!!! Johann Werfring: Auf der Nase des rosaroten Prinzen

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''Johann Werfring: Auf der Nase des rosaroten Prinzen. Wiener Scherznamen aus kulturgeschichtlicher Perspektive. Böhlau Verlag Wien. 271 S., ill. € 35,- '' \\ \\

Spitznamen sind selten schmeichelhaft. Das gilt auch für die ''Wiener Scherznamen'', die Johann Werfring in seinem jüngsten Buch ''aus kulturgeschichtlicher Perspektive'' vorstellt. Der Autor, Historiker, Weinexperte und im Sozialbereich tätig, war langjähriger Kulturpublizist der "Wiener Zeitung", wo er u. a. ''das Wien Quiz'' gestaltete. Bedauerlicherweise wurde die älteste Tageszeitung der Welt 2023 nach 320 Jahren eingestellt. Nun findet das reiche Wissen des Autors auf andere Weise Niederschlag. Für dieses Buch hat er 170 Ausdrücke zusammengetragen und in 15 Kapiteln referiert. Auswahl und Gewichtung sind immer subjektiv. Jeder Autor wird gute Gründe dafür haben. So wäre auch hier manches verzichtbar gewesen oder hätte kompakter behandelt werden können.

''Die im Buchtitel aufscheinende Periphrase für den steilen Abhang des Wiener Leopoldsbergs, namentlich "die Nase" ruft per se schon lustige Assoziationen´hervor … Es ist eine herrliche Fügung, dass diese ausgerechnet mit einer schillernden historischen Persönlichkeit in Verbindung steht, deren Scherzname nicht minder ergötzlich ist.'' Es geht um den Wanderweg auf den 425 m hohen Leopoldsberg und den belgischen Offizier und Diplomaten in österrreichischen Diensten Charles-Joseph de Ligne (1735-1814). Der Fürst pachtete um 1791 den Ostteil des Schlosses auf dem Leopoldsberg, das er in seiner Lieblingsfarbe streichen ließ. Das "Ligne-Rosa", das sich im Familienwappen findet,  bevorzugte er auch für sein Briefpapier und die Livreen der Lakaien. Berühmt geworden ist sein - meist falsch zitiertes - Bonmot über den Wiener Kongress, der tanze und nicht vorwärts komme. Den mit Stufen, Ruhebänken, Geländern und einem (nicht mehr erhaltenen) "zierlichen Tempel" versehenen 1 ½ km langen Zick-Zack-Weg widmete Charles-Joseph de Ligne "den geschätzten Wienern". In diesem Kapitel darf auch die verwirrende Geschichte der Namensgebung der Gipfel des Kahlengebirges nicht fehlen. Der jetzige Leopoldsberg hieß bis zur Zweiten Osmanischen Belagerung "Ka(h)lenberg". Nach der siegreichen Entsatzschlacht stiftete Kaiser Leopold I. dort eine Kirche zu Ehren seines Namenspatrons. '' Infolge des Kirchenneubaus mit dem Leopolds-Patrozinium erhielt der einstige Kahlenberg nach 1693 den Namen Leopoldsberg. Die Bezeichnung Kahlenberg ging zugleich auf den benachbarten Josefsberg über, der bis 1629 Sauberg respektive Schweinsberg geheißen hatte.'' Jedes Kapitel ist in eine Reihe kürzerer Abschnitte unterteilt. Beim Nasenweg behandeln sie dessen weitere Geschichte und Projekte wie Denkmäler, Sessellift und Seilbahn.

Um Verkehrsmittel anderer Art geht es in den nächsten Kapiteln: ''Der Zeiserlwagen alias Lemonikraxn''. Woher  ''das beliebteste Personenbeförderungsmittel im alten Wien'' seinen Namen hat, kann auch das Buch nicht klären, bringt aber neue Deutungsmöglichkeiten. Bauern aus Zeiselmauer hätten die Fuhrwerke betrieben, die wenig komfortabel bis zu 20 Passagiere vom Linienwall in die Vororte und zu weiter entfernten Zielen transportierten. Auch Betreiber namens Zeisig, Zeissel oder Zeisl, der Vogel Zeisig (mit grün-gelbem Gefieder wie der Anstrich der Wagen) oder das lateinisch-keltische Wort "Cisium" (Reisewagen) werden ins Spiel gebracht. Ein berühmtes Aquarell von Leopold Kupelwieser zeigt die Landpartie der Schubertianer bei Atzenbrugg. Das "eigentümliche pferdebespannte Gefährt" wird in der Literatur durchwegs als Zeise(r)lwagen bezeichnet, weist aber eine noblere Bauart auf als die Leiterwagen bäuerlicher Machart mit Sitzbrettern und einer primitiven Dachplane. 

Breiten Raum nehmen die erotisch konnotierten ''Porzellanfuhren'' und ''Pupperlhutschen'' ein. ''Auf das rasche Aufkommen des Motorradverkehrs in den 1920 er Jahren reagierte der Wiener Volksmund mit einem etwas lasziven Scherznamen.'' Von da ist es nur ein kleiner Gedankensprung zum ''Beserlpark'', womit die ursprünglich spärlich bewachsenen Anlagen des Quai-Parks am Donaukanal gemeint waren. Dieser Erholungsbereich befand sich in der Nähe der Rudolfskaserne, Salzgrieskaserne und Franz-Josefs-Kaserne. Er wurde von den Soldaten und Dienstmädchen gerne als Rendezvousplatz frequentiert. 

Johann Werfring ist nicht nur an Geschichte und Geschichten um Wien interessiert, sondern auch Redakteur einer Fachzeitschrift für Weine und Lektor für Agrargeschichte an der Universität für Bodenkultur Wien. So finden sich in vielen seiner Texte Hinweise auf den Weinbau, aber auch ein aufschlussreiches Kapitel ''zur Geschichte der Wiener Bierglocken''. Zumindest seit dem Stadtrecht anno 1340 markierte die "Bieringerin" vom Stephansdom die Sperrstunde der städtischen Schenken, im Sommer um 21 Uhr, im Winter um 20 Uhr. Danach durfte man sich nicht mehr ohne Laterne auf der Straße sehen lassen. In anderen Städten gab es auch Weinglocken und so genannte Lumpenglocken. Bei entsprechendem Wetter waren sie im Umkreis von einem Kilometer eine Viertelstunde lang zu hören. Zu den akustischen Besonderheiten der Kaiserstadt zählte ''der Burgmurrer'' zur Wachablösung in der Hofburg. Deren Bewachung wurde abwechselnd von den Wiener Garnisonen übernommen. ''Zusammen mit der ablösenden Truppe marschierte die Musikkapelle des Regiments von der jeweiligen Kaserne zur Hofburg, wo sie von einer Menschenmenge bereits sehnsüchtig erwartet wurde. … Nach der Ablösungszeremonie konzertierte die Burgmusik im Burghof, die Musiker hatten dazu kreisförmig um den Kapellmeister Aufstellung genommen. … Besonders beliebt war die Musikkapelle der Hoch- und Deutschmeister mit ihrem Kapellmeister Carl Michael Ziehrer (1843-1924) und dessen ebenso umjubelten Nachfolger Wilhelm Wacek (1864-1944). ''Sogar der Kaiser soll sich an den musikalisch-militärischen Aufführungen erfreut haben.

Am Anfang seiner langen Regierungszeit war Franz Josef I. (1830-1916) ''bei der Bevölkerung alles andere als beliebt.'' Hinter vorgehaltener Hand verspottete man ihn in jungen Jahren als ''der rothosige Leutnant'', später als "Prohaska", (Prochàzka - tschechisch Spaziergang), war ein in Wien verbreiteter Familienname. Kaiserin Elisabeth wurde mit dem Rufnamen "Sisi" oder "Liesl" bedacht. Nach letzterem erhielt das Polizeigefangenhaus an der Elisabethpromenade (Rossauer Lände) seinen Vulgonamen. Es liegt nahe, von dieser Strafanstalt im nächsten Kapitel zum Landesgericht für Strafsachen überzugehen. Die ''Zwingburg der Gerechtigkeit'' (Anton Wildgans) erhielt harmlos klingende Scherznamen, wie "Landl", "graues Haus" oder "Erbsien". Der Hülsenfrucht verdankte auch ein Zinshaus seinen Spitznamen. Es erinnerte mit seinen 1000 Bewohnern und dem mangelnden Komfort im Wiener Wortwitz an das Gerichts- und Gefangenengebäude in der Josefstadt. Das Massenquartier in Erdberg trug zwar das Hauszeichen "Zum Bienenstock", war aber als "Erbsensackl" berühmt-berüchtigt. In der Propaganda des Roten Wien diente es als negatives Gegenbeispiel zum kommunalen Wohnbau. Dabei verfolgte der Hausherr Johann Paul Fischer 1857 humanitäre Motive, mit denen er kommerziellen Interessen zu verbinden suchte. In dem "Musterhaus" gab es bei gleich bleibenden Zins eine Kantine, Kinderbetreuung, Waschküche und Bügelzimmer und Kapelle. Bei späteren Besitzerinnen, deren Hausinspektoren ein strenges Regiment führten, zählten nur noch die Einnahmen. 

Die letzten Kapitel sind der Kulinarik gewidmet - soweit man bei den beschriebenen Nahrungsmitteln von Genuss reden kann: ''Die Wiener Erbsenzeit. Resonanz des Wiener Volksmundes auf ein kulinarisches Dilemma'' sowie ''Eitrige, Bugl, Kracherl, Sechzehnerblech & Co. Die vielfältigen Facetten des Wiener Würstelstandsjargons'' und ''Die Beamtenforelle. Leibspeise und Markenzeichebn des Staatsvertragskanzlers.'' 

In dieser Fülle und Breite ist dem Autor ein Buch gelungen, das alle Grundbedürfnisse berührt und mehr oder weniger Bekanntes ausführlich darstellt. Zusammen mit den zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Illustrationen - historische Ansichten, aktuelle Fotos, Karikaturen, Postkarten etc. - entsteht ein merk-würdiges Kaleidoskop des alten und neuen Wien.\\ \\

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