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Der Mond#

von Peter Diem

Mariensäule vor der Piaristenkirche in Wien 8.,
Mariensäule Wien 8., Photo: P. Diem

Als Ursymbol ist der Halbmond bzw. die Mondsichel das Zeichen weiblicher, vor allem jungfräulicher Gottheiten, z. B. der Artemis. Dem kommt auch der weibliche Monatszyklus entgegen, durch welchen der Mond stark mit dem Gedanken des sich wiederholenden Rhythmus, des Messens, mit Zeit und Ewigkeit in Verbindung gebracht wird. Im Gegensatz zur Sonne repräsentiert der Mond - nach offenbar rein männlicher Sicht - das Irrationale, Subjektive. Attribute der Mondgöttinnen sind die Spinne und die Spindel. Der Mond gilt als geheimnisvolles „Schiff der Nacht".

In der politischen Frühgeschichte des Halbmonds tritt dieser meist mit der Sonne auf. Im Rom nach Augustus wird der Kaiser auf Münzen durch die Sonne, die Kaiserin durch die Mondsichel repräsentiert (Dualsystem).

Besondere Bedeutung hat der Halbmond im Islam, für den er Göttlichkeit und Souveränität symbolisiert. Die Berechnung des Jahresablaufes erfolgt im Islam nach dem Mond. Der aufsteigende Halbmond - ohne Stern -, umgeben von einer Kette als dem Symbol der Einigung und einem Kranz von Ähren als dem Sinnbild des Wohlstandes, umschließt den arabischen Schriftzug für die Arabische Liga. Der Halbmond kommt ferner in den Flaggen der Türkei, Algeriens, Mauretaniens, Tunesiens, Pakistans, der Malediven, Bruneis und Singapurs (hier mit fünf weißen Fünfsternen Symbol für die Ideale des Landes) vor.

In jüngster Zeit hat der Halbmond seine ehemals gewiss einigende Kraft unter den islamischen Staaten zugunsten der panarabischen Farben Rot-Grün-Weiß-Schwarz ablegen müssen, wie dies etwa die Palästinenserflagge zeigt, die nun offiziell über den autonomen Gebieten Gaza und Hebron weht. Als das Rot„kreuz"zeichen der islamischen Welt (außer Iran) hat aber der rote Halbmond seine Geltung behalten.

Arabische Liga
Arabische Liga
Roter Halbmond
Roter Halbmond


Seine politische Bedeutung für Österreich erhielt der Halbmond durch die Türken. Nach einer Sage stammt der türkische Halbmond aus dem Horoskop von Sultan Osman (1288-1326) - er soll von seinem Nachfolger Orchan (1326-1359) an die rote Fahne der Janitscharentruppe geheftet worden sein. Endgültig wurde der Halbmond von Sultan Selim I. (1512-1520) zum offiziellen Staatssymbol erklärt; es war also unter einem ganz neuen Zeichen, dass sich die Türken unter Soliman dem Prächtigen auf ihren langen Marsch nach Wien machten (1521 fiel Belgrad; es blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein türkisch; 1526 wurden die Ungarn in der Schlacht bei Mohacs besiegt). Nach der Eroberung Ägyptens (1517), die den Türken auch den (religiösen) Kalifentitel brachte, setzte sich der Halbmond im Volk durch, weil er leichter aufzufassen war als die komplizierten Schriftzeichen und Ornamente des (bilderfeindlichen) Islam. Später trat dann auch der Stern hinzu.

Im Abendland wurden Halbmond und Stern zum allgemeinen Symbol für die „Ungläubigen" und ihre Schreckenstaten.

Zwischen 1519 und 1686 - genau in der Zeit der Türkenkriege - war die Spitze des Stephansdoms von einem etwas seltsamen, aus einem liegenden Halbmond und einem sechsstrahligen Stern bestehenden Zeichen gekrönt, das die Vereinigung von weltlicher und geistlicher Macht (Kaiser und Papst) symbolisieren sollte. Davor hatte der Hochturm ein Kreuz getragen. Die beiden Heidentürme trugen ab 1519 Kreuz und Krone. Die These, dass die Kombination von Halbmond und Stern an der weit und breit höchsten Turmspitze des Abendlands (auch) ein Apotropäon - ein unheilabwendendes Zeichen - gegen den Ansturm des Islam auf die Christenheit gewesen sei, drängt sich auf. Eine Bestätigung dafür konnte freilich in der Literatur nicht gefunden werden. Als 1529 die erste Türkenbelagerung überstanden war, bildete sich die Legende, dass Sultan Soliman nur unter der Bedingung abgezogen war, dass der Halbmond auf die Turmspitze gesetzt würde. Den 1530 geäußerten Bitten der Wiener Bürger, das „heidnische" Zeichen zu entfernen, wurde aber zunächst nicht entsprochen. Es sollte eineinhalb Jahrhunderte dauern, bis das „Stadtsymbol" geändert wurde (wie man sieht, muss man für Reformen im Symbolbereich einen langen Atem haben). Kaiser Leopold I. gelobte in Linz, das Christenkreuz auf die Spitze des Turmes setzen zu lassen, wenn durch Gottes Beistand die Stadt gegen die Türken siegen würde.

Am 14. September 1683, nach dem Dankgottesdienst, wurde der Herrscher von Bischof Emmerich Sinelli an sein Gelübde erinnert. Aber erst nach der Rückeroberung Ofens, am 15. Juni 1686, wurde der „Mondschein" abgenommen. Er befindet sich heute im Wien Museum.

Der 'Mondschein'
Der "Mondschein"
Die als „spanisches Kreuz" gefertigte neue Turmbekrönung überstand nur drei Monate, bis sie ein Sturm herunterwarf. Sie wurde durch Doppelkreuz und Doppeladler (als Zeichen für den Sieg des christlichen Kaisers) ersetzt, welche bis ins 19. Jahrhundert hielten.

Friedrich v. Schmidt stellte 1862 die baufällige Turmspitze wieder in Stein her und ließ am 12. August 1864 ein neues Kreuz und einen drei Zentner schweren Doppeladler aufsetzen.

Zuletzt wurde dieses 200 kg schwere kupferne Turmkreuz, neu vergoldet, mit Hilfe eines Hubschraubers am 13. Oktober 2008 auf die Spitze des Südturms gehoben. Es trägt die Initialen FJ I. und die Devise Franz Josefs "Viribus Unitis". In der ebenfalls neu vergoldeten Turmkugel wurden eine "Wiener Zeitung", ein Satz Euromünzen, eine Kreditkarte und diverse andere zeitgenössische Gegenstände verborgen. Insgesamt wurden 6.000 Stück Blattgold für die Restaurierung des traditionellen Symbols verwendet.

--> Siehe auch: Rubina Möhring, Türkisches Wien. Wien 1983, 34 f. sowie
--> Rupert Feuchtmütler/Franz Hubmann, Der unbekannte Dom, Wien 1984, 40. Die beiden Schilderungen weichen voneinander ab: Feuchtmüller wurde hier mehr beachtet. Vergleiche auch den Beitrag Stephansdom.

Nach der Abwehr der Türkenbelagerung vor Wien im Jahre 1683 ließ Leopold I. Münzen schlagen, auf denen die Vertreibung der Türken durch einen Doppeladler und einen Halbmond - beides auf der Rückseite - symbolisiert wurde. Hiezu eine zeitgenössische Beschreibung:

Auf der andern Seiten: War mitten zu sehen die Welt/auf welcher sasse ein Kayserl.doppelter Adeler/mit der Umschrifft: Colligit auxilii radios; Er samlet die Stralen des Beystandes. Am anderen Ende hinabwerts/verbarge sich der halbe Mond hinter den Wolcken/mit der Umschrifft: Victamque redegit in Umbras; Er hat ihn überwunden/und nach dem Schatten verjaget.

Eine weitere Erzählung über die Türkenzeit besagt, dass der Wiener Bäcker Peter Wendler aus der Grünangergasse während der Türkenbelagerung einen überdimensionalen Halbmond buk, um den Belagerern zu signalisieren, dass noch genügend Vorräte vorhanden seien. Daraus habe sich das „Türkenkipferl" entwickelt, das sich die Wiener heute noch zum - ebenfalls aus der Türkenzeit stammenden - Kaffee schmecken lassen. Felix Czeike bezweifelt dies jedoch mit dem Hinweis, dass schon im 13. Jahrhundert „chipfen" als Weihnachtsgabe der Bäcker bekannt gewesen seien.

--> Felix Czeike, Das große Groner Wien Lexikon. Wien 1974, 370). Zur „wahren" Geschichte des Kaffeehauses, auch eines Wiener und österreichischen Symbols, siehe den Beitrag über Wien)

Wien unter dem Halbmond: Anlässlich der Europäischen Fußballmeisterschaft EURO 2008 wehten in Wien viele türkische Fahnen von den Autos.

Photo: Peter Diem
Photo: Peter Diem
Mond aufgenommen mit 500 mm Brennweite (Kleinbild) in Limni/Griechenland am 15.5.2014
Mond - Photo Peter Diem