!!! Barbara Sternthal: Wie wir es sehen
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'' Barbara Sternthal: Wie wir es sehen. Österreichische Künstlerinnen 1890-1938. Amalthea Verlag Wien. 256 S., ill., € 30,-'' \\ \\
Zum Einstieg überrascht die Autorin Ihre LeserInnen mit einer Frage: Woran denken sie bei "Wien um 1900" ? Wahrscheinlich fallen ihnen Gustav Klimt oder Egon Schiele ein, doch vermutlich keine Künstlerinnen, schreibt Barbara Sternthal. Die promovierte Theater- und Kommunikationswissenschaftlerin stellt fest: ''Gesellschaftlich und (auch legistisch) waren die Rollen um 1900 ebenso eindeutig wie einfach verteilt. Männer beherrschten sämtliche Terrains, Frauen waren ihnen in jeglicher Hinsicht untergeordnet. Männer schufen Kunst, Frauen standen Modell. … Frauen war der Zugang zur Akademie verwehrt und sie konnten lange Zeit auch in keinem der Kunstverbände Mitglieder werden.'' Es dauerte bis in die 1990 er Jahre, dass sich die Forschung mit der Thematik beschäftigte und diesbezügliche Ausstellungen zu Besuchermagneten wurden. Rosa Mayreder, eine der berühmtesten Streiterinnen für den freien Zugang zur Bildung war überzeugt: ''Alle Fähigkeiten, die man Frauen zuspreche oder in Abrede stelle, seien bloße Sozialisation. Frauen könnten alles genau so wie Männer - wenn man sie nur ließe und ihrer Entwicklung Raum gäbe.''
Barbara Sternthal hat elf Künstlerinnen ausgewählt, die sie kompetent in ihrem historischen Kontext, illustriert mit Fotos und Werk-Reproduktionen vorstellt: fünf Malerinnen, eine Bildhauerin, zwei Universalkünstlerinnen, je eine Architektin, Fotografin und Keramikerin. Sie wurden zwischen 1845 und 1898 geboren. Die meisten entstammten der ''wohlhabenden Wiener Haute Juiverie'', dem jüdischen Großbürgertum, das zu den Sammlern und Mäzenen zählte und den Töchtern gute Bildung ermöglichte. Viele erreichten ein relativ hohes Alter, zwei fanden in der NS-Zeit ein tragisches Ende.
Die Biographien beginnen mit der Wiener Malerin Tina Blau (1845-1916). Den Erlös ihrer ersten Ausstellung investierte sie in eine Reise nach München - und blieb fünf Jahre. Zwischendurch malte sie in Wien - u.a. die Donauregulierung -, Niederösterreich und Ungarn. 1873 stellte sie auf der Wiener Weltausstellung aus und unternahm dann mit Emil J. Schindler, Arbeits- und Studienreisen. Seine Schülerin war sie nie. Schließlich galt Tina Blau als ''die große weibliche Impressionistin Wiens.''
Eine ihrer Schülerinnen an der Münchener "Damenakademie" war Broncia Koller-Pinell (1863-1934). Barbara Sternthal schreibt: ''Broncia Koller-Pinell hat im Laufe ihres Lebens an mehr als vierzig, zum Teil wesentlichen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen, sie hat ein kontinuierlich entstandenes Oeuvre hinterlassen, das zu einem Gutteil der Wiener Secession zuzurechnen ist, sich aber ständig weiterentwickelt hat.''
Helene Funke (1869-1957) ''kam aus einem wohlhabenden bürgerlichen Elternhaus in Chemnitz in Sachsen.'' Sie verließ dieses, dreißigjährig, abrupt und gegen den Widerstand der Familie, Richtung München, wo sie sieben Jahre verbrachte. In Frankreich wurden ihr ''der Fauvismus, der Expressionismus und der frühe Kubismus Picassos ... zu einer unerschöpflichen Quelle der Inspiration … Mit Helene Funke hat eine Künstlerin in Wien gearbeitet, die enorm nahe an der internationalen Avantgarde war.''
Dies gilt auch für Helene Taussig (1879-1942), die Tochter eines der reichsten und mächtigsten Bankiers von Wien. Nach seinem Tod befreite sie sich aus ihrem goldenen Käfig, ''trat rauchend, sonnengebräunt, sportlich und burschikos auf''. Die 1930 er Jahre verlebte und arbeitete sie in ihrem Salzburger Haus. Es war ihr größter Fehler, nicht auf die warnenden Stimmen gehört und die Möglichkeit einer Emigration ignoriert zu haben.
Ganz anders als bei den bisher vorgestellten Malerinnen verlief die Vita Stephanie Hollensteins (1886-1944). Glaubt man ihrer Autobiographie, fertigte sie ihre ersten Pinsel aus Kuhschwänzen an und malte beim Viehhüten. Am Ersten Weltkrieg nahm die Vorarlbergerin als "Soldat Stephan Hollenstein" teil. Sie ist die einzige ''deren Nachlass mit über 1200 Gemälden, Aquarellen, Skizzen, Zeichnungen sowie Briefen und Dokumenten in einer mit öffentlichen Mitteln finanzierten Galerie … kritisch aufgearbeitet und archiviert wurde.''
Zu späten musealen Ehren gelangte die Bildhauerin Teresa (Fjodorowna) Ries (1866-1956). Ihre umstrittene Marmorfigur "Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht" bildet einen Blickpunkt im neu gestalteten Wien Museum. Noch 1965 fand der damalige Direktor, dass das Werk nur Depot-Platz verstelle. Teresa Ries war ''ein veritabler Star der Kunstszene''. In Moskau gab es um 1890 bereits eine Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Baukunst, die Ries besuchte. In Wien fand sie einen prominenten Privatlehrer: Edmund Hellmer. 1906 bezog die Künstlerin ihr Atelier in einem Nebengebäude des Palais Liechtenstein, Wien 9, wo sie Ausstellungen und legendäre Künstlerfeste veranstaltete.
Barbara Sternthal würdigt auch zwei Universalkünstlerinnen - Fanny Harlfinger-Zakucka (1873-1954) und Friedl Dicker-Brandeis (1898-1944). Die Autorin charakterisiert Fanny Zakucka als ''enorm talentierte und versatile Künstlerin, eine die aus einer überreichen Fantasie und Vorstellungskraft schöpfte und dabei so experimentierfreudig wie unbeirrbar und tatkräftig ihren Weg ging.'' Harlfinger-Zakucka entwarf u. a. Einrichtungsgegenstände und organisierte Ausstellungen. Friedl Dicker-Brandeis ''war eine außergewöhnliche Frau, eine in zahlreichen Disziplinen talentierte, experimentierfreudige und produktive Künstlerin.'' Von der Ausbildung her Fotografin, wirkte sie in Weimar am Bauhaus, dem ''Biotop der Avantgarde''. Walter Gropius zählte sie zu den allerbesten seines Instituts. Gemeinsam mit Franz Singer entwarf sie flexible Möbel und richtete einen Montessori-Kindergarten ein. 1942 wurde Dicker-Brandeis nach Theresienstadt deportiert. Dort leitete sie eine Malgruppe für Kinder. Die geretteten Zeichnungen gelangten in das jüdische Museum in Prag.
Die Architektin Ella Briggs (1880-1977) schloss ihr Studium an der Münchener Hochschule ab. 1920 war sie das erste weibliche Mitglied des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins. Im Roten Wien entwarf sie einen Gemeindebau mit 119 Wohnungen und ein Ledigenheim in Döbling (Heute Pestalozzi-Hof und Neunerhaus). Als Architekturfotografin und -theoretikerin wirkte sie in Italien, Berlin und Großbritannien. ''Ihre praktische Herangehensweise an das Planen und Bauen und ihre umfangreiche publizistische Tätigkeit machen Ella Briggs zu einer singulären Persönlichkeit unter den frühen Architektinnen.''
''Dora Kallmus ist sicher eine der glamourösesten und faszinierendsten Frauen in … Wien um und nach 1900''. Auf einer Frankreich-Reise entdeckte sie ihr Interesse an der Fotografie. Sie lernte bei Hans Makart jun. und an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. 1906 ließ Kallmus ihr Atelier im Gewerberegister eintragen. In der Folge und nachdem sie in Berlin ihre Kunst perfektioniert hatte, wurde sie unter dem Künstlernamen "d'Ora" zur Porträtistin höchster Kreise - bis zum Kaiserhaus - von Prominenz und Künstlern. Talent, meinte sie, brauche man zur Fotografie keines, aber Reife und ''die vier G: Geld, Geduld, Geschick und Glück.''
Schließlich widmet sich Barbara Sternthal einer weiteren Ausnahmekünstlerin, der Keramikerin und Designerin Vally Wieselthier. (1895-1945) Sie studierte bei Josef Hoffmann und Michael Powolny und war Mitglied der legendären Wiener Werkstätte. Sie arbeitete in Paris und New York und machte sich einen Namen mit (über-)lebensgroßen skulpturalen Arbeiten. 1926 schrieb Wieselthier in der renommierten Zeitschrift "Kunst und Dekoration": ''Das, war wir heute unter "Kunstgewerbe" verstehen, ist eigentlich gutes Handwerk, mit künstlerischem Geschmack ausgeführt. Ich möchte bestimmt behaupten, dass der Weg des guten Handwerks nicht, wie ich von vielen Seiten höre, aus der Kunst zum Handwerk, sondern umgekehrt aus dem Handwerk zur Kunst geht.'' \\ \\
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