!!! Johann Werfring: Weinbräuche in Österreich


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''Johann Werfring: Weinbräuche in Österreich.  Verlag  Lex  Liszt, Oberwart. 312  S., ill.,  € 34,- '' \\ \\


Die "Wiener Zeitung" ist die älteste Tageszeitung der Welt (und möge es noch lange bleiben!). Seit 1703 erscheinend, hat sie nicht nur Tradition, sondern weiß sie auch zu schätzen. Jede Woche  gibt es ein "Wien-Quiz" aus der Geschichte unter der Redaktion von Johannes Werfring. Der studierte Historiker und Germanist wirkt seit mehr als 20 Jahren bei der "Wiener Zeitung" als Kolumnist. Außerdem ist er u a. als Lektor für Agrargeschichte an der Universität für Bodenkultur und ständiger Mitarbeiter einer österreichischen Fachzeitschrift für Weinkultur tätig. Mit seinem jüngsten Buch ist dem Autor ein großer Wurf gelungen, zu dem  man ihm nur gratulieren kann. Es begeistert durch untrügliche Sachkenntnis, zahlreiche treffliche Abbildungen aus alter und neuer Zeit und bietet Lesevergnügen. Dazu trägt wesentlich das Layout von Nina Haider bei, "das  keine Wünsche offen lässt". Dem überregional konzipierten Werk gebührt ein Ehrenplatz in den Bibliotheken aller an (Wein-)Kultur Interessierten. 

50 Kapitel erzählen über Arbeits- und Festbräuche, Profanes und Religiöses, Hüter und Weinhoheiten - bis hin zu "Wein und Tod".  Aus dem Inhalt: Historische dörfliche Feste nach der Weinlese, Gebirgsaufschießen, Umzüge mit der Hauerkrone, Hauerkirtage, Hauer-Kleschn, Weinlesefeste, Erntedank, Fasslrutschen, Traubenkur, Klapotetz, Martiniloben, Prozessionen, Johanneswein, Rebenkreuz, Osterbräuche, Kellerbräuche, Heurige, Bürgermeisterlese, Habsburgische Weinlese-Lustbarkeiten, Weinbeergeiß, Mistball, Weinbrauchtum unter dem Hakenkreuz, Weinnamen, Hochzeitsbräuche, Wein und Kulinarik, Wasser und Wein. Anders als die bisherigen, durchaus verdienstvollen, Regionalstudien geht es dabei um alle Bundesländer, die Weinbau treiben.

Vieles mag auf den ersten Blick bekannt erscheinen, aber Johann Werfring lüftet auch dabei so  manches Geheimnis.  '' Der Neustifter Kirtag, der früher ein dörfliches Fest war, ist längst zu einem Großevent geworden, das … alljährlich zigtausende Besucher anzieht.'' Aber wer von diesen weiß schon, dass nicht die originale Krone, die aus der Zeit Maria Theresias stammen soll, umgetragen wird, sondern eine von drei Kopien? ''Die jeweils verwendete Kopie muss heutzutage nach jedem einzelnen Tag des Kirtags saniert werden, weil Souvenirjäger immer wieder gold- und silberfarbene Nüsse abreißen, sobald die Krone im Kirtagsgeschehen für einen Moment unbeaufsichtigt ist. ''

Vor der Eingemeindung der Wiener Vororte, 1892, soll es im heutigen Stadtgebiet 44 "Fruchtkronen" gegeben haben, die zwecks Musealisierung an die Gemeinde Wien übergeben werden sollten. Heute zelebrieren nur die Neustifter ihren Kirtag mit Ritualen wie Gottesdienst, Einzug der Burschen, Umzug, Hüterbaum-Aufstellen etc. Eventisierung und neuer "Trachtenbrauch" sind die augenfälligsten Änderungen, die im Vergleich mit den historischen Fotos ins Auge stechen: ''Heute gibt es unter den Trachten eine erstaunliche Vielfalt an Ausprägungen. Auch die gleichzeitige Zurschaustellung von großflächigen Tätowierungen und Dirndln ist mittlerweile keine Seltenheit, ebenso die Kombination von Dirndl und Turnschuhen - was früher freilich undenkbar gewesen wäre.'' Allem zeitbedingten Wandel zum Trotz hat der Neustifter Kirtag die Aufnahme in die nationale UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes geschafft.

In Wien und Umgebung ist die Zahl der Weinbau treibenden Betriebe stark zurück- gegangen und damit naturgemäß auch die "vinophile Brauchtumspflege." Doch nicht nur Feste und Folklore  sind Inhalt des eindrucksvollen Buches. Es beginnt mit "alten Arbeitsbräuchen". Bevor man feiern konnte, waren viele Vorbereitungen und Tätigkeiten nötig, wie schneiden, hauen, anhäufeln, aufbinden etc. In vorindustriellen Zeiten besorgte dies die ganze Familie samt Knechten, Mägden, Taglöhnern und anderen Helfern. Dabei ging es nicht ohne derben Schabernack ab. Den Höhepunkt bildete, oft mit volksfestartigem Charakter, die Lese. Zuvor aber mussten die wertvollen Früchte vor menschlichen oder gefiederten  Dieben durch die Weinhüter geschützt werden.  Ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit und eigenen Kultur ist breiter Raum gewidmet.

Bei folkloristischen Festen spielen sie auch heute eine Rolle. ''Unter jenen rezenten Festen, die an alte Weinhütersitten anknüpfen, stellt der seit der Kaiserzeit bestehende Perchtoldsdorfer Hiataeinzug zweifellos das bei weitem mächtigste Brauchtum mit der höchsten Anziehungskraft dar. … Zentrales Element des Festzuges ist die mit Eichenlaub und Weintrauben behängte, rund 70 Kilogramm schwere Pritschn, ein mächtiger Drehkörper, deren Transport dem Pritschnträger eine gewaltige körperliche Anstrengung abverlangt.'' Außerdem steckt er vom Kopf bis zu den Schultern unter dem Gestell. Elemente und Ablauf der Veranstaltung sind exakt in Wort und Bild dargestellt, sodass man sich nicht unbedingt unter die Tausenden Schaulustigen mischen muss. Dieser Brauch steht ebenso auf der erwähnten  UNESCO-Liste wie das Ladumtragen beim Hauerkirtag in Mistelbach und das österliche "Grean-Gehen" in den Weinviertler Kellergassen. 

Zu  den  populärsten Bräuchen zählt das Fasslrutschen in Klosterneuburg,  von dem erstmals 1814 berichtet wird. Zu Ehren des Landespatrons St. Leopold pflegt man nicht nur dieses, sondern auch eine Reihe religiöser Bräuche. Weniger bekannt dürfte sein, dass das Fasslrutschen Nachahmer in Wien, etwa in der Restauration "Stalehner", in Hotels und im Messepalast, in Graz, Mödling und im Klosterneuburger Strandbad fand. Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg kam der Erlös sozialen Zwecken zu Gute. 2015 wurde das Fasselrutschen im Niederösterreichschen Ruprechtshofen zugunsten der Pfarre  eingeführt.

Weinbräuche haben auch ihre kommerzielle Seite, immer wieder wird Neues kreiert, wie moderne Weintaufen  oder Feste rund um Martini.  Während sich in den Nachkriegsjahren pflegerische Kreise über Neuerungen mokierten, sieht der Autor den Wandel realistisch. Er zitiert den Münchener Ethnologen Hans Moser, der Folklorismus als "Vermittlung und Vorführung von Volkskultur aus zweiter Hand" definierte und verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung für Gastronomie und Gewerbe. Indem diese an frühere Gepflogenheiten anknüpfen, schaffen sie auch ein Bewusstsein für den Alltag der Altvorderen: ''So gesehen können Gastronomen und Touristiker in gewisser Weise als Bewahrer alter Traditionen angesprochen werden. … Nicht zuletzt ist zu vermerken, dass solche Festivitäten vermittels der Medien im öffentlichen Bewusstsein heute stärker verankert sind als je zuvor.''\\ \\



 [hmw |User/Wolf Helga Maria]













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