurde vom „Aquilifer" getragen und vom „Primipilus" beschützt.

Vor oder während der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 n. Chr. erschien Kaiser Konstantin dem Großen (307-337) das Chi-Rho-Symbol mit der Verheißung, dass er in diesem Zeichen siegen werde. (Dem Schrägkreuz X = Chi wird ein P = Rho aufgelegt, wodurch die ersten beiden Buchstaben für „Christos" = der Gesalbte entstehen.) Konstantin befestigte das Chi-Rho am Labarum, der Fahne des Oberbefehlshabers, und besiegte seinen Rivalen Maxentius.

Anschließend verbreitete sich das Christus-Monogramm im ganzen Römischen Reich. Es ist aber umstritten, ob das Chi-Rho, wie überliefert, wirklich auf eine übernatürliche Eingebung oder auf die vorbedachte Wahl als wirksames Feldzeichen zurückgeht. Nach Jacob Burckhardt setzte Konstantin das genannte Zeichen bewusst als Integrationssymbol ein, weil die römische Staatsreligion schon ein zu schwaches Bindemittel war. Christliche Kämpfer hatten sich überdies bereits selbst mit dem Symbol des Kreuzes versehen. Mit der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion 380 n. Chr. waren Chi-Rho und Kreuz nicht nur mehr rein religiöse Symbole, sondern hatten bereits eine politische Bedeutung als Zeichen für das Reich.


Bild 'plakat_sturmscharen'

Das Chi-Rho erlangte übrigens auch in Österreich eine quasi-politische Bedeutung -vertikal weiß auf eine schwarze Raute gestellt, war es das Symbol der sogenannen „Ostmärkischen Sturmscharen", einer 1930 gegründeten paramilitärischen Organisation des autoritären Ständestaates unter Führung von Kurt Schuschnigg. Die aus der katholischen Jugend hervorgegangenen Sturmscharen standen im Gegensatz zur radikaleren Heimwehr. Auch Kanzler Engelbert Dollfuß trat gelegentlich in der Uniform der Sturmscharen auf.

Die Gegner der Römer im Norden, die Germanen, kannten ebenfalls schon Feldzeichen; sie wurden aber nicht zu taktischen Signalzwecken eingesetzt, sondern nur als Palladien, d. h. in kultischer Funktion. Die Symbole der altgermanischen Gottheiten - wie Wotans Speer oder Zius Schwert - wurden bei Kriegsausbruch aus den heiligen Hainen hervorgeholt, um in der Schlacht die Männer zu höchster Tapferkeit anzufeuern.

Die Römer wiederum verwendeten in der Folge ihre Legionsadler auch als Hoheitszeichen in den eroberten Gebieten, wo sie bei Militärparaden vorangetragen wurden, um die örtliche Bevölkerung einzuschüchtern und von der Unbesiegbarkeit des römischen Weltreiches zu überzeugen.

Die eigentliche Fahne im heutigen Sinn - ein an einem eher schmucklosen Stock seitlich befestigtes Tuch - verdanken wir wahrscheinlich den Chinesen. Es ist anzunehmen, dass in China schon um 3000 v. Chr. bemalte Seidenfahnen für kriegerische und kultische Zwecke verwendet wurden. Die Seide (bzw. die aus ihr gefertigte Fahne) gelangte in der Zeit der Kreuzzüge aus dem Orient in den Westen.

Träger der Kreuzzüge waren vor allem die Ritterorden. Auch sie führten Wappen und Fahnen, so z. B. die Johanniter (auch Malteser, gegr. 1048) das weiße Malteserkreuz auf rotem Grund, die Angehörigen des Deutschen Ritterordens (gegr. 1198) ein schwarzes Kreuz im weißen Feld. 1188, das Jahr vor dem dritten Kreuzzug (Friedrich Barbarossa, Richard Löwenherz), gilt als das Entstehungsjahr der modernen Nationalflaggen: Um nicht nur Personen, sondern auch nationale Heeresverbände auseinanderhalten zu können, einigte man sich unter den Kreuzrittern darauf, verschiedene Farben anzunehmen. Im Gegensatz zu ihren Gegnern, den Kreuzfahrern, bevorzugten Araber und Türken (Feld-)Zeichen in abstrakten Formen (z.B. weiße und schwarze, seit den Fatimiden grüne Fahnen) und kalligraphische Stickereien, da ihnen der Islam bildliche Darstellungen untersagte. Von den Arabern dürften somit nicht nur unsere Ziffern und Zahlen stammen, sondern auch die bunten Fahnen. Als erste moderne Form der Fahne entstand im Westen der „Gonfanon" (ital. guntfano, Kriegsfahne), ein langes, meist mehrzipfeliges Tuch, das an einer Lanze befestigt wurde.

Der berühmteste Gonfanon soll eine rote, mehrzipfelige Fahne mit sechs goldenen, blau gesäumten Blüten gewesen sein, die Papst Leo III. am Weihnachststag des Jahres 800 Karl dem Großen anlässlich seiner Krönung übergab: die „Oriflamme" (Auri Flamma - Goldflamme). Später führte Karl der Große jedoch das weiße Kreuz auf rotem Grund als Reichsfahne. Den Adler - Zeichen der Nachfolge des Römischen Reiches - verwendete er als metallenes Abbild. Erst von etwa 1200 an wurde der Reichsadler schwarz auf gelbem Grund in der Reichsfahne geführt, nachdem er in die Wappen wichtiger Reichsfürsten Eingang gefunden hatte. Seit Kaiser Heinrich II. (973-1024) war die Fahne ein wichtiger Bestandteil der Lehenszeremonie. Heinrich II. Jasomirgott erhielt 1156 das Herzogtum Österreich aus den Händen Kaiser Friedrich Barbarossas mit zwei Fahnen.

--> Andreas Kusternig, Adler und Rot-Weiß-Rot, Symbole aus Niederösterreich, Wien, 1986, 84)

Bild 'roemreich'
Ab dem 13. Jahrhundert erlangte die große, segelförmige Fahne immer weitere Verbreitung, weil sich ihr Tuch besonders gut für die Anbringung eines Wappens eignete. Es war dies eine Neuauflage des römischen Vexillums, des an einem Querbalken befestigten Fahnentuchs. Als „Banner" hat diese Fahnenform die Kriegsführung im ganzen Mittelalter bis zu den bekannten Landsknechtsfahnen des 16. Jahrhunderts beherrscht. Als das „Fußvolk" der Söldner die Ritterheere ablöste, wurde aus dem schwer manipulierbaren Banner die handlichere Fahne - anfänglich noch häufig „der fan" genannt. Dazu gesellte sich bald die von der Reiterei aus praktischen Gründen bevorzugte Standarte (ursprünglich „Standhart", d. i. die in den Boden gerammte oder auf einem Fahnenwagen geführte Fahne). Die Standarte ist kleiner als die normale Truppenfahne, ihr quadratisches Blatt hat meist ein Maß von 50 x 50 cm, während die noch leichtere Dragonerfahne in zwei Spitzen geteilt ist.

Als „Kirchenfahne" hat sich das Vexillum bis in die Gegenwart erhalten. In Österreich hat auch die sogenannte „Bannerfahne" als „Sportplatzfahne" bis auf den heutigen Tag überlebt - zum Leidwesen der Vexillologen, denen es sehr auf ein einheitliches Fahnen- bzw. Flaggenformat und ein ordnungsgemäßes Hissen und Einholen der Flagge ankommt. Der Grund für die Beliebtheit der Bannerfahnen in Österreich liegt wohl in ihrer Eigenschaft, auch bei Windstille gut sichtbar zu sein - eine typisch binnenländische Auffassung. In Ländern mit Zugang zum Meer ist die gehisste Flagge (meistens im Format 2:3) schon allein wegen ihrer Widerstandsfähigkeit dem Wind gegenüber weithin die einzige Form.

Bild 'Seeflagge'
Es ist bezeichnend, dass die alt-österreichische Seeflagge seit ihrer Einführung unter Joseph II. im Jahre 1786 dieses Format aufwies - war die Donaumonarchie ja auch Seemacht. 

Für die Seeflagge der Republik Österreich (rot-weiß-rot ohne Wappen) ist das Format in § 3 Abs. 2 Seeschiffahrtsgesetz, BGBl. 174/1981, gesetzlich vorgeschrieben. Auch die Binnenschiffe Österreichs verwenden in der Regel diese Form.

Bild 'reitersiegel'
Die älteste bekannte Abbildung einer österreichischen Fahne findet sich auf dem Reitersiegel von 1254, auf dem sich Graf Otto von Plain und Hardeck als „Signifer Austriae" bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Reiterfahne mit länglichem, abnehmbaren rot-weiß-roten Fahnenblatt.

Seit dieser Zeit hat die Fahne eine wechselvolle Geschichte durchlaufen, die von Alfred Mell genau beschrieben und anhand vieler Photographien (meist aus schwedischen Museen) dokumentiert wird (siehe: Die Fahnen der österreichischen Soldaten im Wandel der Zeiten. Wien 1962 ). Wir werden bei der Beschreibung der Geschichte des österreichischen Wappens immer wieder auch auf die Geschichte der Fahne stoßen.

--> Alfred Mell, Die Fahnen des österreichischen Soldaten im Wandel der Zeiten, Wien, 1962

Bild 'Regimentsfahne'

Wie wir gesehen haben, begleitet die Fahne als Symbol für eine Idee, einen Kampfverband oder schlicht für eine Gemeinschaft die Menschheit seit vorgeschichtlicher Zeit. In den Hochkulturen Ostasiens und des Vorderen Orients waren fahnenähnliche Zeichen weit verbreitet, bevor noch Griechen, Römer und Germanen die Fahne in unseren historischen Gesichtskreis trugen. Glaubens- und Machtkämpfe von den Kreuzzügen bis zum Dreißigjährigen Krieg, von den Türkenkriegen bis zum Zweiten Weltkrieg wurden unter Bannern, Fahnen, Standarten und Wimpeln zu Lande und unter Schiffsflaggen zur See ausgefochten. Dazu traten Fahnen als Ausdrucksmittel von Kräften, die die Stabilisierung oder De-Stabilisierung der jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse beabsichtigten („im Schilde führten" - ein aus der Ritterzeit und der damit verbundenen Heraldik auf uns gekommener Ausdruck). Vielfach hatte die Fahne die Funktion, den politischen oder gesellschaftlichen Status quo aufrechtzuerhalten. Im folgenden einige Beispiele:

- Das Reichsbanner trug den Reichsadler als oberstes Hoheitszeichen und Ausdruck höchster weltlicher Autorität. Es diente Kaisern und Königen sowie deren Oberbefehlshabern zum Sammeln der Truppen.

- Die handlichere Reichssturmfahne wurde den Soldaten in der Schlacht vorangetragen. In der Regel diente der Kampf der Erhaltung des bestehenden Zustandes, d. h. der Abwehr von Bedrohungen des vom Reich kontrollierten Gebietes.

- Die blutrote Lehensfahne des Mittelalters schrieb das dauernde gegenseitige Treueverhältnis zwischen Herr und Knecht ebenso fest, wie sie die Blutgerichtsbarkeit des Grundherrn symbolisierte.

- Die den Prozessionen vorangetragene Kirchenfahne drückt die geistige Gefolgschaft der Gläubigen aus - Treue zum Glauben und  Gehorsam gegenüber der Amtskirche.

Foto: P. Diem
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- Die Traditionsfahnen von Regimentern und Armeen sind Ausdruck der Absicht, dem Kampfgeist früherer Truppenkörper nachzueifern und ihre Verbundenheit mit Herrscherhaus oder Nation fortzusetzen

- Vereinsfahnen drücken den Willen der Mitglieder aus, den Gründungsgedanken und ursprünglichen Vereinszweck hochzuhalten und die Gemeinschaft - oft über Generationen hinweg und unter völlig veränderten Rahmenbedingungen - weiterzuführen: denken wir nur an die Studentenverbindungen, die Vereinigungen der Sudetendeutschen oder den Österreichischen Kameradschaftsbund wie auch traditionelle Arbeitervereine.

- Umgekehrt waren es gerade die in den Straßen und auf den Plätzen der Städte entrollten Fahnen, die die stärkste gesellschaftliche Dynamik zu symbolisieren und auszulösen vermochten: So war es die blau-weiß-rote Trikolore der Französischen Revolution,  die von 1789 bis ins ausgehende 19. Jahrhundert den Kampf der Republikaner gegen das weiße Lilienbanner der Bourbonen beflügelte.

- Der schwarz-rot-goldene Dreifarb Deutschlands rang von 1819 bis 1933 um seine Anerkennung als Symbol der Erneuerung, bis er in zweierlei Gestalt Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zum systemstabilisierenden Element in West- und Ostdeutschland wurde.

- Die rote Fahne der Arbeiterbewegung hat in vielen Ländern den Kampf der Arbeiterschaft um ihre Rechte ausgedrückt und bis heute ihre symbolkräftige Dynamik nicht eingebüßt.

- In besonderer Weise hat die von den Nazis massiv eingesetzte Hakenkreuzfahne die Massen in ihren Bann gezogen. Durch ihre bewusste Mystifizierung - darunter der Rückgriff auf das Bild der mittelalterlichen Blutfahne und ihre Umdeutung als Fahne der Märtyrer der nationalsozialistischen Bewegung - wurde eine überaus große psychologische Wirkung erzielt.

Die rote Fahne#

A. Rabbow meint: „Die rote Fahne darf unter dem Aspekt einer gestalterischen Analyse als das gelungenste moderne politische Symbol überhaupt gesehen werden. Sie vereint einen hohen emotionalen Appellwert mit formaler Einfachheit in idealer Weise."

Dem ist zuzustimmen, merkt man doch schon bei der formal gleich gestalteten Fahne Libyens, die seit 1977 aus einem rein grünen Tuch besteht, einen deutlichen graduellen Abfall der Appellwirkung. Eher würde noch die schwarze Anarchistenfahne an die rote Fahne der Arbeiterschaft herankommen, wenn es um physiologisch bedingte Wirkung, d. h. die reine Erweckung von Aufmerksamkeit geht. Hier muss man freilich sorgsam auf ethno-kulturelle Auffassungsunterschiede und psychologische Vorkonditionierungen achten. Für die These Rabbows spricht, dass die rote Fahne ihre Aufgabe im kommunistischen China genauso erfüllt hat wie in Deutschland oder Österreich. Die Kraft der roten Fahne geht im Grunde auf zwei einander ergänzende Elemente zurück:

Foto: P. Diem
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- die starken Ursymbole „Blut" und „Glut", beide in derselben, das menschliche Auge besonders ansprechenden langwelligen Farbe Rot (mit-)schwingend, und die einfache Form des erhöht im Winde flatternden und damit Aufmerksamkeit erweckenden, selbst „Leben" annehmenden Tuches.

Zum erstenmal politisch wirksam wurde die rote Fahne im Jahre 1834, als in der Seidenindustrie von Lyon Aufstände ausbrachen. In der Folge wurde sie zum internationalen Symbol der Arbeiter. Dies rief natürlich den Widerstand des Bürgertums hervor, der sich auch in mehrfachen Verboten niederschlug. In Wien etwa wurde nach Arbeiterdemonstrationen die Verwendung von roten Fahnen ab 25.6.1872 eingeschränkt und zwischen 1884 und 1891 zur Gänze verboten.

Mit Verordnung der Bundesregierung vom 19. Mai 1933 wurde der öffentliche Gebrauch von roten Fahnen ebenso wie der des Sowjetsterns, der drei Pfeile und des Hakenkreuzes verboten.

Als 1848 Schwarz-Rot-Gold in Deutschland offiziellen Charakter annahm, tauchten auch in diesem Land immer mehr rote Fahnen auf, weil sich die revolutionären Lager, die bis dahin gemeinsam unter den neuen Nationalfarben marschiert waren, nun trennten.

Zu neuer Geltung kam das Rot der Fahne nach dem Ersten Weltkrieg. Wie in Deutschland die Arbeiter- und Soldatenräte ab 1918 dieses Symbol nicht nur selbst führten, sondern auch dem Bürgertum aufzwingen wollten, so stand auch die Ausrufung der österreichischen Republik unter dem beispiellosen Vorfall, der sich am 12.11.1918 auf der Parlamentsrampe ereignete:

Bild 'flaggen1918'
Wo rot-weiß-rote Flaggen feierlich gehisst hätten werden sollen, stiegen verknotete rote Flaggentücher empor. Rote Garden hatten den weißen Mittelstreifen herausgerissen und nur das rote Tuch gehisst: in der ersten Minute ihrer Existenz erlebte die Republik Österreich bereits eine Krise ihrer staatlichen Symbolik.

Der Vorfall war genauso typisch für die mangelnde nationale Identität Österreichs wie der Geist der bereits am 30. Oktober 1918 angenommenen provisorischen Verfassung, die in Artikel 2 „Deutschösterreich" zu einem Bestandteil der Deutschen Republik erklärt und dieses damit gleich selbst seiner eigenstaatlichen Existenz beraubt hatte. Wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg verdankte Österreich schon damals seine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit nicht sich selbst, sondern den Mächten, die Deutschland besiegt hatten.

Aber auch die Weimarer Republik hätte nach dem Willen der extremen Linken die rote Fahne zur Nationalflagge erheben sollen. Nach Ablehnung dieses Vorschlages kam alles freilich ganz anders: in Deutschland brach der sogenannte „Flaggenstreit" aus, der bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 währte. Sowohl „Rotfront" als auch „Reaktion" - die Gegner des Nationalsozialismus im „Horst-Wessel-Lied" - mussten ihre Fahnen und Flaggen in Deutschland streichen. Die rote Fahne aber ging außerhalb Europas ihren Siegeszug in den beiden volkreichsten kommunistischen Staaten der Erde, Sowjetunion und China, weiter. Die sogenannte „Sichtagitation" wurde dort - wie im Dritten Reich - mit unvorstellbarem Einsatz getrieben. Auch andernorts, so in der DDR, blieb die rote Fahne getreuer Begleiter des Kommunismus bis 1989.

Die rote Fahne ist bis heute auch aus der sozialdemokratischen Bewegung nicht wegzudenken, wie sich etwa bei den jährlich stattfindenen Maiaufmärschen der SPÖ in Wien zeigt.

--> Vgl. dazu auch den Beitrag über die Farbe Rot

Bei allen Befreiungsbewegungen gegen das kommunistische Joch in Osteuropa spielten Fahnen eine große Rolle. Ob in Ungarn 1956 oder 1988, ob in Rumänien 1989, immer wieder flatterten Fahnen jenen voran, die zur Systemveränderung antraten.

Oft symbolisierte ein in die Fahne geschnittenes großes Loch die Ablehnung des herrschenden Regimes, oder es wurde bereits das Symbol einer neuen Ordnung vorangetragen. Die Niederringung der restaurativen Kräfte im Russland des Jahres 1991 wurde immer wieder durch die alten russischen Farben weiß-blau-rot unterstützt. So wurde am 19. August 1991 hinter Jelzin, der von einem Panzer aus sprach, die russische Flagge gehalten. Sie weht seit 25. Dezember 1991 von der Spitze des Kremls.

Die nationalsozialistische "Blutfahne"#

Beachte:  Der Autor distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Absicht, das Gedankengut autoritärer, faschistischer, nationalsozialistischer und anderer antidemokratischer oder unmenschlicher Systeme zu verherrlichen oder zu propagieren. Die Aufnahme der folgenden Texte und Abbildungen in das Austria-Forum dient einzig und allein wissenschaftlichen und aufklärererischen Zielen und einem vertieften Verständnis der österreichischen Zeitgeschichte.

Unter den zahllosen, meist direkt auf germanische Riten zurückzuführenden Kulthandlungen des Nationalsozialismus, die wichtige Instrumente zur Begeisterung und geistigen Unterwerfung der Massen waren, sticht die besondere Art der „Weihe" neuer Fahnen hervor, die Adolf Hitler selbst vornahm.

Die „Blutfahne" war eine angeblich mit dem Blut ihres beim Putsch am 9.11.1923 gefallenen Trägers getränkte Hakenkreuzfahne. Ihr Einsatz durch die NS-Bewegung wird wie folgt geschildert:



Bild 'hitlerelablutfahne'
"Jeweils am siebenten Tag der Reichsparteitage in Nürnberg wiederholte sich folgendes Ritual: „Heil meine Männer!" schallte der Gruß Hitlers, hunderttausendfach die Antwort „Heil mein Führer!" durch die Arena. Während Hitler unbeweglich auf dem Führerstand verblieb, lösten sich unter dumpfem, andauerndem Trommelwirbel die Fahnen und Standarten von den braunen Blocks, zogen über den granitenen Mittelgang und legten sich um das Ehrenmal, zu dem die Hunderttausend auf ein Kommando Front nahmen. Feierliche Trauermusik wehte leise über die Versammlung hin, indes Hitler mit entblößtem Haupte, begleitet in weiter Respektdistanz nur vom Stabschef der SA und dem Reichsführer SS, über das breite Band der steinernen „Straße des Führers" zum Ehrenmal schritt. Während sich die Fahnen zur Totenehrung neigten, verharrte er lange, schweigend auf dem weiten Vorplatz im Angesicht der „Blutfahne", deren Tuch sich auf den mannshohen, in seinem Namen niedergelegten Kranz herniedergesenkt hatte ... Im tiefen Schweigen der Menge schritt Hitler zurück; in weitem Abstand folgte ihm der Träger der „Blutfahne". Unter den schmetternden Rhythmen des Badenweiler Marsches wurden die Fahnen und Standarten nun zur Haupttribüne getragen und bildeten auf den grünen Rundterrassen einen breiten, dreifachen Gürtel ... Das Deutschlandlied brauste auf und indes sich die Musikkorps im Horst-Wessel-Lied ablösten, so dass bald von nah, bald von fern die Klänge des Kampfliedes der Bewegung den feierlichen Akt untermalten, weihte Hitler durch Berührung mit der „Blutfahne" neue Standarten der Parteiformationen. Salutschüsse donnerten bei jeder Berührung auf..."

--> Karlheinz Schmeer, Die Regie des öffentlichen Lebens im Dritten Reich, München 1956.  

Hier werden die tief in uralte Mythen zurückreichenden und geschickt auf Ursymbole zurückgreifenden Praktiken des Dritten Reiches besonders deutlich: in einer Verbindung von optischen und akustischen Reizen, unter Ausnützung von massenpsychologischen Effekten und durch Zwischenschaltung der Massenmedien wurden die Gefühle eines ganzen Volkes weit unter der Bewusstseinsschranke angesprochen und mobilisiert. Die Verbindung der Ursymbole Blut und Fahne mit dem Führer- und Totenkult, zusammen mit der Aufstachelung nationaler Emotionen auf breitester Basis, ist wohl die stärkste Konzentration von bewusster Demagogie, die die Welt je gesehen hat. Sie wird annäherungsweise nur durch die ebenfalls von Hitler unternommene massive Instrumentalisierung des Judenhasses in einem ganzen Volk erreicht.

--> Zur Wirkung des nationalsozialistischen Fahnenkults auf die Jugend vgl. Friedrich Grupe, Jahrgang 1916 - Die Fahne war mehr als der Tod. München 1989, 82 ff.)

Quelle: Bildarchiv Austria
Quelle: Bildarchiv Austria
Als sich das von Hitlerdeutschland bedrohte Österreich in letzter Minute seine Unabhängigkeit bewahren wollte, verkündete Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg am 9. März 1938 in einem Verzweiflungschritt die Abhaltung einer nur mangelhaft durch die Verfassung gedeckten Volksabstimmung für den 13. März 1938.

Innerhalb weniger Tage versuchen Rollkommandos der Vaterländischen Front Stimmung für dieses Plebiszit zu machen. Zugleich finden Kundgebungen nationalsozialistischer und sozialistischer Gruppen statt. Neben Flugzetteln und Plakaten werden Fahnen als propagandistisches Mittel eingesetzt.

Doch es ist zu spät, die Volksabstimmung muss unter dem Druck Hitlers am 11. März 1938 abgesagt werden, Schuschnigg kapituliert vor der reichsdeutschen Drohung.

Die schwarze Fahne#

Am bekanntesten ist die schwarze Fahne als Trauersymbol. Zum Zeichen der Trauer wird auch ein schwarzer Trauerflor an der Fahne befestigt; Flaggen werden zum Zeichen der Trauer hingegen auf Halbmast gesetzt. In Österreich ist das meist anders: öffentliche Gebäude, z. B. Staatsoper und Burgtheater, stecken bei einem Todesfall lange schwarze „Hausfahnen" aus, manche besitzen auch schwarze Flaggen, die an den Dachmasten gehißt werden können.

Schwarze Fahnen kommen in der Politik auch als Zeichen der Verbitterung vor; so wenn sie etwa bei Stillegung eines Betriebes von der enttäuschten Belegschaft gezeigt werden. Sie können auch politischen Protest ausdrücken, wie z. B. bei den  Vietnam-Demonstrationen in den frühen sechziger Jahren.

Als Protestfarbe ist Schwarz auch die Farbe des Anarchismus gewesen. Unter der schwarzen Fahne hat diese alle gängigen Herrschaftsprinzipien ablehnende und auf totale gesellschaftliche Selbstorganisation drängende revolutionäre Bewegung mit Ausnahme einer gewissen Mitwirkung an der russischen Revolution kaum Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Weitere Details zum Thema enthält die Wikipedia.

Die weiße Fahne#

Kapitulation in Breslau - aus: Wikicommons unter CC
Kapitulation in Breslau - aus: Wikicommons unter CC

Nach der Literatur gilt das Zeigen einer weißen Flagge oder Tragen einer weißen Fahne (Parlamentärsfahne) seit dem 18. Jahrhundert als Zeichen der Übergabe- oder Verhandlungsbereitschaft. Dem steht entgegen, dass offenbar schon bei der Türkenbelagerung 1683 die weiße Fahne als Zeichen der Aufgabe verwendet wurde. An der Kirche von Perchtoldsdorf befindet sich eine Steintafel mit folgender Inschrift:

Hoch über dieser Stelle, auf der Galerie des Wehrturmes,
hissten die von türkischen Streifscharen belagerten Perchtoldsdorfer
am 16. Juli 1683 die weiße Fahne zum Zeichen der Kapitulation.

Natürlich hat die weiße Fahne als Zeichen der Kapitulation und Übergabebereitschaft auch gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Österreich eine wichtige Rolle gespielt. So wird über die Situation im Büro des Chefs des militärischen Widerstandes, Major Carl Szokoll, am Morgen des 7. April 1945 berichtet:

"Die Aktion erfolgte gegen 8 Uhr früh; und die Sekretärin des Majors Szokoll, zugleich Verlobte des Hauptmanns Huth, saß gerade in ihrem Büro und nähte weiße Fahnen. Sie hatte noch die Geistesgegenwart, vor den Augen der SS-Leute die schriftlichen Unterlagen der Verschwörung in einem kleinen „Kanonenofen" als Unterzündmaterial zu verbrennen - nach einer höflichen Frage an die SS, ob sie wenigstens Tee kochen dürfe. Als dann mitten während der Verhaftungsaktion Szokoll anrief, griff sie schnell zum Hörer, sprach den Major mit „gnädige Frau" an und warnte ihn, ohne dass die daneben stehenden SS-Männer begriffen, was gespielt wurde."

Hellmut Andics, Die Insel der Seligen. Wien 1976, 63

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem
Durch Verrat war der militärisch organisierte Aufstand in Wien vereitelt worden. Am 8. April, dem Tag, an dem Major Biedermann, Hauptmann Huth und Oberleutnant Raschke in Floridsdorf Am Spitz gehenkt wurden, war die Rote Armee von Westen her bis zum Gürtel vorgedrungen. Als am Nachmittag SS-Panzer durch die Innenstadt fuhren, wurden sie von sowjetischen Kampfflugzeugen unter Feuer genommen. Am 10. April beschoss deutsche Artillerie vom linken Donauufer die Innenstadt, und der Dom geriet durch Funkenflug aus brennenden geplünderten Geschäften in Brand.

"Vom Turm aber wehte die weiße Fahne. "(Andics, a.a.O. 64)

Spezifisch für Österreich dürfte sein, dass Höhere Schulen dann eine weiße Flagge hissen, wenn alle Schüler einer Maturaklasse die Reifeprüfung bestanden haben: Soll damit etwa der „Tod" des bisherigen Schullebens und der Beginn eines neuen Lebensabschnittes signalisiert werden, oder lehnt sich dieser Brauch an die weißen Hemden und Blusen bei Schulfeiern und die weißen Kleidchen der Mädchen bei der Erstkommunion an?





Die blaue Flagge#

Die „blaue Flagge" wird in Österreichs Strandbädern dann gehisst, wenn diese an einem besonders heißen Sommertag ausverkauft sind und keinen Platz mehr für weitere Badegäste haben. An vielen Küsten wird die „blaue Flagge" für besonders sauberes Wasser und zusätzliche Umweltmaßnahmen vergeben. Die Blaue Flagge ist ein exklusives Öko-Label, das weltweit mehr als 3300 Badestellen und Sportboothäfen in 36 Ländern in Europa, Marokko, Südafrika, Neuseeland, Kanada und in der Karibik auszeichnet.
Sie wird als Symbol für hohe Umweltstandards sowie gute Sanitär- und Sicherheitseinrichtungen im Hafen- und Badestellenbereich international anerkannt. Wird eine rote Flagge - z.B. an der Neuen Donau nach deren Flutung - gehisst, bedeutet das Badeverbot.
Sturmflaggen sind oft gelb.

Zwischen Fahneneid und Fahnenverbrennung#

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass mit der Ehrfurcht vor der Fahne - besonders vor der Fahne des Soldaten - in vieler Hinsicht Relikte eines Denkens verbunden sind, das weit hinter die Aufklärung, in die vordemokratische Zeit, ja in atavistische Bereiche unseres kollektiven Unbewussten hineinreicht. In seinem Buch „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit" (Frankfurt/Main 1988) weist der deutsche Kulturhistoriker Hilmar Hoffmann darauf hin, dass eine Kulturgeschichte der Fahnen, Flaggen und Standarten noch nicht geschrieben wurde. Sie würde ein vielbändiges Werk werden, denn zahllos sind die Beispiele, in denen sich Literatur, Musik und bildende Kunst mit dem Thema Fahne und Flagge befasst haben. Wichtig erscheint zunächst die Erkenntnis,
dass der durch die technischen Möglichkeiten bedingte Wandel der Kriegführung die Fahne als physischen Gegenstand der Orientierung im Gefecht praktisch obsolet gemacht hat. In keiner Form der militärischen Auseinandersetzung ist es heute mehr üblich oder auch nur denkbar, einer vorangetragenen Fahne zu folgen. Zwar sind die Flagge und das auf Uniformen und Kriegsgeräten angebrachte Hoheitszeichen weiterhin unverzichtbare Bestandteile auch der modernen Kampfführung geblieben, doch hat das Funkgerät die Fahne längst als taktisches Führungsinstrument abgelöst. Dazu Hoffmann (a.a.O., 18):

"Dennoch - abgedankt haben der Mythos vom Sieg und die Fahne als sein Symbol auch heute noch nicht. Als Symbol für die Nation ist sie weiterhin Gegenstand eines Tabubereichs. Ihre Beleidigung steht unter schwerer Strafe, im Falle der Staatstrauer weht sie auf Halbmast, bei Staatsbegräbnissen wird die Fahne über den Sarg gebreitet, um den Toten in die unsterbliche Gemeinschaft der Nation aufzunehmen - eine Symbolik, die wie kaum ein anderes Zeichen in allen Ländern der Welt verstanden wird."

Rotarmist auf dem Reichstagsgebäude, Aus: Wikicommons unter CC
Rotarmist auf dem Reichstagsgebäude
Aus: Wikicommons unter CC
Der Rotarmist Michail Minin hatte die Fahne wahrscheinlich am 30. April 1945 auf dem Reichstagsgebäude gezeigt, das Foto wurde aber am 2. Mai 1945 für den Fotografen Jewgenij Chaldej nachgestellt,

Sternenbanner auf Iwo Jima, Aus: Wikicommons unter CC
Sternenbanner auf Iwo Jima
Aus: Wikicommons unter CC
Wir müssen uns weiter darüber im klaren sein, dass der Mythos von Fahne und Flagge und ihre oftmalige Fetischisierung in Politik, Literatur und Kunst eng mit der Herausbildung der modernen Nationalstaaten zusammenhängt, die trotz verschiedenster Internationalisierungsbestrebungen - vom Völkerbund bis zur Europäischen Union - auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Auch wenn die Vereinten Nationen zur Zeit bereits 192 Mitgliedsstaaten zählen, zeigen etwa das Beispiel Palästinas, der Zerfall der Sowjetunion, die Aufteilung der Tschechoslowakei, insbesondere aber die Spaltung Jugoslawiens und der immer noch angespannte Situation auf dem Balkan - bis hin zum Streit um den Namen "Mazedonien", dass das Phänomen Nationalismus und die Idee der Staatsgründung in keiner Weise der Vergangenheit angehören.

Analysieren wir den äußerst komplexen Symbolgehalt, der der jeweils „eigenen" Fahne zukommt, so können wir folgendes festhalten: Schon seit „grauer Vorzeit" hat „die Fahne" - d. h. das je eigene Stammeszeichen, das je eigene Feldzeichen, das je eigene Herrschersymbol, das je eigene Religionsabzeichen und das je eigene Nationalsymbol - durch ihre sichtbare und greifbare Präsenz in feierlicher Versammlung oder kriegerischer Sammlung die höchstpersönliche Treue zur eigenen Gemeinschaft und den ihr gesteckten Zielen und Ideen hervorgerufen. Verstärkt wurde die genannte, vorwiegend emotional fundierte Akzeptanz der Symbolbotschaft durch den Nimbus, der den meisten Fahnen durch ihre religiöse Legitimierung seitens der jeweiligen Priesterschaft verliehen wurde. Ob es die kultische Rolle der römischen Feldzeichen war oder die Verleihung der „Oriflamme" an Karl den Großen, die päpstliche Weihe der Kreuzfahne, mit der Wilhelm der Eroberer gegen den keineswegs unchristlichen dänisch-englischen König
Harald II. in die Schlacht von Hastings (1066) zog, oder die vielen Kreuzessymbole der Kreuzfahrer - in allen Fällen war der kirchliche Segen mitgegeben worden.

Damit erlangte die Fahne selbst den Charakter des Heiligen. Insbesondere in den katholischen Ländern Europas hat sich der Brauch der Fahnenweihe bis in die moderne Zeit erhalten. Unter dem Ruf „Für Gott, Kaiser und Vaterland" zogen Millionen fahnengläubiger junger Menschen in die mörderischen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges. Dabei waren nicht nur die Fahnen geweiht, sondern auch die Waffen gesegnet worden, als hätte es gegolten, Bajonett, Gewehr und Mörser nicht auf Menschen, sondern auf den Teufel selbst zu richten. Heute leisten die Rekruten des österreichischen Bundesheeres ihr Gelöbnis auf die Truppenfahnen.