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vom 15.11.2018, aktuelle Version,

Majáles

Majáles-Zug 1965 in Prag

Majáles ist in Tschechien ein traditionsreiches Studentenfest, das im Mai gefeiert wird. In der Vergangenheit trug er häufig deutliche Zeichen des Aufbegehrens der Obrigkeit gegenüber.

Bedeutung

Majáles, abgeleitet von lateinisch maius (Mai), wird in Tschechien, beziehungsweise früher in Böhmen, durch Jugendliche in zweierlei Hinsicht gefeiert. Zum einen gilt der Monat Mai als der Monat der Liebe, und beispielsweise war es in Prag Tradition, dass sich Verliebte am 1. Mai abends am Berg Petřín beim Denkmal des romantischen Dichters des beginnenden 19. Jahrhunderts Karel Hynek Mácha trafen, der mit seinem Hauptwerk Máj ein bekanntes Gedicht über die Liebe geschrieben hat. Zum zweiten ist es dann Tradition des Majáles-Festes, dass – am 1. Mai oder anfangs Mai – Studenten in den Städten herumziehen. Verschiedene Elemente der Aktionskunst (im tschechischen "recese", am ehesten mit Happening zu übersetzen) gehörten ebenso dazu wie auch Kritik an der staatlichen Macht.[1]

Geschichte

Die erste Erwähnung von Majáles als eine studentische Veranstaltung liefert der tschechische Schriftsteller Alois Jirásek in seiner historischen Novelle Filosofská historie (1878). Er beschreibt dort den Majáles von 1847 in Litomyšl, der trotz eines Verbotes stattfand. Neben ausgelassenen Feierlichkeiten standen Losungen des Patriotismus und des Kampfes gegen die Germanisierung im Vordergrund und waren damals in intellektuellen Kreisen des von den Habsburgern beherrschten Böhmens typisch. Jirásek interpretiert die Majálesfeste als antiklerikale, patriotische, durch das Freidenkertum beeinflusste Aktionen, die sich gegen die Germanisierung und, aus der Natur der Sache, gegen die Habsburger Obrigkeit richteten. [2] Zur Belebung der Tradition – einschließlich der Wahl des Majáles-Königs – kommt es dann vor allem ab den 1950er Jahren unter den Bedingungen der kommunistisch regierten Tschechoslowakei.

Eine Wende in der Geschichte des Majáles spielte das Jahr 1956. Nur einige Monate nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, auf dem Nikita Chruschtschow die stalinistischen Verbrechen zumindest enthüllte, genehmigten die Behörden die studentische Veranstaltung, jedoch mit einigen Auflagen: um Alkoholexzesse zu minimieren, sollten die Stipendien für Mai ausnahmsweise erst nach der Veranstaltung ausbezahlt werden, das Innenministerium versetzte ein Drittel aller Sicherheitskräfte in Prag in Alarmbereitschaft, es wurden Parolen vorgegeben, die man skandieren sollte. Die Demonstration, die auf etwa 100.000 Teilnehmer anwuchs, missachtete sie und skandierte eigene, ironische bis problematische Parolen. Nur mit Mühe konnten die Demonstranten zum Ziel des Marsches, dem Denkmal von Mácha, durch die Polizei dirigiert werden. In den folgenden Jahren, als die Parolen teilweise die Toleranzgrenze der Sicherheitsorgane überschritten ("Schlagt die Bullen" ...), gab es die Demonstrationen nur in Begleitung einer massiven Polizeieskorte.[2][3]

Allen Ginsberg, König des Majáles 1965 in Prag

Am 18. Februar 1965 landete in Prag der aus Kuba ausgewiesene Beatnik Allen Ginsberg, der in den folgenden Monaten vor allem in Prager Jazzlokalen Anschluss an die damalige intellektuelle Schicht des Landes bekam und selber unter anderem in der Literatur- und Jazzweinstube Viola auftrat. Zwar wollte er im Mai Prag verlassen, doch wurde er durch eine studentische Abordnung davon abgehalten, weil er für die Majáles-Festlichkeiten des Jahres für die Wahl des Majáles-Königs vorgesehen wurde. Ginsberg nahm an und wurde gewählt. Der Majáleszug dauerte anderthalb Stunden und es wohnten ihm 150.000 Zuschauer bei. Ginsberg wurde umgehend wegen Alkoholismus, Narkomanie, Unruhestiftung und Propagierung der Homosexualität verhaftet und innerhalb von zwei Tagen aus der Tschechoslowakei ausgewiesen.[3][4]

Bei dem Majáleszug 1966, der ebenfalls von starken Polizeikräften bewacht wurde, kam es zu zahlreichen Verhaftungen. Bei der Personalüberprüfung stellten überraschte Organe fest, dass es sich bei insgesamt 55 der Verhafteten um Studenten aus Familien hoher Parteifunktionäre handelte.[2]

Gegenwart

In den 1970ern, insbesondere dann in den 1980er Jahren verflachte die rebellische Tradition, der Schwerpunkt verlagerte sich langsam in Richtung Konzerte. Dies gilt auch für die Zeit nach 1989. Das nonkonforme Denken und die kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Lage traten offenbar in den Hintergrund, Konzerte, Umtrunk und lustige Prozessionen sowie häufig ein mehrtägiges Festival gewannen die Oberhand. "...von Alois Jirásek bis zu Allen Ginsberg war dem Majáles eine spontane politische Tradition inhärent. Warum wird diese von den heutigen Studenten nicht weitergeführt?" – fragt Zbyněk Petráček in Lidové noviny.[3] Und Bohumil Kartous antwortet in den renommierten Britské listy: "Der studentische Majáles, früher die Gelegenheit, sich gegen das Establishment zu stellen und zahlreiche intellektuell progressive Visionen kundzutun, degradierte zu einer Marketingangelegenheit, nicht unähnlich den industriell organisierten Musikfestivals...", und erinnert dabei auch an die Worte des Rektors der Masaryk-Universität Mikuláš Bek, der in einem Interview die heutigen tschechischen Studenten im Vergleich zu den westlichen als "konfliktscheu" und "konform" bezeichnete.[5]

Einzelnachweise

  1. Andrea Kábelová, "1. máj" (1. Mai) - Tag der Liebe, online auf: czech.cz/de/...
  2. 1 2 3 Petra Andrýsková, Majáles včera a dnes (Majáles gestern und heute), online auf: jobfairs.cz/...
  3. 1 2 3 Zbyněk Petráček, Studenti sobě aneb majáles, Beitrag für "Lidové noviny" von 29. April 2010, reprint in "iforum", einer Zeitschrift der Karlsuniversität Prag, online auf: iforum.cuni.cz/...
  4. Petr Blažek, Vyhoštění krále majálesu. Allen Ginsberg a Státní bezpečnost (Ausweisung des Majáles-Königs. Allen Ginsberg und die Staatssicherheit), Material des ÚSTR (Ústav pro studium totalitních režimů - Institut zum Studium totalitärer Regime), online auf: ustrcr.cz/...
  5. Bohumil Kartous, Diagnóza dvacetiletých: normalizovaní, sociálně mrtví lidé, in: Britské listy von 3. Mai 2015, online auf: blisty.cz/...