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Stefan Heidenreich: Geburtstag #

Bild 'Heidenreich'

Stefan Heidenreich: Geburtstag. Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern. Carl Hanser Verlag München. 224 S.,€ 19,-

"Geburtstag – ein besonderer Tag? Als Kinder können wir ihn kaum erwarten, später wird er vielen peinlich. … Wie ist dieses Ritual entstanden, was hat es zu bedeuten? " Stefan Heidenreich stellt viele Fragen - und findet umfangreiche Antworten.

Der Autor ist Kunst- und Medienwissenschaftler, derzeit Dozent für Kunsttheorie an der Universität Köln. Er beginnt sein Geburtstagsbuch sehr persönlich, mit einer Reise von Deutschland nach Prag, Wien und Graz. Bei einem Zwischenstopp in Mähren gratuliert ihm der Wirt zu seinem "important day" - der für ihn selbst ganz unwichtig ist. Das Reiseerlebnis bringt den "Geburtstagsmuffel" auf die Idee, die Spur des Ehrentags kulturhistorisch zu verfolgen. Ausflüge in die Gebiete Literatur, Kalenderwesen, Philosophie und Theologie sind unverzichtbar. Nur schade, dass es dazu keine Bilder gibt.

Populärwissenschaftliche Kulturgeschichten suchen üblicherweise Antworten auf die Ursprungsfrage und versuchen daraus Kontinuitäten abzuleiten. Hier ist es anders. Erfrischend erteilt ihnen der Autor eine Absage: "Es gibt nicht nur Bräuche, die fälschlich als alt angesehen werden, sondern auch Herleitungen, die sich spektakulär anhören und trotzdem nicht stimmen." Erst etwa in der Hälfte des Buches kommen Zarathustra, Buddha und Mohammed ins Spiel. Geburtstagsfeiern sind von den alten Persern - die sie möglicherweise von den Babylonien übernommen haben - und Ägyptern bekannt. Antike Völker feierten den Geburtstag als Festtag des persönlichen Schutzgottes. Fürstengeburtstage begingen sie mit Fackelzügen, Illuminationen und Musik.

Im Gegensatz dazu verpönten die Christen die "heidnische Sitte". Der Kirchenvater Origenes betonte im 3. Jahrhundert, dass die Bibel nur die Geburtstage von gottesfeindlichen Herrschern, wie des Pharao oder Herodes Antipas, erwähnt und es dabei zu Gewalttaten kam. Der Geburtstag Jesu, Weihnachten, wurde erst im 4. Jahrhundert festgelegt. Der Heiligen gedenkt man (mit Ausnahme Johannes des Täufers und der Muttergottes) an ihrem Todestag. Der Beginn des ewigen Lebens galt als "wahrer Geburtstag" der Märtyrer. Einmal mehr erweist sich die Reformation als Zäsur in der Religions- und Alltagsgeschichte. Mit der Ablehnung der Heiligenverehrung verpönten die Lutheraner auch den (katholischen) Namenstag. In der Folge entwickelte sich die Feier des Namenstags oder Geburtstags zum konfessions unterscheidenen Merkmal.

Im Mittelalter bis in die Zeit des Absolutismus blieben Geburtstagsfeiern Adeligen vorbehalten, die Festivitäten boten ihnen einen glanzvollen Rahmen der Repräsentation. Lange Zeit war nur in den Oberschichten schriftlich überliefert, an welchem Tag jemand das Licht der Welt erblickt hatte Kirchenbücher, die Hochzeiten und Taufen verzeichnen, werden seit dem 16. Jahrhundert geführt. Staatliche Register und Geburtsurkunden gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Ungefähr zur gleichen Zeit setzte sich die Familienfeier des Geburtstags durch. Damals mehrten sich gesellschaftliche Umbrüche, wie Säkularisation, Aufklärung, Revolutionen und in der Folge Tendenzen wie Bürokratie, Liberalisierung, Individualisierung und Subjektivierung. Das individuelle Ich erfuhr eine Aufwertung, die auch in der Geburtstagsfeier Ausdruck fand.

Dabei übernahmen die Bürger nicht nur höfische Elemente, sondern auch solche eigener Bräuche (wie der Hochzeit) und erfanden neue. Seltsam wirkt das "Würgen und Binden". Dabei wurden die Geburtstagskinder heftig umarmt und gehalst. Dem Würgegriff der Gratulanten mussten sie sich durch das Versprechen von Geschenken entziehen. "Angebinde" für eine Gabe ist zwar veraltet, aber noch bekannt. Es soll daher stammen, dass man den Geehrten Geschenke oder wertvolle Bänder mit Gratulationen an den Arm band. Auch das erforderte ein "Lösegeld" als Gegengabe. "Was dagegen noch heute zu jedem richtigen Geburtstagsfest gehört, sind Kuchen und Kerzen", schreibt der Autor und betont, dass beide erst relativ spät in größerem Rahmen verfügbar waren. Backpulver und Stearin wurden Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden.

Eine besondere Rolle spielt der Kindergeburtstag, der im 20. und 21. Jahrhundert aus dem Familienleben ausgelagert und bei kommerziellen Anbietern als komplettes Paket gebucht wird. Kulturhistoriker sprechen von "postsentimentalen Festen". So kommt die Geschichte des Geburtstags in der Gegenwart an. Der Autor erzählt die Anekdote vom Urheberstreit um das Lied "Happy birthday to you", erinnert an Geburtstags-Flashmobs, verfilmte Geburtstagspartys und Facebookfreunde, "die in ihren Links, Likes und Posts das Gratulieren zum Netzwerk-Ritual machen."