[{Image src='bachmann008a.jpg' align='right' width='500' caption='Igor Pomerantsev (links) und Barbara Wiedemann (rechts), Czernowitz, Festival Meridian Czernowitz 2010.' height='400'}]
!!!Bachmann: Czernowitz
!!(Gedacht Celan / Bachmann)
von __Milena Findeis__\\
Als Jugendliche hatte ich mit Literatur wenig am Hut. In den 70er Jahren, in der Obersteiermark lebend, wollte ich aus der Enge heraus, interessierte ich mich für Motorsport und die Transaktionanalyse. Mein Bruder, der in Graz die HTL am Ortweinplatz besuchte, schenkte mir Handkes „Das Gewicht der Welt”. „Wunschloses Unglück” diente mir als Lesefaden. Jene Bücher, die Handke seiner Mutter empfahl, waren mein Einstieg als Leserin.
Im Jahr 2002 lernte ich den New Yorker Michael March kennen, Initiator des „Prague Writers’ Festival”. 2007 lautete das Motto „Prag, Celan, Dada”. Im Rahmen dieses Festivals erster Kontakt mit dem aus Czernowitz stammenden, in Prag lebenden Radioproduzenten und Dichter Igor Pomerantsev, ein profunder Kenner von Paul Celans Gesamtwerk.
Aus Gesprächen entwickelte sich das Projekt, internationale Literatur wieder an Celans Geburtsort zu bringen. 2010 wurde „Meridian Czernowitz” aus der Taufe gehoben und findet seitdem in Czernowitz statt. Während des ersten Festivals lernte ich Professor Petro Rychlo kennen, der gerade begonnen hatte, Celans Gesamtwerk ins Ukrainische zu übersetzen. Dr. Barbara Wiedemann nahm an „Meridian Czernowitz”, Paul Celan gewidmet, mit ihrem Buch „Herzzeit”, dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, teil. Das brachte mich dazu, Ingeborg Bachmanns Bücher zu lesen.
[{Image src='bachmann008b.jpg' align='right' width='500' caption='Petro Rychlo zeigt den Gedichtband ZeitZug einer Kollegin, Universität Czernowitz, Gedichtband zweisprachig Deutsch, Ukrainisch, ZeitZug: Czernowitz - Prag – Wien. Iryna Vikyrchak und Milena Findeis, Verlag Meridian Czernowitz 2011.' height='332'}]
Sie, Ingeborg, hat es nach Italien gezogen, ihn, Paul, nach Frankreich. Beide konzentrierten sich in ihren literarischen Werken, beide waren mehrsprachig, auf die deutsche Sprache. Sie prägten die deutschsprachige Lyrik nach 1945 maßgeblich durch die radikale Erneuerung der Sprache, die Auseinandersetzung mit der Shoah und die Reflexion über die Möglichkeiten des Dichtens nach dem Krieg. Ihre Impulse waren eine Antwort auf die Sprachverrohung im Nationalsozialismus und stellten eine Abkehr von traditionellen, „schönen“ Formen dar.
Ingeborg Bachmann, 1965, Notiz: ''„Und wir operieren ja andauernd mit Worten und Vorstellungen, die nicht nur aus unseren Marktflecken kommen, sondern aus der Geschichte, oder, wie ich lieber sage, aus unserer Geologie. Ich habe früher etwas über Jerusalem erfahren als über den Großglockner, und meine Erkundigungen, die ich über die Kärntner Seen vor kurzem eingezogen habe, sind Nachzügler, verglichen mit meinen Kenntnissen, wenn auch märchenhaften, über das Rote Meer. Es gibt also sicher Dinge, die nicht außerhalb liegen, sondern die sich in uns überlagert haben.”'' S. 63, 64 Ingeborg Bachmann „Male oscuro”, Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, Piper Suhrkamp, 2017
Diese Überlagerungen, die sich in jedem von uns anders zeigen, gilt heute mein Interesse. Vilém Flusser zitierend: ''„Die Chronologie beschreibt die Ereignisse in einem Zeitfluß, der von der Vergangenheit zur Zukunft fließt, und entlang einem Metermaß, das ungefähr logarithmisch geeicht ist, bei dem also die ersten Minuten einen größeren Raum einnehmen als die letzten Jahre. Nun ist die chronologische Methode für eine Beschreibung der Passivität geeignet, weil sie die Ereignisse in eine noch immer allgemein übliche Gesamtschau hineinbaut. Aber für eine Beschreibung der Aktivität ist Chronologie nicht geeignet.”'' S. 101, Diskurs und Dialog, Vilém Flusser, Bodenlos, Eine philosophische Autobiographie, Bollmann Bibliothek, 1992.
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[{Metadata Suchbegriff='Milena Findeis, Ingeborg Bachmann, Tangente, Epoche Null, Kulturpolitik, Netzkultur, Tesserakt, Archipel Gleisdorf, Feuilleton' Kontrolle='Nein'}]
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