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vom 09.10.2016, aktuelle Version,

Stadtbahnbögen

Als Stadtbahnbögen oder seltener Stadtbahngewölbe bezeichnet man die halbrunden, gewölbeförmigen Arkaden beziehungsweise Viadukte unterhalb einer als Hochbahn trassierten innerstädtischen Eisenbahnstrecke. Gebräuchlich ist der Begriff in Wien, abgeleitet von der ehemaligen Stadtbahn Wien, und in Berlin, abgeleitet von der Berliner Stadtbahn. Die Bögen sind dabei fortlaufend durchnummeriert und dienen teilweise als Nutzfläche für Gewerbetreibende, wobei diese oft gleich zwei oder mehrere nebeneinanderliegende Gewölbe bewirtschaften. Die Bezeichnung „Stadtbahnbogen + Nummer + Postleitzahl + Ort“ ersetzt dabei teilweise die reguläre Postanschrift respektive Gebäudeadresse, das heißt, Straße und Hausnummer entfallen. Allerdings wird zur besseren Orientierung meist noch die jeweils benachbarte Straße zusätzlich angegeben.

Die gleichartigen Viadukte der Berliner U-Bahn und Hamburger Hochbahn werden hingegen als Hochbahnbögen bezeichnet.

Wien

Wiener Stadtbahnbögen im Zuge des stillgelegten Verbindungsbogens

In Wien existieren insgesamt 365 Stadtbahnbögen, die – zusammen mit den Stationsgebäuden – vom Jugendstil-Architekten Otto Wagner als Nebenprodukt der zwischen 1892 und 1901 erbauten Stadtbahn entworfen wurden und heute denkmalgeschützt sind. Vereinzelt werden sie deshalb auch Otto-Wagner-Bögen genannt. Die Bauwerke sind teilweise mit Naturstein verkleidet, wobei sich glatte und rustizierte (raue) Oberflächen streifenartig abwechseln, teils folgen Stein- auf Ziegellagen. Die Außenhaut der Bögen besteht in der Regel aus einer Schicht exakt gemauerter, doppelt geschlämmter böhmischer Klinkerziegel, wobei eine Fugenbreite von acht Millimetern einzuhalten war.[1]

288 der 365 Wiener Stadtbahnbögen sind im Zuge der ehemaligen Stadtbahn-Gürtellinie anzutreffen, das heißt entlang des westlichen Gürtels. Aufgrund dessen lautet eine weitere Alternativbezeichnung Gürtelbögen. Der südlichste von ihnen befindet sich zwischen den Stationen Längenfeldgasse und Gumpendorfer Straße, der nördlichste trägt die Nummer 282 und liegt zwischen den Stationen Nußdorfer Straße und Heiligenstadt. Die restlichen 77 Bögen verteilen sich wie folgt:

Der Abschnitt Längenfeldgasse–Nußdorfer Straße wird aktuell von der U-Bahn-Linie 6 befahren, während die Vorortelinie von der S-Bahn-Linie 45 bedient wird. Im Gegensatz dazu sind die Abschnitte Nußdorfer Straße–Heiligenstadt sowie der Verbindungsbogen mittlerweile stillgelegt.

In den Randlagen wurden die Stadtbahnbögen ursprünglich meist als Lager und Magazine genützt, in den dichter besiedelten Wohngebieten siedelten sich hingegen Handwerks- und Gewerbebetriebe an, die jedoch im Laufe der Zeit zunehmend verschwanden. Viele Bögen standen daraufhin jahrzehntelang leer. Ende der 1990er Jahre setzte die Stadt Wien eine Initiative zur Wiederbelebung der Stadtbahnbögen, worauf sich im Bereich des 8. und 9. Bezirks einige Szenelokale und erneut Handwerksbetriebe ansiedelten. Genutzt wurde dabei unter dem Namen URBAN Wien – Gürtel Plus die EU-Gemeinschaftsinitiative URBAN. Auch entlang des Donaukanals wurden in den Jahren 2008 und 2009 beim Zaha-Hadid-Haus 13 Bögen als Teil einer neugeschaffenen Kunst- und Gastronomiemeile revitalisiert.[2]

Teilweise nehmen die Betriebe mit ihrem Namen explizit Bezug auf ihre besondere Lage. Darunter beispielsweise die Textilwerkstatt Schnittbogen, die Bar B72 in den Bögen Nummer 72–73, der Verein Kulturbogen, das Bierlokal Brandauers Bierbögen, der Rote Bogen der SPÖ Ottakring oder die Veranstaltungsstätten Venster 99 und Lichtbogen 334 in den entsprechenden Gewölben Nummer 99 und 334.

Berlin

Berlin-Hansaviertel, Stadtbahnbogen Nummer 482

Von den ursprünglich 731 errichteten Viaduktbögen der Berliner Stadtbahn waren insgesamt 597 für gewerbliche Zwecke nutzbar. Ihre fortlaufende Nummerierung begann am Schlesischen Bahnhof und endete am Bahnhof Savignyplatz unmittelbar vor der Bleibtreustraße. 453 Bögen waren bei Eröffnung der Stadtbahn 1882 zu vermieten, jedoch gelang dies im ersten Jahr nur bei 58 Bögen. Diese Zahl erhöhte sich im Laufe der Zeit beständig, sodass beispielsweise im Jahr 1885 148 Bögen und 1896 bereits 392 Bögen vermietet waren. Die Nutzung der Bögen hing vor allem von der Umgebung ab. An den Bahnhöfen und Haltestellen mieteten sich besonders Restaurationsbetriebe und kleine Ladengeschäfte ein, die von der Laufkundschaft lebten. In der Nähe der Straßenüberführungen waren sehr häufig Pferdeställe untergebracht, die im Laufe der Zeit Garagen und Kraftfahrzeugbetrieben wichen. Daneben kam es zu den unterschiedlichsten Nutzungen kommunaler wie gewerblicher Art. So existierten in den Stadtbahnbögen Wärmehallen für Obdachlose, Lagerräume, Kulissenunterstände, Speditionen und ein Tierheim. Die Läden im Zuge der Stadtbahn waren für die Bewohner der Umgebung ein wichtiger Ort des Handels- und Geschäftslebens. Die unterschiedlichsten Arten an Geschäften und Dienstleistungen in den Bögen steigerten das Versorgungsangebot der Einwohner, manche Geschäfte existieren bis heute.[3]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Lehne
  2. Donaukanal: Belebung der Stadtbahnbögen (ORF Wien, 6. Oktober 2008)
  3. Falko Krause: Die Stadtbahn in Berlin – Planung, Bau, Auswirkungen, S. 99–100