Anna Hanreich, Astrid Mahler (Hg.): True Colors#
Anna Hanreich, Astrid Mahler: True Colors. Farbe in der Fotografie von 1849 bis 1955. Mit
Beiträgen von Kitti Baráthová, Jana Blaško Križanová, Anna Hanreich, Astrid Mahler, Hanna Schneck und einem Vorwort von Ralph Gleis. Hirmer Verlag München / Albertina Wien. 200 S. Deutsch / Englisch, ill., € 49,90
Wie kam die Farbe in die Fotografie ? Diese Frage beschäftigt den neuen Direktor der Grafischen Sammlung Albertina, Ralph Gleis. Er widmete den Anfängen der Farbfotografie gleich seine erste Ausstellung. Im Vorwort zur Begleitpublikation schreibt er: Hinter der Frage steht eine weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende Entwicklungsgeschichte, die sich in vielfältigen Verfahren manifestierte und unterschiedlichste Werke hervorgebracht hat. Die frühesten Fotografien existieren nur als Unikate und in geringer Stückzahl. Anfang des 20. Jahrhunderts erfreute sich das erste kommerziell erfolgreiche Verfahren einer breiteren Nutzung und revolutionierte die Farbfotografie ein erstes Mal.
Um 1815 erfand der französische Jurist Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) die Papierfotografie. Das älteste erhaltene "Direktpositiv" datiert aus dem Jahr 1826 und zeigt den Blick aus seinem Arbeitszimmer. In der Frühzeit behalf man sich mit händischer Kolorierung. Ab Ende der 1840er Jahre experimentierten Fotografen mit farbigen Lichtbildern, die jedoch teuer und nur von Spezialisten herzustellen waren. Der entscheidende Schritt gelang 1907 den Brüdern Auguste und Antoine Lumière, die schon 1895 den Kinematographien erfunden hatten. Endlich konnte man mit nur einer Aufnahme und wenigen Entwicklungsschritten Fotografien in Farbe erhalten, die sich großer Beliebtheit erfreuten, schreibt Ralph Gleis. Die "Autochrome" waren Glasdiapositive, die nur im Durchlicht betrachtet werden konnten. "Piktoralisten" etablierten die Fotografie als eine der Malerei ebenbürtige Kunstform.
Unter den ungehobenen Schätzen der Albertina befindet sich die 2000 Objekte umfassende historische Sammlung der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Diese Dauerleihgabe enthält Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts, Kameras und eine Fachbibliothek. Josef Maria Eder (1855-1944) war Gründungsdirektor der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Fotografie und Reproduktionsverfahren (Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, "die Graphische"), der er 1888 bis 1922 vorstand. Mit seinen praxisorientierten Forschungen und Publikationen erlangte Eder Weltgeltung. Die Versuchsanstalt leitete der Fotochemiker Eduard Valenta (1857-1937). Gemeinsam forschten die beiden Direktoren über orthochromatische Fotografie und Farbstoffe. Valenta wandte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts den verschiedenen Farbrasterverfahren zu, die neu auf dem Markt kamen und ein erstes Mal die Farbfotografie revolutionierten. (Anna Hanreich) Der Dritte im fotografischen Dreigestirn war Arthur Freiherr von Hübl (1853-1932), Chemiker am k. k. militärgeographischen Institut. Unter anderem veröffentlichte er ein Überblickswerk zur Dreifarbenfotografie. Seine Sammlung an Instrumenten und Bildern überließ er der Graphischen. Mit seiner Kollektion lassen sich die Entwicklungsphasen der Farbfotografie zu nachvollziehen. Joseph Maria Eder, Eduard Valenta und Arthur von Hübl waren in Wien jene Wissenschaftler, die sich ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit grundlegenden Bereichen der frühen Farbfotografie auseinandersetzten. … Der einzigartige Bestand an historischen Farbfotografien der "Graphischen" zeigt eindrücklich, welch große internationale Bedeutung diese Institution als Forschungsstätte einnahm. (Anna Hanreich)
Einen Meilenstein in der Drucktechnik bildete die 1837 in Paris erfundene Chromolithographie. Ihr Siegeszug ermöglichte die Vermarktung und Distribution von Kunst und Illustration in allen Bevölkerungsschichten. Ähnliches sagte man auch der Fotografie nach und so verbanden sich diese beiden Techniken rasch miteinander, um sich in der Kombination die Vorteile der jeweils anderen zunutze zu machen, schreibt Hanna Schneck. Das Flachdruckverfahren der Chromolithographie beruht auf dem Prinzip von farbaufnehmenden und -abweisenden Flächen. … Ihren Höhepunkt erreichte die Chromolithographie schließlich gegen Ende des Jahrhunderts mit dem Druck künstlerischer Plakate. Die Verlage erhofften sich davon eine Demokratisierung der Kunst. 1895 erschien eine Mappe mit Lichtdrucken von Handzeichnungen Alter Meister aus der Albertina. Doch diese Faksimiles waren von den Originalen noch weit entfernt. So versuchte man mit der Wahl des Papiers oder sogar Seide die Qualität zu steigern. Ein interessantes Beispiel ist ein Buch mit 100 Tafeln orientalischer Teppiche des Österreichischen Handelsmuseums aus den 1890er Jahren.
Mit der 1903 von den Brüdern Lumière patentierten Autochrometechnik beschäftigt sich die Ausstellungskuratorin Astrid Mahler. Sie beginnt mit einem Zitat aus der Österreichischen Photographen-Zeitung. Nun ist das schier Unglaubliche doch zur Tatsache geworden, in einer Vollkommnheit, die auch einen Optimisten noch zu verblüffen vermag. Zeitungen verglichen die Bedeutung der Erfindung mit jener der Luftfahrt. Mit nur einer Aufnahme, Negativ- und Umkehrentwicklung erhielt man ein farbiges Glasdiapositiv. Als Motive boten sich Gegenstände an, die bunt waren und wegen der längeren Belichtungszeit ruhig blieben. Diese Kombination fand sich idealerweise im Stillleben. Anwendungsgebiete waren auch Medizin, Naturwissenschaften und Ethnologie. Es entstanden Amateurvereine von Piktoralisten, die um künstlerische Aufnahmen bemüht waren, Kurse und Projektionsabende veranstalteten. Dabei wurde ein choreografiertes Programm, untermalt von im Schnitt 100 bis 150 Autochromen angeboten. Die Graphische hielt Kurse für Externe zur Farbfotografie mit Schwerpunkt Autochromplatten ab. Die Direktoren Josef Maria Eder und Eduard Valenta forschten und publizierten zu dieser Technik und legten umfangreiche Sammlungen an. Der von der Albertina verwahrte Bestand an Autochromen liegt bei 2200 Stück.
In den 1930er Jahren stellten die Fimen Eastman Kodak (USA) und Agfa die Weichen für die massentaugliche Farbfotografie. 1936 kamen Diafilme, 1942 Farbfilme und Fotopapiere auf den Markt. Der Zweite Weltkrieg bremste die Entwicklung. In den 1950er Jahren erlebte die analoge Farbfotografie großen Aufschwung. Die wachsende Verbreitung in der privaten "Knipserfotografie" schadeten ihrem Image. Dies änderte sich erst ab Mitte der 1970er Jahre, als die ProtagonistInnen der New Color Photography in den USA die Farbfotografie nach und nach als vollwertiges künstlerisches Medium etablierten. (Astrid Mahler)
Weitere Themen des in deutsch und englisch herausgegebenen Werkes True colors sind "Chromatische Vielfalt", das Interferenz-Farbverfahren, fotomechanische Druckverfahren, subtraktive Dreifarbenfotografie, Rasterverfahren, Edeldruckverfahren und "Wege zur modernen Farbfotografie". Das faszinierende Buch enthält nicht nur neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, einen "kurzen Index der Begriffe und Techniken" und einen Katalog der rund 150 Exponate. Die Highlights werden in originalgetreuen Reproduktionen vorgestellt. "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", dieser Spruch trifft wohl nirgends mehr zu als auf das Thema dieses großartigen Buches.
