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Die Schleiermonstranz#

Entwurf: Matthias Steinl (1644-1727)
Ausführung: Johann Baptist Känischbauer von Hohenried (1668-1739, Reichsadel 1722)
Ursprungsort: Wien, 1710-1715
Silber, mit Ausnahme des Schleiers vergoldet, Edelsteine (Almandine, Amethyste, Diamanten, Rubine, Smaragde, Türkis, Bergkristall), 15 große und 1380 kleine Perlen, Hostienbehälter: Bergkristall, Lunula: Gold mit 47 Brillanten, 7 Smaragden, 1 Granat mit eingeschnittener Darstellung der Anbetung der Heiligen Drei Könige
Höhe: 80 cm, Breite: 52 cm, Tiefe: 23 cm

Schleiermonstranz
Schleiermonstranz - Foto: Stift Klosterneuburg
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Die Monstranz ist eine Stiftung des Propstes Ernest Perger zur 600. Wiederkehr der Grundsteinlegung der Stiftskirche. Auf der Vorderseite des Fußes ist ein Emailmedaillon mit Halbfigur des hl. Augustinus, auf der Rückseite ein Emailmedaillon mit dem Allianzwappen des Stiftes Klosterneuburg und seines Propstes Ernest Perger; die Umschrift lautet: „Anno a fundatione Sacul. Sexto MDCCXIV".

Die Monstranz wurde 1883 im Auftrag von Propst Ubald Kostersitz von den Wiener Silberschmieden Brix & Anders restauriert.

Am 9. August 1710 kam ein Vertrag zwischen Propst Ernest Perger und „Herrn Johann Känischbauer kayl. Cammergoldtschmidt" zustande. Känischbauer befand sich ab 1683 für sechs Jahre in der Lehre bei Hans Christoph Muhrbeck, war ab 1696 Meister, ab 1703 Vorsteher der Goldschmiedezunft und ab 1712 kaiserlicher Kammergoldschmied. Seine Werke entstanden meist nach Entwürfen der Hauptvertreter der Barockkunst in Wien. Der Gegenstand des Vertrages war die Anfertigung einer Monstranz. Das Honorar wurde mit 750 Gulden festgesetzt. Als Material durfte nur hochwertiges, 13-lötiges Silber verarbeitet werden.

Mattias Steinl (Steindl, Staindl) war ähnlich wie Känischbauer „hofbefreit", das heißt, er unterstand nicht der Kontrolle der Zunft, sondern war nur dem Wiener Hof verpflichtet. Für die kaiserliche Familie und einige dem Hof nahestehende Klöster war er rund 40 Jahre als Architekt, Bildhauer und Festdekorateur tätig. Für Klosterneuburg schuf Steinl nicht nur den Entwurf der Schleiermonstranz, sondern entwarf auch die ephemere Festdekoration der Jubiläumsfeierlichkeiten von 1714 und war in den 1720er Jahren für die Neugestaltung des Hochaltares der Stiftskirche verantwortlich.

Die Edelsteine im Gesamtwert von 2448 Gulden lieferte einerseits der kaiserliche „Sigill-, Stein- und Münzeisenschneider" Johann Michael Hoffmann. Andererseits steuerte der Propst selbst einen beträchtlichen Teil aus seiner privaten Schmuckschatulle bei.

In den vier Jahren Arbeit kam es offensichtlich zu einer beträchtlichen Ausweitung des ursprünglichen Konzepts. Jedenfalls verbrauchte Känischbauer fast doppelt so viel Silber und Edelsteine als vereinbart.

Das Programm - die Edelsteine#

Die Monstranz gehört heute zu den am meisten bewunderten Werken der europäischen Goldschmiedekunst. Tatsächlich handelt es sich vorrangig um eine Kleinplastik, der zusätzlich eine liturgische Funktion anvertraut wurde. Auf einem mit Wurzeln durchzogenen Waldboden wird uns die ent-scheidende Szene der Gründungslegende bildhaft vor Augen geführt. Am Fuß des Holunderbaumes kniet mit gefalteten Händen Markgraf Leopold III. Er blickt empor zur Erscheinung der Madonna, die auf einer Wolkenbank vom Himmel herabschwebt. Sie neigt das Haupt und grüßt ihn lächelnd. Ihre rechte Hand legt sie demütig auf die Brust; mit ihrer Linken weist sie auf Christus, der in Gestalt der Hostie in der Mitte zugegen ist. Die Jagdhunde des Markgrafen verbellen die himmlische Vision. Zwei Putten präsentieren den silbernen Schleier der Markgräfin Agnes, der sich im Geäst verfangen hat. Durch die Gegenwart Mariens treibt der alte knorrige Holunderbaum wieder Blätter und Blüten. An der Spitze der Baumkrone thront Gottvater. Er beugt sich huldvoll herab, in seiner Rechten das Zepter und die Weltkugel, zu seinen Füßen die Taube des Heiligen Geists. Zusammen mit dem im Hostienfenster erscheinenden Leib Christi vereint sich die Gruppe zur Dreifaltigkeit. Die diaphane (durschscheinende) Laubkrone wird von einem goldenen Strahlenkranz hinterfangen.

Auf dekorative Elemente wurde so gut wie verzichtet. Nur das Randprofil der vierpassigen Basis und der applizierte Edelsteinschmuck erinnern noch an Gerätschaften. Wo das natürlich gewachsene Terrain beginnt, wurde die glatte Oberfläche durch eine Hammerschlagoptik zum Leben erweckt: der mit Wurzeln durchwachsene Waldboden, der Baumstamm, die einander überkreuzenden Äste, die Zweige. Die fein geäderten, lanzettförmigen Blättchen sind in drei Ebenen angebracht, um Tiefe zu erzeugen. Alle Figuren sind vollrund gearbeitet. Neben der malerischen Behandlung des Silbers besticht die kostbare Ausstattung mit Perlen und Edelsteinen. Süßwasserperlen bilden die Dolden der Hollerblüten. Gürtel, Ärmel und Sternenkrone der Madonna sind mit Brillanten geschmückt. Der Schleier aus poliertem Silber ist mit einer brillantbesetzten Bordüre geschmückt. Der am Boden abgesetzte Herzogshut und das Wams des hl. Leopold sind mit zu Cabochon (gewölbte Form) geschliffenen Almandinen (Eisenton-Granaten)besetzt. Das Schwert an seiner linken Seite ist mit Smaragden und Brillanten verziert. Gottvater ruht an einer Weltkugel aus einem großen, kugelig geschnittenen Saphir und hält ein mit Brillanten und Perlen geschmücktes Zepter; um sein Haupt erstrahlt ein mit Brillanten besetztes Auge Gottes. Zu seinen Füßen schwebt der Heilige Geist vor einer Almandinscheibe in einer Gloriole aus roten Steinen. An der Basis und in den Zweigen sitzen und hängen zahlreiche Juwelen, die wohl Bestandteil älterer Schmuckstücke waren und als Votivgaben eingearbeitet wurden. Der reiche Steinschmuck erhöht zweifellos die Kostbarkeit der Monstranz. Für die Schilderung des realen Geschehens und für das skulpturale Konzept sind die Juwelen jedoch eine Zutat, die als störend empfunden wird.

Verbindung zum Haus Habsburg#

Schon die ungewöhnliche Größe, die einzigartige Kostbarkeit der Steine und die kunstvolle Ausführung machen die Monstranz zu einem hochrangigen Kunstwerk. Ihre tiefreligiöse Bedeutung offenbart sich aber erst durch das Verständnis des vielschichtigen inhaltlichen Programms. Für das Konzept zeichnete sicher Propst Ernest Perger selber verantwortlich. Er war ein hochrangiger Theologe und Autor theoretischer Schriften und stand zur Zeit der Vertragsbegründung der Wiener Universität als Rektor vor. Daneben spielte er als Vertrauter des Kaiserhauses eine herausragende Rolle, die ihm hohe Ehren und viele Privilegien einbrachte, aber auch Verpflichtung und Unterordnung bedeutete.

Die Verquickung des Schicksals von Klosterneuburg mit dem des Hauses Habsburg wird in der Gestaltung der Monstranz in vielen Punkten deutlich. Es liegt nahe, dass der Gründer des Stiftes mit dem 1705 verstorbenen Kaiser Leopold I., dem Verteidiger der Christenheit gegen die Türken, gleichgesetzt wurde. Er war es, der den Babenberger 1663 zum Patron der österreichischen Erblande erhoben hatte. Ähnlich wie er hatte der Kaiser während der Türkengefahren und Pestepidemien vor der Gottesmutter gekniet und um ihre Hilfe gebeten. Vergleichbar mit ihm sah er in seiner Frömmigkeit die Basis seiner Legitimität und seines Machtanspruchs. Nun stand eine noch größere Gefahr bevor, nämlich das Ende der Habsburger-Dynastie, denn sein Sohn Kaiser Josef I. hinterließ bei seinem Tod 1711 nur zwei Töchter; dessen Bruder Karl VI. war bei seiner Thronbesteigung noch kinderlos. Die Lebensgeschichte von Markgraf Leopold und seiner Gemahlin Agnes gab jedoch Hoffnung: Neun kinderlose Jahre mussten sie warten, bis der Schleier gefunden wurde. Erst dann stellte sich der Kindersegen mit 18 Nachkommen ein.

Der Habsburger und der Babenberger Leopold - beide sind in der Figur vereint, die barhäuptig vor der Muttergottes kniet, um sie als Fürbitterin für den Fortbestand der Dynastie zu gewinnen. Die Monstranz war also nicht nur ein Jubiläumsgeschenk, sondern auch eine kaiserliche Votivgabe, für die der Propst alle verfügbaren Mittel aufbrachte. So gesehen, wird die Gestaltung in Form eines Baumes nicht nur der Gründungslegende gerecht, sondern auch von alten volkstümlichen Bildern, wie dem Lebensbaum, überblendet.

Die Schleierlegende#

Viele Elemente des Volksglaubens waren damals noch lebendig. So sah man im siebenarmigen Bronzeleuchter, der aus der Ursprungszeit de Kirche stammt und das älteste erhaltene Stück der Einrichtung des Stiftes ist, ein Behältnis für jenen Holunderstrauch, in dem sich der Schleier der Markgräfin Agnes verfangen hatte. Der Leuchter wurde deshalb im Mittelalter „Holunderbaum" (sambucus) genannt. Tatsächlich hatte er einer Holzkern, was als Bestätigung der alten Überlieferung angesehen wurde.

Eine andere Tradition besagte, dass damals noch Nachkommen jener Hunde, die den hl. Leopold auf seiner Jagd begleitet hatten, im Stift lebten. Vielleicht wollte man, dass sie deshalb auf der Monstranz als Symbole der Treue, aber auch der Jagdlust, die ein Privileg des Adels war, verewigt wurden.

Die Monstranz wurde den Gläubigen bei hohen Kirchenfesten in feierlichen Prozessionen und Aussetzungen gezeigt. Am Karfreitag wurde sie zum Heiligen Grab getragen. Am Tag des Landespatrons, am Leopoldstag, der auch der Wallfahrtstag der kaiserlichen Familie nach Klosterneuburg war, fand sie am Grab des Gründers Aufstellung. Besonders wichtig war ihre Rolle in der Fronleichnamsprozession, die in der lokalen Volksfrömmigkeit als eine Erfindung des hl. Leopold galt.

Buch Sachtzkammer Klosterneuburg
Quelle:

Wolfgang Christian Huber,
Die Schatzkammer im Stift Klosterneuburg
208 Seiten, zahlreiche Farbtafeln, EUR 29.-

Redaktion: P. Diem