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Thomas Walter Köhler, Christian Mertens (Hg.): Auf Schienen #

Bild 'Koehler'

Thomas Walter Köhler, Christian Mertens (Hg.): Auf Schienen. Tramway und Bim in Wien. Verlag Braumüller Wien. 224 S. ill., € 24,-

2025 feiert die Wiener Straßenbahn ihren 160. Geburtstag. Die Votivkirche befand sich noch im Bau, als sich 1865 vom nahen Schottentor aus "ein würdiges Gespann mit zwei Schimmeln und zwei Rappen von Ost nach West in Bewegung setzte". Nach fünf Minuten war der Linienwall (Gürtel) und nach einer Viertelstunde die Endstation in Hernals erreicht. Zum Jubiläum ist ein interessantes Buch erschienen, in einem hübschen Layout reich illustriert mit nostalgischen Ansichtskarten und historischen Fotos. Herausgeber sind Thomas Walter Köhler, Geisteswissenschaftler und Psychotherapeut, und der Historiker Christian Mertens, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ausstellungskurator der Wienbibliothek.

Fünf Jahre nach der ersten Fahrt konnte man auch Penzing und Döbling mit den von Pferden gezogenen Wagen der Wiener Tramway-Gesellschaft (WTG) erreichen. Anfangs gab es keine Stationen, die Züge hielten nach Wunsch der Fahrgäste. Die zweiachsigen Imperialwagen, die auch über Sitze auf dem Dach verfügten, boten Platz für 50 Personen, zwei Pferde waren vorgespannt. Die leichteren Salonwagen kamen mit einem Pferd aus. 1890 verfügte die WTG über ein Netz von 80 km und 700 Waggons. 1872 erhielt das Unternehmen Konkurrenz durch die Neue Wiener Tramway-Gesellschaft. Sie bediente die Vororte außerhalb des Linienwalls mit Dampfloks. 1902 übernahm die Stadt Wien unter ihrem Bürgermeister Karl Lueger die Straßenbahnen - wie schon zuvor die Gas- und Elektrizitätswerke. Mit der "Elektrischen" und der Kommunalisierung verbesserten sich die Arbeitsbedingungen der "weiße Sklaven" genannten Tramwaykutscher. 1903 arbeiteten 6275 Personen bei den städtischen Straßenbahnen.

Im beginnenden 20. Jahrhundert unterschied man Transversal- Tangential- und Radiallinien. Transversallinien führen vom Stadtrand über den Ring bzw. Kai zum anderen Ende. Sie waren mit Buchstaben bezeichnet, wie heute noch D-Wagen und O-Wagen. Tangentiallinien verbanden Vorstädte und Vororte (Nr. 1 bis 19). Radiallinien verkehrten zwischen Peripherie und Zentrum (Nr. 20 bis 300).

Die Wiener Straßenbahnen hatten ihre Blütezeit in den 1910er- bis 1930er-Jahren. In den 1970er- und 1980-er Jahren sollten sie reduziert werden, nun wird wieder ausgebaut. Seit den 1960er- und 1970er- Jahren fahren sie "schaffnerlos". Heute kommen zu 171 km Straßenbahnstrecken 83 km U-Bahn- und 880 km Busverbindungen, die täglich von 2,2 Millionen Fahrgästen frequentiert werden. Damit hat Wien das sechstgröße Straßenbahnnetz der Welt, mit fast 500 Zügen auf 28 Linien mit rund 3900 Haltestellen. Die Stadt investiert heftig, allein 2022 und 2023 waren es 803 Mio. €. 2024 wurden 8,6 km Gleise getauscht, heuer werden es mehr als 11 km sein. Durch "Flexity"-Wagen werden in den nächsten Jahren alle Züge barrierefrei sein.

Die LeserInnen sind eingeladen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Wiens "auf Schienen" zu erkunden. Dazu gibt es einige Spezialkapitel. So erfährt man über das Personal der Wiener Straßenbahnen im Lauf der Jahrzehnte, dass die Waggonführer, anfangs Kutscher, sich um die Pferde kümmern mussten und kaum freie Tage hatten, nicht zuletzt, weil sie schon wegen kleiner Vergehen unbezahlte "Straftouren" zu absolvieren hatten. Sie mussten die Anweisungen der Kondukteure (Schaffner) befolgen. Diese verkauften und verrechneten die Fahrkarten, riefen die Haltestellen aus, säuberten die Sitze, halfen beim Umspannen der Pferde und waren für die Sicherheit der Passagiere verantwortlich. 1903 dauerte die Ausbildung der Schaffner sechs, der Fahrer 18 Tage. Zehn Jahre später waren 30 bzw. 36 Tage für Schulungen vorgesehen. Heute sind es drei Monate mit theoretischen und praktischen Prüfungen.

Interessant ist auch ein Blick auf die Entwicklung der Fahrpreise. Herausgeber Christian Mertens hat die Preise eines Einzelfahrscheines, umgerechnet in €, gegenübergestellt. In den ersten Jahren kostete dieser 1,62 bzw. 1,85 €, erreichte 1894 den Höchstwert von 5,26 €, um 1919 auf den Tiefststand von 30 Cent zu sinken. Heute zahlt man 2,40 €, doch nützen viele die günstige Jahreskarte, mit der man einen Tag lang um 1 € Straßenbahn fahren kann. Die Abbildungen ausgewählter Fahrscheine und Netzkarten wecken nostalgische Gefühle.

Straßenbahnunfälle kommen ebenso zur Sprache wie die Rettung der Ringlinien. 1903 wurden 360 Personen von einer Tramway umgestoßen, 16 überlebten den Zusammenstoß nicht. 1913 waren 87 % der Unfälle mit Personenschaden auf Unachtsamkeit der Betroffenen zurückzuführen, oft auch, weil sie versuchten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Das bis heute folgenschwerste Straßenbahnunglück ereignete sich im Sommer 1960 auf der Linie 39 an der Kreuzung Billrothstraße/Döblinger Hauptstraße. 20 Mensschen starben, 100 erlitten teils schwer Verletzungen. Ein alkoholisierter Fahrer war schuld an der Katastrophe.

Unterhaltsam geht es hingegen in den Kapiteln über die Wiener Straßenbahn in der Literatur, Musik und im Film zu. Schlagertexter schwärmten von der "lieben kleinen" oder "schönen Schaffnerin". Pirron und Knapp sowie die Jazz-Gitti sangen ironisch über das Tramwayfahren. Wolfgang Ambros ließ sich für "Zwickts mi" und "Schaffnerlos" davon inspirieren. 1906 widmeten die Brüder Pathé einen der ersten Stummfilme Vienne en Tramway. In den 30er-Jahren drehten Publikumslieblinge wie Paul Hörbiger und Hans Moser in der Elektrischen. Sogar "der dritte Mann" spielte in der Straßenbahn.

Etliche Straßenbahnpläne illustrieren als "Fenster in die Vergangenheit" die Veränderungen des Verkehrsnetzes. Gewürdigt wird auch Otto Wagners Gesamtkunstwerk der Stadtbahn. Eine Kuriosität war von 1925 bis 1945 die Linie 18 G, die als Straßenbahn (18) und Stadtbahn (G) unterwegs war. Zum steten Gaudium ihrer Fahrgäste benutzte sie - schnaufend oder bimmelnd - eine Rampe zur Auf- und Abfahrt. … Viele trauerten dieser 'Wiener Mischkulanz' geraume Zeit nach, manche tun es immer noch.

Der Herausgeber Thomas Walter Köhler schrieb Zur 'Psychologie' der Wiener Straßenbahnen: Umfragen unter typischen Bahn- oder Busreisenden unterstreichen den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Verkehrsmittel: Im Gegensatz zum Bus gleitet die Bahn. Das macht etwas mit uns, innerlich und äußerlich. Womöglich sind Bahnreisende deswegen grosso modo die bewussteren Genießer, im Überlandzug und in der Stadt in Straßenbahnen.

hmw