unbekannter Gast

Nikola Langreiter, Klara Löffler (Hg): Selber machen#

Bild 'Langreiter'

Nikola Langreiter, Klara Löffler (Hg): Selber machen. Diskurse und Praktiken des 'Do it yourself'. Transcript Verlag Bielefeld, 352 S., ill., € 29,99

Basteln, Heimwerken, Do it yourself (DIY) - "Selber machen" ist mit unterschiedlichen Bedeutungen und Bewertungen verknüpft. Der Bastler mochte handwerklich talentiert sein, die Produkte waren aber nicht unbedingt künstlerisch wertvoll. Mit "weiblichen Handarbeiten" verhielt es sich nicht anders. Die "Verzierung von unnützen Nebendingen" geriet vor mehr als hundert Jahren zur "Manie". Damals kam den Schulfächern Knabenhandarbeit und Mädchenhandarbeit erzieherische Funktion zu. Sinnvolle Freizeitbeschäftigungen sollten dem Müßiggang entgegen wirken, außerdem konnte man sich damit Ausgaben ersparen oder mit dem "Nadelgeld" etwas dazuverdienen. Von den USA ausgehend, wurde in den 1950er Jahren Heimwerken populär. Baumärkte, Maschinenhersteller und Fachzeitschriften (er)fanden in Männern des bürgerlichen Milieus eine neue Käuferschicht. Arbeitsfreude und Stolz am Geschaffenen standen nun im Vordergrund. Die gegenwärtige DIY-Welle umfasst Frauen und Männer gleichermaßen. Nischenökonomien und "Agrarlust in der Stadt" vereinen die Geschlechter. Die Motive - von Spaß bis Ideologie - sind ebenso vielfältig wie AkteurInnen und Produkte.

2015 fand am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien eine Tagung zum Thema DIY statt: "Do it! Yourself? Fragen zu (Forschungs-)Praktiken des Selbermachens". Nun liegt der Tagungsband vor. "Selbermachen wird in seiner Vielfalt und Vieldeutigkeit empirisch fundiert analysiert, indem Praktiken und Diskurse miteinander verschränkt werden" , charakterisieren die Herausgeberinnen die Beiträge. "Sie alle stehen für die systematische Nachfrage und für erfreulich uneindeutige, vielschichtige Ergebnisse", schreiben die freie Kulturwissenschaftlerin Nikola Langreiter und Klara Löffler, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Sie haben mehr als ein Dutzend Texte in drei große Kapitel gereiht und durch abschließende "Perspektivierungen" ergänzt.

Zunächst geht es um die "Axt im Haus", das Heimwerken in der Nachkriegszeit als neues Hobby für Familienväter. Dabei verbanden sich nützliche Fertigkeiten mit materiellen Überlegungen und Freizeitpädagogik: "DIY als Möglichkeit, verlorene Lebensfreude wieder zu erlangen" . Interessant sind Hinweise auf den Aufbau des Heimwerkermarktes, dass etwa Hersteller von Farben nun kleine Packungen oder einfacher zu verarbeitende Produkte für die Selbermacher anboten.

Ende der 1990er Jahre erreichte das Handspinnen als "Nischenkultur", von den USA ausgehend, den deutschsprachigen Raum. Während sich die Akteurinnen auf uralte Vorbilder - wie die mythenumrankten Spinnstuben - berufen, wäre die Szene ohne digitale soziale Netzwerke nicht möglich. Erst Foren, Blogs und Podcasts ermöglichen Selbstdarstellung und Erfahrungsaustausch. Noch ein wesentlicher Unterschied besteht zum vorindustriellen Spinnen. Wurden damals Leinenwebgarne in großen Mengen gebraucht, so dient heute - oft schon gefärbte - Wolle dem kreativen Gestaltungsprozess. Theoretisch kann die Produktion vom Schaf bis zum Pullover in die eigenen Hände genommen werden. Die Beliebtheit der Spinnerei hängt auch mit Mittelalter- und Handwerksmärkten zusammen, die Einschätzung des eigenen Tuns bewegt sich zwischen Hobby und emanzipatorischer Praxis - weit entfernt von den ehemals ökonomischen Notwendigkeiten.

Auch (Volks-)musikinstrumente lassen sich im DIY-Verfahren herstellen. Mit der damit verbundenen "Mythenbastelei" beschäftigt sich Bernhard Fuchs, ebenfalls vom Wiener Institut. Er erzählt die Geschichte eines hochgeschätzten Ischler Tanzgeigers, der angeblich als Zwölfjähriger aus einer Zigarrenschachtel seine erste Geige baute. Hingegen erwies sich, dass er diese, damals schon Tischlerlehrling, als "Faschingsscherz" gebastelt und die Geschichte für einen Vortrag von Volksmusikforschern erfunden hatte. Mehrere Beiträge behandeln DIY im technischen Bereich. Hier sind 3D-Drucker und Computerclubs in Flüchtlingslagern ebenso Themen wie der praktischen Versuch, bei der Wiener Tagung einen Einplatinencomputer zusammenzubauen. "Am Ende brachte das Publikum begeistert mit Mobiltelefonen eine LED-Lampe zum Blinken."

Was haben Gemeinschaftsgärten, geschnitzte Masken, Selbstbaumöbel und Bienenzucht gemeinsam? Sie fallen in die Kategorie "Nischen-/Ökonomien". Die Herausgeberinnen schreiben: "In der Revitalisierung historischen Wissens sieht man Lösungsmodelle aktueller Krisen. … Doch sind die Chancen dazu von kulturellen und lokalen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen abhängig." Sie sprechen von Pendelbewegungen in den Praktiken des Selbermachens als Form der Selbstermächtigung, Teilzeitarbeit oder professionalisierten Massenproduktion. Selbermachen sei eine Praxis mit wechselnden Konjunkturen und Slogans. Schließlich zitieren die Kulturwissenschaftlerinnen den italienischen Schriftsteller Italo Calvino: "Jedes Leben ist eine Enzyklopädie, ein Inventar von Objekten, eine Musterkollektion von Stilen, worin alles jederzeit auf jede mögliche Weise neu gemischt und geordnet werden kann." Nikola Langreiter und Klara Löffler ergänzen "und neu befragt werden kann". Indem der vorliegende Band dazu Anstöße gibt, hat er ein wichtiges Ziel wissenschaftlicher Arbeit erreicht.

Nachsatz: Am 24. Mai 2017 meldeten die "Salzburger Nachrichten", dass eine oberösterreichische Fabrik, der sechstgrößte Hersteller von Pulverlacken weltweit, per Jahresende die Heimwerkersparte schließt. Es gebe seit längerem eine sinkende Nachfrage. Die DIY-Linie, Lacke, Wandfarben und Holzschitz, machte 2,5 % des konsolidierten Gruppenumsatzes aus.