Matthias Marschik - Gabriele Dorffner: Das Meer von Wien #
Matthias Marschik - Gabriele Dorffner: Das Meer von Wien. An der schönen Alten Donau. Ein Bilderalbum. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 114 S. ill., € 19,80
Der Titel des Bilderalbums "An der schönen Alten Donau" ist geschickt gewählt, 2025 ist ein Jubiläumsjahr: Johann Strauß, Komponist des berühmten Walzers "An der schönen blauen Donau" wäre 200 Jahre alt. Der Abschluss der Donauregulierung liegt 150 Jahre zurück. Damit wurde der bisherige Hauptstrom zur Alten Donau. "Auf sechs Kilometer Länge, mit einer Fläche von 1,5 Quadratkilometern und 17 Kilometer Uferlandschaft, stand das vorher durch Schiffsmühlen, Anker- und Handelsplätze geprägte Gebiet plötzlich zur Disposition", schreiben Matthias Marschik und Gabriele Dorffner über "Das Meer von Wien". Das Autorenduo hat bei der Edition Winkler Hermaden schon ähnliche Bände veröffentlicht: Donaustädter Attraktionen (2021) und Der Bisamberg (2022).
Der Kulturhistoriker Matthias Marschik ist ein gebürtiger Floridsdorfer. Er lebt und arbeitet im 21. Bezirk, dem er mehrere seiner Publikationen gewidmet hat. Die Historikerin Gabriele Dorffner, eine profunde Kennerin Transdanubiens, arbeitetet ehrenamtlich im Bezirksmuseum Floridsdorf mit. Für ihr jüngstes Buch haben die beiden Verfasser ein Dutzend Schwerpunkte gewählt. Der Einstieg, "Die Geburt der Alten Donau", zeigt eine Gegenüberstellung von "vorher" und "nachher". Die Donau floss nahezu unreguliert durch das Wiener Becken. Mit den zahlreichen Inseln wirkt der barocke Kupferstich romantisch, doch die Idylle trügt. Jährliche Hochwasser und Eisstöße verursachten großen Schaden. Auf der anderen Seite illustriert ein Foto aus dem Jahr 1875 "die Abschließung des neuen Bettes vom Hauptstrom, also die Geburtsstunde der Alten Donau." Dadurch entstanden am linken Ufer zahlreiche Altarme mit Tümpeln, die den Zeitgenossen als "nutzlose Landschaften" erschienen. Die Schwarze Lacke in Jedlesee, wo sich Schiffsmühlen befunden hatten, diente nun zum Schwimmen und Eislaufen. Wenig bekannt dürfte sein, dass das ruhige Gewässer nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schutt zerbombter Häuser aufgefüllt wurde. Die Obere Alte Donau erstreckt sich zwischen Floridsdorfer und Kagraner Brücke. Am Bruckhaufen befand sich eine Militärschwimmschule. Das Mühlschüttel entwickelte sich zum Erholungsgebiet. Findige Wirte eröffneten bald nach der Regulierung eine "Lustschifffahrt" mit Überfuhr und zwei Bädern, dem einfachen Vierkreuzerbad und dem nobleren Zehnkreuzerbad. Doch die Gegend diente nicht nur dem Badespaß. Es gab eine Rossschwemme und später eine große Autowerkstätte mit ihrem charakteristischen Firestone-Turm. Am Ziegelhaufen bei der Kagraner Brücke entstanden villenartige Badehäuser mit phantasievollen Namen, wie "Villa Florida". Im 20. und 21. Jahrhundert änderte sich die Gegend der Oberen Alten Donau grundlegend. Die ehemalige Mülldeponie Bruckhaufen verwandelte sich in die Internationale Gartenschau "WIG '64" mit dem 252 m hohen Donauturm als Wahrzeichen. 40 Jahre später prägen die Hochhäuser der Donaucity die Skyline. Die U-Bahn U1 fährt zur UNO-City. Der Wasserpark wurde in der Zwischenkriegszeit als Projekt des Roten Wien in einer fast unberührten Landschaft angelegt. Der monumentale Paul-Speiser-Hof enthielt mehr als 760 Wohnungen. Zur Erholung der Mieter sollte der mit Teichen, Zierbrücken und Grünflächen gestaltete Wasserpark dienen.
Die Inseln des Gänsehäufels und des Dampfschiffhaufens trennten die Untere Alte Donau. Während das (seit 1907 städtische) Strandbad Gänsehäufel seit seiner Eröffnung regen Andrang verzeichnetete, gilt der am Südende der Alten Donau gelegene Dampfschiffhaufen bis heute als eine der ruhigsten Gegenden. Im Ersten Weltkrieg bauten die Lohnerwerke in Donaufeld Wasserflugzeuge und erprobten sie auf der Alten Donau, ebenso wie die Firma Johann Eppel ihre Torpedo-Boote. Wo ein Strom fließt, braucht man Brücken. Die 1876 eröffnete Reichsbrücke sollte Teil einer städtebaulichen Achse von Schönbrunn über den Praterstern in das Marchfeld werden. Die Kagraner Brücke wurde 1920 neu gebaut und nach Kriegszerstörungen 1945 wieder eröffnet. Sie blieb die einzige Straßenquerung über die Alte Donau. Daneben befindet sich seit 1982 die gleichnamige Haltstelle der U1. Der bescheidene "Polizeisteg" erlangte durch die Fernsehsehserie "Kaisermühlen Blues" Popularität. Von der Freizeitgestaltung an der Alten Donau existieren viele Ansichtskarten und Familienfotos. Die bekannten Anstalten waren das heutige Angelibad, das städtische Freibad am Kaiserwasser, Gänsehäufel und Arbeiterstrandbad. Zum Erholungsgebiet zählten zahlreiche Lokale und Einrichtungen für den Wassersport. "Der Rudersport wurde um 1860 aus England importiert und fand zunächst im Kaiserwasser seine Heimat." Das Zentrum der Segler befand sich südlich der Kagraner Brücke. Auch Schwimmer bestritten Wettkämpfe. Im Winter waren Eislaufen, Eishockey und Eisstockschießen angesagt. Die Alte Donau bot vielfältige Sportmöglichkeiten, sei es individuell oder vereinsmäßig organisiert. Zahlreiche stimmungsvolle Fotos geben Einblick in das kleine Vergnügen am großen Strom.
"Ungebaute Pläne", aus den 1920-er und 1930-er Jahren hätten es unwiderruflich zerstört. Dazu zählten die Mündung des Donau-Oder-Kanals in die Alte Donau, eine großflächige Terrassensiedlung, ein Donauhafen am Ende der Reichsbrücke und das "Gauforum" der NS-Stadtplanung. Nichts davon wurde verwirklicht, sodass das Buch mit einem stimmungsvollen Farbfoto in der Dämmerung schließen kann: "Vor der urbanen Silhouette einer geschäftigen Metropole bietet die ruhige Wasserfläche Momente der Entspannung und Erholung. Hier erfüllt sich die andere Seite der oft geforderten Work-Life-Balance."
