unbekannter Gast

Die Symbole Wiens (Gesamtdarstellung)#

von Peter Diem

--> Fotos: P. Diem

Geschichte#

Die frühesten Wurzeln Wiens weisen in die Jungsteinzeit, als Kleinsiedlungen an den Hängen des Wienerwaldes entstanden. In der Bronzezeit wurde auch die Stadtterrasse, etwa 15 Meter über dem Wasserspiegel der Donau, besiedelt. Aus der Hallstattzeit - rund ein Jahrtausend vor Christus - gibt es zahlreiche Funde, die von der Kunstfertigkeit der Illyrer zeugen. Ob es eine wehrhafte keltische Stadtburg auf dem Leopoldsberg und eine Dorfsiedlung im heutigen dritten Bezirk im Bereich der späteren römischen Zivilstadt gegeben hat, ist umstritten.

Wie neueste Funde unter dem Palais Harrach, präsentiert durch den Wiener Stadtarchäologen Ortolf Harl am 3. Februar 1994, vermuten lassen, haben die Römer auf Wiener Boden zwei Militärlager errichtet, von denen bisher nur das jüngere bekannt war. Nach Funden (Lanzenspitzen, Fibeln etc.) an der Freyung wurde dort schon um Christi Geburt eine Garnison in Holzbauweise errichtet, deren Hauptstraße von der heutigen Herrengasse zum heutigen Michaelerplatz führte. Erst im Jahre 92 n. Chr. wurde unter Kaiser Domitian „Neu-Vindobona" errichtet, ein Militärlager mit Gebäuden aus Stein, dessen Zentrum (Praetorium und Legatenpalast) östlich des heutigen Platzes „Am Hof" lag und dessen Via Principalis der nach Westen verlängerten Wollzeile entsprach.

Das „erste" Vindobona dürfte also, wenn nicht alles täuscht, älter als Carnuntum gewesen sein und damit die älteste Römerbefestigung im Donauraum.Von Markomannen und Quaden zerstört, wurde Vindobona um 180 wieder aufgebaut. Auf Anregung von Kaiser Marcus Aurelius Probus wurde der schon den Kelten bekannte Weinbau um 280 in den Donauprovinzen wieder aufgenommen. Auch in der Zeit der Völkerwanderung blieb Wien als bewehrte Siedlung mit sehr gemischter Bevölkerung bestehen, wie Funde an den Fundamenten der Peterskirche und Mauerreste im Viertel um die Ruprechtskirche zeigen. Um 600 begann ein Ringen um die Grenzziehung zwischen Westen und Osten, das im Raum Wien mehr als dreihundert Jahre dauerte. Die zunächst gegen die Awaren errichtete Karolingische Mark konnte gegen die Einfälle der Magyaren nicht gehalten werden; in der Schlacht bei Preßburg (907) fielen der bairische Markgraf Luitpold und der Erzbischof von Salzburg. Ostösterreich blieb magyarisch, bis Otto I. durch seinen Sieg auf dem Lechfeld (955) die Ungarn auf Dauer niederrang. In der Folge wurden die Magyaren östlich der Leitha seßhaft.

--> Christian Brandstätter/Günter Treffer (Hg.), Stadtchronik Wien. Wien 1986, 66

Um 1100 entstanden die ersten Außensiedlungen zur Abwicklung des regen Handelsverkehrs an der Donau. Der Babenberger Herzog Heinrich Jasomirgott (1107-1177) errichtete um 1150 seine Pfalz auf dem heutigen Platz "Am Hof". Unter Leopold VI. (1198-1230) erfolgte die Befestigung durch eine Stadtmauer entlang des inneren Randes der Ringstraßenverbauung.

Nach dem Aussterben der Babenberger standen die Wiener Bürger auf der Seite des Böhmenkönigs Ottokar (1254-1276); nur widerstrebend akzeptierten sie die Herrschaft Rudolfs von Habsburgs (1218-1291) im Wiener Frieden von 1276.

Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen bedeutenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, der im spätgotischen Ausbau des Stephansdoms (ab 1340 Langhaus, ab 1359 Südturm) und der Gründung der Wiener Universität durch Rudolf IV. (1339-1365) seinen Ausdruck fand. Sie wurde in den folgenden beiden Jahrhunderten eine der wichtigsten Heimstätten des Humanismus.

Wien war ab Mitte des 15. Jahrhunderts (mit Unterbrechung durch die Herrschaft des Ungarnkönigs Matthias Corvinus (1485-1490) und seit 1611 ununterbrochen Residenzstadt der römisch-deutschen Kaiser und Sitz der Zentralverwaltung der Habsburgermonarchie. Es überstand die erste Türkenbelagerung im Jahre 1529, öffnete sich aber der Reformation und wurde mehrheitlich protestantisch. 1551 wurden deshalb die Jesuiten nach Wien gerufen. Ende des 16. Jahrhunderts begann die Gegenreformation, die bis in die Zeit der Pest (1679) und der zweiten Türkenbelagerung (1683) reichte. Unter Karl VI. und Maria Theresia setzte ein glanzvoller Aufstieg ein, der in den großen Barockbauten (Belvedere, Karlskirche, Schönbrunn, Stift Klosterneuburg etc.) seinen Ausdruck fand.

Die Zeit der Aufklärung unter Joseph II. (1741-1790) drückte sich kulturell vor allem in der Pflege der Musik und des Theaters aus, führte aber auch zu bedeutenden Reformen im Schulwesen und in der Medizin. Die Porzellanmanufaktur Augarten (1744) markiert den Beginn der Industrialisierung. Nach zweimaliger Besetzung durch die Truppen Napoleons (1805 und 1809) wurde Wien glanzvoller Schauplatz des Wiener Kongresses (1814/15), der eine Neuordnung der Machtverhältnisse in Europa brachte. In der Zeit des Vormärz wandte sich das Wiener Bürgertum eher der häuslichen Kultur zu (Biedermeier), bis die Revolution von 1848 mit einiger Verzögerung dem Liberalismus Bahn brach. Wien erlangte 1860 die volle kommunale Selbstverwaltung. Schon drei Jahre vorher, 1858, waren die Stadtmauern abgebrochen worden. So wurde Platz für die Ringstraße und ihre Prachtbauten geschaffen. In den Jahren 1869 bis 1875 wurde die Donau zwischen Nußdorf und Fischamend reguliert.

Die starke Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte großes soziales Elend mit sich und bildete so den Boden für die Entstehung einer starken Arbeiterbewegung. Zunächst errang die kleinbürgerlich-konservative Christlichsoziale Partei unter Dr. Karl Lueger (1844-1910) die Mehrheit im Gemeinderat. Unter dem populären Bürgermeister, der anfänglich gegen den Widerstand von Regierung und Kaiser kämpfen mußte, wurden die Gaswerke und die Straßenbahn kommunalisiert und die Elektrizitätswerke errichtet. Nach den genialen, bis heute gültigen Entwürfen von Otto Wagner (1841-1918) wurde das Wiener Stadtbahnnetz eingerichtet.

Nach dem Ersten Weltkrieg schien die einstige Reichs- und Residenzstadt als „Wasserkopf" dessen, „was blieb" (Clemenceau), um eine Nummer zu groß. Doch die Umstellung gelang. Wien wurde durch ein Verfassungsgesetz vom 29. 12. 1921 nicht zuletzt aus parteipolitischen Gründen von Niederöstereich abgetrennt und zu einem eigenen Bundesland erklärt. Das „Rote Wien" wurde zu einer Musterstadt im kommunalen Wohnbau, in der sozialen Fürsorge und im Schulwesen.

Nach den Februarkämpfen von 1934, die in der Auflösung der Sozialdemokratischen Partei und im autoritären Ständestaat mündeten, verlor Wien seinen Status als Bundesland und wurde zunächst „bundesunmittelbare Hauptstadt". Der christlichsoziale Abgeordnete und Unterrichtsminister Richard Schmitz (1885-1954) wurde am 7. 4. 1934 zum Bürgermeister von Wien ernannt. Er wurde 1938 von den Nationalsozialisten verhaftet und war bis Mai 1945 im KZ Dachau interniert. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurde durch Eingliederung von 97 niederösterreichischen Gemeinden von Kritzendorf bis Moosbrunn und von Breitenfurt bis Gänserndorf der aus 26 Bezirken bestehende „Reichsgau Wien" mit über zwei Millionen Einwohnern geschaffen.

Der Zweite Weltkrieg wütete auch in Wien furchtbar. In 52 Luftangriffen und in zehn Erdkampftagen wurden mehr als 11.000 Wiener und Wienerinnen getötet. Mehr als ein Viertel der Bausubstanz wurde ganz oder teilweise zerstört. Noch am 8. April 1945, fünf Tage vor der endgültigen Einnahme der Stadt durch die Sowjettruppen, geriet der 500 Jahre alte, aus Lärchenholz gefertigte Dachstuhl des Wiener Stephansdoms durch Funkenflug (Plünderer hatten Geschäfte angezündet) in Brand. Der Dom brannte in der Folge fast zur Gänze aus.

Nach zehnjähriger Besetzung durch die vier Alliierten, die den 1. Bezirk gemeinschaftlich verwalteten, wurde am 15. Mai 1955 im Belvedere der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet.

Es folgten einige für das Wiener und das österreichische Kulturleben bedeutsame Ereignisse:

- Am 15. Oktober wurde das Burgtheater mit „König Ottokars Glück und Ende" wieder in Betrieb genommen.
- Am 5. November wurde die Staatsoper in einem feierlichen Staatsakt und mit Beethovens Befreiungsoper „Fidelio" wiedereröffnet.
  (am Vortag, dem 4. November, war übrigens die Opernpassage als eines der modernen Verkehrsbauwerke dem Verkehr übergeben worden.)
- Am 6. November wurde mit Mozarts „Don Giovanni" eine zweite „inoffizielle" Opern-Einweihung für das Insider-Publikum gefeiert (mit dieser „Oper aller Opern" war das Haus am Ring ja 1869 eröffnet worden).

Am 26. Jänner 1968 wurde der Beschluß zum U-Bahn-Bau gefasst - 72 Jahre, nachdem in Budapest die erste Untergrundbahn auf dem Kontinent errichtet worden war.

1973-1979 wurde die Wiener „UNO-City" (Vienna International Center) nach Plänen des österreichischen Architekten Johann Staber errichtet, der unter 656 eingereichten Projekten den vierten Platz errungen hatte.

1981 wurde nach zehnjähriger Bauzeit der nördliche Teil der Donauinsel, die dem Hochwasserschutz und der Naherholung dient, eröffnet. Die Fertigstellung des Grundnetzes der U-Bahn mit der Einbindung des Westbahnhofes erfolgte am 3. September 1994.

Demographische Daten
Fläche: 415 km2
Wohnbevölkerung per 31.03.2008:
1 .680.447 (davon 335.677 Ausländer = 19,9%)

Bild 'grw2005'





Die Bundeshauptstadt Wien ist zugleich Stadt mit
eigenem Statut und Bundesland. Dieser Sonderstatus
drückt sich in einem sehr eigenartigen verfassungsrechtlichen Selbstverständnis aus, dessen juristisch-administrative Ausdrucksweise jeder Form von in Worten gefasstem „Landesbewusstsein" abhold ist. Weder die Stadtverfassung
noch die Landesverfassung von Wien enthalten für die  Landessymbolik bedeutsame Aussagen.

Landeswappen und Landesfarben#


Aus dem Gesetz über die Symbole der Bundeshauptstadt Wien (12.2.1998)

§ 1. (1) Das Wappen der Bundeshauptstadt Wien zeigt in einem roten Schild ein weißes Kreuz. Diese Form des Wappens darf von jedermann - vorbehaltlich der Bestimmungen des § 5 - verwendet werden.
       (2) Das Wappen kann auch in Form eines Brustschildes in der Figur eines schwarzen, golden bewehrten Adlers verwendet werden. Diese Form des Wappens ist der Verwendung durch die Organe der Gemeinde Wien und des Landes Wien vorbehalten.
       (3) Das Wappen ist in den im Abs. 1 und 2 genannten Formen in der Anlage 1 zu diesem Gesetz abgebildet.

§ 2. (1) Das Siegel der Bundeshauptstadt Wien zeigt das Wappen im Brustschild eines Adlers. Als Umschrift des Siegels ist die Wortfolge „Bundeshauptstadt Wien" oder die Bezeichnung des Organes der Gemeinde Wien oder des Landes Wien einzufügen, welches das Siegel verwendet.
       (2) Das Siegel darf nur von den Organen der Gemeinde Wien oder des Landes Wien verwendet werden.
       (3) Das Siegel ist in der Anlage 2 zu diesem Gesetz abgebildet.

§ 3. (1) Die Farben der Bundeshauptstadt Wien sind rot-weiß.
       (2) Die Flagge der Bundeshauptstadt Wien besteht aus zwei gleich breiten, waagrechten Streifen; der obere ist rot, der untere ist weiß. Das Verhältnis der Höhe der Flagge zu ihrer Länge ist zwei zu drei.
       (3) Die Flagge darf von jedermann - vorbehaltlich der Bestimmungen des § 5 - verwendet werden...


Landeswappen
Landeswappen

Flagge mit Wappen (im Gesetz nicht vorgesehen, aber gebräuchlich)
Flagge mit Wappen (im Gesetz nicht vorgesehen, aber gebräuchlich)

Dienstwappen
Dienstwappen


Die frühesten Belege für das Wiener Stadtwappen finden sich auf den sogenannten „Wiener Pfennigen" aus den späten siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts. Sie zeigen bereits das für Wien charakteristische Balkenkreuz, das sich aller Wahrscheinlichkeit nach von der seit Ende des 12. Jahrhunderts nachgewiesenen Reichssturmfahne herleitet. 1278 wurde Wien durch König Rudolf I. in den Besitz des Reiches genommen; ähnlich wie in anderen Grenzgebieten des Heiligen Römischen Reiches (Schweiz, Savoyen, Dänemark) mag dadurch auch in Wien die Reichsfahne heraldisches Vorbild für das lokale Wappen gewesen sein.

Im 14. Jahrhundert war das Wiener Wappen bereits geläufig - so tritt es am Südturm des Stephansdoms und im ersten Siegel der Wiener Universität auf. Die erste Farbdarstellung des Wiener Wappens findet sich in einem der Wappenbücher der 1394 gegründeten Bruderschaft von St. Christoph am Arlberg. Diese Bücher enthielten Hunderte von Wappen ihrer meist adeligen Mitglieder, und wurden bis zur Aufhebung dieser karitativen Vereinigung im Jahre 1786 weitergeführt. Einige Originale und mehrere Kopien sind davon in österreichischen und deutschen Archiven erhalten geblieben.

Als Erzherzog Albrecht VI. seinen kaiserlichen Bruder, Friedrich III., 1461 im Streit um die österreichischen Donauländer befehdete, versuchte er, das vom Kaiser nicht unterstützte Wien einzunehmen. Der Angriff wurde jedoch von den Wienern abgewehrt. Der Kaiser bedankte sich durch eine Wappenbesserung: In einem feierlichen Wappenbrief, gegeben zu Leoben am 26. September 1461, gestattete Friedrich III. der Stadt Wien, anstelle des schon bisher verwendeten goldenen, einköpfigen Adlers im schwarzen Feld den mit der Reichskrone gezierten, nimbierten goldenen Doppeladler zu führen.

Nimbierter Wiener Doppeladler 1461 (nach Ströhl)
Nimbierter Wiener Doppeladler 1461 (nach Ströhl)

Wiener Doppeladler am Alten Rathaus
Wiener Doppeladler am Alten Rathaus

Die Wappenurkunde enthält neben einer Farbzeichnung folgende Beschreibung des neuen Stadtwappens:
"...  daz Sy den Schilt mit dem Guidein Adler in den swartzen Veld so Sy vorher löblich geprauhet vnd gefürt haben, nu hinfür zu ewigen zeiten denselben Adler mit zwayn haupten geziert mit Irn dyademen und zwischen denselben haupten ain Kaiserliche Kron auch von Gold in demselben Swartzen Veld des Schildes ... geprauchen mügen."

--> Karl Lind, Das Wappen der Stadt Wien. Wien 1866, 24 ff.

Schon bald nach 1461 schlug die Treue der Stadt Wien in Ungehorsam um: statt zum Kaiser zu stehen, belagerten die Bürger ihn und seine Familie in der Wiener Burg. Deshalb nahm Kaiser Friedrich III. das Wappen zurück und übertrug es am 1. April 1463 den beiden ihm treu ergebenen Schwesterstädten Krems und Stein. Seither führt Krems den mit der Reichskrone (mit hoher Mitra) und zwei flatternden Binden versehenen goldenen Doppeladler in Schwarz, allerdings ohne Nimben. Wiener Neustadt, die „allzeit Getreue", hatte schon am 10. Juli 1452 von Kaiser Friedrich III. den nimbierten und halsgekrönten schwarzen Doppeladler erhalten, den die Stadt bis heute schwarz in Gold im gevierten Wappen mit Burg und Bindenschild führt. Nach dem Tod Albrechts VI. söhnte sich Wien mit dem Kaiser aus; 1464 wurden der Stadt Wien ihre alten Rechte bestätigt. Als Ratssiegel enthält das Wappen nun wieder das Balkenkreuz im Brustschild. Als Beleg dafür dient das Typar des neuen Stadtsiegels, ebenfall aus dem Jahr 1464, das übrigens - vermutlich aufgrund eines Irrtums des Siegelstechers (so etwas soll in Österreich ja vorkommen) - statt der geschlossenen Kaiserkrone die offene Königskrone zeigte, was bis zum Ende der Monarchie immer wieder zu verschiedenen Varianten führte, je nachdem, ob man sich an den Wappenbrief oder den Siegelstock hielt.

Wappen von Krems
Wappen von Krems

Wappen von Wr. Neustadt
Wappen von Wr. Neustadt

--> Ströhl, Städte-Wappen von Österreich-Ungarn, a. a. O., 1
--> Felix Czeike, Das Rathaus. Wien - Hamburg 1972, 82

1465 wurde durch den Maler Jakob Kaschauer eine große Fahne für die Bürgerwehr angefertigt, die bis heute im Historischen Museum der Stadt Wien aufbewahrt wird. Sie trägt vier Felder, von denen jeweils zwei das weiße Kreuz in Rot und zwei, diagonal dazu angeordnet, den goldenen Doppeladler in Schwarz zeigen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Nimben verschwunden, dafür trugen die Adlerköpfe selbst Krönlein. Um die Jahrhundertwende treten uns zwei Wappenzeichnungen von hoher Autorität entgegen: Die erste stammt vom k. k. Rat und Konservator für Wien, Albert Ritter von Camesina, der für den Kreuzschild die frühgotische Dreiecksform wählte und die Krone nach der Abbildung in der Verleihungsurkunde von 1461 als heraldische Kaiserkrone gestaltete.

Frühgotischer Kreuzschild nach Camesina
Frühgotischer Kreuzschild nach Camesina

Erhabenn der Warte im Türkenschanzpark
Erhabenn der Warte im Türkenschanzpark

An der Versorgungsheimkirche
An der Versorgungsheimkirche

--> Jakob Dont (Hg.), Der heraldische Schmuck des Wiener Versorgungsheims. Wien 1910, Tafel la

Mit Lind sind wir der Ansicht, daß die ältere, „dreieckige" Schildform 1465 wohl absichtlich gewählt wurde, um darzutun, daß das Wiener Wappen schon älteren Ursprungs sei. Ströhl hingegen hat die halbrunde Form aufgrund seiner sehr strengen heraldischen Auffassung gewählt, um sie der runden Form des gesamten Wappenschildes anzugleichen. Das erscheint uns zwar möglich, im Endeffekt geht aber dabei doch etwas für die Wappen- und Siegelgeschichte Wiens sehr Typisches verloren. Hingegen muß der Kronenform Ströhls der Vorzug gegeben werden, symbolisiert diese doch viel deutlicher die Einzigartigkeit der nicht weit vom Wiener Rathaus aufbewahrten Krone des Heiligen Römischen Reiches. Interessanterweise folgt die Wappendarstellung am Giebel der Lainzer Versorgungsheimkirche trotz einer gewissen Manieriertheit und der Überladung durch eine goldene Stadtmauerkrone mit fünf sichtbaren Türmen dem oben angedeuteten Weg: die Kaiserkrone und die Bänder „ottonisch" wie bei Ströhl, der Kreuzschild „frühgotisch" wie bei Camesina, wenn auch um eine Spur gedrungenerl - eine sehr geschickte Kompromißlösung.

Beachte:

  1. Hoch oben am neu renovierten Haus 1., Lugeck 4, erbaut 1897, steht eine Statue Friedrichs III. mit dem Wappenbrief, darüber ein Baldachin, überhöht von der ottonischen Kaiserkrone. An dieser Stelle stand früher der sogenannte Regensburger Hof, ein ansehnliches Bürgerhaus mit drei Obergeschossen, in welchem Niklas Teschler, Tuchhändler, Bankier und Bürgermeister Wiens, am 19. Februar 1470 für Kaiser Friedrich III. und Matthias Corvinus ein großes Fest mit Tanz gab.
  2. An der Wand des Museums für angewandte Kunst in der Weiskirchnerstraße befindet sich eine Marmortafel mit dem kaiserlichen Stadtwappen. Sie erinnert an die Verteidigungsstellung der Stadt Wien an der Steinernen Brücke vor dem Stubentor, wo Bürgermeister Christian Prenner an der Spitze von Bürgern und Söldnern die Truppen Albrechts VI. am 12. August 1461 zurückschlug, was der Stadt Wien das Recht eintrug, den kaiserlichen Doppeladler zu führen.

Das 20. Jahrhundert#

Nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie veränderte die Stadt Wien ihr Wappen zunächst nicht. Erst ein vollkommen unbedeutender Anlass, nämlich der Ersatz „niederösterreichischer" durch „Wiener" Dienstabzeichen für Flurhüter (!), führte zu einer tiefgreifenden Wappenreform.

Diese Reform wurde durch einen Brief des Direktors des Stadtarchivs, Univ.-Prof. Dr. Otto Stowasser, an den Magistratsdirektor vom 22. April 1924 ausgelöst. In dem Brief heißt es, daß „streng sachlich auch vom Standpunkt der neuen Zeit am Stadtwappen nichts auszusetzen ist", da weder der Doppeladler noch die Farbe schwarzgelb ursprünglich mit dem Hause Habsburg etwas zu tun hatten („Habsburgisch ist der rote Löwe im goldenen Feld"). Dennoch sei der Wunsch nach Änderung „begreiflich und berechtigt", weil das Wappenbild gemeinhin „eben falsch verstanden wird". Der Archivdirektor regt somit eine generelle Wappenänderung an und schlägt als einheitliches Wappenbild einen einköpfigen Adler vor, der im Herzschild ein weißes Kreuz im roten Feld trägt, wie er sich in einem Siegel an einer Urkunde aus dem Jahr 1346 findet.

Seit der Gemeinderatswahl vom 21. 10. 1924 verfügten die Sozialdemokraten über 78, die Christlichsozialen über 41 Mandate im Gemeinderat. Karl Seitz war Bürgermeister, das Wohnbauprogramm, der Stolz des „Roten Wien" war angelaufen. Die politische Führung der Stadt schloss sich der Meinung des Archivdirektors an. Der Motivenbericht ex 1925 versucht kaum, sein Anti-Habsburg-Sentiment zu verbergen, wenn er auch die „Überladenheit" des Doppeladler-Wappens betont: und so wurde 1925 die heraldische Uhr Wiens um fast ein halbes Jahrtausend zurückgedreht - in die gute alte Zeit vor 1461, als der Adler noch einköpfig war und nicht „überladen"...
In einem Durchführungserlass des Stadtsenats vom 29. April 1925 wurde festgelegt, daß das Wappen „entweder allein oder in der Figur des Wappenhalters" gebraucht werden könne. Die Farben des Adlers wurden nicht definiert, sodaß man ihn - seltener - golden (etwa in einem Glasfenster des Wiener Jörgerbads) oder schwarz (z. B. Das Siegel von 1346 auf dem Dach des Stephansdoms, wo der Wiener Adler sogar imstande ist, dem Bundesadler den Kopf zu verdrehen!) dargestellt findet.

Der Wiener Adler bezirzt den Bundesadler
Der Wiener Adler bezirzt den Bundesadler

Das Dienstwappen
Das Dienstwappen

Während der autoritäre Ständestaat in den westlichen Bundesländern Ende des Jahres 1934 Landesverfassungen in Kraft setzte, die in ihren Zielparagraphen großen Wert auf die Landessymbole legten (vgl. die jeweiligen Beiträge), wurde am 31. März 1934 durch den Bundeskommissär für Wien eine (einstweilige) Stadtordnung erlassen, die sich -wie die  Landesverfassungen davor und danach - um „identitätsstiftende Zielparagraphen" nicht kümmerte. Schon einen Monat vorher, am 15. Februar 1934 - am dritten Tag nach seiner Einsetzung als Bundeskommissär für Wien und am letzten Tag des Bürgerkriegs - hatte Richard Schmitz das alte doppelköpfige Adlerwappen von 1461 durch Verordnung (LGB1. für Wien, Nr. 10/1934) wieder eingeführt. Es blieb in dieser Form etwas mehr als vier Jahre in Geltung, bis sich die Nacht der Hitler-Zeit über Wien senkte.

Wien-Wappen 1934 mit Zunftzeichen
Wien-Wappen 1934 mit Zunftzeichen

Wiener Wappen 1938-1945
Wiener Wappen 1938-1945


Adolf Hitler im Wiener Rathaus
Adolf Hitler im Wiener Rathaus
Das NS-Regime, das nicht müde wurde, die Funktion Wiens als eines „Bollwerks des Reiches" zu beschreiben, brachte just in der Periode, in der die Reichskleinodien aus der Wiener Schatzkammer nach Nürnberg geschafft wurden (vgl. den Beitrag über die Reichskleinodien) einige kleine Änderungen an dem seit 1934 gültigen Wappen von 1461 an: das Motiv der „heraldischen" Kaiserkrone wurde durch eine stilisierte Zeichnung der realen, ottonischen Kaiserkrone ersetzt, die Nimben wurden nicht mehr gefüllt, sondern nur konturiert, die Bänder ohne ihren bisherigen Edelsteinschmuck dargestellt. Wenn man will, war das Wappen dadurch etwas spartanischer, vielleicht auch eine Spur kriegerischer geworden: keinesfalls war es aber eine unheraldische Lösung. Sie sollte nicht lange Bestand haben. Wie alle anderen Spuren der Nazizeit, ist auch die nationalsozialistische Heraldik Wiens heute verschwunden, bewusst ausgetilgt. Es wäre dennoch interessant zu erfahren, wohin manches gelangte. Allerdings will man darüber weder im Historischen Museum der Stadt Wien noch im Stadtarchiv Bescheid wissen. So hing etwa im sogenannten „Gobelinsaal" (heute Steinsaal) des Rathauses in der Zeit des Ständestaates ein großer Gobelin. Offenbar gleich nach „Systemwechsel" wurde er durch einen „Prachtgobelin" des Malers Prof. Carlos Riefel (1903-1993 ) ersetzt. „Als Erinnerung an die Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Großdeutschen Reich" zeigte der Wandteppich die Worte Adolf Hitlers, die dieser am „Tag des Großdeutschen Reiches" zu dem ihn am 9. April 1938 im Rathaus begrüßenden Bürgermeister Ing. Dr. Hermann Neubacher sprach:. . . diese Stadt ist in meinen Augen eine Perle! Ich werde sie in jene Fassung bringen, die dieser Perle würdig ist. . . Diese Worte müssen im Lichte der inneren Einstellung Adolf Hitlers zu Wien als reine Propagandaphrase verstanden werden.



Eine Landeshymne für Wien?#

Wien, Wien, nur du allein ... hast keine Hymne

Um es gleich vorwegzunehmen: wenn es auf der Welt im Rahmen eines föderativen Staatswesens einen Teilstaat mit eigener kultureller Identität gibt, der keine eigene Hymne braucht, so ist es Wien, die Stadt der Musik. Für Wien eine Landeshymne zu schaffen, heißt Eulen nach Athen zu tragen. Und dennoch hat auch der umgekehrte Gedankengang einiges für sich: wenn es auf der Welt eine Stadt mit eigener Landesidentität gibt, welcher auch musikalisch Ausdruck verliehen werden könnte, so ist es Wien, die Stadt der Musik. Für Wien keine Landeshymne zu schaffen, klingt fast so, wie in München kein Bier mehr auszuschenken.

Der Donauwalzer

Man kann schließlich drittens der Auffassung sein, Wien habe mit dem „Donauwalzer" ohnedies eine Hymne: zwar keine offizielle, aber eine umso tiefer im Volk verwurzelte. So hat schon Eduard Hanslick (1825-1904), der bedeutende Wiener Musikkritiker und Musikhistoriker, den „Donauwalzer" ein „patriotisches Volkslied ohne Worte" genannt:

Neben der Volkshymne von Vater Haydn haben wir in Strauß' „Schöner blauer Donau" eine andere Volkshymne. Diese uns allen eingeprägte Melodie sagt deutlicher und wärmer als alle Worte, was über das Thema Wien Schmeichelhaftes gesagt werden kann.

--> Zit. nach: Gottfried Heindl, Die Welt in der Nuss oder Österreichs Hauptstadt. Wien 1972, 287

In der Tat, die Melodie des „Donauwalzers" ist so mit der Stadt Wien verwoben, daß es eine offizielle Hymne, würde eine solche beschlossen, sehr schwer hätte, das Werk von Johann Strauß Sohn auszustechen und auch nur einen Bruchteil der Popularität zu erlangen, die der „Blauen Donau" zukommt. Nicht umsonst erklingt dieser Walzer in den ersten Minuten eines jeden neuen Jahres im Österreichischen Rundfunk. Hans Weigel geht noch einen Schritt weiter: In einem Büchlein über das Wesen des Walzers meint er, daß der „Donauwalzer" „eine österreichische Nationalhymne ist, weil er gespielt und nicht gesungen wird".

--> Hans Weigel, Das kleine Walzerbuch. Salzburg 1965, 88

Der „Donauwalzer", der ganzen Welt durch seinen verhaltenen Beginn, den langsam aufsteigenden D-Dur-Dreiklang, bekannt, entstand etwa 1867, einige Jahre nach der Hochzeit von Johann Strauß mit Henriette Treffz, im Hause Praterstraße 54. Der Komponist betitelte ihn selbst mit „An der schönen blauen Donau" - eine Wortfolge, die er vermutlich aus den Gedichten des Budapester Feuilletonisten Karl Isidor Beck kannte.

--> Marcel Prawy, Johann Strauß. Weltgeschichte im Walzertakt. Wien 1975, 173 ff.

Der ursprüngliche Text begann mit den sinnigen Worten „Wiener seid froh, oho, wieso?"; sie waren die Einleitung zu einigen zeitkritischen Coupletstrophen über Hausherren und Juden, Maler und Börsianer aus der Feder des schriftstellernden Polizeibeamten Josef Weyl, der für den Wiener Männergesang-Verein die Texte schrieb. In einer Liedertafel dieses Vereins im Dianasaal (die 1842 errichtete gedeckte Schwimmhalle des 1804 erbauten Dianabades konnte in einen Ballsaal verwandelt werden) erfuhr auch der „Donauwalzer" am 15. Februar 1867 seine Uraufführung. Das ellenlange Programm - fünf Stunden Satire und Parodie - wurde durch eine Pause unterbrochen. Das erste Stück nach der Pause war der „Donauwalzer". Er war kein rasender Erfolg - es wurde nur eine Wiederholung verlangt ! -, aber auch kein Durchfaller. Op. 314 war als Chorwalzer geschrieben worden, obwohl Strauß dem Wort stets misstraute. Denn: Strauß-Musik ist „Musik an sich" - sie will nur gespielt, nicht gesungen werden, um selbst wie Singen zu klingen. Zur weltweiten Bekanntheit des Walzers trug u. a. der Auftritt von Johann Strauß bei der Pariser Weltausstellung 1867 bei, wo er unter der Schirmherrschaft von Gräfin Pauline Metternich konzertierte. Im Herbst desselben Jahres dirigierte der „Walzerkönig" über sechzig Promenadenkonzerte im Londoner Covent Garden. Und sein Verleger Spina versandte viele Tausende Notendrucke des „Donauwalzers" in alle Welt. Die Popularität des „Donauwalzers" ist bis heute ungebrochen. Deshalb verwendet auch der ORF diese Weise als Kennmelodie für seine Hauptnachrichtensendung „Zeit im Bild". Daran ändert auch der eher kitschige Text des Herrn Oberlandesgerichtsrates Dr. Franz von Gernerth nichts, der dem Musikstück 1890 unterlegt wurde:

Donau, so blau, durch Tal und Au,
Wogst ruhig du hin, dich grüßt unser Wien,
Dein silbernes Band knüpft Land an Land,
Und fröhliche Herzen schlagen
An deinem schönen Strand.
Weit vom Schwarzwald her
Eilst du hin zum Meer,
Spendest Segen allerwegen,


Ostwärts geht dein Lauf,
Nimmst viel Brüder auf:
Bild der Einigkeit für alle Zeit.
Alte Burgen seh 'n nieder von den Höh 'n,
Grüßen gerne dich von ferne,
Und der Berge Kranz,
Hell vom Morgenglanz,
Spiegelt sich in deiner Wellen Tanz.


Nun, Wien hat also keine Landeshymne und hat doch eine, nämlich einen wunderschönen Konzertwalzer. Wenn die „Introduction" zum Donauwalzer geheimnisvoll erklingt, erhebt man sich nicht, um respektvoll still zu stehen, nein, man erhebt sich, um zu tanzen - falls man das Glück hatte, in Wien geboren zu sein und hier eine Tanzschule besucht zu haben. Denn erst dann beherrscht man auch den Linkswalzer und das „Einkreuzen", um nötigenfalls einen „Fleckerlwalzer" tanzen zu können. Diese positive Einstellung zum  „Donauwalzer" ist allerdings deutlich generationsbedingt, wie die Ergebnisse einer Umfrage bei rund 500 repräsentativ ausgewählten
Wienern zeigen:

Frage: Können Sie mir sagen, was die Wiener Landeshymne ist?

Donauwalzer anderes Lied gibt keine /weiß ich nicht
14-19 Jahre3 6 91
20-29 Jahre 0 2 98
30-39 Jahre 0 3 97   
40-49 Jahre 2 2 96
50-59 Jahre 10 10 80
60-69 Jahre 5 10 85
70 Jahre plus 7 3 90

--> Quelle: Integral-Telephonumfrage Wien, 15. 10. 1993, n = 476

So bleibt nur noch eine rein theoretische Spekulation am Schluß: Welches Lied - außer dem „Donauwalzer" - hätte überhaupt eine Chance, zur Wiener Hymne erhoben zu werden? Ist unter den Hunderten Wiener Liedern kein einziges, das dafür in Frage käme? Die Antwort ist ein eindeutiges Nein. Das einzige Lied auf weiter Flur, das ein wenig in die Nähe dessen kommt, was eine „Hymne der Stadt Wien" bräuchte, ist unseres Erachtens Leo Lehners „Ich hab' dich lieb, mein Wien!", Text von M. Klieba:

Ich sing ein Lied zu deinem Preis,
Du Stadt am Donaustrand,
Mein Herz entbrennt in Liebe heiß,
Und ist dir zugewandt.
Ob du im Frühlingszauber prangst,
Ob du nach Winterruh verlangst.
Refrain:
Was auch die Welt an Schönheit hat,
Mich lockt es nicht dahin,
Ich hab dich lieb,
du schöne Stadt,
Ich hab dich lieb, mein Wien.


Paläste stehn in stolzer Pracht
Und buntes Leben schallt,
Behüt dich Gott in seiner Macht,
Dich und den Wienerwald.
Mein Dankemporzum Himmelfleht,
Mein Lied erkling wie ein Gebet.
Refrain:
Was auch die Welt an Schönheit hat,
Mich lockt es nicht dahin,
Für mich bist du
Die schönste Stadt,
Ich hab dich lieb, mein Wien.


Bild 'Wien_lieb'

Das Lied ist im Dreivierteltakt geschrieben. Der Refrain beginnt jeweils im langsamen und endet im flotten Walzertempo - als Wienerlied muß das wohl so sein. Gut singbar ist „Ich hab dich lieb" aber nur für den ausgebildeten Sänger, der weder mit den Auflösungszeichen noch mit den hohen Noten am Schluß Schwierigkeiten hat.

Ein von der „Presse" auf Anregung des 2009 verstorbenen Gemeinderates Johannes Hawlik (ÖVP) im November 1996 durchgeführter Wettbewerb brachte keine brauchbaren Ergebnisse.

Landespatron und Landesfeiertag#

Mit kaiserlichem Patent vom 19. Oktober 1663 wurde der hl. Leopold zum Landespatron der alten österreichischen Kernlande Niederösterreich (mit Wien) und Oberösterreich bestimmt. Der 15. November, der Todestag des Heiligen, wurde kirchlicher Feiertag (Näheres hiezu im Beitrag über Niederösterreich). Neben dem hl. Leopold, dem „offiziellen" Landespatron von Wien, gilt der hl. Klemens Maria Hofbauer als der eigentliche Schutzheilige der Bundeshauptstadt; typischerweise ein Südmährer („Randlböhm"), wie viele berühmte und weniger berühmte Wiener nach ihm. Klemens Maria Hofbauer steht uns von allen Landespatronen zeitlich am nächsten. Er wurde am 26. 12. 1751 in Taßwitz/ Tasovice bei Znaim/Znojmo in Südmähren als neuntes von zwölf Kindern eines Fleischermeisters, der ursprünglich Dvorak hieß, geboren. Nach dem frühen Tod seines tschechischen Vaters wuchs er unter der Obhut seiner frommen Mutter deutschsprachig auf. Schon sehr früh zog es ihn zum Priesterberuf, den er aber erst später ergreifen konnte. 1808 begann Hofbauer seine Tätigkeit als Redemptoristenpater in Wien, ohne Kloster, von einem einfachen Zimmer aus, das ihm Schlafzimmer, Eßraum, Beicht- und Aussprachezimmer zugleich war. Er nahm Kontakt zu Intellektuellenkreisen um die Romantiker August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Zacharias Werner u. a. auf, die sich damals in Wien aufhielten. Als „Posaune Gottes" wurde er zum wortgewaltigen Apostel Wiens. Er setzte neuartige Methoden der Seelsorge ein (Hausbesuche, Heimabende, Zeitschrift „Ölzweig") und erkannte früh die Notwendigkeit ökumenischen Denkens.


Denkmal am Minoritenplatz
Denkmal am Minoritenplatz

Sarkophag von Klemens Maria Hofbauer in der Kirche, Maria am Gestade
Sarkophag von Klemens Maria Hofbauer in der Kirche, Maria am Gestade

Als Lehrer von Kardinal Rauscher wurde Klemens Maria Hofbauer zum Wegbereiter des Konkordats von 1855. Er starb am 15. März 1820 im Haus 1., Seilerstätte 11, einem Zinshaus der Ursulinen. Am Morgen nach seinem Tod traf das von Kaiser Franz I. unterfertigte Einfuhrungsdekret für seinen Orden an seiner Bahre ein. Klemens Maria Hofbauer wurde zunächst, seinem Wunsch entsprechend, auf dem „Romantikerfriedhof" in der Pfarre Maria Enzersdorf, dem geistig-religiösen Zentrum des Hofbauer-Schlegel Kreises, bestattet. „Fidelis servus et prudens" stand über seinem Grab. Seit 4. November 1862 aber ruhen seine Gebeine in einem Schrein in der von den Redemptoristen geführten Kirche Maria am Gestade, die er sich zu Lebzeiten für seinen Orden so sehnlich gewünscht hatte. Votive künden dort von vielen Gebetserhörungen. Klemens wurde am 29. 1. 1888 seliggesprochen; seine Heiligsprechung erfolgte am 20. 5. 1909. Sein Fest wird am 15. März in allen Diözesen Österreichs und Deutschlands gefeiert. 1914 wurde Klemens Maria Hofbauer durch Papst Pius X. zum Stadtpatron von Wien erklärt. Der „Apostel von Wien", wie der Heilige respektvoll genannt wird, wird als Redemptorist im schwarzen Talar, mit weißem Halskragen und Rosenkranz dargestellt. Sein ihm 1913 gesetztes Denkmal an der Minoritenkirche wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, später aber wiedererrichtet. Am Ursulinenkloster (1., Seilerstätte 26) befindet sich eine Gedenktafel.

--> Wilhelm Hünermann, Der Apostel von Wien - Klemens Maria Hofbauer. Innsbruck 1988, 190


Bekanntheit des Wiener Landespatrons 1993

hl. Leopold K.M. Hofbauer hl. Severin andere weiß ich nicht
bis 29 30 0 0 36 34
bis 49 34 4 12 2 38
ab 50 27 4 12 8 41
Total 30 3 12 8 38

--> Quelle: Integral-Telephonumfrage Jänner 1993, n = 214

Wie man sieht, hat sich der 482 in Favianis (Mautern bei Krems) gestorbene „Apostel Ufernoricums", Severin, tiefer ins Gedächtnis der Wiener eingegraben als der aus dem 19. Jahrhudert stammende Klemens. Severins Missionstätigkeit erstreckte sich über weite Teile Österreichs. Seine sterblichen Überreste wurden von seinen vertriebenen römischen Mitbrüdern in Lucullanum bei Neapel bestattet, von wo die Gebeine in die Kirche von Frattamaggiore in Kampanien gelangten  - vgl. hiezu die Legende über den gleichfalls "inoffiziellen" Heiligen Oberösterreichs, den hl. Florian, dessen Leichnam ebenfalls nach Italien gebracht wurde.

Sonstige Symbole Wiens#

Während bei den anderen Bundesländern die Landschaft eine große Rolle spielt, wenn es um die Frage geht, was denn die Symbole des jeweiligen Bundeslandes seien, stehen im Fall von Wien Bauten und Denkmäler an der Spitze. So ergab die Integral-Umfrage „Symbole für Österreich" (1993, n= 1.000) für den Stephansdom 47 Prozent Nennungen, das ist der höchste Wert unter den in allen Bundesländern genannten Symbolen. Aufgrund seiner großen Symbolkraft haben wir dem Wiener Stephansdom einen eigenen Beitrag gewidmet. Neben der Stephanskirche ist auch das Riesenrad mit 19 Prozent ein anerkanntes Wahrzeichen Wiens, während Schönbrunn (8 Prozent) und die Oper (6 Prozent) dagegen bereits stark abfallen. Interessant ist, daß das Rathaus und die UNO-City mit 5 Prozent gleich oft genannt werden, während auf die Hofreitschule 3 Prozent und auf die Hofburg 2 Prozent entfallen. Das Wappen Wiens wird mit 8 Prozent leicht unter dem gesamtösterreichischen Durchschnitt genannt.

Im folgenden wollen wir uns noch mit einigen Dingen beschäftigen, die nicht nur zum Wien-Klischee gehören, sondern auch eine tiefere Symbolbedeutung für diese Stadt besitzen.

Der Eiserne Rathausmann#

Bild 'rathausmann'


Das zur 200-Jahr-Feier des Sieges über die Türken am 12. September 1883 im Aufbau vollendete Neue Rathaus von Friedrich Schmidt war unter dem Motto „saxa loquuntur" von Anfang an als lehrhafte „Symbolsammlung" gedacht. Die Spitze des 100 Meter hohen Mittelturms krönt ein in Kupfer getriebener, 3 m 40 hoher Bannerträger in Gestalt eines geharnischten städtischen Söldners. Sein Vorbild dürfte die Rolandsfigur sein, die man auf vielen norddeutschen Marktplätzen als Symbol der städtischen Freiheiten und Rechte oder auch der hohen Gerichtsbarkeit findet. Der wehrhafte Rathausmann hat sich in über einem Jahrhundert luftiger Präsenz neben Stephansturm und Riesenrad als Wahrzeichen Wiens etablieren können, wenn er auch naturgemäß stark mit Rathauspolitik und Rathausbürokratie assoziiert wird. Die doppelt mannshohe Figur wurde durch den Kunstschlosser Alexander Nehr in der Werkstätte des Schlossermeisters Wilhelm Ludwig gefertigt und von diesem der Kommune zum Geschenk gemacht. Das Modell stammt von dem Bildhauer Franz Gasteil;Vorbild für die Rüstung dürfte der Reiterharnisch Maximilians I. aus der kaiserlichen Waffensammlung gewesen sein. Der 1800 Kilogramm schwere Rathausmann ist pendelnd verankert, wodurch ihm auch starke Stürme nichts anhaben können. Abweichungen von der Vertikalen bis zu 25 Zentimeter sind dabei möglich.

Der Rathausmann wurde mit Hilfe einer Lokomobile am 20. Oktober 1882 auf die Turmspitze gesetzt (bei der Ende des 20. Jahrhunderts erfolgten Renovierung erledigte dies ein Hubschrauber).

Zu Füßen des Rathausmannes findet sich an der Vorderseite des Turmes die Statue der Vindobona (s. d.) sowie ganz unten Halbreliefs mit Reiterbildern von Franz Joseph I., Rudolf von Habsburg und Rudolf IV., die als Geste an das Kaiserhaus zu verstehen sind, aber so angeordnet wurden, daß daraus keine Unterwürfigkeit abgeleitet werden konnte.

Die Vindobona#

Bild 'vindobona_400b'

Im Schatten des Rathausmannes ist die „Stadtgöttin" Vindobona nie recht populär geworden. Flankiert von zwei Bannerträgern mit dem Reichs- und dem Stadtwappen schmückt die Statue von Josef Fritsch den Rathausturm an zentraler Position. Sie trägt eine etwas schwer geratene Mauerkrone auf dem Haupt, in der Rechten hält sie einen klobigen Stadtschlüssel, die Linke ist auf einen Schild mit dem Stadtwappen gestützt. Durch ihre luftige Position inmitten einer Vielzahl von Figuren (u. a. Schildträgerinnen der Vorstädte und Schildhalter der Kronländer) kommt sie kaum zur Geltung.

Überdies hat sie eine Zwillingsschwester, eine von Edmund von Hellmer geschaffene Vindobona in der Mitte der Rückseite des Neuen Rathauses.

Diese durch Lanze und Schild recht wehrhafte, doch etwas mollige Dame ist von Allegorien wichtiger Tugenden wie „Weisheit" und „Treue" umgeben. Ihr selbst fehl allerdings ein Arm, ihrer rechten Nachbarin gar der Kopf - ist das noch niemandem aufgefallen?


Bild 'Vindobona_hinten'

Am Flötzersteig befindet sich das Vindobona-Denkmal; 1898 von L. Schadler entworfen, stellt es Vindobona als Samariterin dar. Eine weitere Vindobona findet sich am Deutschmeisterdenkmal vor der ringseitigen Front der Roßauer Kaserne.

Das Riesenrad#

Sehr oft wird das Wiener Riesenrad fälschlich mit der Wiener Weltausstellung von 1873 in Verbindung gebracht. Das 65 Meter hohe, sich zur Überraschung mancher ausländischer Gäste nur ganz langsam drehende Aussichtsbauwerk wurde aber erst 1897 für das 50-jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs von dem englischen Konstrukteur Walter Basset errichtet. Das Rad wiegt 430 Tonnen und steht genau Nord-Süd. Es bietet einen guten Überblick über die gegen die Donau liegenden Bezirke Wiens. Im letzten Kriegsjahr 1945 verbrannten alle 30 Waggons. Man entschloss sich beim Wiederaufbau, aus Sicherheitsgründen nur mehr halb so viele Gondeln einzusetzen. Am 25. Mai 1947 ging das neue Riesenrad in Betrieb. Durch den Film „Der dritte Mann" auch international sehr bekannt, ist es zu einem Wahrzeichen für das lebensfrohe Wien geworden.

Der Heurige#

Wenn das Wort „Wien" etymologisch auch nicht von „Wein" kommt, sondern vom keltischen Vedunia („Waldbach"), so gehören beide Begriffe doch eng zusammen. Der Weinbau in Wien geht auf die Römerzeit zurück und bildete auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor im Mittelalter: man erinnert sich an die Legende vom sauren Wein, dessen Unverkäuflichkeit Friedrich III. auf die Idee brachte, den Mörtel für den Nordturm des Stephansdoms damit anrühren zu lassen. Früher reichten die Weinberge noch weiter in die Nähe des Stadtzentrums als heute; so war die Vorstadt Gumpendorf für ihren edlen Tropfen berühmt. Und auch das Belvedere, das berühmte Barockschloß des Prinzen Eugen, wurde auf einem Weinberg errichtet. Aber auch heute ist es nicht weit „zum Wein": von Nußdorf über Grinzing, Sievering und Dornbach bis Ottakring und Stammersdorf reichen Weingärten bis knapp an die Endstationen der Straßenbahnlinien.

Der Wiener Heurige in seiner Doppelbedeutung - der zuletzt gelesene Wein und der Ort seines Ausschanks - ist trotz seiner stellenweisen Kommerzialisierung für den Tourismus eine der liebenswürdigsten Traditionen dieser Stadt. Die Berechtigung „auszustecken", also einen Buschen aus grünen Föhrenzweigen an einer Stange über den Eingang zu hängen, geht auf eine Verordnung aus dem Jahre 1784 zurück. Sie berechtigt den Weinbauern, Weine aus eigener Fechsung ein paarmal im Jahr auszuschenken und dazu eine beschränkte Zahl meist kalter Speisen anzubieten. Es ist dem Heurigenbesucher deshalb auch erlaubt, sein eigenes „Packerl" mitzubringen, um eine gute „Unterlage" zu haben, wenn er das massive Henkelglas mit dem „Vierterl Heurigen" oder „Alten" bestellt. Der wahre Connaisseur des Wiener Weines - zumeist werden Weißweinsorten mit leichter Säure ausgeschenkt - nennt sich „Weinbeißer", zieht er es doch vor, den Wein nicht schnell hinunterzustürzen, sondern langsam zu „beißen". Er will dazu auch keine laute Musik haben und schon gar keine Schunkellieder, sondern er liebt seine Musik einschmeichelnd und eher leise.

Liedertexte kann er im Gegensatz zur Tradition anderer Nationen prinzipiell nicht auswendig. Sehr oft sind es eher leichte Tanzweisen und Molltöne, die zur wirklichen Heurigenstimmung passen. Wenn das traditionelle Schrammelquartett aufspielt (zwei Geigen, Baßgitarre und Ziehharmonika) kann es schon vorkommen, daß manches Auge feucht wird, wenn die „gute alte Zeit" musikalisch beschworen wird. Der Heurige ist eine der wenigen „klassenlosen" Institutionen, die die Zeiten zu überdauern vermochten; hier sitzt der Generaldirektor neben dem einfachen Angestellten, der Arbeiter neben dem Studenten. Wer zum Heurigen geht, bleibt dort selten allein. Dafür sorgt schon der Wein. Die zwanglose Stimmung kann zwar emphatisch und euphorisch werden, artet aber selten in rohe Trunkenheitsformen aus. Zur Sperrstunde gibt es jedenfalls die Gelegenheit, bei einem kleinen Spaziergang „auszulüften".

Das Wiener Kaffeehaus#

Neben dem vielbesungenen Heurigen ist das vielbeschriebene Kaffeeehaus die zweite Institution, die sich zu einem Symbol - ja , zu einem Synonym - für Wiener Lebensart entwickelt hat. Dem Wiener fällt es erst im Ausland auf, was er an seinem Kaffeehaus wirklich hat: den Ort des Verweilens bei individuell zubereiteter Kaffeesorte und verlockender Mehlspeise, allein oder in Gesellschaft, zur geschäftlichen Besprechung, um Zeitung zu lesen oder einfach deshalb, weil man gerade Zeit hat, „nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft" (Alfred Polgar) zu sein.

Das Wiener Kaffeehaus geht zwar auf die Zeit unmittelbar nach der zweiten Türkenbelagerung zurück, doch wurde es nicht, wie immer wieder hartnäckig behauptet wird, von Franz Georg Kolschitzky (richtig: Koltschitzky) begründet, der zum Dank für seine Dienste als Kundschafter und Hilfsdolmetsch eine Konzession als Kaffeesieder erhalten habe, sondern von einem „Kollegen", dem armenischen Orientkaufmann und Geheimagenten Johannes Diodato.

--> Karl Teply, Kundschafter, Kuriere, Kaufleute, Kaffeesieder. In: Österreich in Geschichte und Literatur, 22. Jg., Heft 1, Jänner/Feber 1978, 1 ff. Vgl. auch Hans Weigel, Das Wiener Kaffeehaus. Wien 1978 und viele andere Publikationen

Johannes Diodato war ein armenischer Kaufmann aus Istanbul, der sich in der Zeit vor der zweiten Türkenbelagerung auf den Schmuggel von Silber und Waffen aus dem Orient verlegt hatte. Zum Katholizismus konvertiert, wurde er Ende des 17. Jahrhunderts
Bürger von Wien und Mietshausbesitzer. Am 17. Jänner 1685 hatte ihm eine kaiserliche Hoffreiheit das Privileg bescheinigt, „solches orientalisches Getränkh auf 20 Jahr allein zu verkauffen". Das erste Wiener Kaffeehaus dürfte sich in der Rotenturmstraße befunden haben. Damit stehen also Geburtstag, Geburtsort und wirklicher Taufpate des Wiener Kaffeehauses fest. Um 1700  entwickelte sich ein veritabler Konkurrenzkampf um Konzessionen, den „gebrannten Türkh" ausschenken zu dürfen. Vorreiter im neuen Gewerbe waren wieder Armenier, darunter ein weiterer Hofkurier, Isaak de Luca. Sein von ihm und später von seinem Sohn jahrzehntelang geführtes Wiener „Urkaffeehaus" trug den klingenden Namen „Zur blauen Flasche" und befand sich im Schlossergaßl in der Nähe der heutigen Goldschmiedgasse. Auch in anderen Ländern Europas waren es aller Wahrscheinlichkeit nach Armenier, die das Kaffeehaus heimisch gemacht haben. In Wien gab es um 1910 mehr als 1200 Kaffeehäuser; heute sind es etwa halb so viele, doch ist die Tendenz wieder steigend: während noch vor einigen Jahren Cafes in Bankfilialen umgewandelt wurden, gibt es heute bereits Banken mit angeschlossenem Kaffeehaus.

Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses ist reich an Anekdoten, die sich zumeist um den Typus des Kaffeehausliteraten der Zeit vor 1938 ranken. Die bekannteste ist wohl jene vom Minister des Äußeren, der die Möglichkeit einer Revolution in Rußland mit den Worten bezweifelte „Aber ich bitt' Sie, wer soll denn diese Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Cafe Central?" Lew Bronstein, der spätere Leo Trotzki, war tatsächlich Stammgast in der Herrengasse gewesen.

Es soll hier nicht auf die verschiedenen Arten von Kaffee eingegangen werden, die man sich in einem Wiener Espresso oder Kaffeehaus zur Zeitung bestellen kann, dafür wären wieder einige Absätze notwendig. Vielleicht probiert es der geneigte Leser einmal selbst aus, wenn er „allein sein will, aber dazu Gesellschaft braucht" (Alfred Polgar).

Der Wiener Walzer#

Hans Weigel hat mit seinem „Kleinen Walzerbuch" (Salzburg, 1965) eine „Introduction" in das Phänomen des mit Wien besonders eng verbundenen Walzers gegeben, worin er ihn als „das Bild, die Vision, die Idee des Tanzes" bezeichnet. Der Chronist Gottfried Heindl bezeichnete den Wiener Walzer als Symbol einer Zeitenwende:

In den Klängen des Wiener Walzers hat die Menschheit im Anbruch des industriellen Zeitalters musikalischen Abschied von einer tausendjährigen Lebensform genommen, den Abschied von der Welt ohne Technik und dem Dasein in unberührter Natur.

--> Gottfried Heindl, Die Welt in der Nuss oder Österreichs Hauptstadt. Wien 1972, 213

Man könnte diese doch etwas wehmütige Feststellung auch ins Positive kehren und sagen: Wenn es eine Möglichkeit gibt, sich in die sogenannte „gute alte Zeit", in das vorindustrielle Zeitalter, in die Romantik des alten Wien zurückzuversetzen, so bietet sie der Wiener Walzer auf einem Wiener Ball. Wer sich seinen Klängen hingibt, indem er im wienerisch verhalten akzentuierten Dreivierteltakt über das Parkett zu schweben versucht, wird gewissermaßen „metaphysisch" in eine andere Zeit versetzt, wird „Geschichten aus dem Wienerwald", „Frühlingsstimmen" oder „Dorfschwalben" hören, die „Morgenblätter" aufschlagen, im „Kaiserwalzer" versinken oder auch vom Duft der „Rosen aus dem Süden" bezaubert werden. Möge uns diese vollkommenste aller bewußtseinserweiternden Drogen noch lange erhalten bleiben!