!!! Gudrun Sailer: Österreich in Rom
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'' Gudrun Sailer: Österreich in Rom. Ein Institut und seine Menschen. 24 Interviews. Böhlau Verlag Wien. 160 S., ill. € 35,- '' \\ \\
Obwohl es nicht eigens erwähnt wird: 2026 ist ein mehrfaches Jubiläumsjahr des Österreichischen Kulturforums in Rom. Vor 145 Jahren genehmigte Kaiser Franz Joseph die Gründung des historischen Forschungsinstituts ''Istituto austriaco di Studii Storici''. Vor 90 Jahren wurde in Rom auf einem von Italien geschenkten Grundstück das Österreichische Kulturinstitut mit angegliederter Historischer Sektion errichtet. Es ist heute als "Haus der 100.000 Bücher" bekannt. Vor 75 Jahren kehrte die größte Österreichische Bibliothek im Ausland an ihren angestammten Patz zurück. Seit 45 Jahren befinden sich zwei Institute unter einem Dach: das Österreichische Historische Institut (ÖHI) und das - seit einem Vierteljahrhundert so genannte - Österreichische Kulturforum Rom. Sie werden vom Außenministerium zusammen mit dem Wissenschaftsministerium und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften betrieben.
Gute Gründe, den beiden Institutionen eine Publikation zu widmen. Autorin ist die Literaturwissenschaftlerin Gudrun Sailer, die mit ihrer Familie in Rom lebt und als Redakteurin bei ''Vativan News'' arbeitet. Sie hat in ihrem Buch 24 Interviews versammelt, um "das Institut und seine Menschen" beispielhaft vorzustellen. Sie kommen je zur Hälfte aus den Bereichen Kunst und Kultur bzw. Wissenschaft. Zwei Drittel der GesprächspartnerInnen sind lebende Personen, bei einem Drittel handelt es sich um fiktive Interviews. ''Fiktiv bedeutet aber nicht frei erfunden'', schreibt der Historiker und Politologe Andreas Gottsmann, der seit 2013 das ÖHI in Rom leitet, und : ''Spätestens seit dem Barock haben viele österreichische, bildende Künstler oft mehrere Jahre in der Ewigen Stadt verbracht, hier künstlerische Erfahrungen gewonnen und diese in die Heimat getragen und dort weiter entwickelt. Mit der Öffnung der Vatikanischen Archive und der Gründung des ''Istituto austriaco di Studii Storici'' kamen 1881 die Historiker und später auch Kunsthistoriker und Archäologen dazu.'' Der Anhang umfasst u. a. eine Zeittafel und eine Liste der DirektorInnen.
Gründungsdirektor des Instituts war der Historiker Theodor von Sickel (1826-1908). Der preußische Protestant leitete in Wien das österreichische Institut für Geschichtsforschung. Es gelang ihm, den Kaiser für die "geschichtliche Durchforschung der vatikanischen Archive" zu interessieren und von Franz Joseph 4.000 Gulden Startkapital zu erhalten. Nach Sickel wurde Ludwig von Pastor (1854-1928), ebenfalls Deutscher, aber zum Katholizismus konvertiert, Direktor. Er machte sich als Verfasser der 16-bändigen Papstgeschichte, die noch heute als Standardwerk gilt, einen Namen. Pastor leitete das Institut ab 1901 und formell auch während der Schließung im Ersten Weltkrieg. 1920 kehrte er als österreichischer Gesandter beim Heiligen Stuhl nach Rom zurück. Als Institutsdirektor folgte ihm der Tiroler Ignaz Philipp Dengel (1842-1947) von 1929 bis 1938 - in einer Zeit dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche. In seine Amtszeit fiel der Bau des repräsentativen Hauses an der Viale Bruno Buozzi. Sein Architekt war der Bauhistoriker, Denkmalpfleger, Dombaumeister und Professor der Technischen Universität Karl Holey (1879-1955). Von ihm stammen in Österreich vorwiegend Kirchen und kommunale Wohnbauten. ''Er zählt zu jenen Architekten, die ihre Bauten als Reaktion auf die jeweiligen Umstände und Bedürfnisse sachlich und proportioniert gestalteten.'' (Architekturlexikon). In Rom verwirklichte Holey ein modernes österreichisches Haus mit römischen Anklängen, eine Landvilla aus roten Ziegeln und weißem Travertin, mit Garten. Wiener Meisterbetriebe besorgten die von ihm entworfene Innenausstattung.
Außer diesen Persönlichkeiten läßt die Autorin noch das Kunsthistoriker-Ehepaar Hans Tietze (1880-1954) und Erica Tietze-Conrat (1883-1958) und den "Wahlrömer" Heinrich Schmidinger (1916-1992) fiktiv zu Wort kommen. Die beiden Kunsthistoriker bildeten ein "Tandem beim Forschen und Schreiben". Sie waren europaweit tätig und publizierten ab 1906 die zwölfbändige Österreichische Kunsttopographie, katalogisierten Werke von Dürer und venezianische Zeichnungen. Nach dem Exil in den USA kehrten sie nicht mehr nach Wien zurück. Der Oberösterreicher Heinrich Schmidinger, in jungen Jahren Benediktiner in Kremsmünster, wurde im Zweiten Weltkrieg eingezogen. Danach studierte er Kirchengeschichte und arbeitete in der Vatikanischen Bibliothek. Rom wurde ihm zum Schicksal. Er gründete ein Familie und leitete von 1968 bis 1981 das Österreichische Kulturinstitut. In dieser Funktion folgte ihm 2002 bis 2007 sein jüngster Sohn, der Diplomat Andreas Schmidinger (* 1959). Das chronologisch letzte fiktive Interview ist Renate Wagner-Rieger (1921-1980) gewidmet. Sie war der erste weibliche ordentliche Professor für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Ihr ist die Wertschätzung des Historismus zu danken, sodass die Ringstraßenarchitektur als "geradezu mitteleuropäisches Markenzeichen" gilt. Ihre Ringstraßen-Dokumentation umfasst 17 Bände. In den 1950er Jahren forschte sie dank des ÖHI in Italien. Dabei entdeckte sie bei Pompeji das vergessene Zisterzienserkloster Real Valle aus dem 13. Jahrhundert.
Im Buch folgen nun die Interviews mit ZeitgenossInnen, die als Direktoren (Klaus Wölfer, Andreas Schmidinger, Christoph Meran, Richard Bösel), Sekretärin (Pauline Bolzoni), Schriftstellerin (Brita Steinwendtner), Bibliothekar (Christoph Ludwig), Mediävist (Werner Maleczek), Historiker (Brigitte Mazohl, Bernhard Zeller), Kunsthistoriker (Claudio Strinati), Germanist (Franz Haas), Archäologin (Ulrike Outschar), Künstlerin (Regina Hübner) oder Gebäudemanager (Attilio Lattini) dem Haus verbunden sind. Als "Ermöglicherin" wird die Vizedirektorin Hermine Aigner vorgestellt. Nach Studium und Kulturjournalismus wollte die Oberösterreicherin etwas Neues machen und war von Italien fasziniert. Die Bewerbung beim Kulturforum funktionierte perfekt. Aigners Studienfach, Volkskunde, war eine ideale Voraussetzung: ''Heute nennt man das Fach Europäische Ethnologie, es geht um Alltagskultur, speziell der mittleren und unteren sozialen Schichten. Das schult den Blick für unterschiedliche Lebensrealitäten, und man gewinnt Respekt vor dem Alltag anderer Menschen. Bei der Arbeit hilft mir das, weil ich gelernt habe, nicht so schnell zu urteilen, sondern hinzusehen, zuzuhören. Das braucht man, wenn man mit Kreativen arbeitet, wie auch mit Behörden, Instituten und Partnern aus verschiedenen Kontexten.'' Das letzte fiktive Interview führte die Autorin mit der "erfundenen Besucherin" Domitilla Conti. Ihr legt Gudrun Sailer im Hinblick auf Europa und den Frieden das Schlusswort in den Mund: ''Dass Österreich da mitspielt, weil es viel zu geben hat, darauf freue ich mich.'' \\ \\
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