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Rudolf Leeb u. a. (Hg.): Brennen für den Glauben#

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Rudolf Leeb, Walter Öhlinger, Karl Vocelka (Hg.): Brennen für den Glauben. Wien nach Luther. Residenz Verlag Salzburg und Wien Museum 2017. 411 S., ill., € 29,90

Des "Epochenjahres 1517" wird 500 Jahre danach als Reformationsjahr gedacht. Martin Luthers (1483-1546) Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Stadtkirche vom 31. Oktober 1517 gilt als Auftaktereignis der Reformation. Ob sich die Veröffentlichung der "95 Thesen zu Ablass und Gnade" tatsächlich in der überlieferten Weise ereignete, lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit feststellen. Jedenfalls fiel sie in eine "Zeit höchster Religiosität" und zugleich in eine Periode des Umbruchs - Stichwort: Erfindungen und Entdeckungen. Um 1500 setzten die Umwälzungen der Neuzeit dem Mittelalter nach fast einem Jahrtausend ein Ende.

"Brennen für den Glauben" ist der Titel des Buches und der Ausstellung im Wien Museum, die sich mit dieser aufregenden Zeit beschäftigt. Er verweist darauf, dass die Anhänger des neuen Weltbilds - der Mensch als selbstständiges Individuum, das nicht mehr hauptsächlich auf ein besseres Leben im Jenseits hofft - von ihrem Glauben so überzeugt waren, dass sie gar den Tod auf dem Scheiterhaufen in Kauf nahmen. Die evangelische Konfession erreichte schon wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Wien und blieb hier rund ein Jahrhundert von größter Bedeutung. Aus dem Jahr 1520 datiert das erste kaiserliche Verbot lutherischer Schriften, zwei Jahre später hielt Paul Speratus die erste evangelische öffentliche Predigt im Stephansdom. Geschätzt waren im 16. Jahrhundert bis zu 75 % der Wiener Protestanten. Die Residenzstadt der katholischen Landesherren war gleichzeitig das Zentrum des protestantisch dominierten niederösterreichischen Adels. Die Habsburger bekämpften den evangelischen Kult rigoros. Einzig Kaiser Maximilian II. (1527-1576) suchte einen Weg der Mitte. Der an Kunst und Wissenschaft interessierte Herrscher wurde aber nicht einmal 50 Jahre alt.

Buch und Ausstellung sind in sechs bzw. zwölf Kapitel untergliedert, die nicht ganz deckungsgleich sind. Als Wissenschaftler für beide zeichnen der evangelische Theologe Rudolf Leeb, Walter Öhlinger, Kurator des Wien Museums und der Karl Vocelka, langjähriger Vorstand des Universitätsinstituts für Geschichte, verantwortlich. Sie stellen das Reformationsjubiläum in einen größeren sozialgeschichtlichen Zusammenhang und konzentrieren sich auf Wien. Die erste Gruppe der - insgesamt 24 - Aufsätze führt in die "Zeitenwende" ein. Zunächst erinnert Karl Vocelka an "Globale und regionale Veränderungen um 1500". Eine Zäsur für Wien war die Erste Osmanische Belagerung, von 25. September bis 14. Oktober 1529. Walter Öhlinger schreibt über "Wien, die Habsburger und das Osmanische Imperium im 16. Jahrhundert". Im zweiten Kapitel lernt man "Die Stadt und de(n) Herrscher" kennen, im dritten "Bürger und andere Einwohner". Hier geht es um "Soziale Schichtung und Alltagsleben", Wirtschaft, Weinbau, jüdische, spanische und italienische Kultur in der Bürger- und Residenzstadt. Wien verfügte damals über 14 Marktplätze und der Handel blühte. Dennoch orientierte sich der Tagesablauf nach der Sonne. Die öffentlichen Zeitmesser funktionierten schlecht. Sogar der Kaiser kritisierte die falsch gehende Schlaguhr auf dem Stephansturm. Die wichtigste Erwerbsquelle der Bürger bildete der Weinbau, der Pro-Kopf-Verbrauch soll 220 Liter betragen haben. Mehr als die Hälfte der Hausbesitzer und 12 % der Mieter besaßen Weingärten im heutigen 4., 6., 8.und 9.Bezirk und den umliegenden Gemeinden bis Baden.

Mit Kapitel IV beginnt der dem Religiösen gewidmete Teil. Rudolf Leeb eröffnet ihn mit "Eine Stadt im Aufruhr. Wien und die frühe Reformation". 1484 wurde am Stephansplatz der "Heiltumsstuhl" errichtet, um den Reliquienschatz des Doms zur Schau stellen zu können. Dies war mit Ablässen verbunden. Doch schon wenige Jahre später (und vor Luther) gab es hier Proteste gegen den Ablass. Wien war ein Humanistenzentrum von internationaler Bedeutung. Um 1620 erreichten zahlreiche reformatorische Flugschriften Wien und wurden nachgedruckt. Illegale Reformationsdrucke stammten vom Typographen Johann Singriener. Um unerkannt zu bleiben, verwendete er Lettern und Zierelemente einer nicht mehr bestehenden Firma.

Das V. Kapitel ist dem evangelischen Wien gewidmet. Der Gegenreformator und Jesuit Petrus Canisus fürchtete, dieses würde "ein zweites Wittenberg" werden. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte dem Landesherrn das Recht zugesprochen, die Religion seines Landes zu bestimmen, und andersgläubigen Untertanen erlaubt, auszuwandern. Demnach hätten die österreichischen Erblande eigentlich katholisch sein müssen. Aber Kaiser Ferdinand I. sah sich den mächtigen, evangelischen Landständen gegenüber, die weder auf ihren Glauben, noch auf ihr Land verzichten wollten. Weil sie finanzielle Unterstützung angesichts der osmanischen Gefahr in Aussicht stellten, kam es zu einem Kompromiss: Der Protestantismus war vorerst geduldet, unter Maximilian II. anno 1568 sogar (mit Einschränkungen) legalisiert. Der Kaiser, der mit den Evangelischen sympathisierte, genehmigte ihnen Gottesdienste im Landhaus, wo auch eine Druckerei mit Buchhandlung bestand. Diese "güldene und seliche Zeit", dauerte nur vier Jahre (1674-1678). Außerdem gab es die Möglichkeit, in Adelssitzen außerhalb der Stadt - Hernals, Inzersdorf, Vösendorf - den Gottesdienst zu besuchen, was man "Auslaufen" nannte. Zehntausende Gläubige sollen dies getan haben.

Das VI. Kapitel "Katholische Reform und Gegenreformation" beschreibt das Ende der reformatorischen Epoche in Wien. Mit Edikten und Visitationen wollten Kaiser und Kirche dem neuen Glauben Einhalt gebieten. Doch was den Bischöfen nicht gelang, schafften die 1540 vom Papst approbierten Jesuiten. Nur ein Jahrzehnt später bat Ferdinand I. den Ordensgründer Ignatius von Loyola um die Entsendung einiger Patres. " Das stets auf Öffentlichkeit berechnete Wirken der Jesuiten in Wien machte bei der Wiener Bevölkerung bald großen Eindruck. Im September 1555 fanden erstmals Theateraufführungen statt, ab 1556 predigten Jesuiten regelmäßig in der Domkirche, im Jahr 1559 wurde mit einer Druckerei begonnen und in der Karwoche 1560 in der Kirche am Hof erstmals ein Heiliges Grab aufgestellt, " schreibt der Diözesanarchivar Johann Weißensteiner. Im Bestreben, Österreich wieder "katholisch zu machen" wirkte der Orden auch an der Universität als "Motor der katholischen Reform". Er erhielte 1623 den Großteil der theologischen und philosophischen Lehrkanzeln und behielt seine Vormachtstellung an der Universität blieb bis zu den Reformen Maria Theresias. Das Viertel rund um die Jesuitenkirche ist bis heute ein steinernes Zeugnis dafür. Ebenso prägen Denkmale, wie Pestsäule, Immaculata- oder Votivsäulen das Stadtbild im Sinne der barocken Konfessionskultur. Die "Pietas Austriaca", nach adeligem Vorbild fand in der "Religiosität der vielen" bzw. "Breitenfrömmigkeit" Niederschlag und ein langes Nachleben. Das Schlusswort "Wien nach der Gegenreformation" hat Rudolf Leeb. Er fragt: "Was blieb von der Reformation?" In der Stadt sieht man kaum etwas,aufmerksamen Beobachtern fällt aber am Südchor von St. Stephan ein Grabdenkmal auf. Der Lackner-Epitaph aus dem Jahr 1571 erinnert an die lutherischen "Gesetz und Gnade"-Bilder: Christus rettet einen Toten aus der Unterwelt. Mit dem Hinweis, dass diese künstlerisch wertvolle Darstellung auch für katholische Betrachter akzeptabel, "doppelt lesbar" ist, findet der Textteil einen versöhnlichen Schluss.

Es folgt der fast 150-seitige Katalogteil. Auch er ist reich illustriert und bringt exakte Beschreibungen der Exponate in den zwölf Ausstellungsgruppen: Eine neue Zeit, Alter Glaube - Neue Lehre, Wien im Aufruhr, Augsburg 1530: Das evangelische Bekenntnis, Die Stadt und der Herrscher, Bürger und andere Stadtbewohner, "Vom Kriege wider die Türken", Das Landhausministerium, Die evangelischen Zentren vor den Toren der Stadt, Die katholische Kirche zwischen Defensive und Offensive, Augsburg 1555: Der Religionsfrieden, Protestanten im Wien der Gegenreformation.