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Notiz 024: Emotionen und Zeichen#

von Martin Krusche

Ich besuche Friedhöfe regelmäßig, weil sich dort auf sehr anschauliche Weise abbildet, welche visuellen Codes Menschen aktuell bevorzugen, um in der Öffentlichkeit intensive Emotionen auszudrücken. Wer ein Grab gestaltet und längerfristig pflegt, hat sich und anderen etwas zu sagen, erzählt damit von einer individuellen Befindlichkeit.

(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)

Mir ist in den letzten Jahren eine Invasion der Engel aufgefallen. Dazu kamen allerhand Elemente, die sich als eine Mischung von Esoterik und Fantasy zusammenfassen ließen. Privatmythologien und Trivialliteratur.

Ein sehr schönes Teilthema, zu dem mir leider viel Sachkenntnis fehlt, ist die Bepflanzung von Gräbern. Dabei fiel mir aktuell auf, daß ich zwei Arten vermuten darf, auf die ein Grabmal von Pflanzen weitgehend verhüllt wird. Einerseits Vernachlässigung, andererseits ein offenkundig gepflegtes, also intendiertes Wuchern.

Wenn ich über den Begriff Volkskultur nachdenke, kommen mir vor allem organisierte Formen in den Sinn. Vereinswesen, Gemeindeämter, Landesorganisationen, aber vor allem auch Kulturmangement und Unterhaltungsindustrie haben dieses Genre besetzt und bewirtschaften es munter. Das ist zwar fraglos Brauchtumspflege, aber Volkes Kultur, wie sie einst von subalternen Schichten gelebt wurde, kaum.

Im Gegensatz dazu sehe ich auf den Friedhöfen kulturelle Äußerungen und Prozesse, die sich ganz offenkundig nicht etablierten Diskursen unterwerfen oder sich diversen Arten von Kulturmangement zur Verfügung stellen. Sie ignorieren auch gängige Geschmacksurteile. Das sieht nicht immer sehr attraktiv aus, aber ich finde es als Haltung interessant und respektabel. Ich sehe, wie Menschen individuell auf Trends reagieren, ihre kulturellen und spirituellen Bedürfnisse zeitgemäß umsetzen.

Bei meinem jüngsten Gang über den Gleisdorfer Friedhof sah ich einen Handwerker bei der Arbeit und sprach ihn an. Auf meine Frage, ob er ein Steinmetz sei, reagierte er erst zögerlich, offenbar skeptisch. Dann wurde es ein anregendes Gespräch.

Welcher Arbeitsgang das gerade sei? Die eingravierte Schrift erhielt Farbe. Er habe das Handwerk noch gründlich erlernt, aber diese Beruf würde bei uns verschwinden. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon: Ware aus China. „Wir sind den Leuten zu teuer.“ Es würden umfassende Sortimente angeliefert, da müsse man meist nur mehr die Bohrlöcher für Applikationen setzen. Naja, und die Namen eingravieren. Der Geldfluß offenbart eben an vielen Stellen, was genau uns was wert ist.

China würde aber derzeit starke Konkurrenz aus Indien bekommen. „Die Chinesen arbeiten inzwischen sehr schlampig.“ Indien würde das zunehmend besser machen. Nachwuchs? Nein. „Wir würden gerne mehr Lehrlinge ausbilden.“ Aber die finden sich nicht. Derzeit gebe es in der Steiermark nur sechs. Nicht sechzig, sechs.

(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)

Das erinnerte mich an Gespräche mit Leuten aus der Metallbranche. Das Feilen. Wochen, Monate, mühsames Feilen. Egal, mit wem ich ins Gespräch kam, alle haben es gehaßt. Aber sie erzählten, daß sie sich auf diesem Weg Grundlagen erworben haben, die über Jahrzehnte wichtig bleiben.

Da geht es nicht bloß darum, was die Hände können. Es verändert das Denken und es führt zu einem Respekt vor dem Material, mit dem man arbeitet. Es hat mit Zeit zu tun, mit Dauer und mit Hingabe, um genau zu sein, um durchzuhalten, damit das Ergebnis was taugt. Viele Stimmen sagen, daß wir unsere Kinder dafür kaum noch gewinnen könnten.

Wäre also eventuell zu fragen, was wir ihnen vorleben und was Werbebranche wie Medienwelt an Bildern durchsetzen, auf daß die Mühen des Kompetenzerwerbs so unattraktiv erscheinen. Ich dachte mir zwischendurch auch daran, wie so mancher Marktschreier sich derzeit mit großer Geste um unsere abendländische Kultur sorgt.

Wir erleben, daß unsere Gesellschaft rasant Kompetenzen verliert, weil gute Arbeit immer weniger bezahlt wird und weil es beim Nachwuchs hapert. (Da hat wohl auch unser recht teures Bildungssystem allerhand ungelöste Probleme.) Was einem auf dem Friedhof so alles durch den Kopf gehen kann; in dieser Startphase des Projektes Wegmarken (Ein kulturelles Zeichensystem).