!!! Johannes Sachslehner: Zwischen Pflicht und Prunk

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'' Johannes Sachslehner: Zwischen Pflicht und Prunk. Leben in Wiener Palais. Molden Verlag Wien. 240 S., ill., € 32,-'' \\ \\

Johannes Sachslehner hat recht. Angesichts der Stadtbildverluste wünscht man sich einen Zauberspiegel, der die verschwundenen Wiener Palais wieder erstehen lässt. Weil es aber beim Wunsch bleiben muss, hat der Autor sein jüngstes Werk neun - mehr oder weniger bekannten - Palais und ihren Bewohner*innen gewidmet. Vor allem über die "*innen" weiß er vieles zu berichten - ''Verborgenes, Verdrängtes und kaum Bekanntes.'' Die Auswahl beschränkt sich nicht auf die Innenstadt: Palais Coburg, Larisch-Moennich, Mollard-Clary, Todesco, Lieben-Auspitz, Vrints zu Falkenstein, Hohenlohe-Bartenstein, Szeps und Kranz.

Der Autor, Historiker und Verlagslektor, ist einer der wenigen profunden Kenner Wiens, der sich seinen Themen seriös nähert und sie gekonnt in Geschichten verpackt. Zuletzt erschienen von ihm [Wiener Villen und ihre Geheimnisse|Kunst_und_Kultur/Bücher/Bücher_über_Österreich_2023/Bouchal_-_Villen] (2023),  [Wiener Hotels und ihre Geheimnisse|Kunst_und_Kultur/Bücher/Bücher_über_Österreich_2024/Sachslehner_-_Hotels] (2024) und [Jeder Platz ein Geheimnis|Kunst_und_Kultur/Bücher/Bücher_über_Österreich_2025/Sachslehner_-_Plaetze] (2025). Wenn er sich jetzt den Palais widmet, dann geht es nicht nur um die Gebäude, sondern noch mehr um die Menschen, die sie bewohnten. 

Viel spannender als die Kunstgeschichte findet der Historiker das soziale Gefüge dahinter. ''Mit kritischen Augen auf die Erste Gesellschaft blickend, wird man feststellen müssen: Der Zirkel der Hocharistokratie , bestehend aus einigen Hundert Familien, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend zum Anachronismus. … Man grenzte sich ab von den Emporkömmlingen der Zweiten Gesellschaft und schloss sich im engsten Kreis zusammen.'' Beiden gemeinsam war aber eine "verborgene Parallelwelt", die der Autor einleitend vorstellt. ''In allen städtischen Haushalten zusammen waren in Wien im Jahr 1890 mehr als 91.000 Dienstboten tätig, davon waren 94 Prozent weiblich - das bedeutete, dass jede achte Frau der Haupt- und Residenzstadt ihren Lebensunterhalt als Dienstmädchen verdiente. ''Außer Kost und Logis sowie eventuellen Zulagen verdiente eine  Köchin im Jahr 400 Kronen (ca. 3.000 €), ein Stubenmädchen 300, ein Kindermädchen 200 Kronen.

Dienstboten in noblen Haushalten lebten ''unter demselben Dach, aber in einer anderen Welt.'' Bei den bedeutendsten Adeligen lag die Zahl der Bedienten bei 50 bis 120 Personen. Fürst Schwarzenberg beschäftigte 124 Domestiken, im Stadtpalais Liechtenstein waren es 76. Es überrascht nicht, dass männliches Personal besser bezahlt wurde als weibliches. ''Ein Reitknecht des Fürsten Schwarzenberg verdiente im Vormärz immerhin zwischen 504 und 560 Gulden im Jahr, ein Reitschulputzer noch immer mindestens 492 Gulden.'' Es ist auch kein Geheimnis, dass weibliche Dienstboten den Avancen der gnädigen Herren schutzlos ausgeliefert waren - dagegen wurde den Mädchen empfohlen, zu kündigen. Ansonsten aber galt die Empfehlung "Erfüllte Pflicht macht froh Gesicht". 

Das erste Palais, hinter dessen Kulissen das Buch blickt, ist das ''Palais Coburg, das von 1840 bis 1845 erbaut wurde und als Lost Place zu enden drohte.'' Der Bauherr, Prinz Ferdinand Georg August von Sachsen-Coburg-Saalfeld-Koháry (1785-1851) war einer der größten Grundeigentümer Mitteleuropas. Dass die teure "Spargelburg" anfangs lange leer stand, spielte keine Rolle. Salomon Rothschild und der Bankier Georg Sina sollen an einem Kauf Interesse gehabt haben, doch kam das nicht zu Stande. Als Louise von Belgien, die Tochter des Königs, nach ihrer Ehe mit ihrem Cousin Prinz Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha einzog, fühlte sie sich dort nicht wohl. Sie vermisste den gewohnten Komfort und hasste ihren Mann. Die junge Braut war die Schwester der Gemahlin Kronprinz Rudolfs, Stephanie. Mit den beiden soll sie "eine Art Dreieck" gebildet haben und war auch sonst gut für Skandale. Mit ihrem Geliebten Geza von Mattachich fälschte sie Unterschriften. Er musste in der Militärstrafanstalt eine Kerkerstrafe verbüßen, sie wurde in eine Nervenheilanstalt eingeliefert und von ihrem Freund entführt - ''eine europäische Sensation''.

In Adelsfamilien war das oberste Ziel die Erhaltung der Dynastie. Dafür nahm man (aber vor allem frau) Nachteile in Kauf. Obwohl oft gebildeter als ihre Männer, konnten sich die meisten Damen - der Ersten und auch der  Zweiten Gesellschaft - nicht intellektuell verwirklichen. ''Für viele Frauen wurde Krankheit zur einzig möglichen Art von Karriere, die Flucht in den Wahnsinn zum letzten Ausweg mit ihrer nicht lebbaren Kreativität fertig zu werden'', zitiert Johannes Sachslehner, und schreibt, dass die Frauen der Familie Lieben am Konflikt ihrer Doppelrolle als großbürgerliche, zum Nichtstun verdammte Damen und ihren Ambitionen als Künstlerinnen und Schriftstellerinnen gescheitert wären. Sigmund Freud fand in Anna von Lieben (1847-1900) eine prominente Patientin. Er nannte "Cäcilie M." später seine "Lehrmeisterin" in Bezug auf Hypnose und Hysterie. Trotzdem beschrieb er sie als '' eine vornehme, genial begabte Hysterika, die mir überlassen worden war, weil man nichts mit ihr anzufangen wusste.'' Der Psychoanalytiker betrachtete sie als "Forschungsgegenstand" und "erfolgreichen Fall." Doch konnte davon keine Rede sein, erst ihre Nachfahren wurden berühmt. Anna Liebens Sohn, Robert, erfand die Lieben-Röhre und vermarktete seine Patente gut. Ihr Urenkel Martin Karplus (1930-2024) erhielt 2013 den Nobelpreis für Chemie. 

In der Nähe der Strudlhofstiege in Wien 9 befinden sich zwei bemerkenswerte Palais. Das seit den 30 er Jahren schwedische Botschaftsgebäude ließ sich Moriz Szeps (1835-1902)erbauen. Er ''war in Europa der berühmteste internationale Journalist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts'' und sein Palais ''einst der Dreh- und Angelpunkt der oppositionellen Politik rund um Kronprinz Rudolf.'' Johannes Sachslehner fasst die journalistische Karriere von Szeps als "ein Zeitungsmann nach amerikanischem Begriff" zusammen. Seine Tochter Berta, verehelichte Zuckerkandl (1864-1945), trat als Kulturredakteurin in die Fußstapfen des Vaters. Das luxuriös ausgestattete Domizil mit einem großen Park entstand nach Plänen des prominenten Ringstraßenarchitekten Ludwig Tischler. Als das unweit davon gelegene Palais Althan-Pouthon (ein Werk Fischer von Erlachs) 1869 demoliert wurde, erwarb Szeps die Deckengemälde für sein 1878 bezogenes Haus, in dem er glanzvolle Feste veranstaltete. 

Einige Jahre älter ist das benachbarte Palais Kranz. Seine markante Fassade - mit Jugendstilornamenten, Portraits des Besitzers und dem Monogramm " K" - stammten vom Secessions-Mitbegründer Friedrich Ohmann. Dr. Josef Kranz (1862- 1934) ''war eine der schillerndsten jüdischen Unternehmerfiguren seiner Zeit''und einer der reichsten Wiener. Der Advokat erwarb er sein Vermögen durch Spekulation und Beteiligungen. Zu den Branchen zählten u. a. Holzverarbeitung, Elektrizitätswerke und Chemische Industrie. Die Geschäftsführung des von ihm gegründeten Spiritus-Kartells befand sich im Palais von Josef Kranz. Auch seine Affären waren Stadtgespräch. Die Schriftstellerin Regina Kaus, geb. Wiener, verw. Zirner, später verehel. Kaus bzw. Frischammer (1893-1985), zog als "Adoptivtochter" bei dem 31 Jahre Älteren ein und blieb drei Jahre. Sie pflegte Kontakte zu Wiener Literaten wie Franz Blei und Franz Werfel. Dieser schilderte das Leben von Kranz und Kaus verfremdet in seinem Roman "Barbara oder die Frömmigkeit". Darin charakterisiert er den Bankdirektor, Kartelldirektor, Kunstsammler und Heereslieferanten als "eigenmächtige und gestaltungsfrohe Natur." Mitte der 1920 er Jahre verschlechtere sich die wirtschaftliche Lage des einst so erfolgreichen Unternehmers. 1933 wurde seine Kunstsammlung versteigert, 1934 auch das Gebäude. Josef Kranz starb noch im selben Jahr. Seine Schulden lagen bei umgerechnet 1,53 Mio. €. ''Heute teilen sich zahlreiche private Wohnungseigentümer das ehemalige Palais … Geblieben sind die vielen "K" an der Fassade seines ehemaligen Domizils, aber dieses Geheimnis wissen nur mehr wenige zu deuten.'' \\ \\
 










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