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Benedikt Kapferer: Das Mikrofon im Dorf#

Bild 'Kapferer'

Benedikt Kapferer: Das Mikrofon im Dorf. Die Geschichte des Radios in Tirol. Tyrolia Verlag Innsbruck - Wien. 288 S. ill., € 29,-

Am 1. Oktober 1924 nahm die österreichische Radio-Verkehrs-AG (Ravag) mit "Radio Wien" ihren Betrieb auf. Während Ö1 ein umfangreiches Programm zum 100-Jahr-Jubiläum vorbereitet und das Technische Museum Wien an einer Ausstellung arbeitet, hat der Tyrolia-Verlag bereits ein Buch herausgebracht, das sich der Geschichte des ORF- Landesstudios Tirol widmet. Dieser Verlag mit seiner Buchhandlungskette stand am Beginn der Entwicklung des neuen Mediums. „Während der Rundfunk in Wien seine ersten Schritte machte, war das kleine Radiowesen in Tirol noch zum Zuhören verdammt … Einen öffentlichen Zugang zu den elektromagnetischen Wellen fanden Interessierte in der Radioabteilung der Buchhandlung Tyrolia. … 'Innsbrucker, die sich den Luxus des Radiogenusses nicht leisten konnten, setzten sich in der Buchhandlung Tyrolia an einen Tisch, pressten ihr Ohren an die Muscheln eines Kopfhörers und genossen im Kreise vieler Gleichgesinnter das kostbare Programm.' “ Der Preis eines Radioapparats entsprach dem Monatseinkommen eines Facharbeiters.

Der Buchtitel "Das Mikrofon im Dorf" knüpft an eine Sendereihe an, die ab 1967 populär war. Der Autor ist Journalist im Landesstudio Tirol. Benedikt Kapferer studierte Medienpädagogik in Birmingham (GB) und Innsbruck, wo er am Institut für Zeitgeschichte tätig war. Zum 50-Jahr-Jubiläum des Innsbrucker Funkhauses (2022) leitete er ein Forschungsprojekt, dessen Abschlussbericht die Basis des Buches bildet. Es wurde aktualisiert, mit Erinnerungen von Beteiligten ergänzt und mit vielen Fotos versehen. Der Band erzählt "aus dem Blickwinkel der Regionalität die Geschichte des Mediums in Tirol. Der Fokus liegt auf der Produktion von Radio in, aus und über Tirol sowie den politischen, personellen und programmatischen Veränderungen."

Nach den beiden Wiener Hauptsendern und den Relaisstationen in Graz (1925) und Klagenfurt (1927) kam 1927 erstmals ein westliches Bundesland durch den Bau des Sendegebäudes und zweier Masten in Aldrans in den Genuss der Ätherwellen – vorerst noch aus Wien und relativ bescheiden. (Die identitätsstiftenden Masten standen bis 1988). Die Wiener Sendeanlagen waren 30 mal stärker als die Tiroler. Zwei Jahre später eröffnete das Innsbrucker Studio im neuen Hochhaus der städtischen Elektrizitätswerke. Rasende Reporter berichteten in Eigensendungen von Ereignissen wie traditionellen alpinen Bergfeuern oder der sensationellen Landung des Stratosphärenforschers Auguste Piccard bei Obergurgl, 1931. Oskar Grissemann, der Onkel des Hörfunkintendanten Ernst Grissemann (1934-2023), leitete Bastelkurse für Kinder. Sport wurde zum Fixpunkt der Radioproduktion in Tirol, Volkskultur und Religion waren gut vertreten. Allerdings räumt Benedikt Kapferer ein: "Die Idee einer emanzipatorischen ‚Radiovolkshochschule‘ mit Bildung für alle blieb aber Utopie.

Wenig später stand der Rundfunk im Dienst der Diktatur. Der "Anschluss" fand auch im Äther statt. Das Radiowesen der "Ostmark" wurde in die Strukturen des Deutschen Reiches eingegliedert. Billige Volksempfänger beschallten die HörerInnen mit Propaganda. 1938 besaß in Tirol und Vorarlberg jeder dritte Haushalt ein Gerät, zwei Jahre später schon mehr als jeder zweite. Feindsender zu hören, war streng verboten. Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs startete die Sendergruppe West (Radio Vorarlberg und Radio Innsbruck), sie nahm im Innsbrucker Landhaus ein Studio mit einem großen Sendesaal in Betrieb. 1951 änderte Radio Innsbruck seinen Namen in Radio Tirol. Im folgenden Jahr übergab die französische Besatzung Sender und Programmhoheit an die Landesregierung. 1953 begannen die ersten unabhängigen Radioprogramme, die 1955 zum Österreichischen Rundfunk zusammengefasst wurden. Im selben Jahr nahm das österreichische Fernsehen den Betrieb auf.

Die größte Zäsur stellte 1964 das Rundfunkvolksbegehren dar. In nur einer Woche erzielte es mehr als 830.000 Unterschriften. Am 1. Jänner 1967 trat das neue Rundfunkgesetz in Kraft, dessen zentrale Schlagworte "Unabhängigkeit" und "Demokratisierung" lauteten. Gerd Bacher wurde Generalintendant mit weitreichenden Kompetenzen über Personal, Programm und Budget. "Er wollte den alten 'Amtsrundfunk' in ein modernes, privatwirtschaftliches Unternehmen umgestalten und sämtliche Einflüsse der Regierung verbannen" - was ihm in kürzester Zeit gelang. Die Umbesetzung von Leitungspositionen, u. a. mit Helmut Zilk als Fernsehdirektor war ebenso Teil der Reform wie eine neue Corporate Identity (Stichwort: ORF-Auge). Ein innovatives Sendeschema mit drei Programmen und die "Informationsexplosion“ boten gänzlich neue Hörerlebnisse. Zwischen 1969 und 1997 entstanden sechs neue Funkhäuser nach Plänen des Stararchitekten Gustav Peichl. Die Peichl-Torte genannten Bauwerke sind jeweils um eine Zentrale in Form von Kreissegmenten angeordnet. Die damals futuristisch anmutende Architektur steht 50 Jahre später unter Denkmalschutz.

In den folgenden Kapiteln widmet sich Benedikt Kapferer vorwiegend regionalen Innovationen, wobei viele später landesweit bekannte Namen auftauchen. Hier findet sich auch ein Gastbeitrag des ZIB-Redakteurs Armin Wolf. Er begann 1985 im Landesstudio Tirol, das er vom Fenster seiner Klasse in der Handelsakademie gut sehen konnte. Am Tag seiner Matura trat der 18-Jährige seinen Dienst an. 1990 erfolgte mit dem Radiofrühling die nächste große Programmreform, aus Ö Regional wurde Ö2. Inzwischen gab es bereits regionale Fernsehprogramme wie "Tirol heute". Ab 1998 strahlten Privatradios wie Radio Adria von Italien aus nach Tirol. 2001 trat das Privatradiogesetz in Kraft. "Vom Monopol zum Marktführer" lautete nun die Devise. Um die Jahrhundertwende erfolgten wichtige Innovationen, wie die Nachrichten-Onlineseite "ORF on" und der Umbau der Studios auf Selbstfahrer-Betrieb. Dadurch wurde der angesehene Beruf des Tontechnikers obsolet, ebenso jener der Cutterin. Für die RedakteurInnen bedeutete die Umstellung, "den eigenen Text, die Beiträge, Jingles, Werbung und Co. eigenhändig live über mehrere Bildschirme und Regler abzumischen … was die Sendungen schneller, spontaner und flexibler machte.“

Doch das war erst der Anfang einer Zukunft, die "hier und jetzt" begann. 2004 ging das Soziale Netzwerk Facebook online. 2012 zählte es weltweit eine Milliarde Mitglieder. 2007 wurde das iPhone - iPod, Telefon und internetfähiges Kommunikationsgerät in einem - vorgestellt. "Vor allem im Medienbereich standen das i-Phone und seine Kontrahenten der anderen Firmen für eine Revolution, die in ihrer historischen Dimension der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert glich. … Sie enthielten Fotoapparat, Videokamera, Mikrophon, Schnittplatz, Radiogerät und Lautsprecher in einem, was gigantische Auswirkungen auf die Produktion und den öffentlichen Diskurs hatte. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter stellten das klassische Modell der Massenmedien von einem Sender und vielen Empfängern auf den Kopf. … Die professionellen Medien wie Radio, Fernsehen oder Presse hatten nicht länger die alleinige Macht darüber, was auf die öffentliche Agenda kam und was nicht. … Information von Werbung und Fakt von Fiktion zu unterscheiden, ist eine der größten Herausforderungen der modernen Mediendemokratie, " schließt Benedikt Kapferer sein Jubiläumsbuch. Es erfüllt auf das Beste die - bereits zur Zeit der Aufklärung formulierten - Leitlinien, die 1927 von der BBC neu formuliert, zum Inbegriff öffentlich-rechtlicher Rundfunkarbeit wurden: "informieren, bilden und unterhalten".

hmw