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vom 24.05.2017, aktuelle Version,

Maria Fischer (Widerstandskämpferin)

Maria (Marie) Fischer (1957)

Maria Fischer, auch Marie Fischer, (* 30. Juli 1897 in St. Pölten; † 6. Februar 1962 in Wien) war eine österreichische Seidenwinderin und trotzkistische Widerstandskämpferin gegen den Austrofaschismus und Nationalsozialismus.[1]

Leben

Jugend und Herkunft

Maria Fischer kam in St. Pölten als eine von drei Töchtern des Sattlergehilfen Johann Fischer und der Antonie Fischer, geb. Kronigl, zur Welt. Ihre Schwestern waren Antonie (geb. 1893, gest. am 2. November 1934 in Wien)[2] und Amalie (geb. am 17. Februar 1895 in Melk, gest. am 19. Juli 1943 in Brünn durch Suizid)[3] Fischer.

Nach Absolvierung der Volksschule erlernte sie den Beruf der Seidenwinderin und arbeitete als Textilarbeiterin in verschiedenen Betrieben.[4] Sie übersiedelte gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Antonie von St. Pölten nach Wien.

1916 wurde sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und der Freien Gewerkschaften.[5] Am 23. September 1918 gebar sie ihren einzigen Sohn Karl Fischer, den sie selbstbewusst „Kegel“ – ein mittelalterlicher Ausdruck für ein uneheliches Kind – nannte. Dieser Name wurde später von Karl Fischer als Deckname im Untergrund verwendet.[5]

Widerstand, Verfolgung und Haft

Kopie des Schutzhaftbefehles des Reichssicherheitshauptamtes gegen Maria Fischer, 13. Mai 1943, unterschrieben mit „ gez.: Dr. Kaltenbrunner
Maria Fischer, Gestapo-Bild, StaPo-Leitstelle Wien, IV/43.NR.7963, Erkennungsdienstliche Kartei der Wiener Gestapo
Erstes Schreiben Maria Fischers an ihren Sohn Karl in der UdSSR, 26. April 1955
Maria Fischer mit ihrem Sohn Karl im Juni 1955

Maria Fischer kam 1935/36 durch ihren Sohn mit den „Revolutionären Kommunisten Österreichs“ (RKÖ) in Kontakt, sie wurde deren Mitglied und stellte ihre Wohnung in der Wiener Gusenleithnergasse 11 als Sekretariat für die Untergrundarbeit zur Verfügung.[5]

Fischers Sohn Karl wurde 1936 verhaftet und am 23. September 1937 gemeinsam mit Georg Scheuer und zwei weiteren Gesinnungsgenossen im Wiener „Trotzkistenprozess“ wegen Hochverrates zu fünf Jahren schwerem Kerker verurteilt – verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich[6] –, mit der Februaramnestie 1938 aber vorzeitig aus der Haft in Krems-Stein entlassen.[7] Er emigrierte anschließend über die Schweiz nach Belgien und Frankreich, wo er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war.[8][9] 1943 in Frankreich festgenommen, wurde er 1944 an die Gestapo ausgeliefert und anschließend ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.[10]

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland schloss sich Maria Fischer der trotzkistischen Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ an, wobei sie wiederum ihre Wohnung als Zentrale zur Verfügung stellte. Ihre Freunde und Gesinnungsgenossen nannten sie liebevoll „Mitzi-Tante“. Als Decknamen für ihre Untergrundarbeit verwendete sie das Wort „Netz“.[5]

Sie arbeitete in dieser Zeit bei der Wiener Firma Hans Amfaldern als Hilfsarbeiterin. Am 27. Januar 1941 verurteilte sie der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Wien-Niederdonau durch einen Ordnungsstrafbescheid wegen Arbeitsverweigerung an einem Sonntag zu einer Geldstrafe von 8 Reichsmark.[11]

1943 wurde die Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ von der Gestapo aufgerollt. Bei einer Hausdurchsuchung wurden bei Maria Fischer eine Schreibmaschine, Papier und weitere Utensilien für die Herstellung von Flugblättern sichergestellt, die sie in eigens angefertigten Geheimfächern von Wäschekästen versteckt hatte.[5] Sie wurde am 14. Mai 1943 auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes wegen „hochverräterischer Betätigung“ in Schutzhaft genommen[12] und am 10. Dezember 1943 wegen Vorbereitung zum Hochverrat vom 5. Senat des Volksgerichtshofs in Wien zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.[5][13][14][15] Ihre Gesinnungsgenossen Franz Kascha (* 29. Jänner 1907 in Wien) und Josef Jakobovits (* 31. März 1916) wurden vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 13. März 1944 im Landesgericht Wien hingerichtet.[5][16][17]

Fischer verbüßte ihre Haftzeit zunächst im Frauenzuchthaus Jauer. Die damals noch deutsche Stadt Jauer war während der Zeit des Deutschen Reiches ab 18. Jänner 1941 Teil des Landkreises Liegnitz in der Provinz Niederschlesien. Am 28. April 1945 wurde Jauer von den sowjetischen Militärbehörden unter polnische Verwaltung gestellt und nach 1945 in Jawor [ˈjavɔr] umbenannt. Jawor gehört seit 1999 als Kreisstadt der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien an.

Ab 1. Februar 1945 war Fischer im Frauenstrafgefängnis in Leipzig-Kleinmeusdorf inhaftiert.[5] Am 20. April 1945 wurde sie durch die United States Army befreit.[5][18] Zu Fuß schlug sie sich bis nach Linz durch, wo sie durch Zufall – noch in Zuchthauskleidung – von ihrem Sohn Karl, der zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen worden war, in der Nietzschestraße wiederentdeckt wurde.[5] Ihr Sohn nahm sie bei sich in seiner Linzer Wohnung auf.[19]

Am 21. Januar 1947 wurde Karl Fischer auf der Linzer Nibelungenbrücke an der sowjetisch-amerikanischen Demarkationslinie vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt[20][21] und wegen angeblicher Spionage zu fünfzehn Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.[5][22][23]

Nach dem für sie unerklärlichen Verschwinden ihres Sohnes erstattete Maria Fischer am 22. Januar 1947 eine Abgängigkeitsanzeige,[24] jedoch ohne Erfolg.[25] Vergeblich setzten seine Gesinnungsgenossen alle Hebel in Bewegung, um eine Intervention offizieller österreichischer Stellen bei den sowjetischen Behörden zu erwirken.[5] Karl Fischer wurde in die Sowjetunion verschleppt und trotz eines Selbstmordversuches bis 1955 in mehreren Lagern des Gulag in Ost-Sibirien (Kolyma, Jagoda, Maxim Gorki, Dnjeprowsk, Lazo), dann ab April 1952 im „Politisolator Alexandrowsk“ bei Irkutsk inhaftiert.[26][27]

Seit 1950

Grabstätte Maria Fischer, Friedhof Ilz, Steiermark (2016)

Maria Fischer erfuhr vom Schicksal ihres Sohnes erst sehr spät[28] und konnte trotz mehrfacher Ansuchen um Gestattung des Briefwechsels erst im Frühjahr 1955 mit ihm schriftlich Kontakt aufnehmen (siehe Bild rechts: erstes Schreiben Maria Fischers an ihren Sohn Karl in der UdSSR, 26. April 1955).[29]

Mittlerweile von Linz nach Wien zurückgekehrt, konnte sie ihren im Zusammenhang mit dem Abschluss des österreichischen Staatsvertrages aus der Sowjetunion repatriierten Sohn Karl am 20. Juni 1955 in Wiener Neustadt empfangen und wieder bei sich in ihrer Wiener Wohnung in der Gusenleithnergasse aufnehmen.[30][31]

Während ihrer Pension betreute sie die Grinzinger Wohnung des Jugendfreundes ihres Sohnes, Josef Hindels.

Maria Fischer starb am 6. Februar 1962 nach einem Schlaganfall in Wien.[32] Sie wurde wie ihr Sohn Karl zunächst am Wiener Südwestfriedhof begraben. Anfang der 1990er-Jahre ließ Karl Fischers Gattin Maria Johann Fischer beide Verstorbenen exhumieren und einäschern. Beide Urnen wurden am 25. März 1991 in Ilz, Steiermark, bestattet.

Literatur

  • Roland Fischer: Fischer Maria (Marie); Seidenwinderin und Widerstandskämpferin. In: Ilse Korotin (Hrsg.): biografiA. Lexikon österreichischer Frauen. Band 1, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79590-2, S. 832–834.
  • Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3.
  • Fritz Keller: Le Trotskysme en Autriche de 1934 a 1945. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980.
  • Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980.
  Commons: Maria Fischer  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ilse Korotin: Frauen sichtbar machen. Das Projekt »biografiA. datenbank und lexikon österreichischer frauen«, S. 8f.
  2. Parte Antonie Fischer vom 3. November 1934; in Privatbesitz.
  3. Sterbeurkunde Amalie Fischer, Standesamt Brünn-Stadt, Nr. 816/1943 vom 17. August 1943, in Privatbesitz. Amalie Fischers jüdischer Lebensgefährte, von Beruf Kunsthändler, wurde davor von den nationalsozialistischen Behörden in Brünn verhaftet und in ein nicht näher bekanntes Konzentrationslager deportiert, wo er vermutlich verstarb (mündliche Information an den Erstautor des Artikels durch Maria Johanna Fischer, Schwiegertochter Maria Fischers).
  4. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 10.
  5. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Christine Kanzler: Fischer, Maria (Marie); Deckname: Netz, Seidenwinderin und Widerstandskämpferin, Seite des „biografiA“-Modul-Projekts Österreichische Frauen im Widerstand am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.
  6. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27.
  7. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 31.
  8. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27ff.
  9. Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreissigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 157ff.
  10. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70ff.
  11. Ordnungsstrafbescheid des Reichstreuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Wien-Niederdonau vom 27. Januar 1941, in Privatbesitz.
  12. Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes Berlin vom 13. Mai 1943, in Privatbesitz.
  13. Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 96.
  14. Tagesberichte der Gestapo, 1. November 1943 - 31. Dezember 1943, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Nr. 8477, S. 4.
  15. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Nicht mehr anonym - Fotos aus der Erkennungsdienstlichen Kartei der Gestapo Wien, Gestapo-Opfer. Für die Profil-Suche Marie Fischer, geb. 30.07.1897, auf der folgenden Seite auf den Button „Mehr Informationen“ klicken:
  16. Nicht mehr anonym, Erkennungsdienstliche Kartei der Gestapo Wien: Franz Kascha, Seite auf doew.at, abgerufen am 5. Mai 2015.
  17. Weihestätte (ehemaliger Hinrichtungsraum), Gedenktafeln mit Namen von 536 Hingerichteten, Seite auf nachkriegsjustiz.at, abgerufen am 5. Mai 2015.
  18. Entlassungsschein des Frauenstrafgefängnisses Leipzig-Kleinmeusdorf vom 20. April 1945, in Privatbesitz.
  19. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 95ff.
  20. Karl Fischer, Autobiographie, in: Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 96–105.
  21. Interview von Fritz Keller mit Emily Rosdolsky am 7. Juni 1983.
  22. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 103ff.
  23. John Barron: KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West. Knaur-Verlag, München 1974, ISBN 3-426-03577-4, S. 391.
  24. Bestätigung der Abgängigkeitsanzeige, Bundes-Polizeikommissariat Urfahr, Kriminalabteilung, vom 25. April 1947, in Privatbesitz.
  25. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 141.
  26. Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 844.
  27. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 103ff.
  28. Hugo Dewar: Assassins at Large, Being a fully documented and hithero unpublished account of the executions outside Russia ordered by the GPU. Wingate-Verlag, London & New York 1951, S. 169f.
  29. Maria Fischer, erste Postkarte an Karl Fischer in der UdSSR vom 26. April 1955, in Privatbesitz.
  30. Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 143.
  31. Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 96.
  32. Sterbeurkunde des Standesamtes Wien-Penzing, Nr. 1130/1962 vom 8. Februar 1962, in Privatbesitz.