Michael Simon: Alltagskulturen#
Michael Simon: Alltagskulturen. Forschungsgeschichte - Themenfelder - Zugangsweisen. Nomos Verlag Baden-Baden. 228 S. ill., € 24,90
Endlich gibt es wieder eine Einführung in das Vielnamenfach, das früher "Volkskunde" geheißen hat und seit den 1970er Jahren eher sperrige Bezeichnungen wie "Empirische Kulturwissenschaft", "Europäische Ethnologie", "Kulturanthropologie" oder "populäre Kulturen" trägt. Der Autor Michael Simon, em. Univ. Prof in Mainz, wählte für sein Handbuch lieber den Titel Alltagskulturen - wobei der Plural besonders wichtig erscheint. Es ist aus der Praxis des Universitätslehrers entstanden und wendet sich an Studierende ebenso wie an Interessierte, die mehr über das Denken und Arbeiten im Vielnamenfach erfahren wollen. Allen ist die Lektüre sehr zu empfehlen - nicht nur als "Pflichtlektüre", sondern als äußerst anregendes Buch, das auf sympathische Weise über die Fachgrenzen hinaus zum Nach- und Weiterdenken einlädt. Dem Autor ist Verständlichkeit ein wichtiges Anliegen. Ein guter Beitrag sollte auf falsche Gelehrsamkeit verzichten, klar und nüchtern geschrieben sein und durch Nachvollziehbarkeit überzeugen. Dem "Fachchinesisch", wie es in den 1970er Jahren modern war, erteilt der Gelehrte eine klare Absage: Genauso unangebracht erscheint es, sich um einen besonders komplizierten Text mit vielen verschachtelten Sätzen und unnötigen Fremdwörtern zu bemühen, die man selbst kaum kennt. 50 Abbildungen mit informativen Texten tragen zur Verständlichkeit bei. 15 "Exkurse" zu Stichworten wie "Aberglaube", "Rasse und Rassismus" oder "urbane Welten" vermitteln kompakt, was man dazu wissen sollte. Jedes der vier großen Kapitel endet mit einer Zusammenfassung, Hinweisen auf weiterführende Literatur, Aufgaben und Diskussionsfragen.
Die Einführung zieht die LeserInnen auf persönliche Weise in das Thema hinein. Viele werden auf Reisen schon die Erfahrung sprachlicher Missverständnisse gemacht haben. Michael Simon war als Student ein Semester lang in Seoul (Südkorea). Anhand eines Beispiels unterschiedlicher Gesten, erfuhr er, dass nonverbale Kommunikation das Gegenteil des Gewohnten aussagen kann: In Korea bedeutet nämlich die Geste einer sich wiederholt bewegenden Hand, dass man sich am Standort der gestikulierenden Person einfinden soll, wohingegen die in der westlichen Welt dafür vorgesehene Handbewegung als Heranwinken zu verstehen ist. Dieses kleine Beispiel führt zu Themen wie Das 'Eigene' und das 'Fremde', Kultur, Alltag oder Volk.
In Kapitel 2 Forschungsgeschichte(n) geht es um die Wissenschaftstheorie - von der Aufklärung und Romantik zur Situation um 1900, in der Zwischenkriegszeit, zur "völkischen Wissenschaft" bis zur Reorganisation von Wissenschaft und Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg. Bekannte Vertreter wie Wilhelm Mannhardt (1831-1880), der sich als Schüler der Brüder Grimm sah, oder sein Zeitgenosse, der oft so genannte "Vater der Volkskunde" Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) finden ebenso Beachtung wie Julius Schwietering (1884-1962) und seine Schule. Die Gründer der Münchner Schule, Hans Moser und Karl-Sigismund Kramer, sorgten für die Weichenstellung für eine Neuausrichtung historischer Fragestellungen, die nach den germanophilen Geschichtsklitterungen der Nazi-Zeit dringend erforderlich war. Zeitlich folgen Vertriebenenforschung, Chiffre 1968 und Volkskunde in der DDR. In der Zusammenfassung schreibt Michael Simon von großen Anstrengungen in Ost- und Westdeutschland, das in Misskredit geratene Fach Volkskunde neu zu positionieren. Statt nach den Wesensmerkmalen des deutschen Volkes zu suchen, setzte sich die Idee durch, den Alltag möglichst aller sozialen Kreise hierzulande in Geschichte und Gegenwart zu untersuchen. Bei der disziplinären Neuverortung spielten soziologische und ethnologische Ansätze eine wichtige Rolle und öffneten das Fach zunehmend für interdisziplinäre und internationale Diskurse.
Der dritte Abschnitt, Arbeitsfelder der jüngeren Alltagskulturforschung reicht bis in die Gegenwart, mit Migration, Globalisierung, Medien, Klimawandel und Naturkatastophen. Statt wie früher schlicht Liedtexte und -melodien aufzuzeichnen, Sprichwörter, Sagen und Märchen zu sammeln oder Bräuche und Hausformen zu katalogisieren, verschob sich das wissenschaftliche Interesse auf die Frage, wie die Menschen mit ihrer selbst erschaffenen Welt, d.h. der Kultur im Alltag tatsächlich umgehen, welchen Sinn sie ihr einschreiben und wie diese wiederum von anderen wahrgenommen wird. Schlagwortartig kann man von einer akteurszentrierten Perspektive sprechen … Weitere Themen sind z.B. Von der Arbeiterkultur zu den Arbeitskulturen, Tourismusforschung, Politische Alltagskulturforschung, Gemeindestudien, Musikalische Alltagskulturen, Glaubenswelten, Sachwelt und Museum.
Der vierte Teil vermittelt Kenntnisse, die mit dem Fragen- stellen beginnen und bis zur Auswertung reichen. Der Autor fasst zusammen: Die Ausführungen in diesem Abschnitt wurden durch eine Vielzahl gut gemeinter Ratschläge flankiert. Da Ratschläge auch Schläge sind, die man seiner Leserschaft zumutet, wird sich der bzw. die andere fragen, ob es wirklich nötig ist, das angesprochene Regelwerk wissenschaftlichen Arbeitens mit den ausführlichen Belehrungen immer wieder aufs Neue durchzugehen. Ich meine ja, denn wir leben in einer Zeit, in der wissenschaftliche Expertisen von politischen Demagogen zur Disposition gestellt werden oder als schlichtweg falsch Verachtung erfahren … Diesen um sich greifenden Tendenzen muss seitens der Wissenschaft entgegengewirkt werden, indem sie immer wieder auf ihre Standards verweist und deutlich macht, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um von einem ernstzunehmenden Beitrag sprechen zu können.
