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Vandans - Silvretta - Landeck#

Mittwoch 15. August 2012#


Bild '4-Etappe'

Ich sitze beim Restaurant eines Golfclubs in Partenen. Von hier weg geht es steil nach oben. Über 1000 Höhenmeter sind zu überwinden. Dabei habe ich von Vandans weg schon 500 Höhenmeter gemacht. In 25 Kilometern. Ich habe dazu länger gebraucht als gedacht: fast zwei Stunden. Das Gepäck hängt sich ganz schön an. Ich spüre beim Bergauffahren, wie sich das hintere Rad, auf dem die Satteltaschen liegen, nachschleppt. Wie einen Anhänger muss ich den zweiten Teil des Rades ziehen.

Ich bin schon vor dem Weckerläuten aufgestanden. Er war auf 7 Uhr gestellt und ich stand um 3/4 7 auf. Ich packte meine Taschen. Heute stieg ich von den Sandalen auf die festen Schuhe um. Das war eine richtige Entscheidung. Am Morgen war es noch kalt. Nur 12 Grad. Und bei einem Sturz gibt es auch mehr Schutz.

Magda hatte schon ein ausführliches Frühstück gerichtet. Ich habe zugeschlagen. Ich werde sicher viele Kalorien verbrauchen. Wahrscheinlich an die 2000. Am Abend musste ich aber über 3000 vom Computer ablesen. Gestern in der flachen Strecke hatte ich 1500 konsumiert. Mein Körper sah aber noch nicht dünner aus.

Peter kam auch zum Frühstück. Es war wie gesagt üppig: Ei, Schwarzbrot, Schinken, Butter, Käse, Kaffee, Joghurt und Obst.

Bild '4-Etappe1'

Um ¾ 8 brach ich auf. Wir machten im Garten noch ein Abschiedsfoto und dann sagte der Radcomputer "Ein, zwei drei, los. Die Fahrt beginnt" und ich ließ das Rad den Berg hinunter rollen.

Es ging lange ins Tal hinein. Immer leicht ansteigend. Der Rad-weg war nicht immer klar beschildert. Einmal fuhr ich einen Berg hinauf und kam in ein Seitental. Leere Kilometer. Ich musste wieder zurück. In Partenen, dem letzten Ort fuhr ich durchs Zentrum. Die Messe war gerade aus und die Leute standen noch tratschend vor der Kirche.

Es war noch feucht, wenn ich Waldstücke querte. Schnecken krochen am Weg. Ich habe aber keine überfahren, weil ich mein Rad nicht verdrecken wollte.

Heute machte ich auch mehr Fotos. Ich setzte mich nicht so unter Stress beim Fahren, auch wenn der Computer jeden Kilometer ansagte und mir auch die verbrauchte Zeit signalisierte.

Beim Hereinfahren ins Montafonertal merkte ich schon, dass mein Rad sehr schwer ist und die Übersetzung nicht Berggerecht ist. Bei der kleinsten Steigung musste ich auf den niedrigsten Gang herunter schalten. Nachdem ich die Mautstelle passiert hatte - Räder müssen Nichts bezahlen - wusste ich, was mir bei dieser Auffahrt zum höchsten Punkt bevorsteht. Das Rad war bei stärkeren Steigungen - und ab jetzt waren es nur mehr solche - nicht mehr zum Treten. Wie sollte ich die bevorstehenden 1000 Höhenmeter schaffen? Bis jetzt hatte ich schon 700 getreten, aber die teilten sich auf 30 Kilometer auf. Nun standen 1000 Höhenmeter auf etwas mehr als zehn Kilometern am Programm. Ich nahm mir vor nach jedem Kilometer eine Rast zu machen. Niemand hetzt mich. Ich habe Zeit. Es ist egal, wann ich oben bin. Bald stellte sich aber heraus, dass ich einen Kilometer durchzutreten nicht aushalte. Die Abstände wurden immer kürzen und letztlich machte ich nach jeweils 100 Metern eine Pause. Ich musste auch eine Pause machen, weil ich keine Luft mehr hatte und mein Herz wie wild pumpte. Ich blieb so lange stehen, bis der Herzschlag wieder normal war. Das Anfahren kostete immer sehr viel Kraft, weil ich ja auf der Steigung wegfahren musste. Ein Pedaltritt reichte oft nicht um mich aufzusitzen. Ich bekam den Fuß nicht über den Sattel. Das Rad blieb gleich wieder stehen. So war ich auch schnell wieder müde. In den Kurven der Serpentinen war die Straße flacher. Das hat mir Peter schon gesagt und ich konnte mich auch an meine letzte Auffahrt erinnern. Diese hat aber Nichts mit der heutigen Fahrt gemeinsam. Ich hatte damals ein sehr schlechtes Leihrad. Die vorderen Zahnkränze ließen sich nicht schalten. Ich fuhr mit der mittleren Einstellung und ich kam problemlos bis zum See. Es war nicht allzu anstrengend. Aber das Rad war nicht so schwer wie meines heute mit den Satteltaschen, die Dinge für zehn Tage beinhalten. In den Kurven schaffte ich immer mehr als einhundert Meter. Einmal überholte mich ein älterer Herr. Er tat sich sehr schwer. Er war zu dick. Obwohl er ein gutes Mountainbike hatte kam er nur langsam voran. Ich hängte mich an und schaffte so größere Abschnitte. Um nicht zu zeigen, dass ich zu schwach bin, fotografierte ich bei meinen Stopps immer. Die Aussichten waren wirklich beeindruckend. Wie ein Bandelwurm schlängelte sich die Straße am Berg hinauf.

Bild '4-Etappe2'

Ich wurde immer müder, obwohl ich viel getrunken hatte und oft rastete. Ja, ich machte sogar längere Stopps. Ich aß etwa einen Apfel oder eine Banane und setzte mich auf einen Stein am Rand.

Autos und Motorräder brausten an mir vorbei. Busse quälten sich langsamer hinauf und zogen eine lange Autokolonne hinter sich her. Auch Radfahrer verursachten Kolonnen. Ich fuhr nach meinen Stopps immer erst weg, wenn sich solche Verkehrsansammlungen aufgelöst hatten.

Da mir mein eigener Körper wertvoller ist als das Image begann ich das Rad an steilen Stellen zu schieben. Speziell vor dem ersten Stausee. Dort ließ ich mich von einem jungen Pärchen - ich saß mit ihnen auf einer Bank am Stausee - fotografieren.

Bei diesem Stausee ist der Akku des Telefons leer geworden. Ich musste den Zusatzakku aufsetzen und dabei passierte es, dass alle Aufzeichnungen dieser schwierigen Etappe verloren gingen. Ich weiß noch, dass ich über 1000 Kalorien verbraucht hatte und 1600 Höhenmeter zurückgelegt hatte. Die Kilometeranzahl hatte ich ja auch noch am Fahrradtacho, obwohl dieser heute weniger anzeigte als der Computer. Das stimmte mich sehr traurig. Ich schaltete also wieder neu ein.

Bild '4-Etappe3'

Von nun an schob ich den Großteil der Strecke bis zum Bielersee und der höchste Stelle mit 2031 Metern Seehöhe. Beim Schieben taten mir die Arme weh. Das Rad war sehr schwer. Langsam kam ich nach oben. Vor der Staumauer stieg ich wieder auf und fuhr. Erst die letzten hundert Meter musste ich wieder schieben. Der Parkplatz war voll. Viele Leute waren hier oben. Der Grund war eben der Feiertag und das schöne Wetter. Ich war völlig kaputt. Ich lehnte das Rad an ein Gitter am See und rief Hannelore an. Ich hatte keine Stimme zum Reden. Einerseits weil ich keine Kraft mehr hatte - auch nicht zum Sprechen - anderseits, weil ich so glücklich war es geschafft zu haben. Tränen standen mir in den Augen. Nach dem Telefonat ging ich ins Restaurant. Ich musste essen. Ich setzte mich auf die Terrasse in den Schatten. Ich wählte den Teil des Restaurants, wo bedient wurde. Das hatte ich mir verdient. Ich bestellte ein Obi gespritzt und Spagetti. Bevor das Essen kam fiel mir auf, dass ich den Fotoapparat am Rad hängen ließ. Rasch ging ich hinunter. Er war noch da.

Das Trinken und Essen tat mir gut. Nachher nahm ich einen Eiskaffee. Drei Motorradfahrer setzten sich zu mir an den Tisch. In der Küche durfte ich mein Telefon zum Aufladen anstecken.

Nach einer halben Stunde machte ich mich wieder auf den Weg. Ich hatte mich erfangen. Ich ging noch aufs Klo - obwohl ich dachte ohnehin alle Flüssigkeit herausgeschwitzt zu haben. Dann fuhr ich los. Zuerst ging es steil bergab. Ein wunderbares Tal. Ich blieb oft stehen und fotografierte. Ich fuhr nicht zu schnell. Mein Rad ist nichts so sicher. Ich kam durch schöne Ortschaften und auch durch jene, wo vor einigen Jahren Lawinen fast alle Häuser vernichtet hatten. Heute gibt es hier nur Neubauten.

Bild '4-Etappe4'

Ich fuhr auf der Hauptstraße und kam rasch voran. So lernte ich auch Ischgl kennen. Ein Dorf, das wie ein Hügel voll Hotels wirkt.

Als ich zur Westbahn kam fuhr ich unter ihr durch. Ein schöner alter Viadukt aus Steinen. Daneben eine Burg. Ich blieb aber nicht stehen, weil ich gerade ein gutes Tempo hatte.

Vor Landeck musste ich nochmals den Berg hinauf. Ich wollte in der Folgeortschaft Quartier beziehen. Ich war aber schon zu weit. Ich hielt ein lokales Auto auf und der Fahrer schickte mich zurück. Das Hotel war an der Talstation einer Seilbahn. Es schaute schön aus, hatte aber kein freies Zimmer. Ich rief bei einem Hotel in Landeck an. Man bot mir ein Einzelzimmer um 100 Euro an oder ein billigeres mit Klo und Dusche am Gang um 65. Zur Sicherheit reservierte ich, rief aber ein Anderes an und bekam ein Zimmer um 60 Euro. So bestellte ich das erste wieder ab und fuhr meines an. Es hieß Nussbaumerhof. Für die Räder gab es einen Abstellraum. Ich hatte ein bescheidenes Zimmer mit Balkon. Nach einer Dusche setzte ich mich auf die Hotelterrasse und fragte nach einem Joghurt mit Früchten. Man machte es mir. Nachher trank ich ein großes Bier.

Im Zimmer schlichtete ich mein Gepäck und beantwortete Mails. Mit Hannelore telefonierte ich. Ich verständige auch Magda und Ludwig von meiner Tagesetappe.

Am Abend - es war noch heiß - ging ich nochmals hinunter und aß geröstete Knödel und trank ein großes Obi gespritzt. Nachher noch ein Glas Veltliner und ging aufs Zimmer, wo ich las und schrieb.

Ein wunderschöner und sehr anstrengender Tag ging zu Ende.
Morgen soll das Wetter regnerisch werden. Man wird sehen....


Bild '4-Etappe8'
Bild '4-Etappe5'
Bild '4-Etappe6'
Bild '4-Etappe7'
Bild '4-Etappe9'
Bild '4-Etappe10'
Bild '4-Etappe11'