!!! Rudolf Simek: Drachen und Lindwürmer
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'' Rudolf Simek: Drachen und Lindwürmer im europäischen Mittelalter.
Böhlau Verlag Wien. 292 S., ill., € 39,-'' \\ \\
Drachen haben Konjunktur - und hatten sie eigentlich schon "immer". Sumerer und Babylonier kannten ebenso wie biblische und antike Autoren drachenartige mythologische Wesen. Manche tragen klingende Namen, wie Leviathan, Behemot, Rahab, Fafnir, Tradinno oder Elliot. Sie zieren Wappen, Bücher und den öffentlichen Raum. Aber die "fabelhaften Wundertiere" haben nie gelebt. Der österreichische Philologe, Mediävist und Theologe em. Univ. Prof. Rudolf Simek hat den Monstern sein jüngstes Buch gewidmet. ''Der Drache ist fest in unserer Vorstellung verankert, sträubt sich aber einer näheren Definition. … Er steht für das Böse, oft sogar für den Teufel selbst, und muss von Helden, Rittern und Heiligen bekämpft werden.''
Schwerpunktmäßig beschäftigt sich der Autor mit den Drachen, Lindwürmern und ähnlichen furchterregenden Figuren des europäischen Mittelalters. Im Gegensatz dazu gelten Drachen in Südostasien als positive Symbole. Auch in der Vorstellungswelt amerikanischer und ozeanischer Völker existieren Monster. Aber dazu wäre das Untersuchungsfeld sogar für ein umfassendes Buch wie dieses zu groß.
Das Ungetüm zeigt sich so vielgestaltig wie die Phantasie seiner Erfinder. In Europa und im Nahen Osten gibt es seit Jahrtausenden über Drachen und drachenartige Schlagen unterschiedliche Vorstellungen: ein Schädel mit langer Schnauze, markanten Zähnen und hervorstehenden Nüstern, ein gepanzerter, langgestreckter Körper, ohne oder mit zwei bis vier kurzen Beinen, deren Tatzen Krallen tragen. Vogel- oder Löwenköpfe wurde ihm ebenso angedichtet wie (Fledermaus-)Flügel und lange, starke Schwänze. Ebenso variieren Farben und Größe - vom Schoßhündchen bis zu vielen Metern.
Dinosaurier können keine Vorbilder gewesen sein. Sie sind vor 66 Millionen Jahren ausgestorben, während der Ursprung des Homo sapiens rund 300.000 Jahre zurückliegt. Fossilien spielen keine große Rolle, obwohl der im 14. Jahrhundert in Kärnten gemachte Fund des Schädels eines Wollnashorns zum Vorbild für den Klagenfurter Lindwurm wurde. Die Figur des Basilisken begleiten Sagen in Wien, Basel, Warschau, Aachen, Regensburg und anderen Städten. Das Wiener Exemplar hätte "glühende Augen" gehabt. Außer dem bösen Blick konnten die Monster durch Feuer oder Wasser speien gefährlich werden.
Der Drache bzw. die Schlange als Teufel ist aus der biblischen Erzählung des Sündenfalls bekannt. Auch in der Johannesapokalypse findet sich diese Identifikation. Der Drachenschlund als Höllentor erscheint auf dem Verduner Altar in Klosterneuburg und Fresken. ''Die Interpretation des Drachens als Teufel bot in der Missionszeit, als sich das Christentum vom römischen und dann dem fränkischen Reich aus nach Westen, Norden und Osten zu Germanen und Slawen ausbreitete, einen idealen Anknüpfungspunkt an einheimische Narrative.'' Als heilige Drachentöter fungieren der Erzengel Michael, Georg, Margarete und Papst Silvester, doch sind noch viele andere bekannt. ''Hierbei steht der Drache aber meist nicht nur für den Teufel selbst, sondern allgemeiner für den Paganismus, dessen Überwindung in missionarischer Absicht als Sieg über den Drachen stilisiert wird.''
Rudolf Simek unterscheidet vor allem drei Typen von Drachenkämpfern: Die germanischen Helden des frühen Mittelalters, die Artusritter der Hochmittelalters und die christlichen GlaubensheldInnen. ''Der Drache war im Mittelalter nicht nur ein reines Fabeltier … in Form von zahlreichen Gegenständen des täglichen Gebrauchs, von durchaus präsenten Bildwerken wie den Wasserspeiern gotischer Bildwerke bis hin zu Wappentieren waren die Drachen wohl viel gegenwärtiger, als wir das heute auf den ersten Blick vermuten würden.'' Die Wikinger nannten ihre größten Kriegsschiffe Drachen. Drachenhäupter zierten den Abschluss des Schiffsrumpfs. Wasserspeier an Kirchen hatten neben der praktischen Funktion auch apotropäischen Charakter. Drachen als Feldzeichen kannten schon die Römer, von denen sie byzantinische Kaiser, Karolinger und Engländer übernahmen. Wasserkännchen (Aquamanilien) mit Auszier durch Fabelwesen kamen nach den Kreuzzügen in Mode. Auch repräsentative Trinkhörner waren mit Schlangen- und Drachenmotiven verziert. In der Alchemie und Astronomie spielten Drachen ebenso eine Rolle wie als Wappentier. In der Heraldik finden sich weiße, rote, grüne goldene, schwarze und weiße Drachen. Ihre Bedeutung ist nicht wie sonst negativ, sondern steht für "stark", wachsam" oder "gefährlich".
Ein weiteres Kapitel ist ''Der Drache in seinem Habitat'' übertitelt. ''Dass Drachen ihr Lager und ihre Schätze in natürlichen unterirdischen Höhlen haben sollen, belegen praktisch alle mittelalterlichen Texte'' seit dem 4. Jahrhundert. Drachenhöhlen spielen eine wesentliche Rolle, besonders wenn sie als Versteck für Gold dienen. ''Im süddeutschen Raum treten dazu noch die als Drachenlöcher bezeichneten Höhlen, so etwa das Drachenloch auf der Drachenwand bei St. Lorenz am Mondsee, das Drachenloch von Grödig bei Salzburg …'' Solche Bezeichnungen sind oft älter als die heute bekannten Sagen. In den alpinen Sagen scheinen Ochsen das beliebteste Futter für Drachen gewesen zu sein, doch verschlingen die Raubtiere auch Hirschen, Schafe und Menschen. Alpine Drachensagen siedeln die Untiere gerne in abgelegenen Bergseen an, von wo aus sie ihre Umgebung terrorisieren. Als natürliche Feinde der Drachen gelten neben Helden und Heiligen Löwen, Elephanten, Hirschen, Panther, Greifen und Riesen. ''Der Kampf eines Drachen mit einem Riesen findet sich in der Gründungssage des Prämonstratenserstiftes Wilten Das Gebäude wurde immer wieder von einem Drachen zerstört, wobei es sich wohl um die Personifikation des Flusses Sill handelte, der Überschwemmungen und Murenabgänge verursachte. Das Stiftsmuseum bewahrt die Reste der "Drachenzunge", bei der es sich um den Teil eines Schwertfisches handelt.
Schließlich behandelt der Autor die ''Drachen in der Gegenwart''. Er zitiert Doderers Novelle "Das letzte Abenteuer" (1953). Darin erlegt ein spanischer Ritter wegen der Werbung um eine Herzogin einen Lindwurm. Der Ritter ist aber letztlich von seinem Tun nicht mehr überzeugt, ''sodass der Drache hier für ein schon fast untergegangenes Mittelalter steht und … als letztes Exemplar eher Anlass zur Trauer als zur Kampflust gibt.'' In Wiener und Linzer Grottenbahnen kann man in drachenförmigen Wagen fahren. "Lenzibald" führt als Grottenbahndache auf den Pöstlingberg. Moderne Drachendarstellungen findet man in Deutschland (z. B. Drachenfels bei Bonn, Wachtberg) und Polen (Krakau) In Mons im Belgien wird bei einem kirchlichen Volksfest Georgs Drachenkampf inszeniert. Seit 2005 zählt das Schauspiel zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Ein ähnliche Spektakel bekommt man beim "Further Drachenstich" vorgeführt. Dort wurde 2010 der hölzerne durch einen High-Tech-Drachen ersetzt. Er ist ca. 15 m lang, 4 m breit und wiegt 11 t. Ferngesteuert geht er bis zu 12 km/h schnell, kann brüllen und Feuer speien. "Tradinno" hat es als größter vierbeiniger Laufroboter in das Buch der Rekorde geschafft. Fotos zeigen entsprechend bemalte Firmenautos der "Drachenländer Brauerei" und des fiktiven "Bundesamtes für magische Wesen" (beide Deutschland). Letztlich geht das Buch auf ''Drachen heute in Literatur und Film" ein. Hier kommen Fantasy-Romane, Disney-Filme und Kinderbücher vor, bei denen "weichgespülte dialogbereite Drachen" zu schmunzelnden Kuscheltieren werden.
''Die ungebrochene Freude an diesen vielfältigen Fabelwesen ist … deutlich ablesbar und sie ist im Vergleich mit dem Mittelalter keineswegs geringer geworden,'' schreibt Rudolf Simek zu guter Letzt. Sein Buch ist wissenschaftlich aktuell und seriös, spannend, mit vielen Originalzitaten und über 100 Abbildungen versehen: eine in jeder Hinsicht anregende Lektüre.
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