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Sigrun Langner - Maria Frölich-Kulik (Hg.) : Rurbane Landschaften #

Bild 'Langner'

Sigrun Langner - Maria Frölich-Kulik (Hg.): Rurbane Landschaften Perspektiven des Ruralen in einer urbanisierten Welt. Transcript Verlag, Bielefeld. 466 ., ill. € 34,99

Im März 2019 zeigt das Kunst Haus Wien eine internationale Fotoausstellung mit den doppelsinnigen Titel "Über Leben am Land". Dazu heißt es: "Noch vor wenigen Jahrzehnten waren SoziologInnen überzeugt, dass sich mit zunehmender Mobilität, spätestens mit dem Einzug des Internets in unseren Alltag, die Lebensformen des ländlichen und städtischen Raums immer mehr angleichen würden. … Der Unterschied zwischen urbanen und ländlichen Lebenswelten scheint sich gegenwärtig allerdings eher zuzuspitzen, als dass er sich aufhebt: Auf der Suche nach Arbeit ziehen immer noch mehr Menschen vom Land in die Stadt als umgekehrt. Zurück bleiben oft Gemeinden mit vorwiegend alten und bildungsfernen Bevölkerungsschichten, ohne Postamt, Supermarkt oder Bank … Dennoch wird das Leben auf dem Land von vielen GroßstädterInnen als geradezu paradiesischer Zufluchtsort idealisiert. … Die sogenannte Provinz verspricht ein idyllisches Leben, abseits von Hektik und Konsumzwang des urbanen Ballungsraums."

Was die Ausstellung ins Bild setzt, deckt sich mit der Thematik des Buches, das die deutschen Landschaftsarchitektinnen Sigrun Langner und Maria Frölich-Kulik herausgegeben haben. Ihre Analysen würden in Österreich nicht anders ausfallen: "Globale Urbanisierungsprozesse lassen sich dabei nicht räumlich begrenzen und wirken weit über die städtischen Zentren und Metropolräume hinaus. Das Land wird durchzogen und transformiert durch globale Güter-, Energie und Informationsströme." Allenthalben lässt sich ein Gegentrend beobachten, in dem das Landleben zum Sehnsuchtsort wird. Familien ziehen (zumindest als Zweitwohnsitz) in die Dörfer, um das naturnahe Leben zu genießen, Manche versuchen sich als HobbylandwirtInnen. StädterInnen revitalisieren historische Bauernhäuser, die von ihren BesitzerInnen als Last empfunden werden. Zugezogene engagieren sich für Landschaftsschutz, gegen Genmais und Windkraftwerke. Zeitschriften wie "Landlust" nähren ihre idyllischen Vorstelllungen. So erfährt man über den Marktführer der "Special-interest-Magazine", dass die Startauflage von 80.000 Exemplaren vor einem Jahrzehnt bis 2012 auf eine Million stieg. Die Zahl ist dreimal so groß, wie die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und die Leserschaft viermal so groß wie die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten. Die "DorfpendlerInnen" interessieren sich für Basteln und Dekorieren, Kochen und Backen, Garten und Ausflüge. Dabei werde "dem Land als Sehnsuchtsort auch moralische Höherwertigkeit zugesprochen". Viele, die ein Landleben dieser Art nicht verwirklichen können, versuchen es zumindest mit Urban Gardening, "Rooftop farming" und "Balkonien" in der Stadt - auch wenn das selbst gezogene Gemüse mangels Pflege und Wissen dort nicht gedeiht.

Die verzweifelte Flucht zurück zur Natur ist nicht erst ein postmodernes Phänomen. Das Motto "Retour à la nature!" stammt angeblich vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), doch hat er es nicht so formuliert. Seine Kritiker haben es ihm in abwertender Absicht zugeschrieben. In der Folge löste der Aufruf Gegenbewegungen zur Industrialisierung aus. Im 19. Jahrhundert waren es gebildete Stadtbürger, die den Rückgang ländlicher Bräuche, Trachten und Hausformen beklagten und diese dokumentierten. Armut und Lebensverhältnisse der ländlichen Unterschichten interessierten die Volkskunde erst im späteren 20. Jahrhundert. Der Sammelband zitiert den österreichischen Historiker Rüdiger Wischenbart, der 1993 feststellte: "Bis weit ins 19. Jahrhundert war die Kleiderfarbe der einfachen Landbevölkerung keineswegs von bunten Bändern, Spitzen oder weiß gestärkten Trachtenblusen bestimmt, sondern schwankte europaweit zwischen schmutzig grau und schmutzig braun."

"Das Beziehungsgeflecht zwischen Stadt und Land ist seit vielen Jahrzehnten Gegenstand raumwissenschaftlicher sowie kultur- und sozialwissenschaftlicher Betrachtungen", schreiben die Herausgeberinnen. "Bereits in den 1940er Jahren verwendete die amerikanische Geographin Helen Balk für die Beschreibung von Austausch und Aushandlungsprozessen zwischen Stadt und Land den Begriff 'Rurbanization'. Für die französischen Geographen Bauer und Roux diente der Begriff 'Rurbanisation' in den 1970er Jahren zur Beschreibung von Raumstrukturen, die aus den Verknüpfungen städtischer und ländlicher Raumnutzungen hervorgehen …Der Begriff soll dabei helfen, die produktiven, aber auch spannungs- und konfliktreichen Beziehungen zwischen dem Urbanen und dem Ruralen in den Blick zu nehmen und aufzudecken."

Der Sammelband, der auf ein Symposion zurückgeht, enthält 25 Beiträge aus Theorie und Praxis. So werden Forschungsprojekte vorgestellt, die jugendliche Lebenswelten in der Stadt und auf dem Land untersuchten. Bürgermitbestimmung war ebenso ein Thema wie Politik (Energie, Agro-Gentechnik). Klar wurde auch, wie weit die Technik in die Land- und Forstwirtschaft eingedrungen ist. Der Architekt Philipp Oswalt schreibt über "die Moderne auf dem Acker": " Selbstfahrende Fahrzeuge, Produktionssteuerung über Satelliten, Roboter, Drohnen: Was in den Städte zum Inventar aktueller Zukunftsszenarien gehört, ist auf dem Lande schon seit Jahren Alltag. … Digitale Hard- und Software machen bei Landmaschinen 30 Prozent der Wertschöpfung aus, dreimal mehr als in der Automobilindustrie." Der Autor verweist auf "Geisterdörfer" und Pendlerdörfer für Stadtmenschen, die in ihrer Freizeit einen ländlichen Lebensstil inszenieren. Eine interessante Alternative kommt aus der Schweiz: Nicht mehr benötigte Wirtschaftsgebäude werden als "Landlofts" oder "alpine Lofts" revitalisiert. "Loft" meinte ursprünglich einen Dachbodenausbau oder eine Fabriksetage. Diese weiten, hellen Räume wurden für Wohnzwecke kostengünstig umgestaltet, wobei die ursprüngliche Konstruktion sichtbar blieb. Hier wie bei den "Country Lofts" bildet der Baubestand die größte Ressource. Nicht nur im Sinne der Nachhaltigkeit, sondern auch atmosphärisch: "Gespeichert ist im Bestand Wissen und Geschichte. Er trägt geistige und materielle Spuren. Als kulturelle und soziale Ressource schafft er Lebensqualität und Attraktivität." Der lesenswerte Sammelband "Rurbane Landschaften" bietet eine Fülle von Perspektiven, die es -in Stadt und Land - zu bedenken lohnt.

hmw