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Namen der Bundesländer - Symbole - Alltagskultur

Topographische Bezeichnungen als Symbole#

von Peter Diem

Den historischen Bezeichnungen für Österreich sowie den Namen der Bundesländer und ihrer Hauptstädte kommt insofern symbolische Bedeutung zu, als mit ihnen wichtige Elemente des österreichischen Nationalcharakters, der Landesidentität und des lokalen Heimatbezuges transportiert werden. Nicht umsonst lautet ja die Frage beim ersten Kennenlernen "Where do you come from?". Heißt die Antwort "I'm from Austria", so entstehen gewiss andere Assoziationen als bei jemandem, der sich als Deutscher oder Schweizer zu erkennen gibt. In ähnlicher Weise schwingen in unserem historisch gewachsenen Bundesstaat beim "Tiroler" andere Vorstellungen mit als beim "Wiener". Es scheint uns der Mühe Wert, hinter die entymologische und historische Entwicklung der wichtigsten topographischen Begriffe Österreichs zu leuchten, um damit ein wenig Licht in das Dunkel ihrer ursprünglichen und eigentlichen Bedeutung zu bringen. 

Ostarrîchi - der Name "Österreich"#

Im Jahre 1996 feierte Österreich, das staatsrechtlich eigentlich auf die Gründung der Ottonischen Mark im Jahre 976 zurückgeht, seinen 1000. "Namenstag". Wie kam es dazu? Auf einer heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrten Pergamenturkunde vom 1. November 996 findet sich das älteste Zeugnis für den Gebrauch der Bezeichnung "Ostarrîchi".

Die Urkunde wurde von dem von ihm selbst eingesetzten Papst Gregor V. (Sohn Ottos von Kärnten) am 21. Mai 996 zum Kaiser gekrönten, damals 16-jährigen Otto III. (980-1002) in Bruchsal ausgestellt. Aus dieser Urkunde geht hervor, dass dem Hochstift Freising ein Königshof mit 30 Hufen Landes (ca. 1000 Hektar) und allem Zubehör in der Gegend von Neuhofen an der Ybbs zum Geschenk gemacht wird. (Dieser Besitz blieb dem Kloster bis zu seiner Säkularisierung im Jahre 1803 erhalten.)

Der Gegenstand der Schenkung, so heißt es in der Urkunde, liegt "in regione vulgari vocabulo Ostarrichi in marcha et in comitatu Heinrici comitis filii Liutpaldi marchionis in loco Niuuanhova dicto ..." - also in einer Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi heißt und sich in der Mark und Grafschaft des Grafen Heinrich, des Sohnes des Markgrafen Leopold, in dem Ort, der Neuhofen genannt wird, befindet. Der Freisinger Schreiber der Hauptteile der Urkunde hatte deshalb die volkssprachliche und nicht die lateinische Territorialbezeichnung gewählt, weil er sich eine Urkunde aus dem Jahre 973 betreffend eine Landschenkung in Krain zum Vorbild genommen hatte (alle Bürokraten lieben es, mit Vorakten zu arbeiten!). In dieser war die Ortsbezeichnung ganz ähnlich formuliert gewesen ("in regione vulgari vocabulo Chreine ..").

In der Vergangenheit gab es einige Zweifel an der Echtheit der Urkunde, da zwar die Unterschrift identifiziert werden konnte (OTTO IMPERATOR AUGUSTUS), aber das Siegel fehlte. Es lassen verschiedene andere Umstände - wie etwa die Beglaubigung des Dokuments durch einen Notar aus der Kanzlei des Kaisers - keinen Zweifel daran, dass das Formular der Urkunde ("Blankett") zwar vom Empfänger (Kanzlei des Bischofs Gottschalk von Freising) selbst ausgefüllt, aber vom Absender (Otto III.) durch Einsetzen  des "Vollziehungsstriches" eigenhändig rechtskräftig gemacht worden war.

Ostarrichi-Urkunde
Ostarrichi-Urkunde
Aus: Wikicommons
Ein wohl nicht ernst zu nehmender Vorwurf gegen die allgemein akzeptierte Bedeutung der ersten erhaltenen Erwähnung des Namens "Österreich" lautet, dass es sich Bei "Ostarrîchi" um den Genetiv des Eigennamens "OSTARRICH" handle, in der Urkunde also nicht eine direkte Gebietsbezeichnung enthalten sei, sondern der Hinweis auf eine Grundherrschaft. Dieser von Helmut Frizberg in der Zeitschrift "Adler" 8/92 geäußerten Meinung wurde freilich sogleich heftigst entgegengetreten.

Anmerkung: Im Hinblick auf die in unseren Beiträgen zu den Symbolen Österreichs jedoch so oft antreffbare "Unschärfe" in Bezug auf wichtige Teile der österreichischen Staatssymbolik (z.B. die Art der ersten Hissung der Nationalflagge am 12. November 1918, die Ungewissheit in Bezug auf den Komponisten der österreichischen Bundeshymne, das Fehlen klarer Inhalte des Nationalfeiertages etc.) schiene es uns im übrigen gar nicht ungewöhnlich, wenn auch der Ursprung unseres Staatsnamens zweifelhaft wäre. Die Urkunde - ob bedeutsam oder nicht - kam jedenfalls erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ehren, als sich das Ausstellungsdatum des Dokuments zum 950. Male jährte. Österreich war 1946 eben erst aus den Trümmern des Krieges hervorgegangen. Auf Anregung des Bruders des damaligen Unterrichtsministers, Dr. Franz Hurdes, fand in Neuhofen/Ybbs eine Feier statt, während welcher ein schlichter Gedenkstein neben der Kirche enthüllt wurde, der daran erinnern sollte, dass hier die "Wiege Österreichs" gestanden sei.

Nach einer weiteren Feier im Jahre 1971 wurden Pläne für eine OstarrîchiGedenkstätte entwickelt, für welche ein Grundstück aus kirchlichem Besitz die Grundlage bot. Die Urkunde selbst kam erst 1976, anläßlich der großen Babenbergerausstellung im Stift Lilienfeld, zum ersten Mal im Original nach Österreich. Vom Erfolg dieser Ausstellung inspiriert, konnte das Gebäude der Gedenkstätte im Oktober 1977 fertig gestellt werden. Es enthält eine didaktische Aufbereitung der Urkunde sowie kartographische Darstellungen über das Entstehen des heutigen Österreich.

--> Josef Streißelberger (Hrsg.), Ostarrîchi Gedenkstätte  Neuhofen/Ybbs, Bad Vöslau, o.J.

Der Name "Österreich" im Laufe der Jahrhunderte#

Neben dem Begriff "Ostarrichi", der in der Völkerwanderungszeit ganz allgemein "Gebiet im Osten" bedeutete, wurde um die Jahrtausendwende die lateinische Form "terra orientalis" für östliche Gegenden verwendet. So wurde der babenbergische Markgraf zum "marchio orientalis" und die Stadt Krems zur "urbs orientalis". Das deutsche Wort "Ostmark" wird hingegen in mittelalterlichen Quellen nicht verwendet. Auf eine germanische Sprachwurzel ("austr" = Osten) scheint hingegen die latinisierte Form "Austria" zurückzugehen, die sich ab 1147 als Landesname in offiziellen Schriftstücken einbürgert.

Dabei mag die Erwägung mitgespielt haben, dass der Begriff "orientalis" im damals als wichtig erachteten dynastischen und wirtschaftlichen Verkehr mit Byzanz unsinnig klingen musste (schon damals hat also die bis heute immer wieder hervorgehobene "Mittlerrolle" und "Brückenfunktion" unseres Landes Geltung gehabt).

--> Erich Zöllner, Der Österreichbegriff, Verlag für Geschichte und Politik, Wien, 1988.
--> Anna M. Drabek, in: Ostarrichi Gedenkstätte, a.a.O. 32 ff.

Im französischen Sprachgebrauch als "Autriche", im Italienischen als "Ostorico" und im Englischen als "Austrik" bezeichnet, wurde "Austria" zunächst nur für das Gebiet des heutigen (Kern)landes Niederösterreich verwendet. Während die Babenberger sich noch "dux Austriae et Styriae" nannten, konnten die frühen Habsburger ihren gesamten Herrschaftsbereich bereits als "dominium Austriae" bezeichnen.

Der Begriff "Haus Österreich" wird zum ersten Mal nach 1355 von Karl IV. gebraucht. Er bezeichnet, wie allgemein bekannt, die gesamte Familie und das gesamte Erbe der Habsburger. Auch wenn ein Mitglied der Familie aus Spanien kam, es wurde dennoch als Spross der "Casa d"Austria" bzw. "Maison d"Autriche" bezeichnet. Eine Episode blieb die Bezeichnung "Stato de Austria", die Maximilian I. in einem Gespräch mit einem venezianischen Gesandten gebrauchte. 

Seit der Wende zum 18. Jahrhundert kommt die Namensform "Monarchia Austriaca" in Gebrauch, die auf die Bemühungen der Krone hinweist, verschiedenartige und weit auseinander liegende Gebiete doch so gut wie möglich zentral zu regieren und zu Verwalten. In der Pragmatischen Sanktion vom 19. April 1713 wird die angestrebte Unteilbarkeit durch die Floskel "indivisibiliter ac inseparabiliter" ausgedrückt, die 1915 zur Devise im gemeinsamen Reichswappen werden sollte. Bis 1918, nein bis heute, blieb der Begriff "die Monarchie" im Sprachgebrauch erhalten. 

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Seit 1804 war das Habsburgerreich ein Erbkaisertum. Die erstmals staatsrechtlich voll vereinigte Ländergemeinschaft führte die offizielle Bezeichnung "Kaisertum Österreich". Einige der Verfassungsurkunden um die Mitte des 19. Jahrhunderts kannten auch die Bezeichnung "Kaiserstaat Österreich". Dabei blieb immer wieder der Status Ungarns ungeklärt. Dies änderte sich auch mit dem Ausgleich des Jahres 1867 nicht wirklich, da die Auffassungen über den staatsrechtlichen Aufbau der Doppelmonarchie divergierten. Nach österreichischer Ansicht war sie ein gemeinsames Reich, für welches die Bezeichnung "österreichisch-ungarische Monarchie" angemessen war. Den "Ländern der ungarischen Krone" standen "die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder" oder auch die seltsame staatsrechtliche Länderverbindung "Cisleithanien" gegenüber.

Erst bei der Einführung des gemeinsamen Wappens ist im Handschreiben vom 15. Oktober 1915 von den "zur Monarchie untrennbar vereinten Staaten Österreich und Ungarn" die Rede. Es hatten sich - am Vorabend ihres Unterganges - "beide Staaten ihrer Majestät" (ungarische Formulierung) auch rechtlich so getrennt, dass der westliche davon Österreich und der östliche Ungarn heißen konnten.

Doch es wäre nicht Österreich, würde nicht just in jenem Augenblick, in dem der Begriff "Österreich" gewissermaßen "selbsttragend" geworden war, nicht sofort sein Gegenteil einprogrammiert worden sein, nämlich die Selbstaufgabe des eben erst selbstständig gewordenen Staatswesens "Deutschösterreich". Wo sonst auf der Welt gab oder gibt es einen Staat, der sich im ersten Artikel seines Grundgesetzes als demokratische Republik konstituiert, um sich im zweiten Artikel als Bestandteil einer anderen Republik zu bezeichnen? 

Dabei war die Bezeichnung "Deutschösterreich" ja noch ein Glück - nach den Ermittlungen von Anna M. Drabek (a.a.O. 38 f.) hätte die junge Republik eventuell auch "Südostdeutschland" oder "Deutsche Alpenlande" (Karl Renner), "Hochdeutschland", "Donau-Germanien", "Treumark", "Deutsches Friedland" (Zeitungsumfrage in Tirol) oder auch "Norische Republik" (Heinrich Lammasch) heißen können. Doch das war alles nur leerer Wahn. Die alliierten Siegermächte machten den hochfliegenden Plänen der Vereinigung aller Volksdeutschen aus den Gebieten rund um Kern-Österreich ein Ende. Sie legten dem Staat, "der übrig blieb" (Georges Clemenceau) nicht nur ein Anschlussverbot auf, sondern gaben ihm auch seinen heutigen Namen: "Republik Österrreich". Hinter dieser Bezeichnung verbarg sich keineswegs längerfristiges historisches Denken, sondern schlicht und ergreifend die Absicht, den neuen Staat zum "Nachfolgestaat seiner selbst" zu stempeln, um ihn damit nicht aus seiner Kriegsschuld entlassen zu müssen.

Mit der Maiverfassung von 1934 trat wieder eine neue Bezeichnung auf den Plan: "Bundesstaat Österreich" - ironischerweise wurden die Länderkompetenzen von der ständestaatlichen Verfassung deutlich beschnitten - so wie ja auch die Ständesymbole Mauerkrone, Hammer und Sichel durch den Ständestaat aus dem Bundeswappen entfernt wurden.

Die nächste Namensänderung erfolgte noch viel unfreiwilliger als die letzten beiden. Die "Ostmark" wurde ins "Reich" HEIMGEKEHRT - eine "WIEDERVEREINIGUNG", die zunächst viele Österreicher herbeigesehnt und betrieben hatten - nicht zuletzt die gesamte politische Elite. Bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass der aktive Eintritt in das Deutsche Reich oder die passive Vereinnahmung durch dasselbe für Österreich den totalen Verlust seiner Identität bedeuten würde, war es bereits zu spät. Vor allem auch deshalb, weil die innenpolitischen Gegensätze das Land zu sehr geschwächt hatten und sich die Westmächte durch den starken Schulterschluss mit dem faschistischen Italien vor den Kopf gestoßen fühlten.

Der in Bezug auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich äußerst fragwürdige Begriff "WIEDERVEREINIGUNG - seit 1989 erneut ein wichtiger Begriff der deutschen Geschichte - konnte der österreichischen Öffentlichkeit der Zwischenkriegszeit übrigens nicht verborgen geblieben sein. Beginnt doch der 1925 erschienene erste Band von Adolf Hitlers "Mein Kampf" mit folgenden überdeutlichen Worten (1. Kapitel - Im Elternhaus):

"Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint! Deutschösterreich muss wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie müsste dennoch stattfinden. G l e i c h e s  B l u t  g e h ö r t  i n  e i n  g e m e i n s a m e s  R e i c h ." (im Original gesperrt !)

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 Die Anschlusspropaganda wurde in Österreich mit allen Mitteln, nicht nur durch die ursprünglich legale NSDAP, sondern auch durch Gründung diverser "Schulvereine" und "Österreichisch-deutscher Arbeitsgemeinschaften" und schließlich auch mit Hilfe von Dynamit und Schusswaffe betrieben. Aber auch im "Reich" half man kräftig nach, wie man an einer scheinbar unbedeutenden Kleinigkeit erkennen kann:

Nach einem Bericht der REICHSPOST vom 3.9.1933 wurde das Wort "Österreich" von der Deutschen Reichspost aus dem offiziellen Buchstabieralphabet entfernt und ab 1.10.1933 durch "Ö" wie "Öse" ersetzt - ebenfalls eine frühe Warnung, dass die Unterhöhlung der Unabhängigkeit Österreichs auf allen Ebenen planmäßig betrieben wurde. 

Durch den "Anschluss" wurde die "Ostmark", das Gebiet der "Alpen- und Donau-Reichsgaue", Teil "Großdeutschlands". Damit konnte sich der ehemalige Bewohner des "Staates, den keiner wollte" endlich wieder als Bürger eines Großreiches fühlen. Der "Ostmärker" - ob aus "Groß-Wien", "Niederdonau", "Oberdonau" ("Heimatgau des Führers") oder aus einem anderen "Gau" stammend, war nun offiziell "Volksgenosse" geworden. (Der verstorbene Heeresminister der Regierung Klaus, der Niederösterreicher Dr. Georg Prader, hatte sich damals auf die Frage nach seiner Heimat als "Niederdonnerer" bezeichnet). Jetzt war "Kamerad  Schnürschuh" den "Reichsbürgern" im "Altreich" gleichgestellt - freilich nur dann, wenn er genügend arische Vorfahren aufzuweisen hatte. Jedenfalls aber gehörte er zum "Dritten", zum "Tausendjährigen" Reich - auch wenn dieses für ihn, wenn er es überlebte, nur sieben Jahre dauern  sollte. Mit der "Alpenfestung" und dem "Volkssturm" ging es 1945 unter.

Nach der leidvollen Erfahrung mit den vielen großartigen Bezeichnungen, die sich nicht nur als Schall und Rauch, sondern vor allem als Ursache von Rauch und Trümmern herausstellen sollten, konnte Österreich dank der Moskauer Deklaration vom 1. November 1943 als unabhängiger Staat in den Grenzen vom 1. Jänner 1938 wiederhergestellt werden.

Acht Tage nachdem die letzte nationalsozialistische Zeitung in Wien erschienen war, tauchte der Begriff "Österreich" zum ersten Mal wieder in einem periodischen Druckerzeugnis auf: es war dies die von der Roten Armee herausgegebene "Österreichische Zeitung".

Sie erschien am 15. April 1945 mit der Meldung von der Einnahme Wiens durch Truppen der 3. Ukrainischen Front am 13. April 1945. Nach dem Bericht seien von Mitte März bis Mitte April 1945 elf deutsche Panzerdivisionen vernichtet und 130.000 Soldaten gefangen genommen worden. In Moskau sei zu Ehren der Eroberer Wiens ein Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen abgefeuert worden. Ebenfalls zu lesen war: "Die Sowjetregierung hat nicht das Ziel, sich irgendeinen Teil des österreichischen Territoriums anzueignen oder die gesellschaftliche Ordnung Österreichs zu ändern."

Während die westlichen Bundesländer noch in der Hand der Deutschen waren und in Berlin der Endkampf tobte, erschien ab 23. April 1945 die erste von Österreichern gemachte Zeitung, die den programmatischen Titel "Neues Österreich" trug. Das gut gemachte Blatt, das ursprünglich von Ernst Fischer als Chefredakteur geführt wurde, sollte unter Rudolf Kalmar viele Jahre als "Organ der demokratischen Einigung" bestehen bleiben, bis es 1963 in private Hände überging und 1967 eingestellt wurde.

Mit der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 kehrte Österreich offiziell wieder zu jener Bezeichnung zurück, die ihm die Siegermächte schon nach dem ersten Krieg gegeben hatten: "Republik Österreich" - diesmal ohne Wenn und Aber und ohne neuerliche Anschlusswünsche.

Sicherheitshalber erhielt Österreich dennoch im Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 ein Anschlussverbot aufgebrummt. Artikel 4 Abs.1
lautet:

"Die Alliierten und Assoziierten Mächte erklären, dass eine politische oder wirtschaftliche Vereinigung zwischen Österreich und Deutschland verboten ist. Österreich anerkennt voll und ganz seine Verantwortlichkeiten auf diesem Gebiete und wird keine wie immer geartete politische oder wirtschaftliche Vereinigung mit Deutschland eingehen."

Art 4 Abs. 2 verbietet darüber hinaus alle Formen großdeutscher Propaganda oder sonstiger auf die Vereinigung mit Deutschland zielender Tätigkeiten.

Die Namen der österreichischen Bundesländer und ihrer Hauptstädte

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Mit Herkunft und Entwicklung der Begriffe "ÖSTERREICH" und "AUSTRIA" haben wir uns bereits ausführlich beschäftigt. Was den Ursprung anderer wichtiger topographischer Begriffe und Namen betrifft, so ist Eberhard Kranzmayer in der Schriftenreihe des Vereins "Muttersprache" (Heft 4/1970) der Entstehung der Namen der österreichischen Bundesländer und ihrer Hauptstädte im Detail nachgegangen:

WIEN UND SALZBURG sind jene Länder, die ihren Namen von ihrern Hauptstadt ableiten.

Der Name WIEN ist - wie seine antike Form VINDOMINA/VINDOBONA - keltischen Ursprungs: beide haben trotz ihres phonetisch ähnlichen Beginns jedoch völlig verschiedene Wortstämme.

WIEN bezog sich zunächst auf den aus dem Wienerwald kommenden und in die Donau mündenden Fluss, während VINDOBONA die Siedlung bezeichnete: BONA ist das Gut des Kelten VINDOS (der Weiße). Auf ähnliche Weise bezeichnete LAURIAKOM (= Lauriacum = Lorch/Enns) die Siedlung des LAURIOS. Und BILIAKOM (= Villach) war die Siedlung des BILIOS. Der Name VINDOBONA starb übrigens mit der Völkerwanderung aus und findet sich nur mehr im Schrifttum der Gelehrten und im Lateinunterricht. Das Wien des 8. Jahrhunderts war eine verarmte Siedlung am gleichnamigen Fluss: keltisch VEDUNIA könnte soviel wie "Waldbach" bedeuten. In den Sprachen der slawischen Nachbarn hat sich diese altertümliche Lautgestalt noch gut erhalten: slowakisch VIEDEN, tschechisch VIDEN, polnisch WIEDEN. Der Name des vierten Wiener Gemeindebezirks, der "WIEDEN", geht hingegen auf einen anderen, germanischen Wortstamm zurück, der soviel wie "Pfarrgut" bedeutet. 

Die älteste bekannte deutsche Form ist WENIA (Ende 9. Jahrhundert). Über ahd. WIANNE und mhd. WIENNE gelangt man zum heutigen Wort WIEN, mundartlich auch WEAN (nicht, wie viele Bundesdeutsche meinen: WIAN). "Z"WEANDORF" ist eine wenig bekannte Scherzform des Dialektausdrucks.  Die Herkunft des Wortes ÖSTERREICH/Ostarrichi wurde weiter oben genau dargelegt. Vergleiche dazu auch die Ausführungen über die Symbole von NIEDERÖSTERREICH und OBERÖSTERREICH.
Der Name  der niederösterreichischen Hauptstadt ST. PÖLTEN leitet sich vom Kloster des hl. Hippolyt ab. Es war dies ein vermutlich karolingisches Benediktinerkloster, das dann in ein Augustiner Chorherrenstift umgewandelt und 1784 aufgehoben wurde. Sein Patron Hippolytus war ein fruchtbarer Kirchenschriftsteller, der 217 zusammen mit Kalixtus I. zum Papst gewählt wurde. Er verlor in diesem ersten Schisma und wurde AD METALLA, also in ein Bergwerk, und zwar nach Sardinien verbannt, wo er als Märtyrer starb. Reliquien des Heiligen gaben dem Kloster in der Stadt an der Traisen den Namen.

LINZ geht auf das keltische Wort LENTIA (gesprochen Len-tia, nicht Len-zia!) zurück. Kranzmayer erklärt kelt. "Lenta" (Linde) zum wahrscheinlichsten Stamm, womit LINZ wie LEIPZIG (von slaw. "lipa" = Linde) "Stadt im Lindenwäldchen" bedeuten würde - ein romantischer Gedanke für eine Industriestadt, vielleicht aber ein Konzept für das nächste Jahrtausend. Aus dem harten keltischen LENTIA wurde - wie beim Wort WIEN ohne Intervention des Lateinischen! - das weichere ahd. LINZE, so wie aus TEREOLA ZIRL wurde. Ähnlich wie an der Brennerstraße so wirkte auch hier, am Verkehrsweg Donau, die frühe deutsche Besiedlung germanisierend mit.

SALZBURG ist der älteste eine Landeshauptstadt bezeichnende Städtename deutscher Herkunft.

Der Ursprung des lateinischen Wortes JUVAVUM wird von Kranzmayer in einer Latinisierung von D-JUVAVUM gesehen, in welchem das indogermanische "dju" für Himmelsgott (vgl. DEUS, ZEUS, JUPITER)  steckt. Offenbar existierte in Salzburg ein bedeutendes heidnisches Heiligtum, von dem sich JUVAVUM ("dem Himmelsgott geweihte Stätte") ableitet. JUVONTA würde dann "dem Himmelsgott geweihter Fluss" bedeuten. Vielleicht wurde auch der Virgilsdom 774 auf einer vorchristlichen Kultstätte errichtet wie so viele Heiligtümer unserer Heimat? Nach anderer Ansicht bedeutet "iuvarus" "mit Sand vermischtes Wasser"). Die SALZACHBURG ist jedenfalls wie WIEN eine sprachliche Herleitung vom Fluss, an dem die Siedlung entstand.

Wie WIEN ist auch das Wort KÄRNTEN keltischen Ursprungs. Es leitet sich entweder von einer indogermanischen Wurzel KARANTA/CAR (Stein, Fels, vergleiche "Karawanken") oder vom keltischen KARANTOS/KARANTA (der/die Liebende, der/die Befreundete) ab. Davon kommt auch die KARNBURG, jene karolingische Königspfalz am Zollfeld, in welcher Arnulf von Kärnten 888 das Weihnachtsfest feierte und wo die Einsetzung der Herzöge auf dem Fürstenstein erfolgte. Es liegt die Vermutung nahe, dass sich zwischen den "vier Bergen" rund um das Zollfeld, d.h. zwischen der alten Landeshauptstadt St. Veit und der neuen Hauptstadt Klagenfurt, mehrere der Göttin Noreia geweihte Kultstätten befunden haben und dass deshalb dieser Teil Kärntens seine zentrale Bedeutung durch die Jahrhunderte behalten hat ("Vierbergelauf" - Näheres siehe den Beitrag über die Symbole Kärntens).
 
KÄRNTEN/KOROSKO/CARTINTHIA - im Dialekt KARNTN - kann seine Herkunft von KARANTANIEN, dem Großreich der Geschichtsforscher, also nicht verleugnen. Das Begriffspaar KARNBURG - Land KÄRNTEN erinnert an die Begriffspaare Schloss TIROL - Land TIROL, Burg (HOHEN)SALZBURG - Land SALZBURG und Burg STEYR - Land STEIERMARK.

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Obwohl die Landeshauptstadt KLAGENFURT früher etwas weiter nördlich an der GLAN lag, stammt das Wort nicht von GLANFURT, sondern bezeichnet vielmehr eine Furt, an welcher Gefahren lauern - symbolisiert durch die KLAGE, eine gespenstische Nachtfrau aus der karantanischen Sagenwelt, die zusammen mit den Seelen von Unfallopfern durch das Dunkel geistert. Einer der Beweise für diese Herkunft wird in der entsprechenden slowenischen Form CELOVEC (CVILJOVEC) gesehen, die sich von "cviliti" ("jammern, winseln, klagen") ableitet. Das Wahrzeichen von Klagenfurt, der seit dem 14. Jahrhundert im Stadtwappen geführte Lindwurm, ist nach Kranzmayer nichts anderes als die höfisch-ritterliche Form der aus der bäuerlichen Sage stammenden "Klage". Der wasserspeiende Lindwurm am Neuen Platz in Klagenfurt wurde von den Brüdern Ulrich und Andreas Vogelsang aus einem einzigen Chloritschieferblock vom Kreuzbergl gefertigt.

Die 12,4 Tonnen-Skulptur wurde 1593 von 300 weiß gekleideten Jünglingen an ihren Platz gebracht.

Der Name TIROL ging im 13. Jahrhundert von der Burg-Siedlung SCHLOSS TIROL bei Meran auf die neue große Grafschaft über. Aus dem Schloss stammt ja auch die Zeichnung des Tiroler Wappenadlers. Die ursprüngliche - wahrscheinlich romanische - Sprachform lautet TEREOLUM. Sie findet sich übrigens - nach Lautverschiebung - im Ortsnamen ZIRL wieder, der, an der Nordflanke der Brennerstraße liegend, schon früh von den Baiern besetzt wurde. A propos Baiern: Nach dem Frieden von Pressburg (1805) musste Österreich die Länder Tirol und Vorarlberg an das mit Napoleon verbündete Bayern abtreten. In der Folge kam es zu einer Reihe auch kulturell-religiöser Unterdrückungsmaßnahmen. Dabei wurde sogar der Name TIROL verboten und durch den Begriff "SÜDBAYERN" ersetzt - eine Vorgangsweise, die sich fast wie ein Vorläufer der Umwandlung von "Österreich" in "Ostmark" anhört. Es ist kein Wunder, dass gerade solche symbolische Handlungen den Widerstandswillen der Tiroler erst recht anfachten. 

INNSBRUCK ist, wie es der Name und das Stadtwappen ausdrücken, eine Furt- und Brückensiedlung des Hochmittelalters. Im Gegensatz zu den Uferburgen im Osten Österreichs ging es bei Innsbruck schon damals um Transit: der Ort liegt vor der Brennerstraße, die auch im Mittelalter schon Mautstraße war. Ursprünglich gehörte Innsbruck zu WILTEN, das in vorrömischer Zeit als VELDIDENA die Hauptstadt Rätiens war. Die lateinische Form des mittelalterlichen Wortes INNSPRUCKE (erwähnt 1187) ist OENIPONS.

Auch die STEIERMARK hat ihren Namen von einer Grenzfestung, der Burg STEYR, die ihrerseits an dem gleichnamigen Fluss liegt. Die älteste (keltisch/illyrische) Wortform ist STIRIA, das nicht mit "Stier", sondern eher mit "starr" zusammenhängt. Im Gelehrtenlatein und im Englischen hat sich STYRIA erhalten. Mündlich erhielten sich lange die Begriffe "Steier" und Steirerland". Wegen ihres Waldreichtums wird die Steiermark auch die "GRÜNE MARK" genannt (werblich heute: "Das grüne Herz Österreichs"); der Begriff "EISERNE MARK" leitete sich vom Erzberg und der Hüttenindustrie ab.

Die zweitgrößte Stadt Österreichs, GRAZ, ist ihrer Bezeichnung nach slawischen Ursprungs: die älteste Form GRACZ stammt aus dem Jahre 1128. Slowen. GRADEC ist die Verkleinerungsform zu GRAD, d.h. Burg oder Schloß. Der Burgberg von GRAZ heißt heute Schlossberg. Das in der slowenischen Untersteiermark gelegene WINDISCHGRAZ heißt in der Landessprache SLOVENJI GRADEC. Demgegenüber wurde die Landeshauptstadt der Steiermark im Hochmittelalter gelegentlich BAIRISCHGRAZ genannt - die bairische Besiedelung stand dabei für die deutsche.

Das Land VORARLBERG leitet seinen Namen von den vier Herrschaften VOR DEM ARLBERG her, die Teil der habsburgischen Besitzungen in VORDERÖSTERREICH  wurden. Das LÄNDLE, wie es liebevoll genannt wird, nennt sich erstmalig im Jahre 1725 VORARLBERG. Seither wird der Name eifersüchtig gehütet - wovon die berühmte "Fussach-Affäre" ein beredtes Zeichen gab:

Am 21. November 1964 zwangen 20.000 Demonstranten den sozialistischen Verkehrsminister Otto Probst, die geplante Taufe eines Bodenseeschiffes abzusagen. Das Schiff hätte nach dem Willen des Ressortchefs "Karl Renner" heißen sollen. Unter Absingen der Vorarlberger Landeshymne wurde es jedoch auf den Namen "VORARLBERG" "notgetauft".

Wie andere Städte Österreichs geht auch der Name der Landeshauptstadt BREGENZ auf keltische und römische Wurzeln zurück. Das lateinische BRIGANTIA enthält das keltische Wort "BRIGA" für Burg oder Berg. Es stammt aus derselben Epoche wie die Bezeichnungen LENTIA, VEDUNIA und KARANTA und ist als indogermanisches Wort mit "Burgund" verwandt.

Ähnlich wie der Name VORARLBERG im Westen ist auch die Bezeichnung des BURGENLANDES jüngeren Datums. Teile des deutschsprachigen Westungarn hatten zwar schon früher zu Österreich gehört, doch kam das Land der "Heanzen" und "Heidbauern" erst nach dem Ersten Weltkrieg staatsrechtlich zu Österreich. Da man zunächst daran dachte, die vier Komitate Pressburg (Pozsony), Wieselburg (Moson), Ödenburg (Sopron) und Eisenburg (Vas) zu Österreich zu schlagen, lautete die erste gemeinsame Bezeichnung "VIERBURGENLAND". Als Pressburg zur Tschechoslowakei kam, wurde daraus DREIBURGENLAND. Die endgültige Bezeichnung stammt von Dr. Alfred Walheim, der sie in seinem Gedicht "Heinzenland" zu Weihnachten 1918 zum ersten Mal gebrauchte. ("Heinzen" oder "Hoanzen" hießen die deutschprachigen Bewohner Westungarns). Der Begriff "BURGENLAND" wird offiziell seit 8. Jänner 1920 verwendet. Durch die vielen im BURGENLAND vorhandenen Grenzburgen (von Forchtenstein bis Güssing) passt der an sich künstliche Begriff dennoch gut zum Land - etwa so wie ein Kunstlied auch zum Volkslied werden kann.

Das heutige EISENSTADT hieß ursprünglich WENIG-MÄRTENSDORF, was soviel wie "Klein-Martinsdorf" heißt - im Gegensatz zu (GROSS)MÄRTENSDORF, der früheren Bezeichnung für Mattersburg. Beides geht auf den Landespatron, den hl. Martin, zurück, was man auch an der ungarischen Bezeichnung KISMARTON (kis = klein) erkennt. Ende des 14. Jahrhunderts taucht jedoch das Wort EISENSTADT (lat. CIVITAS FERRAE) auf, was auf starke Befestigungen schließen lässt. Die vor den Türken geflüchteten burgenländischen Kroaten machten daraus ihr ZELEAZNO (MEASTO), also ebenfalls den festen, treuen Ort.

Beachte:  Der Autor distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Absicht, das Gedankengut autoritärer, faschistischer, nationalsozialistischer und anderer antidemokratischer oder unmenschlicher Systeme zu verherrlichen oder zu propagieren. Die Aufnahme der obigen Texte und Abbildungen in das Austria-Forum dient einzig und allein wissenschaftlichen und aufklärerischen Zielen und einem vertieften Verständnis der österreichischen Zeitgeschichte.