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"V" für "Victory"#

von Peter Diem

Das Victory-Zeichen (Victory = engl. Sieg, von lat. victoria) ist eine Handgeste, bei der der Zeige- und Mittelfinger zu einem „V“ ausgestreckt werden, während der Ringfinger und der kleine Finger eingezogen bleiben. Der Daumen wird über die beiden Finger gelegt und die Handinnenseite zeigt vom Ausführenden weg.

Winston Churchill, Foto: British Government, Aus: Wikicommons unter CC
Winston Churchill
Foto: British Government
Aus: Wikicommons unter CC

Besonders populär gemacht wurde das Victory-Zeichen während des Zweiten Weltkrieges durch den britischen Premierminister
Winston Churchill.

Das Leitmotiv der 5. Sinfonie Beethovens wurde im Zweiten Weltkrieg von der BBC wegen seiner Bedeutung als Buchstabe „V“ für Victory im Morse-Alphabet (…—) als Jingle verwendet. Beispiel

Die 5. Sinfonie Beethovens wurde in der Vergangenheit auch „Schicksalssinfonie“ genannt; sie entstand in einer schweren Lebensphase des Komponisten (über die vier berühmten Anfangstöne soll Beethoven gesagt haben: „So pocht das Schicksal an die Pforte“, allerdings wurde dies inzwischen als spätere legendarische Zuschreibung belegt). Erstaufführung: 22. Dezember 1808.

Sender Belgrad
Sender Belgrad

Deutsche Gegenoffensive

Für die Nationalsozialisten und die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg war die "Feindpropaganda" mit dem "Siegeszeichen" ziemlich störend, also versuchte man eine direkte optische Gegenoffensive, indem man den Buchstaben "V" selbst zum Zeichen für den "Endsieg" hochstilisierte. Die Abbildung zeigt das ehemalige jugoslawische Landwirtschaftsministerium, in dem sich das Studio von Radio Belgrad befand. Dieser Soldatensender wurde durch die tägliche Ausstrahlung des Liedes "Lily Marleen" bei den deutschen soldaten, aber auch bei den Streitkräften der Aliierten sehr bekannt. An der Hausfassade war ein Transparent mit der Inschrift "Deutschland siegt ann allen Fronten" angebracht, darüber und darunter das weiße "V".

Das "V" im Vichy-Frankreich#

"Als die Leute wieder aus ihren feuchten, unbeheizten Häusern hervorkamen, um die Sonne und die wiederkehrende Wärme zu begrüßen, fingen sie an, auf die Wände zu schreiben. Die kleinen Jungen schrieben »Vive les pineurs« oder noch einfacher »Vive moi«. Andere malten große V's in leuchtendem Rot oder unauslöschlichem Schwarz an die Häuserwände oder die Eingänge von Kinos und öffentlichen Gebäuden. Dann kamen wieder andere vorbei und schrieben oder malten P's hinter die V's, um aus dem »Victoire« ein »Vive Petain« zu machen. Und als die BBC eines Abends die Franzosen aufrief, H's hinter die V's zu schreiben, für »Vive l'honneur«, war Marseille am nächsten Morgen von VH's übersät. Diese sogenannte »Schlacht um die Wände« dauerte Monate und Jahre und nahm immer neue Formen an, hörte aber nicht auf."
Quelle: Varian Fry, Auslieferung auf Verlangen, Hanser, München 1986 S. 214

V für Apophis#

Von Edwin Baumgartner

Im Hintergrund des bekanntesten Handzeichens aller Zeiten steht eine kuriose Legende.

Ja, tatsächlich: An Winston Churchill scheiden sich die Geister. Morgen, Samstag, 24.1.2015, jährt sich der Todestag des britischen Premierministers, der seine Nation in den Kampf gegen den Nationalsozialismus führte, zum 50. Mal. Gilt den meisten Historikern Winston Leonard Spencer-Churchill als heldenhafte Gestalt und bedeutendster britischer Politiker des 20. Jahrhunderts, so gibt es auch Stimmen, die in ihm einen Abenteurer und Hasardeur sehen und meinen, er habe in der Konferenz von Jalta zu viele Interessen eines durch ihn repräsentierten demokratischen Europa aufs Spiel gesetzt und dadurch die Sowjetunion und die USA als neue Supermächte zugelassen. Doch darüber sollen sich die Geschichtswissenschafter ihre Köpfe heißdebattieren - eines bleibt unbestreitbar: Churchill ist der Erfinder des bekanntesten Handzeichens aller Zeiten: des von Zeigefinger und Mittelfinger gebildeten "V" für "Victory". Hinter diesem Zeichen kämpfte und duldete und litt eine Nation für Freiheit und Demokratie.

Doch ist er überhaupt der Erfinder des Zeichens? Da gibt es verschiedene Legenden. Eine davon nimmt sich aus - nein, nicht wie ein Krimi, eher wie eine Horrorgeschichte. Denn in ihr spielt der britische Satanist Aleister Crowley (1875-1947) eine Hauptrolle.

Wahnsinn mit Methode#

Nun gut, geschichtlich gesichert ist die Sache nicht, und Crowley hat manches behauptet. "Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz", war das Credo des von ihm geschaffenen anti-christlichen Glaubenssystems. Auf wenige von Menschen ersonnene Glaubenssysteme trifft ähnlich genau zu, was William Shakespeare Polonius über Hamlet sagen lässt: "Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode." Während die meisten solcher Glaubenssysteme der Tollheit ganz ohne Methode zuneigen, steckt hinter Crowleys Philosophie durchaus ein System, wenngleich eines, das höchst heterogen zusammengesetzt ist und Elemente enthält, die auf Missverständnissen oder reinem Hörensagen beruhen.

Als Person war Crowley schillernd - und dieses Wort ist eindeutig ein Euphemismus für einen Mann, der, um nur ein paar Eckpunkte zu nennen, 1902 als Teilnehmer einer britisch-österreichischen Expedition unter der Leitung von Oscar Eckenstein an einem Rekord bei der Erstbesteigung des K2 teilhatte, ungeachtet der Tatsache, dass der Gipfelsieg missglückte; der im Ersten Weltkrieg von den USA aus antibritische Propaganda trieb und gleichzeitig für die Briten spionierte; der 1920 auf Sizilien die Abtei Thelema gründete und den Thelemiten gebot, sich den Kopf bis auf eine phallusartige Locke kahl scheren zu lassen (was wohl Glatzköpfen die Aufnahme in die Abtei unmöglich machte); der 1930 in Portugal einen Suizid vortäuschte in der Hoffnung, von der Bildfläche verschwinden zu können, um Adolf Hitlers okkulter Berater zu werden - "ehedem Hitler ward, bin ich!", äußerte Crowley in Anspielung auf Christi Wort "ehe denn Abraham ward, bin ich". Kein Wunder, dass Crowley Stoff liefert für Literatur und Film - und das schon zu Lebzeiten: William Somerset Maugham schreibt 1908 seinen Roman "The Magician" (Der Magier), in dem der Okkultist Oliver Haddo eindeutig Crowleys Züge trägt. 1926 verfilmt Rex Ingram das Buch mit Paul Wegener in der Rolle des jungfrauenschlachtenden Magiers. Im Jahr von Crowleys Tod dreht Jacques Tourneur "Night of the Demon" mit einem Crowley ähnlichen Magier, der einen Feuerdämon beschwört, und 2008, also lange nach Crowleys Tod, bringt dann Bruce Dickinson, Sänger der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden, den Film "Crowley - Back from Hell" heraus, in dem Crowley den Körper eines Dr. Haddo in Besitz nimmt. Heute führen außerdem Esoterik-Läden aller Länder diverse Schriften Crowleys und selbstverständlich das von ihm gestaltete Tarot.

Ein ägyptisches Ritual#

Dass der offenbar hitleraffine Crowley gerade den vom ersten Moment an schärfsten Gegner Hitlers, der Churchill zweifellos war, mit einem antinazistischen Symbolzeichen versorgte, ist dennoch durchaus denkbar. Loyalität war keine der starken Seiten des Satanisten - und da war auch noch die aus der Spionagetätigkeit im Ersten Weltkrieg stammende Beziehung zum Secret Intelligence Service, dem späteren MI6. "Tu, was du willst" scheint auch in politischen Belangen Crowleys Bekenntnis gewesen zu sein. Jedenfalls hatte Crowley 1910 in "The Equinox I" ein im Zusammenhang interessantes Ritual veröffentlicht. Er bezieht sich darin auf die ägyptische Mythologie. Seiner Interpretation nach tötet Apophis, Gott von Auflösung, Finsternis und Chaos, Osiris, den Gott des Jenseits und der Auferstehung, und löst damit die Trauer von Osiris’ Frau Isis aus. Crowley symbolisiert die Trauer der Isis mit dem hier noch nicht ansatzweise nazistisch belasteten alten Symbol des Hakenkreuzes und Apophis mit einem V, das keine buchstäbliche, sondern allein eine magische Bedeutung hat. Da Apophis-V die Trauer von Isis-Hakenkreuz auslöst, versteht Crowley in der Folge das V als Triumph über das Hakenkreuz. Damit wäre Churchills Zeichen durchaus begründet - rein ritualmagisch gesprochen...

Und Crowley wusste wohl um die Kraft magischer Handzeichen. Einige sind durchaus allgemein geläufig, etwa Zeigefinger und kleiner Finger nach oben gestreckt, was einen satanischen Gruß bedeutet (der dänische Filmregisseur Lars von Trier zeigt ihn stets am Schluss der Folgen seiner TV-Serie "Geister"). Andere Zeichen werden, zumeist mit den Schwurfingern, in die Luft geschrieben oder auf den Körper gezeichnet. Genau genommen ist auch das Kreuzzeichen eine Art magisches Symbol - tatsächlich verwendeten es früher viele Menschen, wenn sie etwas Üblem begegneten. Es fungierte dabei als eine Art Schutzzauber. Dann wäre also Winston Churchill dank Aleister Crowley tief in magische - wenn nicht gar schwarzmagische - Gefilde vorgedrungen? Doch ich sprach ja von "Legenden". Und die von Crowley in die Welt gesetzte passt einfach so wunderschön zu dem siegreich gegen das Hakenkreuz gesetzten V. Mit einer solchen Geschichte kann die profanere Erklärung nicht mithalten - und sei sie noch so viel wahrscheinlicher.

Vier Töne wie von Beethoven#

Das V als Siegeszeichen proklamierte der belgische Justizminister Victor de Laveleye. Laveleye war 1940 nach London ins Exil gegangen und hielt in Radio Belgique, einer Station der BBC, Ansprachen an seine Landsleute. Am 14. Jänner 1941 forderte er die Zuhörer auf, das V-Zeichen zu verbreiten. Keine Magie steckte dahinter, sondern schlichte Symbolik: Das V stünde sowohl für das französische "victoire" und das englische "victory" als auch für das niederländische "vrijheid" (Freiheit). Die BBC unterstützte die Verbreitung durch ihre "V for Victory"-Kampagne, in der sie den Morsecode "V" als Kennthema verwendete. Dieser ist kurz-kurz-kurz-lang. Er entspricht damit dem Hauptthema des ersten Satzes von Ludwig van Beethovens Fünfter Sinfonie - das folgerichtig von der BBC als Signal für Meldungen über die Kriegslage benützt wurde. (Auf diese Weise erklärt sich, wie der Komponist der verfeindeten Nation zur Ehre kam, britischen Siegesmeldungen einzuleiten.) Unmittelbar nach Laveleyes Ansprache griff Churchill das Zeichen auf, das seither mit ihm identifiziert wird.

So einfach ist das.

Sieht man von der Tatsache ab, dass Crowley behauptet hat, er habe sein magisches und keineswegs "victoire"-symbolisches Zeichen nicht Churchill vorgeschlagen, sondern - ja: Laveleye...

Wer es benützen will, möge jedenfalls darauf achten, dass der Handrücken zum Ausführenden zeigt. Anders’rum wird es zumindest in Großbritannien, Irland, Australien, Neuseeland und Südafrika als "Stinkefinger" verstanden. Gründe für ein Sieges-V rücken da unter Umständen in weite Ferne.

Quelle: "Wiener Zeitung" vom 23. Jänner 2015