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Thomas Hochradner, Michael Neureiter (Hg.): Stille Nacht#

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Thomas Hochradner, Michael Neureiter (Hg.): Stille Nacht. Das Buch zum Lied. Verlag Anton Pustet Salzburg. 288 S., ill., € 29,-

Jubiläumsjahre bringen immer eine Fülle von Publikationen und Veranstaltungen mit sich. 2018 wird "200 Jahre Stille Nacht" gefeiert. Neue Bücher würdigen das bekannteste Weihnachtslied der Welt, und es werden noch einige folgen. Dieses nennt sich zutreffend "das" Buch zum Lied. Dafür bürgen die Fachkenntnisse von mehr als 30 AutorInnen und die Kompetenz der Herausgeber. Der Historiker und Theologe Michael Neureiter engagiert sich seit 2007 ehrenamtlich als Präsident der Stille-Nacht-Gesellschaft. 2011 gelang es ihm, dass die UNESCO das Lied auf die Liste des immateriellen Kulturerbes setzte. Thomas Hochradner, Leiter des Departments für Musikwissenschaft an der Universität Mozarteum Salzburg, verfasste das grundlegende Kapitel über Lied und Autoren.

Darin und im abschließenden Glossar erhellt er die Entstehungsgeschichte und erklärt die verschiedenen Fassungen des Weihnachtsliedes, dessen Urschrift verschollen ist. Die so genannte Originalfassung ist eine Kompilation aus dem Jahr 1926 und, schon aufgrund des zeitlichen Abstands von einem Jahrhundert, keineswegs von Mohr oder Gruber autorisiert. Auch der populären Legende von der defekten Orgel wird eine Absage erteilt. Die Wiener Literatin Hertha Pauli brachte 1943 in einem amerikanischen Jugendbuch die Geschichte von der Maus auf, die den Blasebalg zerbissen hätte. Dies sei "ebenso abwegig wie der Gedanke, dass Priester Joseph Mohr im Ornat eine Gitarre zur Hand genommen habe". Vielmehr deute die Gitarrenbegleitung auf eine Erstaufführung vor der Krippe im Anschluss an die Mette hin.

Die "Stille-Nacht-Kapelle" in Oberndorf wurde 1937 eingeweiht. Man baute sie am ehemaligen Standort der barocken Nikolakirche. Diese war von der um 1900 mehrfach aus den Ufern getretenen Salzach beschädigt, so dass man die Demolierung beschloss. Pfarrkirche und Ortszentrum wurden an anderer Stelle neu errichtet. Außer den detailliert dargestellten Forschungsergebnissen zum Lied lernt man im ersten Kapitel auch dessen Schöpfer genau kennen.

Joseph Mohr (1792-1848) war das dritte von vier unehelichen Kindern der Salzburger Strickerin Anna Schoiber. Dass jedes einen anderen Vater hatte, der von Joseph ein fahnenflüchtiger Soldat war und der Scharfrichter als Taufpate fungierte, passt gut zum Mythos. Ein geistlicher Förderer ermöglichte Mohr den Besuch des Gymnasiums und Priesterseminars und erwirkte den Dispens zum Priesteramt. Er studierte schnell, hatte meist sehr gute Noten und erhielt wohl deshalb vorzeitig die Priesterweihe. In seinem zweiten Jahr als Kooperator in Mariapfarr dichtete er 1816 "Stille Nacht". Auch Franz Xaver Gruber stammte aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern, die acht Kinder hatten, waren Weber im Innviertel. Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte ihr dritter Sohn diesen Beruf ergreifen sollen. Aber auch Franz Xaver hatte eine Ansehensperson als Fürsprecher. Der Lehrer überzeugte den Weber, den Sohn auf das Lehrerseminar zu schicken und Orgelunterricht nehmen zu lassen.

Im ersten Teil des Buches erläutern Experten ihrer Fächer das historische Umfeld der Politik, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Alltags- und Festkultur, Literatur, Musik und Theologie sowie die Rezeption in Parodien Filmen und Popmusik. Der renommierte Historiker Michael Mitterauer beschreibt das Weihnachtsfest im frühen 19. Jahrhundert. Dabei zeigt er den konfessions- unterscheidenden Charakter der Brauchrequisiten Christbaum (evangelisch) und Krippe (katholisch). Ein Schlüsseltext dazu ist die Tagebucheintragung Erzherzog Johanns. Er besuchte zu Weihnachten 1823 die Familienfeier bei seinem Bruder Erzherzog Carl. Dieser war mit Prinzessin Henriette von Nassau-Weilburg - der ersten nicht katholischen Ehefrau eines Habsburgers - verheiratet. Sie brachte den in protestantischen Kreisen Deutschlands gängigen Christbaumbrauch mit Kinderbescherung nach Wien mit. Karls Bruder, Kaiser Franz I., war von der neuen Art der Feier so begeistert, dass er in der Hofburg einen Christbaum aufstellen ließ. Beider Bruder Joseph führte als Palatin von Ungarn den Christbaum in Ungarn ein. Nur der sonst so fortschrittliche Johann fühlte sich bei der Feier unglücklich und "fremd". Er beklagte: "Nun ist kein Kripperl mehr!".

Andererseits fand das katholische Kirchenlied "Stille Nacht" Eingang in das evangelische Norddeutschland. Der Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881) war Direktor der Inneren Mission, Leiter eines Hamburger Jugendheimes und ein sozialpädagogischer Reformer. Er ist als Erfinder des Adventkranzes bekannt. In einem von ihm herausgegebenen Gesangbuch für die Feste des Kirchenjahres findet sich 1844 "Stille Nacht". Bald war es ein fixer Bestandteil der Adventandachten in den Häusern der Diakonie. 1849 schrieb ein Heimleiter: "Durch die vier Wochen der seligen Adventszeit erklingt … aus dem Spielwerk des drehbaren Metallfußes für das Advents- und später Weihnachtsbäumchen 'Stille Nacht, heilige Nacht'."

Das Weihnachtslied fand sich also schon früh im Repertoire mechanischer Medien, in der Folge auf Spieldosen, Schallplatten, Tonbändern, CDs, Radio, Fernsehen und im Internet. Der Beitrag "Stille Nacht - Balanceakt zwischen Gedenkkultur und Marketing" leitet zum zweiten Teil des Buches über. Hier stellen sich die Stille-Nacht-Gesellschaft und die 13 Gemeinden der Stille-Nacht-Region vor. Diese erstreckt sich über Oberösterreich, Bayern, Salzburg und Tirol. Schließlich waren es Wanderhändler aus dem Zillertal, die nebenbei als trachtig kostümierte "Nationalsänger" mit dem Lied auftraten und es international populär machten. In wie viele Sprachen es inzwischen übersetzt wurde, lässt sich nur schätzen, es dürften 200 bis 300 sein. Das Jubiläumsjahr ist Anlass für die erste dezentrale Landesausstellung, in den Gemeinden und im Salzburg Museum. Ob der Balanceakt gelingt? Das vorliegende Buch zeigt die Richtung.