!!! Birgit Johler: Das Volkskundemuseum Wien in Zeiten politischer Umbrüche

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''Birgit Johler: Das Volkskundemuseum Wien in Zeiten politischer Umbrüche. Löcker Verlag Wien. 272 S., ill., € 29,80'' \\ \\

Die Volkskunde/Europäische Ethnologie zählt zu jenen Fächern, die ihre zweifelhafte Rolle zur NS-Zeit längst aufgearbeitet haben (z.B. in "Willfährige Wissenschaft", 1989, "Völkische Wissenschaft", 1994). Nun liegt eine wichtige Ergänzung vor. Es geht um Zeitgeschichte, die das (seit 2013 offiziell so genannte) Volkskundemuseum Wien betrifft. Die Autorin ist "eine der profiliertesten Museumsexpertinnen des Landes" (Sheconomy). Honorarprof. Birgit Johler studierte in Wien Europäische Ethnologie/Volkskunde und Romanistik. Sie war als Lehrbeauftragte und Kuratorin international tätig und leitet im neuen Heeresgeschichtlichen Museum das Referat "Ausstellungen". Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u. a. Museums- und Sammlungsforschung, Wissenschaftsgeschichte, Nationalsozialismus und Erinnerungskulturen. Das  Volkskundemuseum Wien kennt sie aus eigener Erfahrung, 2008 bis 2017 war die Ethnologin hier als Kuratorin und Redakteurin tätig. Einleitend schreibt sie:
''Das Museum wurde im Jahr 1897 als Vereinsmuseum gegründet …. ist heute das älteste und von seiner Sammlung her auch größte volkskundliche Museum in Österreich. Die ersten Jahre in der Wiener Börse untergebracht, übersiedelten die Verantwortlichen die Sammlung im Jahr 1917 an ihren heutigen Standort, das barocke Palais Schönborn im bürgerlichen 8. Wiener Gemeindebezirk. Aktuell, im Jahr 2025, wird das Haus saniert aus Mitteln des Förderaufbauplans Next Generation EU.''

1894 gründeten der Indologe Michael Haberlandt (1860-1940) und der Orientalist Wilhelm Hein (1861-1903) den "Verein für österreichische Volkskunde". Dieser zählte bald 1000 Mitglieder - Persönlichkeiten aus Adel, Politik und Wirtschaft und viele interessierte LaiInnen. Nach drei Jahren folgte die Eröffnung des "Museums für österreichische Volkskunde". Vorbilder gab es in Stockholm (seit 1874) und Berlin (1889). Der Idee "Einheit in der Vielfalt" folgend, sollte es die Bevölkerung der Habsburgermonarchie abbilden. Kaiser Karl übernahm die Patronanz. Mitten im Ersten Weltkrieg übersiedelte die nun "k.k. Kaiser Karl-Museum für österreichische Volkskunde" genannte Institution in das leer stehende Barockpalais in der Laudongasse 15-19. Das Werk Johann Lukas von Hildebrandts war zum Abbruch bestimmt. 

Adaptiert, sollte es nun zum kulturpolitischen Projekt werden, zum "Wahrzeichen der unerschütterlichen Zusammengehörigkeit aller Völker Österreichs" - wie der kaiserliche Protektor formulierte. Direktor (und seit 1911 im Staatsdienst) war von Anfang an Michael Haberlandt. 1924 folgte ihm sein Sohn Arthur Haberlandt (1889-1964) als beamteter Direktor. Als dieser im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurde, vertraten ihn dessen Frau, Sohn und Tochter. Der "familiäre Einsatz" währte fast ein halbes Jahrhundert. ''Vater und Sohn Haberlandt waren beide im politischen, sozialen und kulturellen System der jahrhundertealten Habsburgermonarchie sozialisiert worden, 1918 bewiesen sie auf institutioneller Ebene rasche politische Anpassungsfähigkeit.'' Die Eröffnung der Schausammlung des nun "Museum für Volkskunde" genannten Hauses, 1920, fiel schon in die Zwischenkriegszeit.

Hohe Vertreter des Unterrichtsministeriums und der Stadt Wien saßen in den Vereinsgremien. Als Vizepräsident fungierte der sozialdemokratische Nationalratsabgeordnete und Stadtschulratspräsident Otto Glöckel (1874-1935). In den letzten Jahren des Roten Wien war der Stadtschulrat neben dem Unterrichtsministerium , der Stadt Wien und der Handelskammer der wichtigste ideelle Kooperationspartner des Museums. Volkskunde wurde zum Lehrfach an Pflichtschulen, für die LehrerInnen gab es "volkskundliche Kurse"  und die PädagogInnen sollten am Prestigeprojekt  "Atlas der deutschen Volkskunde" mitarbeiten. 

Das Museum kooperierte nicht nur mit dem Roten Wien, sondern auch mit "Black Vienna" (Janek Wassermann). ''Haberlandts "Volksgemeinschaft" … fügte sich in diese von der christlich-konservativen Politik proklamierte "organische Gemeinschaft". … Seine Bemühungen um das "volkstümlich Schöne" können als kompensierende Anleitungen für das Leben in einer permanent spannungsgeladenen Stimmung in der Großstadt Wien verstanden werden …'' Während - durch die Kooperation mit unterschiedlichsten Vereinen - das öffentliche Interesse am Museum und der dort gezeigten "deutschen Volkskultur" stieg, erreichten die finanziellen Mittel einen Tiefstand, man erwog sogar die Liquidation. Scheinbare Hilfe kam von Vereinen wie der "Österreichischen Heimatgesellschaft" und dem deutschen Schulverein Südmark. Zunehmend beeinflussten völkisch gesinnte Gruppen die inhaltliche Ausrichtung des Museums. Dabei spielte - wie schon im 19. Jahrhundert - die sogenannte Volkskunst eine wesentliche Rolle.

Arthur Haberlandt engagierte sich international in der "Volkskunstforschung". Das Museum wurde in den 1970er Jahren zum Zentrum angewandter Volkskunde. Dies entsprach perfekt der "Österreich-Ideologie" der Regierungen Dollfuß und Schuschnigg. ''Es waren gerade die "deutsch-österreichischen" Sammlungen mit ihren "Volkskunst"-Objekten, die das Museum für das neue politische System besonders interessant machten. Sie erwiesen sich als prädestiniert, Österreich zu propagieren und das "Österreichische" zu stützen, wieder herzustellen und zu repräsentieren. Insbesondere "Tracht" als spezifisch zuordenbare Kleidung für ein bestimmtes Kollektiv, die weihnachtliche Krippe als Ausdruck des Katholizismus alpenländischer Prägung oder auch das Bauernhaus mit seinem zentralen Raum der Geselligkeit, der Stube, erhielten in diesen Jahren spezifische kulturpolitische Aufladung und dienten der Politik als Folie für das Verhandeln von Identität''. Wie die Autorin belegt, ist "Tracht" als Großstadtphänomen der 1930er Jahre aus der Perspektive von "Fund und Erfindung" zu begreifen. Vereinsangehörige und SommerfrischlerInnen fanden Gefallen an Dirndl und Lederhose. Offizielle Landestrachten wurden vorgestellt, am Museum fanden Trachtenberatungen statt, wurden Richtlinien und Beglaubigungsmarken vergeben. Einschlägige Textilgeschäfte gewährten ihm Umsatzbeteiligungen. 

Ein großes Kapitel ihres - auch für "Laien" überaus aufschlussreichen - Buches widmet Birgit Johler ihrem speziellen Forschungsfeld: ''Das Volkskundemuseum im Nationalsozialismus''. Sie spricht von einem "nahtlosen Übergang". Der Volkskunde-Verein wurde nicht aufgelöst und Arthur Haberlandt behielt seine Position als Direktor. Im April 1938 legte er sein Konzept für ein "Haus des deutschen Volkstums im Donauosten" in den Hofstallungen und dessen Verstaatlichung vor. Dokumente im Museumsarchiv zeugen "von einer äußerst regen Sammel- und auch Forschungstätigkeit zu Beginn der NS-Zeit". Bei der "Entsiedlung" von 40 Ortschaften um Döllersheim wurden 90 Objekte erworben, Fragebogen ausgefüllt und 200 Fotos angefertigt. Arthur Haberlandt war ''zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Für "Notverkäufe" … und "Sicherstellungen jüdischer Sammlungen" … suchte er bei staatlichen Stellen um finanzielle Unterstützung an. '' Die Mittel wurden großzügig gewährt und die Sammlungsankäufe verzehnfachten sich. Haberlandt erwarb Judaica-Objekte, auch die ihm bestens bekannte Sammlung von Anna und Konrad Mautner.

Sein Aktionsradius erstreckte sich weit über Österreich hinaus. In Polen sollte er Sammlungen "begutachten". Ab 1941 war er als "Sachverständiger" im "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" am ''größten systematischen Kunst- und Kulturdiebstahl in der Geschichte'' involviert. Es folgten "Einsätze" in Litauen, Lettland und Estland, Serbien und Griechenland. Gleichzeitig behielt er die  Leitung des Wiener Museums. ''Haberlandts wissenschaftliche Arbeiten waren stets eingebunden in die NS-Volkskunde und damit Teil einer rassistischen Bevölkerungs- und Raumpolitik. Letzten Endes wusste Haberlandt das NS-Regime mit seinen Strukturen und Möglichkeiten auch für seine eigenen Forschungs- und Sammlungsinteressen optimal zu nutzen. '' Erst am 26. Oktober 1945 wurde Arthur Haberlandt vom Dienst enthoben.\\ \\



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