Zwei Gedenktage, welcher Unterschied#

Von Christa Chorherr, Oktober 2017

Che Guevara, der verherrlichte Revolutionär#

Che Guevara (* 1928, † 9. Oktober 1967), dessen Todestag sich zum 50. Male jährt, war „damals“ bei den Jungen populär. Man trug Leiberln, auf denen sein Bildnis erschien, man wollte revolutionär erscheinen – das war ziemlich gleichzeitig mit dem Tragen des „Palästinensertuches“, wie es von dem damaligen Revolutionär Jassir Arafat vorgelebt wurde. Es war auch die Zeit, als man aus dem Kleinen Roten Buch von Mao zitierte, oder später auch bei Demonstrationen „Ho, Ho Chi Min“ rief. Es waren andere Zeiten, viele Junge glaubten, revolutionär sein zu müssen.

Aber später, 2008, erhielt Che Guevara ein Denkmal in Wien, eine 70cm hohe Bronzebüste im Donaupark. Anlass dafür war der 80. Geburtstag des 1928 in Argentinien geboren Revolutionärs. Die Initiative für das Projekt kam von der Österreichisch-Kubanischen Gesellschaft. Spenden für die Errichtung der Gedenkstätte werden von einem prominent besetzen Personenkomitee gesammelt. Karl Blecha und das Komitee, dem unter anderem auch Elfriede Jelinek, der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler und der Rektor der Universität für angewandten Kunst, Gerald Bast, angehören mussten rund 28.000 Euro für die Büste sammeln. „Che Guevara verkörpert wie kaum ein anderer die existenzielle Verdichtung einer Epoche“, meinte der Vorsitzende des Komitees. Che sei eine Symbolfigur, die durch ein faszinierendes Leben aufgefallen sei und sich durch ein „enormes Empfinden für Ungerechtigkeit und Ausbeutung“ ausgezeichnet habe.

Che war ein marxistischer Revolutionär, Guerillaführer, Arzt und Autor, von 1956 bis 1959 war er ein zentraler Anführer (Comandante) der Rebellenarmee der Kubanischen Revolution und ist neben Fidel Castro deren wichtigste Symbolfigur. Bereits seine während des Medizinstudiums erstellten Reisetagebücher hatten literarische Qualität und wurden mehrmals verfilmt. Einzelne seiner Schriften und Reden beeinflussten revolutionäre Strömungen weit über Kuba hinaus. Sein Leben wie auch die Umstände seines Todes und der posthume Personenkult um ihn waren und sind Gegenstand vielfältiger Betrachtungen in Filmen, Büchern und anderen Medien.

Che empörte sich über die vielfach angetroffene wirtschaftliche Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit in Latein- und Mittelamerika. Er schloss sich Fidel Castros Bewegung des 26. Juli an und ließ sich militärisch ausbilden. Im Dezember 1956 nahm er an der Landung von Castros Revolutionären auf Kuba teil, die den von den USA unterstützten Diktator Fulgencio Batista stürzen wollten. Er spielte bei der Kubanischen Revolution und im 1959 letztlich erfolgreichen Guerillakrieg eine wichtige Rolle. Guevara wurde von Castro als Industrieminister und danach als Leiter der kubanischen Zentralbank eingesetzt. Er strebte eine vollständige Verstaatlichung der kubanischen Wirtschaft und den Aufbau einer Schwerindustrie an. Kapitalflucht und die Emigration von über 10 % der Bevölkerung, nahezu der gesamten früheren Oberschicht, führten zu einem drastischen Rückgang von Wirtschaftsleistung und Produktivität. Auch die von Guevara mit anderen Ländern geschlossenen Handelsverträge verursachten in der Praxis erhebliche Schwierigkeiten. Weiterhin führte auch Ches kritische Haltung gegenüber der „entstalinisierten“ Sowjetunion und seine politischen Sympathien für das China der Kulturrevolution zu Konflikten mit Fidel Castro. Che trat 1964 nach der Rückreise von einem Konferenzauftritt in Algier, der großes internationales Aufsehen erregte, von allen Ämtern zurück und verschwand komplett aus der kubanischen Öffentlichkeit. Er versuchte vergeblich, in anderen Ländern das kubanische Revolutionsmodell voranzutreiben, so im Kongo und später in Bolivien. In Bolivien wurde er 1967 von bolivianischen Regierungssoldaten gefangengenommen und kurz darauf erschossen. Bis heute wird er in Kuba als Volksheld verehrt.

Ches Selbstverpflichtung zu revolutionären Idealen machte ihn zu einem bedeutenden gesellschaftlichen Führer in Kuba. Sein Anspruch, den „Neuen Menschen“ weniger mit materiellen Anreizen als mit moralischen Ansprüchen, Selbstdisziplin und auch gewaltsamen Mitteln zu erzwingen, führte zu erheblichen Konflikten im nachrevolutionären Kuba. Seine Wirtschaftspolitik war wenig erfolgreich. Kritiker machen ihn darüber hinaus für politische Unterdrückung und die Exekution zahlreicher Gegner verantwortlich. Als „romantischer Held“, gilt er bei seinen Anhängern – weit über Kuba und Südamerika hinaus auch in den Industrieländern – als Synonym für Widerstand, Emanzipation und Rebellion.

Willy Brandt, der Vermittler#

Auch Willy Brandts (*1913, † 8. Oktober 1992) Todestag jährt sich heuer zum 25. Mal. Unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ gab Brandt spätestens als Bundeskanzler die bis Ende der 1960er Jahre an der Hallstein-Doktrin (nur die BRD ist der einzige legitime deutsche Staat ist; zu jedem Land, das die DDR als eigenständigen Staat ansieht, sind die diplomatischen Kontakte seitens der BRD abzubrechen) ausgerichtete Außenpolitik Westdeutschlands auf und leitete mit seiner neuen Ostpolitik eine Zäsur im politisch konfrontativen Klima des Kalten Krieges ein. Mit den Ostverträgen begann er einen Kurs der Entspannung und des Ausgleichs mit der Sowjetunion, der DDR, Polen (Kniefall von Warschau) und den übrigen Ostblockstaaten. Für diese Politik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.

Berühmt wurde er bereits als Bürgermeister von Berlin. Dann war er von 1969 bis 1974 als Regierungschef einer sozialliberalen Koalition von SPD und FDP der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor hatte er von 1966 bis 1969 während der ersten Großen Koalition im Kabinett Kiesinger das Amt des Bundesaußenministers und Vizekanzlers ausgeübt. Bis zu seinem Eintritt in die Bundesregierung war er von 1957 an Regierender Bürgermeister von Berlin. Von 1964 bis 1987 war Brandt SPD-Parteivorsitzender und von 1976 bis 1992 Präsident der Sozialistischen Internationale.

In die Zeit von Brandts politischer Karriere fielen der Ungarnaufstand 1956 mit anti-sowjetischen Demonstrationen in Berlin. Auch erlebte er den Bau der Berliner Mauer 1961. Ein Höhepunkt von Brandts politischer Laufbahn war wohl der Besuch Kennedys in Berlin: „Ich bin ein Berliner“, der uns allen noch lebhaft in Erinnerung ist.

Die gewonnene Bundestagswahl 1972 stellte zwar den politisch größten Erfolg Brandts dar, jedoch war dieser „Höhepunkt eindeutig auch der Scheitelpunkt“. Politische Ermüdungserscheinungen Brandts paarten sich mit hohen Erwartungen an seine zweite Regierungszeit. Dennoch kam sein Rücktritt für die Öffentlichkeit überraschend, wobei die Guillaume-Affäre (mit Günter Guillaume wurde einer der engsten Mitarbeiter des Bundeskanzlers Willy Brandt als DDR-Agent enttarnt) eher der Auslöser als die Ursache für Brandts Rücktritt war. Als Ursachen werden auch die Ölkrise und der damit verbundene Wirtschaftsabschwung sowie die nach einem harten Streik im Öffentlichen Dienst durchgesetzten hohen Tarifabschlüsse angesehen. Beides verringerte den Spielraum für mögliche Reformen.

Es war damals die Zeit des großen sozialliberalen Triumvirats von Brandt, Olof Palme (ermordet 1986) und Bruno Kreisky, als es z.B. in Österreich noch keiner Schmutzkübelaktivitäten bedurfte, um gewählt zu werden.