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Regina Jankowitsch - Annie Rüdegger-Rosar: Die Schauspielerin Annie Rosar#

Bild 'Rosar'

Regina Jankowitsch - Annie Rüdegger-Rosar: Die Schauspielerin Annie Rosar (1888-1963) Geschichte einer Überlebenskünstlerin. Böhlau-Verlag Wien - Köln, 328 S., ill., € 37,-

2023 jährt sich der Todestag von Annie Rosar zum 60. Mal Die Stadt Wien widmete ihr ein Ehrengrab und einen Weg in der Donaustadt. Man erinnert sich an Rosars komische Rollen an der Seite von Hans Moser oder Paul Hörbiger. Sie war nicht nur eine prominente "Volksschauspielerin", sondern auch eine "Filmlegende", Mimin am Wiener Burgtheater, Theater in der Josefstadt und Volkstheater und Gast an internationalen Bühnen. Max Reinhardt engagierte sie an das Theater an der Wien. Sie arbeitete vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, führte ein von Erfolgen und Schicksalsschlägen gekennzeichnetes Leben. Ihr Nachlass erscheint vielfältig und ambivalent. Doch gab es bisher keine Biographie, obwohl sie dies mehrfach angestrebt hatte. Erst verhinderte der Zweite Weltkrieg das Erscheinen der Memoiren, 1957 verschwand ein Autor spurlos mit der Vorschusszahlung und auch 1961 zerschlug sich das Projekt.

Fast sechs Jahrzehnte nach ihrem Ableben füllen nun die Urenkelin der Künstlerin, Annie Rüdegger-Rosar, und die Historikerin Regina Jankowitsch diese Lücke. Ihre Biographie betont Rosars Überlebenskonzept, denn das Beeindruckendste am Leben der Protagonistin ist ihr Wille und das Vermögen, sich mit allen Seiten und politischen Systemen zu arrangieren - und sich erfolgreich zu behaupten. Dazu haben die Autorinnen einen bisher unbeachteten Schatz gehoben. Jahrelang haben sie Rosars Tagebücher, Kalender, Briefe, Verträge, Zeitungsausschnitte, Fotos und Autographen gesichtet. Sie stammen aus der österreichsch-ungarischen Monarchie, den wilden Zwanziger Jahren, der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Nachkriegsära. Da sich die Auswahl auf die NS-Zeit konzentriert, könnte man das Buch als Abrechnung mit der Familie verstehen. Dagegen spricht allerdings, dass die Mutter bei der Aufarbeitung des Materials tatkräftig geholfen hat. Der fast 80-jährige Vater, Wolf Rosar, spielte als Zeitzeuge eine zentrale Rolle, durch seine teilweise sehr lebendigen Erinnerungen, die er gern mit uns teilte. Obwohl die Quellen und damit das Buch viele Details erzählen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt erscheinen, ist Annie Rüdegger-Rosar überzeugt: Sicher ist: Oma Annie wollte, dass man über sie schreibt. Vermutlich hätte sie die Schwerpunkte anders gesetzt, doch ist es den Autorinnen hervorragend gelungen, Einblicke in Rosars Leben und ihr kulturelles und (sozial-) politisches Umfeld zu vermitteln. Die sorgfältig recherchierten Details zur Zeitgeschchte bilden neben den Primarquellen eine zweite Textebene, die den Kontext verständlich machen.

Das Buch über die "Überlebenskünstlerin" könnte nicht spektakulärer beginnen als mit einem Brief, den Annie Rosar ihrem geliebten Sohn zu Weihnachten 1943 schrieb. Sie und ihre Schwiegertochter waren in großer Sorge um ihn. Zu diesem Zeitpunkt ist René Rebiczek-Rosar, ihr 22-jähriger Sohn und einziges Kind, schon tot. Er ist einen Tag vorher um 18.20 Uhr in einem Lazarett an der Ostfront seinen schweren Verletzungen erlegen. Das erste Kapitel schildert die militärische Karriere des begeisterten, ja fanatischen Soldaten. Er wollte mitten ins Kriegsgeschehen und als Batteriechef etwas Vernünftiges leisten. Alle Versuche der Mutter, René von der Teilnahme vom Krieg abzuhalten blieben erfolglos. Auch die inzwischen erfolgte Hochzeit und die bevorstehende Geburt seines Sohnes Wolfgang (des Vaters der Autorin) konnten ihn nicht umstimmen. Wolfgangs Geburt gab Annie Rosar wieder Lebensfreude und Sinn zurück. Querelen mit seiner Mutter waren allerdings vorprogrammiert.

Die Familie Rosar lässt sich zehn Generationen zurück in Orth an der Donau nachweisen. Um 1880 zog Michael Rosar mit seiner Familie nach Wien und arbeitete als Pferdetramway-Conducteur. Bald wurden drei Kinder geboren. Annie war das jüngste. Sie absolvierte eine Handelsschule, wo sie Fremdsprachen erlernte. Bald nach Antritt ihrer ersten Stelle heiratete sie einen leitenden Angestellten und übersiedelte mit ihm nach Italien. Die erste Ehe dauerte drei Jahre, die zweite zwei, die dritte sechs. Nur die vierte, eine "On-Off"-Beziehung, währte drei Jahrzehnte. Die emanzipierte, junge Frau nahm Schauspielunterricht, debütierte 1917 am Burgtheater und drehte ein Jahr später ihren ersten Film. In "Der veruntreute Himmel" spielte sie in drei Versionen - Theater, Fernsehen, Kino - die Hauptrolle. Das Drama von Franz Werfel wurde für sie zum künstlerischen, persönlichen und spirituellen Höhepunkt. In ihren letzten Lebensjahren war Kardinal Franz König ihr Vertrauter. Als geniale Netzwerkerin pflegte sie auch Kontakte zu prominenten Sozialdemokraten wie Karl Renner.

Breiten Raum nehmen die Ereignisse der NS- und Kriegszeit ein. Im Entnazifizierungsverfahren erreichte sie einen Freispruch. Man glaubte ihr, dass sie selbst (anders als ihr Sohn René) keine überzeugte Nationalsozialistin gewesen sei und hatte den Eindruck, dass Frau Rosar bestrebt sei, sich den jeweiligen politischen Machthabern anzubiedern. Mit fast 60 Jahren wagte sie sich in ein neues Genre, die Musikrevue mit Schlagern und Tanz. Die Premiere von "Wiener Musik" wurde zum Riesenerfolg und die Zeitungen waren voll des Lobes für die Hauptdarstellerin. Es folgten sehr österreichische Streifen wie "Der Herr Kanzleirat " mit Hans Moser. Das 40-jährige Bühnenjubiläum wurde gebührend gefeiert und ihre wirtschaftliche Situation war sehr gut. Privat aber gab es massive Probleme mit Schwiegertochter und Ehemann.

Das achte Kapitel, über die Jahre 1958 bis 1961, ist Ich elend, elend, elend übertitelt. Dabei begann das Jahr mit gleich zwei Paukenschlägen, familiär und künstlerisch. Das Vormundschaftsgericht beendete Rosars Mitverantwortung für den Enkel und das Volkstheater erlebte in "Ein Ausgangstag" mit ihr eine seiner erfolgreichsten Premieren überhaupt. Sie freute sich: Grandioser Erfolg! 33 Vorhänge, wie liebt man mich!!! Doch die Gesundheit machte ihr zu schaffen. Verträge mussten storniert werden, was finanzielle Einbußen bedeutete. Ihr Arzt Viktor Frankl sprach von einem "erschreckenden Zustand". Am 5. August 1963 starb Annie Rosar im Hanusch-Krankenhaus. Ihr letztes Wort war "Wolfgang", der Name ihres Enkels, der ihr so viel bedeutet hatte.

hmw